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Bettnässen bei Kindern: Was hilft?

Braucht ein drei- oder vierjähriges Kind nachts noch Windeln, ist das völlig normal. Ab fünf Jahren gilt es bei ansonsten gesunden Kindern als Bettnässen – und das trifft mehr Kinder als man denkt

von Julia Jung, aktualisiert am 08.01.2019
Kleinkind im Bett

Viele Kinder unter fünf Jahren sind nachts noch nicht trocken. Das ist völlig normal


Es ist eine Geschichte vom richtigen Zeitpunkt. Kleine Kinder, die tagsüber schon lange keine Windel mehr brauchen, verschlafen nachts den Augenblick, wenn die Blase drückt und sie auf die ­Toilette müssten. Erst, wenn das Bett nass ist, wachen sie auf. Und es geht um den Zeitpunkt, wann Eltern mit dem Nachwuchs deswegen zum Arzt sollten. Die einen gehen viel zu früh, weil andere Dreijährige angeblich schon lange trocken sind. Andere probieren ein Hausmittel nach dem anderen und sehen hilflos zu, wie ihr Sechsjähriger immer unglücklicher wird.

Wann ein Kind nachts selbstständig aufwachen kann und zur Toilette geht, lässt sich nicht vorhersagen. "Bis Harnblase und Gehirn so weit aufeinander abgestimmt sind, dass Kinder auch in der Nacht vom Harndrang geweckt werden, können in einigen Fällen zehn Jahre vergehen", sagt Dr. med. Wolfgang Bühmann, Urologe in Wenningstedt-Braderup auf Sylt. "Bei manchen Kindern entwickeln sich diese Mechanismen einfach langsamer als bei anderen."

Jungen trifft es häufiger

Kaum einer mag offen darüber reden, wenn Nacht für Nacht das Bett frisch bezogen werden muss. Dabei sind zwei von zehn Fünfjährigen nachts noch nicht trocken. Bei den Siebenjährigen ist es immer noch einer von zehn. Jungen trifft nächtliches Einnässen doppelt so oft wie Mädchen. "Körperlich bereitet das Einnässen keine Schmerzen. Aber je älter ein Kind wird, desto mehr belastet es die Situation", so Bühmann.

Wolfgang Bühmann

Wenn das Kind mit fünf Jahren regelmäßig – also mindestens einmal pro Monat über drei Monate hinweg – nachts einnässt, ist es Zeit für den Arzt. Und natürlich, wenn weitere Symptome wie Entwicklungsstörungen oder psychische Auffälligkeiten bestehen.

Der Arzt prüft zunächst, ob es organische Ursachen für das Einnässen gibt, etwa Harnwegsinfekte oder eine Fehlbildung der Harnwege. Er fragt nach dem Alltag des Kindes und lässt Eltern und Nachwuchs gemeinsam eine Art Pipi-Tagebuch führen. Anhand der Aufzeichnungen, wie oft das Kind auf die Toilette muss und wie viel es wann trinkt, kann der Arzt ebenfalls Anhaltspunkte finden.

Bettnässen kann Entwicklungsverzögerung sein

Enuresis heißt die Entwicklungsverzögerung, wenn Kinder nach dem fünften Geburtstag mindestens über drei Monate hinweg mindestens eine Nacht im Monat ins Bett machen, ohne dass es dafür körperliche Ursachen gibt.

Dr. med. Sabine Stein

Dabei kann unter anderem ein bestimmter Botenstoff des Körpers, das antidiuretische Hormon, kurz ADH, eine Rolle spielen. Es sorgt dafür, dass der Körper nachts weniger Urin bildet und Harndrang den Schlaf seltener stört. Bei Enuretikern funktioniert dieser hormonelle Tag-Nacht-Rhythmus manchmal nicht. Hinzu kommt, dass kleine Bettnässer häufig einen besonders tiefen Schlaf haben. Die Blase meldet zwar, dass sie voll ist, das Kind bekommt es aber nicht mit – bis der Schließmuskel dem Druck nicht mehr standhält und Urin im Bett landet.

Wichtig: Geduldige Eltern

Um dauerhaft trocken zu werden, brauchen Kinder die Unterstützung ihrer Eltern. "Die Großen sollten auf jeden Fall gelassen mit der Situation umgehen, auch wenn sie an den Nerven zehrt", sagt Kinder- und Jugendärztin Dr. med. Sabine Stein, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Westbrandenburg.

Die Psychiaterin für Kinder und Jugendliche erlebt häufig, dass Eltern nicht wissen, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. "Das Kind kann nichts dafür. Schimpfen oder dramatisieren geht nicht", erklärt sie.

Klingelhosen können helfen

Die Enuresis-Therapie gestaltet sich von Kind zu Kind unterschiedlich. "Ich habe schon erlebt, dass Eltern ihrem Sohn für jede Nacht ohne Einnässen 50 Cent anboten und der Junge war nach drei Wochen trocken", erzählt Bühmann. Denn obwohl Schimpfen kontraproduktiv ist, können Loben oder Belohnungen unterstützend wirken. Meist braucht es jedoch mehr als das.

Anhand des Tagebuchs gibt der Arzt in der Regel zunächst Tipps, wie ein entspannter und positiver Umgang mit dem Toilettengang gelebt werden kann. Gleichzeitig darf die Trinkmenge tagsüber nicht reduziert werden. Es gilt die sogenannte 7-Becher-Regel: Das Kind sollte siebenmal am Tag ein Glas trinken – am besten Wasser oder Tee –, das letzte etwa zwei Stunden vor dem zu Bett gehen. Es sollte immer zügig auf die Toilette gehen, wenn es muss. Außerdem morgens nach dem Aufstehen, abends vor dem Schlafengehen und vor längeren Zeiträumen, in denen keine Toilette zur Verfügung steht, wie zum Beispiel einer Autofahrt – insgesamt also mindestens fünf- bis siebenmal pro Tag. Dabei sollte es genug Zeit haben und sich entspannt hinsetzen können, zum Beispiel mithilfe eines Fußbänkchens oder Toilettenaufsatzes.

Zusätzlich gibt es sogenannte Klingelhosen oder -decken. Sie geben einen Weckton ab, wenn ihre eingebauten Sensoren Feuchtigkeit bemerken. Sie müssen mindestens acht Wochen angewendet werden, bei Rückfällen auch wiederholt. "Das löst in bis zu 70 Prozent der Fälle das Problem. Aber nur, wenn das Kind nicht zu tief schläft", erklärt Bühmann. Deshalb empfiehlt Kinderärztin Stein, den Umgang mit diesen Hosen am Tag zu üben. "Das Kind muss die Vorgänge buchstäblich im Schlaf beherrschen. Also merken, dass es nicht mehr anhalten kann, zur Toilette gehen und – bei Größeren – eventuell Bettwäsche selbst wechseln.

Beim leidigen Lakenwaschen helfen viele Kinder übrigens gerne mit. "So übernehmen sie Eigenverantwortung und entwickeln ein Bewusstsein für das Problem", sagt Stein. Wer außerdem jeden Morgen in einen Kalender eine Sonne oder eine Wolke malt – für trockene oder nasse Nächte – erkennt Erfolge sofort. Das motiviert.

Windeln ja oder nein?

"Wenn es aushaltbar ist, sollte man auf Windeln verzichten", sagt Experte Bühmann. Wird die Belastung durch das ständige Wäschewaschen zu groß, sind Windelhöschen für einige Zeit eine Lösung. Auch, wenn das Kind mal auswärts schläft, geben die Spezial-Windeln, die kaum noch nach den dicken weißen Baby-Windeln aussehen, Sicherheit.

In bestimmten Fällen helfen auch Medikamente beim Trockenwerden. "Sie sorgen für die wichtigen Erfolgserlebnisse und geben ebenfalls Sicherheit, wenn zum Beispiel eine Klassenfahrt ansteht", so Bühmann. Als einzige Therapie sind sie jedoch nicht geeignet. "Fast alle Maßnahmen orientieren sich am Verhalten. Auch deshalb dauert es bis zum Erfolg, – also ein halbes Jahr ohne nasse Nächte –, oft bis zu mehrere Monate", erklärt Bühmann. Bis zu einem Drittel der kleinen Patienten leiden gleichzeitig unter Verstopfung oder Stuhlinkontinenz, die der Arzt ebenfalls behandeln muss. Kinderpsychiaterin Stein setzt bei den Therapien zudem auf Fantasiereisen: "Bei einem gedanklichen Spaziergang durch den Körper verbessert sich die Wahrnehmung für die Blase." Auch Entspannungsübungen helfen, die kleinen Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen.

Sekundäre Enuresis: Plötzlich wieder nass

Wenn ein Kind schon mindestens sechs Monate trocken war und dann wieder einnässt, sprechen Mediziner von der sekundären Enuresis. Liegen keine körperlichen Ursachen zugrunde, sind meist einschneidende Erlebnisse, häufig zum Beispiel eine Trennung der Eltern der Auslöser. Entscheidend ist dann, dass sowohl Kind als auch Eltern psychologische Hilfe bekommen.


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