Immer noch nicht trocken! Wann zum Arzt?

Manche Kinder sind auch im Grundschulalter nachts noch nicht trocken. Das nächtliche Einnässen beunruhigt Eltern. Zu Recht?

von Marian Schäfer, 15.07.2016

Pipi im Bett: Nächtliches Einnässen kann verschiedene Ursachen haben


Wenn die ersten Zweieinhalb- bis Dreijährigen im eigenen Umfeld selbst nachts ohne Windel auskommen, freut man sich mit den Eltern und staunt vielleicht ein wenig. Etwas un­ruhig wird man, wenn sich die Trockenstandsmeldungen mit den vierten Geburtstagen dann langsam häufen – das eigene Kind aber morgens nach wie vor mit prall gefüllter Windel aufwacht. Und der ein oder andere Versuch ­ohne Pipi-­Wickel schon ordentlich danebengegangen ist. Rückt dann der Schulstart immer näher, nimmt der Leidensdruck zu – bei einem selbst und beim Kind. Mit der Zeit hat man den Eindruck, man sei ­einer von wenigen, bei denen der Windel­­abschied nicht klappt.

Dr. Till Reckert kennt dieses­ Gefühl von ­Eltern, aber auch die Statis­tik. "Wir wissen, dass mindestens 20 Prozent der Fünfjährigen nachts noch regel­­mäßig einnässen", sagt der Pädiater aus Reutlingen, der auch Sprecher im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte ist. "Selbst bei den Siebenjährigen sind es noch sieben bis 13 Prozent und bei den Zehnjährigen etwa fünf Prozent." Was aber sagen die Zahlen darüber aus, ab wann Eltern mit ihrem Kind zum Arzt sollten? Woran kann es liegen, dass manche Kinder mit zwei und andere erst mit zehn Jahren trocken sind? Wie stellen Ärzte den Grund fest – und was kann den Familien dann helfen?

Nachts noch nicht trocken: Wann zum Arzt?

Offiziell gilt das regelmäßige, unwillkürliche nächtliche Ein­nässen frühestens ab dem fünften Geburtstag als Störung, die untersucht werden sollte. Das heißt aber nicht, dass Eltern erst dann einen Arzt aufsuchen können. "Wenn Eltern schon mit ihrem dreijährigen Kind zu mir kommen, weil sie denken, dass bei ihm ­etwas nicht stimmt, ist das zwar sehr früh, aber in Ordnung. Ich schicke sie nicht weg", betont der Münchner Kinderurologe­ Dr. Dominik Bäumler.

Er dürfte damit auf einer Linie mit den meisten Kinderärzten und Kinderurologen liegen. Aus zwei Gründen: Zum einen können sie ohne großen Aufwand mögliche organische Ursachen frühzeitig ausschließen oder aber behandeln. Zum anderen suchen die Familien nicht ohne Grund ­einen Arzt auf, sondern weil sie ein massives Problem mit der Situation haben. Die Gefahr, dass dadurch die Kinder belastet werden, ist groß. "Wir können aus der Situation viel Druck rausnehmen", sagt Dominik Bäumler.

Prof. Dr. Udo Rolle, Direktor der Kinder­chirurgie und Kinderuro­logie am Universitätsklini­kum Frankfurt, spricht von "Demystifizierung": "Wir müssen aufklären, sagen, dass Kinder unterschiedlich schnell trocken werden, dass das ganz normal ist und häufig nichts Schlimmes dahintersteckt. Und vor allem, dass das Kind nicht schuld daran ist." Er weist wie auch Dominik Bäumler darauf hin, dass die erste Anlaufstelle möglichst der Kinderarzt sein sollte. Häufig spreche der das Thema Sauberkeitsentwicklung auch bei den Vorsorgeuntersuchungen an.

Wie wird untersucht?

Die meisten Kinder, die Pädiater Till Reckert vorgestellt werden, sind gerade im Grundschul­alter. "Häufig steht der erste Ausflug mit Übernachtung an", erzählt er. Die Untersuchung sieht dann im Großen und Ganzen nicht anders aus als bei einem Kinderurologen. Die Basisdiagnostik ist weitgehend standardisiert. Am Anfang steht die körperliche Untersuchung: Reckert schaut bei den Kindern mit einem Ultraschallgerät etwa nach Fehlbildungen an der Wirbelsäule, den Nieren oder den Harnwegen und untersucht den Urin, etwa auf Infektionen.

Danach will der Mediziner in einem Fragebogen und einem Anamnese-Gespräch zum Beispiel wissen, ob das Kind zwischenzeitlich schon einmal länger trocken war, es nur nachts oder auch tagsüber einnässt. Es geht um Details: Wie oft kommt es vor? Wird das Kind davon wach? Verhält es sich tagsüber auffällig, zeigt es ­etwa Halte­manöver oder hat es plötzlichen Toilettendrang? Auch die Familien­situation interessiert ­Reckert: Hat sich im Leben des Kindes etwas verändert, gibt es Stressfaktoren? "Schließlich bitte ich die Familie, gemeinsam über mindestens zwei Tage ein Trink- und Pipiprotokoll zu führen", sagt er. Eltern und Kind sollen festhalten, wann wie viel getrunken und wann wie viel Urin abgegeben wurde. Trägt das Kind nachts eine Windel, wird sie abends und morgens gewogen.

Was leisten die Untersuchungen?

Zunächst sollen organische Ursachen ausgeschlossen werden, die für etwa fünf Prozent der Fälle verantwortlich sind. Der Rest wird häufig mit "funktioneller Harninkontinenz" umschrieben. "Es ist dann wichtig, das Problem genau einzugrenzen: War das Kind nachts noch nie trocken, sprechen wir von primä­rem, ansonsten von sekundärem nächtlichem Einnässen", erklärt Udo ­Rolle. Um über eine Therapie entscheiden zu können, ist zudem wichtig, ob es sich um isoliertes nächtliches Einnässen handelt oder ob das Kind auch tagsüber Symp­tome zeigt.

Im Kern geht es darum, herauszufinden, ob das Problem aufgrund einer Reifungsverzögerung oder aufgrund von Trink- und Toi­lettengewohnheiten besteht. ­Dazu dienen der Frage­bogen, das Gespräch und vor allem das Pipi- und Trinkprotokoll. "Ist das gut gemacht, verrät es sehr viel und ist auch mein Hauptwerkzeug", sagt Kinderurologe Bäumler.

Wann liegt eine Reifungsverzögerung vor?

Beispiel: Trinkt das Kind regel­mäßig über den Tag verteilt und geht regelmäßig auf die Toilette, nässt tags­über nicht ein und hält das Pipi nicht ständig ein, ist von ­einer Reifungsverzögerung auszu­gehen. "Bei vielen Kindern funktioniert etwa die Kommunikation zwischen Blase und Gehirn und damit der Blasenreflex noch nicht richtig. Sie werden einfach nicht wach", erklärt Kinderurologe Rolle. Auch kommt es vor, dass ein bestimmtes Hormon noch nicht oder nicht ausreichend gebildet wird, das normalerweise die Urinproduktion über Nacht hemmt. "Das sehen wir dann ganz leicht an der Füllmenge der Windel", sagt Rolle.

Wann ist falsches Verhalten der Grund?

Nicht selten behindert das Trink- und Pipiverhalten das Trockenwerden. Wenn Kinder ­etwa die Haupttrinkmenge nachmittags oder gar abends zu sich nehmen, ist nicht nur nächtlicher Harndrang vorprogrammiert. "Es behindert auch eine altersgerechte Blasenentwicklung", erklärt Udo Rolle. Dr. Ursula Eppelmann, Kinder­urologin in Müns­ter, behandelt oft auch Kinder, die sich ein problematisches Pipiverhalten antrainiert haben.

"Das kann passieren, wenn sie etwa in der ­Schule nicht gerne aufs Klo gehen oder lieber spielen, als pinkeln zu gehen, was häufig Kindergartenkinder betrifft", erklärt sie. Die Folge sei ­eine Blasendysfunk­tion: Anstatt dass Beckenboden und Blase zusammenarbeiten, würden sie gegen­einanderarbeiten, der Beckenboden also verspannen, anstatt zu entspannen. "Und wenn die Kinder dann abends einschlafen und sich dabei schön entspannen, nässen sie häufig ein."

Was hilft gegen das Einnässen?

"Wenn es um primäres, isoliertes Einnässen geht, ist Nichtsmachen immer eine Option", sagt Kinderarzt Reckert. Auch Udo Rolle wartet in diesen Fällen häufig ab: "Statistisch gesehen werden pro Jahr 15 Prozent der betroffenen Kinder trocken, ganz ohne Zutun." ­Beide betonen allerdings, dass es immer auf die Familie ankomme und darauf, wie groß ihr Leidensdruck sei. Das Kind abends oder nachts für einen Toilettengang einmal wecken; ihm Klingelhosen anziehen, die bei Feuchtigkeit aufschrillen – wenn es den Familien helfe, seien ­dies durchaus Möglichkeiten, auch wenn der Erfolg nicht garantiert sei, so Reckert. "Auch kann man Kinder, denen das Hormon zur Regulation der Urinproduktion fehlt, durchaus medikamentös behandeln, längerfristig oder kurzfristig, wenn es zum Beispiel um einen Ausflug geht", meint Udo Rolle.

Bei Kindern mit ungünstigem Trink- und Pipiverhalten ­haben die Ärzte mehr Therapiemöglichkeiten. "Wichtig ist, regel­mäßig über den Tag zu trinken und zur Toilette zu gehen, die tägliche Mindesttrinkmenge aufzunehmen und nicht zu spät zu trinken", sagt Ursula Eppel­mann. Wie viel Kinder am Tag trinken sollen, ist altersabhängig und sollten Eltern mit dem Kinderarzt besprechen. Bei Kindern mit Halte- und Drangsymp­tomen helfen etwa Becken­boden- und an­dere Übungen, die das Körpergefühl stärken.

Und welche Rolle spielt die Psyche?

In der Vergangenheit hat man das nächtliche Einnässen insgesamt sehr häufig mit psychischen Ursachen in Verbindung gebracht. "Heutzutage geht man davon aus, dass sie beim primären Einnässen nur selten verantwortlich sind. Psychische Ursachen können eher beim sekundären Einnässen ­eine Rolle spielen, wenn Kinder ­also plötzlich wieder ins Bett machen", sagt Rolle. Er stimmt dabei mit der ak­tuellen Position der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft überein.

Für die Heidelberger Kinderurologin Dr. Ulrike Hohenfellner steht zwar auch das Urologische im Vordergrund. Sie betont aber zugleich einen möglichen psychischen Hintergrund: "Die Entleerungsstörungen erfüllen meiner Erfahrung nach für viele Kinder eine Funktion, die meist mit unerfüllten Grundbedürfnissen zu tun hat, weshalb sie sich nicht altersgemäß entwickeln, also reifen können", sagt sie. Wichtig seien tragfähige, liebevolle Eltern-Kind-Beziehun­gen, die ­Nähe wie Selbstbestimmtheit ermöglichen. Auch müssten Kinder die Möglichkeit haben, alters­gemäße Kompetenzen zu erlernen. "Wenn ich das weiß und neben der urologischen Therapie auch darauf achte, welche Veränderungen in der Familie eventuell nötig sind, kann ich die Kinder sehr viel schneller trocken kriegen als es sonst der Fall wäre."

Nach der Erfahrung von Kinderarzt Reckert hat Einnässen selten psychische Ursachen. "Eher ­sehe ich, dass das Einnässen schnell zu psychischen Problemen führen kann", sagt er. Er ruft Eltern daher zu einem liebevoll-unter­stützenden Umgang mit den betroffenen Kindern auf. Und betont: "Wer schläft, der sündigt nicht." Schimpfen ist also fehl am Platz.


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