Babys und Kinder: Das richtige Gewicht

Ihr Kind hat in letzter Zeit ziemlich zugenommen? In den ersten Lebensjahren pendelt sich das Gewicht erst ein. Wie Sie herausfinden, ob sich Ihr Kind normal entwickelt
von Stefanie Becker, Tanja Pöpperl, aktualisiert am 24.08.2017

Bei den Vorsorgeuntersuchungen misst und wiegt der Kinderarzt das Baby

iStock/avtk/vasina

Eigentlich dachten Experten­ lange Zeit, dass Babys weltweit mit demselben Gewicht zur Welt kommen würden, wenn ihre Mütter ähnliche sozioökonomische Verhältnisse und Ernährungsbedingungen haben. Eine im Januar 2017 publizierte interna­tionale Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigte aber, dass dem nicht so ist. Forscher untersuchten in zehn Ländern, wie viel Gewicht Neugeborene auf die Waage bringen, deren Mütter vergleichbar ­gute Schwanger­schaftsbedingungen haben.

Ergebnis: In ­Deutschland wiegen zum Beispiel Mädchen bei der Geburt durchschnittlich 3480 Gramm, in Norwegen – dem Spitzen­reiter – 3575 Gramm, in Indien haben sie mit 2975 Gramm das geringste Geburtsgewicht. ­Eine Spannweite von rund 600 Gramm. Die Forscher führen die Unterschiede vor allem auf Faktoren zurück wie Alter und Gewicht der Mutter, die Zahl der Geburten sowie das Geschlecht des Neugeborenen.

Land Geburtsgewicht
Norwegen 3575g
Deutschland 3480g
Dänemark 3462g
Frankreich 3370g
Argentinien 3328g
Brasilien 3290g
Kongo 3170g
Thailand 3130g
Ägypten 3100g
Indien

2975g

Im Einzelfall kann das Gewicht vom Durchschnittswert stark abweichen: Es gibt diese zarten Kinder, die immer aussehen, als könnten sie noch einen Teller Spaghetti vertragen. Und es gibt die von Geburt an kräftigen Kleinen mit reichlich Pölsterchen. Egal, zu welcher Sorte der eigene Nachwuchs zählt – Sorgen machen sich fast alle Eltern um das ideale Gewicht ihres Kindes. Bekommt es genügend Nährstoffe? Wächst es gut? Oder hat es in letzter Zeit zu viel zugelegt?

BMI und Perzentilenkurven geben Normalgewicht an

Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Kauth aus Ludwigsburg hat sich auf Ernährungsmedizin spezialisiert. Er kann Eltern beruhigen: "Die Band­breite bei einem gesunden Gewicht für Kinder ist sehr groß. Manche erscheinen richtig dürr, andere kräftig, aber wenn der ­Body-Mass-Index (BMI) je nach Geschlecht und Altersgruppe im Normbereich liegt, ist es meis­tens in Ordnung." Der BMI setzt Körper­größe und Gewicht in ein Verhältnis zueinander. Und da bei Kindern ­beide Faktoren durch das Wachstum variieren, gelten ­an­dere Messwerte als bei Erwachsenen.

Body-Mass-Index berechnen

Zwei dicke Jungs

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Anhand der sogenannten BMI-Perzentilenkurven, die der Kinderarzt im Vorsorgeheft führt, lässt sich die Entwicklung des Gewichts ablesen. "Liegt der BMI im Bereich zwischen Perzentil 10 und 90, spricht man von Normalgewicht", erklärt Kauth. "Die ­Werte ­sagen aus, wie viel Prozent ein Kind oberhalb oder unterhalb eines statistischen Normalwertes liegt."

An­genommen, der Kinderarzt hat das Kreuzchen bei Perzentil 75 gemacht, dann bedeutet das: 25 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe haben einen höheren BMI, 75 Prozent einen niedrigeren.

Klicken Sie auf die Lupe, um die Perzentilkurve für Mädchen genauer anzusehen

K. Kromeyer-Hauschild, M. Wabitsch, D. Kunze et al.: Monatsschr. Kinderheilk. (2001)

Die mittlere Kurve, die mit P50 bezeichnet ist, gibt das durchschnittliche Gewicht gleichaltriger Kinder an. P75 besagt, dass 75 Prozent aller Kinder in diesem Alter leichter oder genauso schwer sind, wie der entsprechende Wert. P90 gilt als die Grenze für Übergewicht, da 90 Prozent aller Kinder leichter oder genauso schwer sind wie der entsprechende Wert auf der Kurve. P97 ist die Grenze für Adipositas (Fettsucht) und P99,5 für extreme Adipositas. Untergewicht liegt vor, wenn der BMI-Wert unter der P10-Linie liegt.


Klicken Sie auf die Lupe, um die Perzentilkurve für Jungen genauer anzusehen

K. Kromeyer-Hauschild, M. Wabitsch, D. Kunze et al.: Monatsschr. Kinderheilk. (2001)

Langfristige Entwicklung des Gewichts betrachten

Selbst, wenn der Wert mal über oder unter die Grenze zum Normbereich rutscht, besteht nicht gleich Grund zur ­Sorge. "Die BMI-Kurven verlaufen manchmal sprunghaft, zum Beispiel bei einem Wachstumsschub", erklärt Dr. Susanna Wiegand von der Berliner Charité Kinderklinik, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter. "Gerade im Lauf des ers­ten Lebensjahres, wenn viele Babys schnell Speck ansetzen, steigen die ­Werte oft deutlich an."

Größere Kinder mit ­einer muskulösen, sportlichen Statur ­haben manchmal ebenfalls einen erhöhten BMI. Daher sollten ­Eltern bei einem Ausreißerwert zwar aufmerksam werden, aber erst mal abwarten. "Die Untersuchungsergebnisse bei den Vorsorge­terminen bilden immer nur eine Momentaufnahme ab", so Kauth. "Nur wenn ­eine auffällige Tendenz erkennbar ist, also das Gewicht im Verlauf zu hoch oder zu niedrig liegt, muss man das Ernährungs- und Bewegungsverhalten genauer betrachten."

Eltern sollten auf gesunde Ernährung und viel Bewegung achten

In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl übergewichtiger oder gar adipöser Kinder (Perzentilenwert über 97) deutlich gestiegen. Experten vermuten, dass die Ur­sachen vor allem zu häufige, unregel­mäßige und ungesunde Mahlzeiten und zu langes Sitzen sind. "Vom ­Baby- bis ins Vorschulalter haben ­Eltern die bes­ten Chancen, rechtzeitig gegenzusteuern", so Wiegand. "Sie sind in der Verantwortung, ein gutes Vorbild zu sein und gesunde Regeln zu etablieren."

So liefern nach dem ersten Geburts­tag nächtliches Stillen oder Fläschchengeben meistens zu viel Energie. Es mag helfen, ein Kind zu beruhigen. Aber: "Die zusätzlichen Kalorien braucht es eigentlich nicht", meint Kauth. Sobald die Kleinen Brei essen oder mit am Tisch sitzen, sollten Eltern feste, klar strukturierte Mahlzeiten einführen, möglichst ausgewogen und frisch zubereitet.

Geschmack und Hungergefühl müssen sich ausbilden

Viele Mütter und Väter, die gesundes Essen anbieten, ­­fühlen sich von Mäkeleien schnell frus­triert. Susanna Wiegand rät hier zu Ausdauer. "Zweimal ­Spinat oder Brokkoli servieren und danach entnervt vom Speiseplan streichen – das reicht nicht aus. Bieten Sie immer wieder ballaststoff­reiche, vollwertige Nahrungsmittel in verschiedenen Varianten und Zubereitungsarten an. Kinder müssen oft erst lernen, bestimmte Geschmacks­richtungen zu mögen." Auch ab und zu Hunger zu ­spüren, hält die Ärztin für eine wichtige Erfahrung. Falls der Nachwuchs sich also komplett verweigert: nicht gleich ein Brot geben, sondern ruhig mal bis zur nächsten Mahlzeit warten.

Nicht aus jedem drallen ­Baby wird ein pummeliger Erwach­sener. Und ein mageres Frühchen bleibt nicht zwangsläufig unter­gewichtig. "Trotzdem sollten Eltern von Anfang an eine Sensibilität für ein angemessenes Gewicht und einen gesunden Lebensstil entwickeln und nicht einfach darauf hoffen, dass sich alles von ­alleine fügt", gibt Wiegand zu ­­bedenken. Die Erfah­rung zeigt ­etwa, dass übergewich­tige Eltern bei ihrem Kind zu viele Pfunde eher noch als normal an­sehen.

"Bei einem ers­ten Verdacht ist es ­immer ­gut, das Gewicht eng­maschiger zu kontrollieren und weitere Unter­suchungen vorzuneh­men", so Kauth. Sehr selten können genetisch bedingte ­Störun­gen oder Stoffwechselerkrankungen die Auslöser sein. In der Regel gilt aber: Je mehr Gelegenheiten Kinder ­haben, Spaß an ausgewogenem Essen und spielerischer Bewegung zu finden, desto wahrscheinlicher wird ihr Gewicht im Normbereich liegen.


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