Hausaufgaben: Sollen Eltern helfen?

Sollen Eltern die Hausaufgaben ihres Kindes korrigieren? Oder sich einfach gar nicht darum kümmern? Was Experten raten
von Barbara Weichs, aktualisiert am 04.07.2016

Das Kind grübelt über eine Aufgabe – wann sollen Eltern helfen?

W&B/Fancy

Die meisten Schüler würden wohl gerne auf die Hausaufgaben verzichten. ­­Ihre ­Eltern auch. Zu oft gibt es deswegen ­dicke Luft. Experten allerdings betonen, wie wichtig die ­Hausaufgaben sind. "Mit den ­Hausaufgaben soll Gelerntes geübt und dem Vergessen entgegengewirkt werden, Fertigkeiten sollen eingeschliffen und Routinen entwickelt werden", sagt Prof. Manfred ­­Prenzel, Erziehungswissenschaftler und Leiter der School of Education in München. Für Bianca Ederer, Grundschullehrerin im Landkreis Cham und Mutter von drei Kindern, kommt eine weitere wichtige Funktion hinzu: "Hausauf­gaben sind ein Diagnosefenster. Sie zeigen mir, wie weit ein Kind ist und ob ich den Stoff im Unterricht noch einmal aufgreifen muss."

Hausaufgaben nicht ständig thematisieren

Trotzdem raten beide Experten, Hausaufgaben nicht zum beherrschenden Thema im Familien­leben werden zu lassen. Man sollte sie vielmehr als notwendiges Übel sehen. "Es ist wichtig, viel Zeit mit Kindern zu verbringen, ohne über Schule und Hausaufgaben zu sprechen", betont Manfred Prenzel.

Prof. Manfred Prenzel ist Erziehungs­wissenschaftler und Bildungsforscher. Er leitet die School of Education in München

/facesbyfrank

Feste Regeln einführen

Der Bildungsexperte ­empfiehlt deshalb, Zeitfenster zu vereinbaren, innerhalb denen das Kind arbeitet, die aber auch auf seine Freizeitaktivitäten abgestimmt sind. "Die Erfahrung mit meinen ­eigenen Kindern zeigt mir, dass es gut ist, diese flexibel zu halten", ergänzt Bianca Ederer. Dass Hausaufgaben also auch mal am Spätnachmittag erledigt werden können, wenn es wie im Winter früh dunkel wird und die Kinder noch draußen spielen wollen. Besucht der Nachwuchs einen Hort, stellt sich das Hausaufgaben­­problem nur am Wochenende.

Bianca Ederer ist Grundschul­­leh­rerin im Landkreis Cham und Vor­­standsmitglied in der Landesgruppe des Grund­schul­verbandes Bayern

W&B/Privat

Sehr entspannend übrigens, was im Schulgesetz steht: Eltern haben nur die Pflicht, die Hausaufgaben auf ihre Vollständigkeit zu prüfen, nicht jedoch Aufgaben zu erklären oder gar den Stoff neu aufzubereiten. In vielen Kinderzimmern passiert jedoch genau das. Die Eltern bringen sich schlichtweg zu viel ein. Nachmittagsschule nennt Bianca Ederer das. "Eltern wollen gerne alles perfekt machen und tun alles, damit der Lehrer einen guten Eindruck bekommt", sagt die Pädagogin. Aber: "Ich ­möchte keine von Eltern korrigierten Hausaufgaben bekommen, da ich dann nicht weiß, welche Probleme das Kind noch hat", erklärt Ederer. Sie rät deshalb, die Klassenlehrerin gleich zu Schuljahresbeginn zu fragen, was sie erwartet.

Kind soll selbstständiges Arbeiten lernen

Natürlich möchten alle Eltern, dass ihr Kind gute Noten bekommt. Und deshalb ist der Drang oft groß, sich zum Kind zu setzen, ihm über die Schulter zu blicken, bei den Hausaufgaben mitzu­machen. Es gibt einen guten Grund, dem zu widerstehen: Das Kind lernt so nicht, selbstständig zu arbeiten und zu lernen. Genau das wird aber von ihm spätestens an den weiterführenden Schulen erwartet. Damit das gelingt, muss es eigene Erfahrungen machen. "Es ist kontra­produktiv, dem Kind Arbeiten abzunehmen und sich in die Arbeit einzumischen", sagt Manfred Prenzel. Eltern sollten ansprechbar sein, aber nicht immer gleich zur Verfügung stehen, nur weil es anstrengend oder langweilig wird.

Doch was tun, wenn der Nachwuchs etwas nicht versteht oder nicht weiterweiß? "Genau hin­sehen, weshalb er Hilfe einfordert", rät Bianca Ederer. Denn manchmal rufen Kinder nach den Eltern, weil sie Zuwendung möchten, und nicht, weil sie mit einer Aufgabenstellung nicht klarkommen. Eigent­lich müssen Hausaufgaben an den Unter­richt anschließen und sollten so gestellt sein, dass sie von den Schülern eigenständig bearbeitet werden können. Deshalb: dem Nachwuchs Zu­trauen sig­nalisieren. "Hausaufgaben dürfen Anstrengung und Nachdenken kos­ten, und sie verlangen eine gewisse Arbeitsplanung", sagt Prenzel. Kinder sind dazu in der Lage, die Verantwortung dafür selbst zu übernehmen. Eltern sollten deshalb auch nicht mit Lob sparen, wenn der Nachwuchs immer besser darin wird.

Aufgabe nicht verstanden? Nur vorsichtig helfen

Kommt das Kind tatsächlich nicht alleine weiter, lassen sich Eltern am besten zunächst die Aufgabe vorlesen und dann in eigenen Worten erklären. Manchmal reicht das schon, um den Knoten im Kopf zu lösen. "Ich als Lehrerin ­würde mir in so einem Fall wünschen, dass die Eltern mir eine kleine Notiz schicken und mich darauf hinweisen", sagt Bianca Ederer. Für sie ist es aber auch in Ordnung, wenn ein Kind eine Aufgabe unbearbeitet lässt, weil es sie nicht verstanden hat.

Sich selbst zurücknehmen, das Kind machen lassen: Das fällt anfangs vielleicht schwer. Es hat aber einen großen Vorteil, wie Manfred Prenzel sagt: "Wenn man sich weniger einmischt, wird man sich weniger aufregen." Noch ­­etwas ­erleichtert den Umgang mit Hausaufgaben immens: das Wissen, dass die Ansprüche von Eltern und Lehrern sich meistens unter­scheiden. Beispiel Schlampigkeit. "Was schlampig ist, entscheide ich", sagt Bianca Ederer. Auf Kinder wirkt es viel stärker, wenn der Lehrer eine Seite wegen schlampiger Schrift neu schreiben lässt, als wenn das die Eltern tun. Für die Stimmung zu Hause ist das sowieso besser.


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