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Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr durch Kinder wirklich?

Es ist eine der großen Fragen im Zuge der Corona-Pandemie: Welches Infektionsrisiko geht von Kindern aus? Die Datenlage dazu ist bisher dünn und widersprüchlich. Was bedeutet das konkret – auch im Hinblick auf die Öffnung von Kitas und Schulen?

von Stephanie Arndt und Daniela Frank, aktualisiert am 14.07.2020

Als das neuartige Coronavirus sich auch in Deutschland sehr schnell ausbreitete, wurden unter anderem Kindertagesstätten und Schulen bundesweit geschlossen. Es bestand der Verdacht, Kinder könnten das Virus häufig übertragen ohne selbst Symptome zu haben. Zweifel an dieser Vermutung löste unter anderem eine Analyse aus Island aus. Dort war unter 13 000 Menschen kein Kind unter zehn Jahren nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert. Dann veröffentlichte Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin eine Studie, die vermuten lässt, dass die Menge an Viren im Rachen infizierter Kinder genauso hoch sein könnte wie bei Erwachsenen. Die Forscher warnten vor einer uneingeschränkten Öffnung von Kindergärten und Schulen.

Die Menge an Viren sagt nicht direkt etwas über das Ansteckungsrisiko aus

Prof. Dr. Reinhard Berner, Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Dresden warnt, alle Erkenntnisse in einen Topf zu werfen: "Herr Drosten beschreibt in der Arbeit, dass infizierte Kinder auch das Virus im Rachen tragen – und das in derselben Größenordnung wie Erwachsene. Das hatten wir, ehrlich gesagt, nicht anders erwartet. Das Ansteckungsrisiko hat er nicht untersucht." Es gebe Argumente, denen zufolge Kinder weniger ansteckend seien als Erwachsene, erläutern die Wissenschaftler um Drosten laut der deutschen Presseagentur (dpa) auch. Etwa, dass sie meist keine Symptome haben und deshalb weniger husten, und weil sie weniger Atemluft ausstoßen. Auf der anderen Seite seien sie aber körperlich und sozial viel aktiver.

Vorsichtsmaßnahmen basieren auf Erfahrungen mit anderen Viren

Auch Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen ist sich nach wie vor sicher: "Aufgrund einiger Studien können wir klar sagen: Kinder gehören nicht zu den Top-Verbreitern des Virus." Doch woher kommt dann diese Annahme? "Bei anderen Viruserkrankungen tragen Kinder tatsächlich überproportional zur Verbreitung bei, denken wir an Noroviren. Doch bei Corona gilt das explizit nicht. Denn offenbar fehlt Kindern ein Eiweiß, dass das Virus beim Wirt benötigt, um infektiös zu werden. Auch erkranken Kinder tendenziell seltener und weniger stark, wahrscheinlich weil bei ihnen Rezeptoren zum Andocken des Virus noch nicht so stark ausgebildet sind wie bei Erwachsenen. Das wissen wir aus der engen Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Wuhan, die schon seit 20 Jahren besteht und seit Ausbruch des Virus SARS-CoV-2 besonders intensiv ist."

Erste Studien weisen auf geringe Ansteckungsgefahr hin

Um in diesem Punkt endlich Gewissheit zu bekommen, wird mit Hochdruck geforscht – auch um endlich Informationen zu erhalten, wie stark infizierte Kinder das Virus tatsächlich verbreiten.

Die Medizinische Fakultät der TU Dresden und das Dresdner Universitätsklinikum Carl Gustav Carus haben im Mai 2020 eine Studie zur Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus an sächsischen Schulen gestartet. Die Ergebnisse der ersten Testphase geben Aufschluss darüber, wie viele Lehrer und Schüler bereits gegen das Virus immun sind. Sie liefern daher auch wichtige Anhaltspunkte dafür, wie der Schulbetrieb nach den Sommerferien weitergehen kann. Von den 2045 untersuchten Blutproben stammten 1541 von Schülerinnen und Schülern überwiegend der Klassenstufen acht bis elf. Zudem haben sich insgesamt 504 Lehrer beteiligt, ihr Alter reichte von 30 bis 66 Jahren. "Wir gehen in die Sommerferien 2020 mit einem Immunitätsstatus, der sich nicht von dem im März 2020 unterscheidet.", sagt Studienleiter Berner. "Von den über 2000 untersuchten Blutproben ließen sich nur in 12 Fällen Antikörper nachweisen, was einem Anteil von deutlich unter einem Prozent entspricht. Das bedeutet, dass eine stille, symptomfreie Infektion bei den von uns untersuchten Schülern und Lehrern bislang noch seltener stattgefunden hat, als wir das vermutet hatten". In fünf der zwölf Fälle gab es eine bekannte nachgewiesene Corona-Virusinfektion, in sieben Fällen war die Infektion vorab nicht bekannt. Das heißt: Weniger als eines von hundert Kindern hat sich mit dem Coronavirus angesteckt und mehr als die Hälfte der angesteckten Kinder hatte keinerlei Symptome.

Wie schnell sich das Virus ausbreitet, wird laut der Wissenschaftler bisher überschätzt: Denn in 24 Familien der Studienteilnehmer gab es mindestens einen bestätigten Corona-Fall, aber nur bei einem der Teilnehmer ließen sich Antikörper nachweisen."Das würde bedeuten, dass der größte Teil der Schulkinder trotz eines Infektionsfalls im Haushalt selbst keine Infektion durchgemacht hat", so Berner. Gegen diese Überlegung spricht: Es gibt Hinweise, dass nicht nach jeder überstandenen Infektion Antikörper nachgewiesen werden können.

In einigen der 13 untersuchten Schulen gab es bestätigte Corona-Fälle. Dennoch waren bei den Lehrern und Schülern der betreffenden Einrichtungen nicht überdurchschnittlich mehr Antikörper nachweisbar, was laut der Forscher darauf schließen lässt, dass sich die Schulen nicht zu Hotspots entwickelt haben. Für die Studie wurden bewusst SchülerInnen überwiegend der achten bis elften Klassen ausgewählt, weil sich diese Schüler in größerem Maße unabhängig von ihrem Elternhaus bewegen, sie haben auch annehmbar eine entsprechend große Anzahl von sozialen Kontakten. Weiterhin wurden für die Studie bewusst auch Schulen ausge-wählt, von denen bekannt war, dass dort vor dem Lockdown SARS-CoV2-Infektionen nachgewiesen worden waren.

An vier baden-württembergischen Universitätskliniken wurden zwischen dem 22. April und dem 15. Mai 2020 rund 2.500 Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren und jeweils ein Elternteil auf aktuelle oder bereits überstandene SARS-CoV-2-Infektionen mit einem Antikörpertest untersucht. Ein Eltern-Kind-Paar war in diesem Zeitraum infiziert, 45 Erwachsene und 19 Kinder hatten weitgehend unbemerkt bereits zuvor eine SARS-CoV-2-Infektion durchlaufen. Das vorläufige Ergebnis der Studie wurde am 16. Juni 2020 veröffentlicht. Weniger als ein Drittel der auf Antikörper positiv getesteten Personen waren Kinder. Bei 13 Eltern-Kind-Paaren waren beide infiziert. Die Erkrankung eines Elternteils führt also nicht zwingend zur Erkrankung des Kindes und umgekehrt. Kinder scheinen nicht nur seltener an COVID-19 zu erkranken, sondern auch seltener mit SARS-CoV-2 infiziert zu sein, folgern die Autoren. "Zu beachten ist jedoch, dass die Ergebnisse nicht unmittelbar auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind, da die Teilnehmer sich zwecks eines schnellen Studienstarts auf einen Aufruf gemeldet haben und nicht zufällig ausgewählt worden sind", sagt Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich, Sprecher des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse der Studie ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich im Juli eingereicht werden.

Parallel erfasst die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrisch Infektiologie (DGPI) den Krankheitsverlauf aller stationär in Kinderkliniken behandelter Kinder und Jugendlichen, um verlässliche Zahlen zu erhalten. Prof. Dr. Reinhard Berner ist der Initiator der Erhebung. Gleichzeitig werden derzeit von seiner Klinik aus mehrere Studien an Schulen und Kitas in Sachsen durchgeführt, in denen die Infektionsrate und der Antikörperstatus untersucht werden. Über 1000 Kinder und mehrere Hundert Lehrer werden eingeschlossen. "Es besteht kein Zweifel daran, dass sich auch Kinder infizieren und an COVID-19 erkranken können. Dennoch verdichten sich die Hinweise immer mehr, dass die bisherige Sorge, Kinder wären der entscheidende Faktor in der Virusausbreitung, überschätzt wurde."

Wie stark verbreitet sich Covid-19 unter Kindern? Dieser Frage geht Prof. Dr. Philipp Henneke mit seinem Team nach. Im Podcast "Nachgefragt!" spricht er über die ersten Zwischenergebnisse.

Andere Studie zeigt: Eher ältere Kinder betroffen

In Nordrhein-Westfalen hat ebenfalls eine große Untersuchung zum Corona-Infektionsgeschehen bei Kindern begonnen. An der Studie in 110 Düsseldorfer Kitas nehmen seit 10. Juni 5150 Kinder und Erzieherinnen teil, wie das NRW-Familienministerium mitteilte. Zugleich wird damit die Rückkehr zum eingeschränkten Regelbetrieb in den Kitas wissenschaftlich überwacht. Angestellte und Kinder sollen wöchentlich eine Probe abgeben. Ziel sei es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, ob es in den Kita-Gruppen zu Infektionen und davon ausgehend zu Infektionsketten im Umfeld kommt. Eine umfassende Auswertung der Ergebnisse ist für Juli vorgesehen.

Auch die Ruhr-Uni Bochum will mit einer Studie namens Corkid klären, inwieweit sich das neuartige Coronavirus bereits unter Kindern verbreitet hat. 3000 Kinder zwischen sechs Monaten und 18 Jahren sollen im Rahmen der regelmäßigen Vorsorge-Untersuchungen beim Kinderarzt auf Corona-Antikörper getestet werden.

Im Rahmen der Studie C19.CHILD Hamburg untersucht das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) seit Mitte Mai bei rund 6.000 Kindern und Jugendlichen die Häufigkeit und Schwere einer Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus. In die Studie sollen Daten von gesunden und chronisch kranken Kindern und Jugendlichen mit und ohne Symptomen einer COVID-19-Infektion einbezogen werden, die stationär oder ambulant versorgt werden. An der Studie beteiligen sich neben dem Kinder-UKE auch alle anderen Hamburger Kinderkliniken. Ein erstes Zwischenergebnis: Bei älteren Kindern lassen sich häufiger Antikörper gegen Sars-CoV-2 nachweisen als bei jüngeren. "Das könnte damit zusammenhängen, dass diese Kinder mit zunehmendem Alter einen größeren Radius und eine vermehrte Kontakt-Aktivität nach außen haben", sagte Prof. Dr. Ania C. Muntau, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE, am 19. Juni der Deutschen Presseagentur (dpa). "Vielleicht ist es nur eine Frage des sozialen Verhaltens." Bei 36 von 2436 getesteten Kindern seien Antikörper im Blut gefunden worden. Bei der Altersgruppe von 0 bis 9 Jahren ergab sich den Angaben zufolge ein Prozent positive Antikörper-Nachweise, in der Altersgruppe 10 bis 18 Jahre waren es zwei Prozent. Der Unterschied sei statistisch signifikant. Auch 964 Kinder und Jugendliche mit chronischen Vorerkrankungen wurden untersucht. Interessant sei, dass Kinder mit Vorerkrankungen beim Antikörper-Nachweis seltener betroffen waren, sagte Muntau. Bei den Kindern ohne Vorerkrankungen seien es 1,7 Prozent, bei den mit Vorerkrankungen ein Prozent. "Das heißt vielleicht, dass sie mehr beschützt werden."

Im Mai startete außerdem das Forschungsprojekt "Corona-KiTa" des Robert-Koch-Instituts und des Deutschen Jugendinstituts. Die Studie widmet sich der Frage der Herausforderungen und Bewältigung der Kindertagesbetreuung während der Corona-Pandemie sowie der Frage, welche Rolle (KiTa-)Kinder bei der weiteren Ausbreitung von SARS-CoV-2 spielen. Im ersten der monatlichen Berichte zeigt die Analyse der Fallzahlen bei Kindern unter 6 Jahren, dass die Anzahl der Infektionen mit SARS-CoV-2 von Ende Februar bis Mitte März sprunghaft anstieg. Mit Beginn der Schließungen von KiTas und Schulen verringert sich der Anstieg der Fallzahlen und erreicht den Höhepunkt Ende März. Die Fallzahlen sinken, nachdem zu den KiTa-Schließungen bundesweite  Kontaktbeschränkungen (Lockdown) hinzugekommen sind. Welche Rolle die einzelnen Maßnahmen auf die Entwicklung der Fallzahlen oder alle Aspekte gemeinsam Einfluss genommen haben, sei bisher nicht eindeutig, schreiben die Autoren.

Die Belastung in den Familien wächst – und mit ihr die Gefahr für Kinder

Rückblickend hält Berner die Vorsichtsmaßnahmen wie Kita- und Schulschließungen der Bundesregierung für richtig: "Als die Infektionszahlen sprunghaft anstiegen, gab es keine Alternative. Das Virus war neu und es lagen keine gesicherten Erkenntnisse vor, wie es sich ausbreitet."

Beide Experten wünschen sich, dass Kinder wieder regelmäßig in Kitas und Schulen gehen sollten. Berner: "Ich bin davon überzeugt, dass wir mit klaren Konzepten und der Einhaltung von Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen in der gegenwärtigen epidemiologischen Situation wieder in den Regelbetrieb zurückkehren können." Jetzt sei der richtige Zeitpunkt dafür, da die Neuerkrankungen vergleichsweise niedrig seien und sich im Sommer vieles mit den Kindern im Freien abspiele. "Wir werden dabei Fehler machen und aus diesen lernen. Das können wir uns jetzt aber wahrscheinlich leisten. Kinder werden nicht zu einer explosionsartigen Ausbreitung des Virus führen. Die große Sorge ist, dass wir im Herbst, wenn es zu einer Zunahme vieler Erkältungsviren und auch der Grippe kommt, von einer neuerlichen Infektionswelle überrollt werden, wenn wir uns nicht gut darauf vorbereiten. Dann können wir uns Fehler nicht mehr erlauben", warnt der Infektiologe. "Die große Herausforderung wird sein, wie in den Kitas und Schulen, aber auch in den Kinderarztpraxen und den Gesundheitsämtern mit der Situation dann umgegangen werden kann, wenn – wie in jedem Jahr – mehr als die Hälfte der Kinder Symptome einer Atemwegsinfektion aufweisen wird."

Der Kinder- und Jugendarzt befürchtet, dass längerfristige Einschränkungen eine zu starke Belastung für Kinder und Eltern wären: "Ohne Kitas und Schulen fehlt eine wichtige soziale Kontrolle, wie es Kindern geht. Wir zahlen jetzt gerade einen hohen Preis dafür, die Virusausbreitung zu stoppen, und riskieren damit im schlimmsten Fall die Gefährdung des Kindswohls. Die Politik wird darauf reagieren müssen."

SARS-CoV-2 wird Teil unseres Alltags werden

Dennoch warnt Berner vor einer übereilten Rückkehr in die vermeintliche Normalität: "Rückblickend können wir sagen, dass wir die bisher glimpflichen Zahlen den strengen Sicherheitsmaßnahmen zu verdanken haben. Hier liegt auch der Denkfehler von Menschen, die das Coronavirus für harmlos halten: Wir haben die Lage derzeit nur deshalb so gut im Griff, weil Politiker hierzulande schnell und konsequent reagiert haben." Sowohl Berner als auch Dittmer glauben, dass wir uns längerfristig, mindestens bis Ende des Jahres, vielleicht sogar weit in das nächste Jahr mit dem Virus arrangieren müssen. Und zwar auch weiterhin mit Abstandhalten und den empfohlenen Hygienemaßnahmen.

Wie aber steht es mit Besuchen der Großeltern, die wir so schmerzlich vermissen? "Das würde ich vom Einzelfall abhängig machen", so Berner. "Bei sehr alten und kranken Menschen oder solchen mit anderen Risikofaktoren ist nach wie vor Vorsicht geboten. In der gegenwärtigen Situation im Sommer scheint das allgemeine Risiko aber vertretbar. Jüngere und gesunde Omas und Opas können aus meiner Sicht unter Einhaltung vernünftiger Sicherheitsregeln ihre Enkelkinder sehen. Am Ende wird es immer ein individuelles Abwägen von Nutzen und Risiko bleiben. Und man muss auch hier bedenken, dass sich die Situation schnell wieder ändern kann."

 

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