Gefahr für die Drillinge

Susanna H. war mit Drillingen ­schwanger. In der 19. Woche sprang eine der drei winzigen Fruchtblasen. Ihre ungewöhnliche Geschichte

von Marian Schäfer, aktualisiert am 21.07.2017

Kerngesund: Den Drillingen merkte man ihre frühe Geburt schon bald nicht mehr an


Als Susanna H. morgens aufwacht und das ­nasse Laken unter sich spürt, ahnt sie bereits, was passiert ist. Sie steht auf, geht zur Toilette – und verliert unkontrolliert einen weiteren Schwall Flüssigkeit. "Da war ich mir sicher, dass ich einen Blasensprung habe", erzählt die Lehrerin aus einem Münchner Vorort von dem Morgen im November 2012. Sie ist damals erst in der 19. Woche schwanger – mit dreieiigen Drillingen, die zu diesem Zeitpunkt zusammen etwa so viel wiegen wie eine Packung Kaffee. "Ich ­­dachte, es ist vorbei", sagt sie.

19. Woche: Setzen jetzt gleich die Wehen ein?

Von der Fahrt zum Krankenhaus nach München weiß Susanna H. nichts mehr. Ihre Erinnerung setzt erst beim Gespräch mit dem Chefarzt wieder ein. Der macht ihr und ­ihrem Mann ­Philipp wenig Hoffnung: Die Blase­ eines Kindes sei gesprungen, sagt er. Wahrscheinlich würden bald die Wehen einsetzen. ­Susanna H. kommt auf ein ­Zimmer. Sie darf nur noch liegen, die ­Beine etwas erhöht. Dreht sie sich, geht stets etwas neu gebildetes Fruchtwasser ab – eine ständige Erinnerung daran, was bald geschehen sollte.

Während Susanna und Philipp H. von dieser Zeit erzählen, sitzen sie auf ihrer Terasse und blicken drei zweieinhalbjährigen Kindern beim Spielen zu: ­Isabella und Tim spielen im Sandkasten mit rot-gelben Treckern und Sophia hat es sich in einer ­flachen Pfütze auf dem Rasen gemütlich gemacht. Sie bringt ihre­ Mutter damit zum Lachen. "Wir sagen immer", erzählt die 30-Jährige und grinst, "dass sie Wasser so sehr liebt, weil sie lange auf dem Trockenen saß."

Drohende Frühgeburt: Alles-oder-nichts-Situation

Es war Sophias Fruchtblase, die geplatzt war. Und was die Eltern heute mit Humor sehen, war damals ein Albtraum für sie. Eine ­Alles-oder-nichts-Situation, in der sie nicht viel mehr tun konnten als zu hoffen und zu warten: Kommen Kinder vor der 22. Woche auf die Welt, können Ärzte sie trotz ­aller Fortschritte in der Frühchen-Medizin nur in ihrem Sterben begleiten. Als lebensfähig gelten sie erst zwischen der 23. und 25. ­Woche. Das Risiko körperlicher und geistiger Behinderungen ist dann aber noch groß – zumal, wenn es sich um Drillinge handelt und bei einem der Kinder auch noch die Fruchtblase geplatzt ist. "Irgendwann blendet man das aus", sagt Susanna H., "man liegt da und denkt an nichts."

Großes Glück im Unglück

Die vom Chefarzt prophezeiten Wehen kamen weder am ers­ten, noch am zweiten oder dritten Tag. "Nach einer Woche", erzählt ­Philipp H., "waren wir uns sicher, dass es auch erst mal ruhig bleiben würde." Das Ziel war nun die 24. Woche. Sollten ab dann Wehen einsetzen, würden die Ärzte versuchen, das Leben ­ihrer drei kleinen Säuglinge zu retten. Als sie schließlich einsetzten, war Susanna H. bereits in der 27. Woche. "Ich ­­hatte sie erst für normale Rückenschmerzen gehalten", erinnert sich die Mutter, die bis dahin mehr als zwei Monate im Bett verbracht hatte. Mit einem Kaiserschnitt kamen die drei Kinder am 6. Januar 2013 auf die Welt – knapp 35 Zentimeter groß und zwischen 810 und 850 Gramm schwer.

"Die erste Woche war schlimm", meint Vater Philipp H. ­Zunächst schliefen die Kleinen in Brutkästen, anfangs voll beatmet, dann mit Atemunterstützung. Erst waren es kleine Masken, dann nur noch ein dünner Schlauch, über den sie mit Sauerstoff versorgt wurden. "Manchmal vergaßen sie zu atmen. Dann bimmelte immer ­eine Glocke", erzählt der 30-Jährige, "es reichte, sie dann anzustupsen." Nachdem die Drillinge gelernt hatten zu atmen, mussten sie lernen zu trinken. Zuvor wurden sie über eine Magen­­sonde ernährt. "Sechs Wochen später zogen sie in Wärmebetten um", erzählt Susanna H., "von da an lief es etwas normaler."

Entwicklungsrückstand mühsam aufgeholt

Wer die Drillinge beim gemeinsamen Spiel im Garten beobachtet, ahnt von alldem nichts. Die drei sind etwas schmächtiger als gleichaltrige Kinder, aber kerngesund. "Zum Zeitpunkt der U 7 hatten sie jeglichen Rückstand aufgeholt", sagt Susanna H. Sie klingt stolz, wenn sie von der Entwicklung der Kleinen spricht – und über deren unterschiedliche Charaktereigenschaften: Sophia benimmt sich oft wie eine fürsorgliche Mama. Sie hält die Dreierbande zusammen, während Isabella sehr überlegt und ordentlich ist – und sich deshalb häufig mit dem wilden Tim in die Haare kriegt. Oft spielen die drei stundenlang zusammen, malen oder probieren kreativ-fiktive Rezepte in ihrer Puppenküche aus. "Es gibt Tage", erzählt Susanna H., "an denen ich nur zum Essenmachen da bin."

So entspannt war es nicht ­immer. Zehn Wochen nach ihrer ­Geburt kamen die Drillinge aus dem Krankenhaus – zunächst nur Tim, ein paar Tage später dann Isabella­ und Sophia. "Da steht man erst mal da und denkt: Mist, wie schaffen wir das bloß?", erzählt Susanna H. Zumal es nicht beim normalen Drillings-Wahnsinn mit Windel- und Kleidungsbergen und Fläschchen-Batterien blieb. Die ers­ten vier Wochen mussten die Eltern ihre Kleinen noch mit tragbaren Monitoren verkabeln – zur Messung von Puls und Sauerstoffsättigung. Zudem bekamen die Drillinge Koffeintropfen fürs Kreislaufsystem und Medikamente gegen Wassereinlagerungen.

Straff organisiert durch die Anfangszeit

"Man muss voll organisiert sein, kann nichts dem Zufall überlassen", sagt Philipp H., der damals schon wieder arbeitete­ und sich heute kaum erklären kann, wie er die erste Zeit überstanden hat. "Wir sind immer zu zweit aufgestanden, um die Kinder zu füttern und zu wickeln, immer um 23 Uhr, 2 Uhr und 5 Uhr", sagt der Maschinenbau-­Ingenieur. Tags­über konnten die Eltern zum Glück ihre gesamte Familie einspannen, die in und um München wohnt: Großeltern, Eltern, Schwes­tern und Brüder des Paares halfen im ersten Jahr täglich mit. "Wir hatten von Anfang an eine Art Schichtsystem", sagt Susanna H., "so war ich eigentlich nie alleine mit den dreien."

Die Angst vom Anfang ist längst einem großen Glück gewichen. "Manchmal ist es immer noch stressig", sagt Susanna H., "aber dafür bekommt man ein dreifaches Lächeln zurück." Jetzt steht der erste Familienurlaub an – und der Umzug in ein größeres Haus. Die Wohnung, in der die Familie zurzeit wohnt, war nur für das Leben mit einem Kind gedacht. Und auch wenn im neuen Heim vier Kinder Platz hätten: Die Familienplanung ist für das Paar abgeschlossen. "Unser Glückspensum", sagt Susanna H., "ist aufgebraucht."


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