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Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr durch Kinder wirklich?

Es ist eine der großen Fragen im Zuge der Corona-Pandemie: Welches Infektionsrisiko geht von Kindern aus? Die Datenlage dazu ist bisher dünn und widersprüchlich. Was bedeutet das konkret – auch im Hinblick auf geplante Wiedereröffnungen von Kitas und Schulen?

von Stephanie Arndt, aktualisiert am 30.04.2020

Als das neuartige Coronavirus sich auch in Deutschland sehr schnell ausbreitete, wurden unter anderem Kindertagesstätten und Schulen bundesweit geschlossen. Es bestand der Verdacht, Kinder könnten das Virus häufig übertragen ohne selbst Symptome zu haben. Zweifel an dieser Vermutung löste unter anderem eine Analyse aus Island aus. Dort war unter 13 000 Menschen kein Kind unter zehn Jahren nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert. Jetzt veröffentlichte Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin eine Studie, die belegt, dass die Viruslast, also die Menge an Viren im Rachen infizierter Kinder genauso hoch ist wie bei Erwachsenen. Die Forscher warnen vor einer uneingeschränkten Öffnung von Kindergärten und Schulen.

Die Menge an Viren sagt nicht direkt etwas über das Ansteckungsrisiko aus

Prof. Dr. Reinhard Berner, Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Dresden warnt, alle Erkenntnisse in einen Topf zu werfen: "Herr Drosten beschreibt in der Arbeit, die ich kenne, dass infizierte Kinder auch das Virus im Rachen tragen – und das in derselben Größenordnung wie Erwachsene. Das hatten wir, ehrlich gesagt, nicht anders erwartet. Das Ansteckungsrisiko hat er nicht untersucht." Es gebe Argumente, denen zufolge Kinder weniger ansteckend seien als Erwachsene, erläutern die Wissenschaftler um Drosten laut der deutschen Presseagentur (dpa) auch. Etwa, dass sie meist keine Symptome haben und deshalb weniger husten, und weil sie weniger Atemluft ausstoßen. Auf der anderen Seite seien sie aber körperlich und sozial viel aktiver.

Vorsichtsmaßnahmen basieren auf Erfahrungswerten mit anderen Viren

Auch Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen ist sich nach wie vor sicher: "Aus unserer Forschung können wir klar sagen: Kinder gehören nicht zu den Top-Verbreitern des Virus. Ganz im Gegenteil." Doch woher kommt dann diese Annahme? "Bei anderen Viruserkrankungen tragen Kinder tatsächlich überproportional zur Verbreitung bei, denken wir an Noroviren. Doch bei Corona gilt das explizit nicht. Denn offenbar fehlt Kindern ein Eiweiß, dass das Virus beim Wirt benötigt, um infektiös zu werden. Auch erkranken Kinder tendenziell seltener und weniger stark, wahrscheinlich weil bei ihnen Rezeptoren zum Andocken des Virus noch nicht so stark ausgebildet sind wie bei Erwachsenen. Das wissen wir aus der engen Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Wuhan, die schon seit 20 Jahren besteht und seit Ausbruch des Virus SARS-CoV-2 besonders intensiv ist."

Studien sind in Arbeit

Um in diesem Punkt endlich Gewissheit zu bekommen, wird nun mit Hochdruck geforscht – auch um endlich Informationen zu erhalten, wie stark infizierte Kinder das Virus tatsächlich verbreiten. An vier baden-württembergischen Universitätskliniken sollen zeitnah jeweils 500 Kinder mit einem Elternteil getestet werden, ob sie bereits mit SARS-CoV-2 infiziert waren. Die Wissenschaftler hoffen, Anfang Mai erste Ergebnisse präsentieren zu können. Parallel erfasst die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrisch Infektiologie (DGPI) den Krankheitsverlauf aller stationär in Kinderkliniken behandelter Kinder und Jugendliche, um verlässliche Zahlen zu erhalten. Prof. Dr. Reinhard Berner ist der Initiator der Erhebung. "Die isländische Studie gibt wichtige Hinweise, kann aber nicht 1:1 auf Deutschland übertragen werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich auch Kinder infizieren und an COVID-19 erkranken können. Bisher (Stand 29.4.2020) mussten 114 Kinder sogar ins Krankenhaus, zehn Prozent davon auf die Intensivstation. Und etwa dreiviertel dieser Patienten hatten keine Grunderkrankung. Dennoch ist es möglich, dass die bisherige Sorge, Kinder wären der entscheidende Faktor in der Virusausbreitung, überschätzt wurde."

Die Belastung in den Familien wächst – und mit ihr die Gefahr für Kinder

Trotzdem hält Berner die Vorsichtsmaßnahmen wie Kita- und Schulschließungen der Bundesregierung für richtig: "Als die Infektionszahlen sprunghaft anstiegen, gab es keine Alternative. Das Virus war neu und es lagen keine gesicherten Erkenntnisse vor, wie es sich ausbreitet."

Beide Experten wünschen sich, dass Kinder wieder zeitnah in Kitas und Schulen gehen sollten. Berner: "Ich bin davon überzeugt, dass wir mit klaren Konzepten und der Einhaltung von Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen wieder öffnen können." Jetzt sei der richtige Zeitpunkt dafür, da die Neuerkrankungen vergleichsweise niedrig seien und der Sommer komme, wo sich viel mit den Kindern auch im Freien abspiele. "Wir werden dabei Fehler machen und aus diesen lernen. Das können wir uns jetzt aber wahrscheinlich leisten. Kinder werden nicht zu einer explosionsartigen Ausbreitung des Virus führen. Die große Sorge ist, dass wir im Herbst, wenn es zu einer Zunahme vieler Erkältungsviren und auch der Grippe kommt, von einer neuerlichen Infektionswelle überrollt werden, wenn wir uns nicht gut darauf vorbereiten. Dann können wir uns Fehler nicht mehr erlauben", warnt der Virologe.

Der Kinder- und Jugendarzt befürchtet, dass die Einschränkungen zunehmend eine Belastung für Kinder und Eltern werden: "Es ist anzunehmen, dass die Gewalt gegenüber Kindern in Familien weiter zunehmen wird. Und auch die psychischen Nöte. Wir mussten kürzlich eine Jugendliche stationär aufnehmen, die sich selbst verletzt hat, weil sie so sehr unter der Situation leidet. Ohne Kitas und Schulen fehlt auch eine wichtige soziale Kontrolle, wie es Kindern geht. Wir zahlen jetzt gerade einen hohen Preis dafür, die Virusausbreitung zu stoppen, und riskieren damit im schlimmsten Fall die Gefährdung des Kindswohls. Die Politik wird darauf reagieren müssen."

SARS-CoV-2 wird Teil unseres Alltags werden

Dennoch warnt Berner vor einer übereilten Rückkehr in die vermeintliche Normalität: "Rückblickend können wir sagen, dass wir die bisher glimpflichen Zahlen den strengen Sicherheitsmaßnahmen zu verdanken haben. Hier liegt auch der Denkfehler von Menschen, die das Coronavirus für harmlos halten: Wir haben die Lage derzeit nur deshalb so gut im Griff, weil Politiker hierzulande schnell und konsequent reagiert haben." Sowohl Berner als auch Dittmer glauben, dass wir uns längerfristig, mindestens bis Ende des Jahres, vielleicht sogar weit in das nächste Jahr mit dem Virus arrangieren müssen. Und zwar auch weiterhin mit Abstandhalten und den empfohlenen Hygienemaßnahmen.

Wie aber steht es mit Besuchen der Großeltern, die wir so schmerzlich vermissen? "Das würde ich vom Einzelfall abhängig machen", so Berner. "Bei alten und kranken Menschen ist nach wie vor größte Vorsicht geboten. Jüngere und gesunde Omas und Opas können aus meiner Sicht mit den Sicherheitsregeln wie Abstand und Mund-Nasen-Bedeckung ihre Enkelkinder mittelfristig besuchen. Es wird immer ein individuelles Abwägen von Nutzen und Risiko bleiben."


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