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Der richtige Vorname fürs Kind

Weil Vornamen immer mehr an Bedeutung gewinnen, begeben sich Eltern auf die Suche nach dem perfekten Namen. Dabei kann man auch Fehler machen. Ein Interview mit der Namensforscherin Gabriele Rodríguez

von Christian Andrae, aktualisiert am 17.06.2019
Mutter mit Baby

Na, wie heißt du denn? Eltern haben bis einen Monat nach der Geburt ihres Kindes Zeit, sich für einen Vornamen zu entscheiden


Das gibt viele Namensvettern – Emma und Ben waren wie im Vorjahr auch 2018 wieder die beliebtesten Vornamen in Deutschland. Aber warum? Was macht einen Namen zum Trend? Und was sollten Eltern bei der Namenswahl beachten? Darüber haben wir mit Gab­riele Rodríguez gesprochen. Sie ist Namensforscherin, Autorin und gehört zum Team der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig, die Eltern und Standesämter rund um die Zulässigkeit, Schreibweise oder Geschichte von Vornamen berät.

Frau Rodríguez, was haben sich Ihre Eltern bei Ihrem Namen gedacht?

Ganz einfach: Ich heiße Gabriele und bin in Leipzig geboren. In den 60er-Jahren war die DDR-Eiskunstläuferin Ga­briele Seyfert sehr populär. Meine Mutter war so begeistert von ihr, dass sie mich nach ihr benannt hat. Für Eltern ist es oft ein Motiv, die Kinder nach jemandem zu benennen.

Und haben Ihre Eltern damit alles richtig gemacht?

Hmm. Das war schon in Ordnung. Das Problem an dem Namen ist, dass ich als Kind und Jugendliche immer Gabi genannt wurde. Gabriele wurde nur verwendet, wenn ich ausgeschimpft wurde. Dadurch habe ich eine ziemlich negative Verbindung zu dieser Vollform entwickelt. So etwas sollten Eltern mitbedenken, wenn sie einen längeren Namen für ihr Kind wählen.

Was sollten Eltern noch beachten?

Zum Beispiel die Kombination mit dem Familiennamen. Es gibt Eltern, die sich da bewusst einen Spaß erlauben wie bei diesem Fall aus Hamburg: Ein ganz junges Pärchen wollte seine Tochter Rosa nennen. Ist ja ein ganz normaler Name. Nur nicht mit dem Familien­namen Schlipfer. Die Eltern fanden das witzig. Am Ende konnte der Name durch die Hebammen noch abgewendet werden. Es sind eher junge Eltern, die weniger darüber nachdenken, was ihr Kind deswegen durch­machen wird.

Und andere Eltern ver­kopfen sich wohl zu sehr?

Ja. Sie rufen an und fragen Sachen wie: "Wir wollen unser Kind Henry nennen. Ist das ein Unterschichten-Name?"

Schon sind wir beim Kevinismus.

Ja. Durch die Medien ist dieses Phäno­men stark präsent geworden – was viele Eltern verunsichert. Sie haben Angst, dass sie ihrem Kind einen Namen geben, der es benachteiligen könnte.

Gibt es auch so etwas wie das Gegenteil vom Kevinismus?

Ja. Den sogenannten Emilismus, bei dem sich über die Namen der Akademiker lustig gemacht wird.

Was macht denn einen Akademiker-Namen aus?

Akademiker suchen häufig Namen aus, die selten geworden sind. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass Familien heute nicht mehr so viele Kin­der bekommen. Da muss das eine ­einen ganz besonderen Namen erhalten.

Auf welche Namen kommen Eltern denn dann?

Seit einiger Zeit haben wir eine Rückbesinnung auf alte deutsche Namen wie Friedrich, Heinrich oder Wilhelm. Oder – bei den Mädchen – Emma, das ist eigentlich ein ganz alter Name. Oder Ida. Der Name klingt modern, dabei ist er über 1000 Jahre alt und kommt aus dem Germanischen. Aber nicht alle alten Namen sind auch für die heutige Zeit geeignet. Eberhard, zum Beispiel, erlebt wohl so schnell keinen Trend.

Warum nicht?

Es liegt am Klang. Der ist die Haupt­motivation, nach der Eltern gehen. Und die Kürze. Otto, Irma, Klara, Ben, Emma. Ein- und zweisilbige Namen sind zurzeit im Trend. Diese Namen werden als sportlich, kurz, knackig, flexibel und klug wahrgenommen. Wahrscheinlich haben sie deshalb gerade so einen Erfolg.

Sieht man bei den Trends ­regionale Unterschiede?

Ja. Je mehr Sie in den Osten und Norden kommen, umso mehr geben Eltern ihren Kindern kurze Namen. Im Süden gibt es immer noch die Vollformen. Der Max in Sachsen ist in Bayern eher der Maxi­milian. Das liegt vermutlich daran, dass Bayern überwiegend katholisch ist und oft die Namen der Heiligen genommen werden. In den Statistiken wiegt sich das dann sehr gut auf. Die Kinder in Deutschland erhalten heute zu 50 Prozent kurze und zu 50 Prozent längere beziehungsweise mehrere Vornamen – das hängt oft mit den Taufpaten und Großeltern zusammen.

Gibt es statistische Ausreißer?

Jede Menge. Wir haben eine ­halbe ­Million Namen in Deutschland und jedes Jahr kommen 1000 neue hinzu.

Wie entstehen die neuen Namen?

Zum Beispiel durch die Kombination zweier Vornamen. Wir hatten in Leipzig den Fall, dass eine Kerstin und ein Ron, ihren Sohn Keron nennen wollten. Da überprüfen wir, ob es ähnlich gelagerte Vornamen gibt und der Name Keron sofort als männlicher Vorname wahr­genommen wird. Dann ist er zulässig. Viele Neuschöpfungen ent­stehen auch durch binationale Beziehungen. Ein türkisch-deutsches Paar wollte seinem Sohn die Namen der Großväter mit­­geben. Das waren ­Mohammed und Franz. Die Eltern haben daraus dann Framo gemacht.

Wie beeinflussen Internet und Fernsehen die Namensgebung?

Sehr. Gerade in letzter Zeit ist immer wieder der Name Lucifer aufgetaucht. Zunächst konnten wir uns nicht er­klären, warum auf einmal Eltern ihr Kind nach dem Teufel benennen. Bis ich im Internet recherchiert und herausgefunden habe, dass es im Fernsehen eine Serie mit dem Namen Lucifer gibt.

Darf man sein Kind so nennen?

Nun ja, wir als Gutachter lehnen solche Namen wie Satan ab. Und Lucifer hat für uns eine ähnlich negative Bedeutung. In der TV-Serie vollbringt dieser "Teufel" auf der Erde aber gute Taten. Das reicht für uns jedoch nicht aus, um eine Empfehlung aussprechen zu können. Doch wurde der Name Lucifer bei einzelnen Standesämtern einfach so genehmigt – ganz ohne Gutachten. Das hat wohl auch mit dieser Serie zu tun.

Hat die Wahl des Namens an ­Bedeutung gewonnen?

Heute tragen Eltern schon eine große Verantwortung, weil sie mit der Wahl
des Namens das Leben des Kindes ein Stück weit vorbestimmen. Das hat vor allem mit den Vorurteilen zu tun, die viele mit bestimmten Namen verbinden. Kinder müssen dann mehr beweisen, dass sie eben nicht den Vorurteilen entsprechen. Das ist eine traurige Entwicklung, die in den letzten Jahren zugenommen hat.


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