Das Kind einschulen oder zurückstellen?

Wann ein Kind in die Schule kommt, hängt vom Stichtag ab. Je nach Entwicklungsstand kann es aber früher eingeschult oder zurückgestellt werden. Worauf es dabei ankommt

von Daniela Frank, aktualisiert am 02.03.2016
Junge mit Brille

Wenn ein Kind in die Schule kommt, sollte es sich für Buchstaben und Zahlen interessieren


Den eigenen Namen schreiben, auf der Linie Ausschneiden, einfache Rechenaufgaben lösen – was muss ein Kind können, bevor es in die Schule gehen kann? "Es ist nicht gut, sich da auf eine Checkliste festzulegen", sagt Elke Inckemann, Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der LMU München. "Eltern haben sonst das Gefühl, ihr Kind auf eine Aufnahmeprüfung vorbereiten zu müssen." Die Gefahr dabei: Manche Eltern arbeiten dann einen Anforderungskatalog regelrecht ab – und üben mit ihrem Nachwuchs zum Beispiel immer mittwochs um viertel nach neun das Ausschneiden auf der Linie. "So etwas ist aber meist kontraproduktiv", sagt Inckemann. "Damit verderben sie ihrem Kind eher den Spaß am Lernen."

Spielen statt trainieren

Eltern sollten sich stattdessen bewusst machen, welche Fähigkeiten ihr Kind für die Schule braucht, und diese dann möglichst spielerisch und vielfältig fördern. Also lieber zusammen Abzählreime sprechen statt Silben abfragen, Geschichten vorlesen statt ABC üben. Im Idealfall geht die Initiative ohnehin oft vom Kind aus: Zum Beispiel möchte es vielleicht irgendwann gerne seinen Namen unter ein selbstgemaltes Bild schreiben. "Da können Eltern vorschlagen, auch noch das Datum hinzuzufügen", sagt Inckemann. "So bekommt das Kind einen Bezug zu Zahlen und lernt, was ein Datum ist."

Am besten für die Entwicklung des Kindes ist es, wenn die Eltern mit ihm in der Freizeit etwas unternehmen – spielen, rausgehen, Ausflüge machen. "Für die meisten Eltern ist das erleichternd", sagt Inckemann. "Sie sagen dann: Das machen wir ja sowieso." Außerdem sollten Eltern viel mit dem Kind reden. Denn in der Schule kommt es darauf an, dass es gerne kommuniziert, in ganzen Sätzen sprechen kann und versteht, was man ihm sagt. Aber nicht nur die Unterstützung von Mutter und Vater ist wichtig, vieles hängt auch vom Kind selbst ab: Es wird in der Schule gut zurechtkommen, wenn es Interesse daran hat, Neues zu lernen, sich für das Schreiben und für Zahlen begeistert und gerne bastelt.

Auf die große Gruppe vorbereiten

Trotzdem ist die Situation in der Schule dann noch einmal ganz anders als zu Hause: Dort muss es sich in einer Gruppe von 20 bis 25 Kindern mit nur einer Bezugsperson zurechtfinden. "Da braucht es schon eine gewisse emotionale Stabilität, sonst ist es den ganzen Tag in einer so großen Gruppe überfordert", sagt Inckemann. "Vor allem jüngere Kinder haben da oft Probleme." Ein Grundschulkind sollte motiviert und selbstständig sein, also zum Beispiel selbst nach einer Lösung suchen, wenn die Lehrerin gerade keine Zeit hat. Außerdem sollte es eine gewisse Ausdauer haben und sich für einige Zeit konzentrieren können. "Natürlich erwartet keiner, dass Erstklässler die ganze Zeit ruhig sitzen können", sagt Inckemann. "Deshalb machen Grundschullehrer viele Bewegungspausen."

Um das Kind an größere Gruppen mit nur einer Bezugsperson zu gewöhnen, ist es zum Beispiel sinnvoll, es im Vorschulalter im Sportverein oder bei einer Bastelgruppe anzumelden. "Gut ist, wenn Eltern und Kita das Kind in seiner Entwicklung optimal unterstützt haben", sagt Inckemann. "Aber es liegt dann auch in der Verantwortung der Schule, die Fähigkeiten aufzugreifen und einzelne Punkte nochmal anzugehen. Niemand sollte die Verantwortung hier weiterreichen."

Stichtag entscheidet über Einschulung

Wenn sich das Kind bis zum sechsten Lebensjahr normal entwickelt, wird es entsprechend der gesetzlichen Regelung im jeweiligen Bundesland eingeschult. Bis Ende der 90er Jahre kamen nach dem sogenannten Hamburger Abkommen bundesweit alle Kinder im Herbst in die Schule, die bis zum 30. Juni sechs Jahre alt geworden sind. 1997 wurde diese Regelung aufgeweicht und ist nun von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Bayern war zum Beispiel geplant, das Schuleintrittsalter schrittweise auf den 31. Dezember zu verschieben. "Es hat sich aber herausgestellt, dass es keinen Sinn macht, wenn die Kinder zu jung sind", sagt Inckemann. Deshalb hat sich der Stichtag für die Einschulung in Bayern nun auf den 30. September eingependelt. "Auch andere Bundesländer tendieren zu diesem Termin, aber einige sind beim Stichtag 30. Juni geblieben", sagt Inckemann.

Ist ein Kind in der Entwicklung voraus oder etwas zurück, besteht die Möglichkeit, die Einschulung vorzuziehen beziehungsweise um ein Jahr zu verschieben. "Das sind aber immer Einzelfallentscheidungen", sagt Inckemann. "Erfahrungsgemäß kommen dabei am ehesten Kinder infrage, deren Geburtstag nah am Stichtag liegt."

Entwicklung langfristig beurteilen

Ob das Kind schulreif oder besser: schulfähig ist, zeigt sich in der Regel über einen längeren Zeitraum hinweg. Denn schon von Geburt an kontrolliert der Kinderarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen regelmäßig die Entwicklung des Kleinen. Um den fünften Geburtstag herum steht die sogenannte U9 an, bei der der Arzt verschiedene Fähigkeiten untersucht, die auch für die Schule wichtig sind. "Meist überprüft er die körperlichen Fähigkeiten, das Sehen und Hören, lässt das Kind etwas malen und macht einen Sprachtest", sagt Inckemann. "Das ist aber von Kinderarzt zu Kinderarzt verschieden." Die Bescheinigung über die U9 müssen die Eltern später bei der Schuleinschreibung vorlegen. Im Laufe des letzten Kindergartenjahres bekommen die Eltern einen Bescheid, dass ihr Kind eingeschult werden soll sowie Einladungen für Informationsabende. Dort erklären ihnen die Grundschullehrer unter anderem genau, was das Kind bei der Einschulung können sollte. Sind sich die Eltern in irgendeinem Punkt unsicher, können sie die Lehrer um ihre Einschätzung bitten.

Die Schule entscheidet in Absprache mit den Eltern

Die meisten Schulen laden die Vorschüler zu Schnupperstunden ein. Lehrer und Erzieherinnen beobachten dann, wie sich das Kind in der Schulsituation zurechtfindet. In der Regel fordern sie es auf, etwas zu erzählen, den Namen zu schreiben, machen Klatschspiele und kleine mathematische Übungen. "Die Pädagogen sehen, bei welchen Kindern keine Probleme zu erwarten sind und bei welchen sie noch genauer drauf schauen sollten", sagt Inckemann. "Die laden sie dann zu einem gesonderten Test ein." Über den Test entscheidet die Schule selbst, meist werden sprachliche Fähigkeiten, der Zahlbegriff und Vorläuferfähigkeiten für Lesen und Schreiben überprüft. Ob das Kind zurückgestellt – oder auch vorzeitig eingeschult – wird, entscheidet dann in der Regel die Schule in Absprache mit den Eltern. In sehr seltenen Fällen kann ein Kind auch noch innerhalb der ersten sechs Schulwochen wieder zurückgestellt oder noch eingeschult werden. "Das ist aber höchst problematisch, weil dann der Kindergartenplatz weg sein könnte beziehungsweise die Aufnahmerituale für die Schule fehlen", sagt Inckemann. "Um so etwas zu vermeiden, wird ja vorher so genau geschaut."


Haben Sie Ihr Kind schon einmal krank in die Kita geschickt?
Zum Ergebnis