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Wie Kinder in der Pandemie leiden

Kinder haben keine Lobby wie Friseure oder Gastwirte. Sie leiden still. Experten warnen: Die Kleinen sind die großen Verlierer der Corona-Krise

von Nina Himmer, 05.03.2021

Leni, Mirko, Fanny und Christopher. Vier Kinder in Deutschland in der Corona-Krise, zwischen drei und elf Jahren alt. Leni nimmt binnen eines halben Jahres fast zehn Kilogramm zu, entwickelt eine Diabetes-Vorstufe. Mirko hatte den Sprung auf die Grundschule geschafft – und wird nun doch wieder in einer Einrichtung für emotional auffällige Kinder betreut. Fanny zeigt Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Christopher landete mit dem Abdruck eines Zigarettenstummels auf dem Gesäß in einer Klinik.

"Die Bedürfnisse von Kindern sind aus dem Blick geraten"

Die vier Kinder heißen eigentlich anders. Sie stehen stellvertretend für viele Schicksale in dieser Pandemie. "Kinder sind die größten Verlierer dieser Krise", sagt die Göttinger Kinderärztin Dr. Tanja Brunnert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Ohne selbst direkt betroffen zu sein, müssten sie alle Einschränkungen mittragen. "Das lastet schwer auf ihnen, und ihre Bedürfnisse sind teilweise völlig aus dem Blick geraten."

In ihrer Praxis bekommt Brunnert täglich mit, welche Ängste und Sorgen Familien umtreiben und wie sehr Kinder unter der aktuellen Situation leiden. Zum einen sind da die offensichtlichen Dinge: fehlende Sozialkontakte, Bewegungsmangel, Betreuungs- und Schulprobleme, geschlossene Spielplätze und Sportvereine, fehlende Freizeitmöglichkeiten, Ängste, das Vermissen von Kontaktpersonen wie Großeltern oder Lehrern, der Verlust gewohnter Strukturen. Hinzu kommen bei vielen beengte Wohnverhältnisse, familiäre Konflikte und eine angespannte Stimmung zu Hause.

"Manche Probleme spielen sich im Hintergrund ab", sagt Brunnert. So blieben zum Beispiel Förderungen durch Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie auf der Strecke. Sorgerechtsstreitigkeiten zögen sich hin, die Unterstützung durch Sozialbehörden sei schwieriger geworden. "Es gibt so viele Baustellen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", so die Ärztin. Am meisten ärgert sie, dass monatelang versäumt wurde, tragfähige Konzepte für Schulen, Kinderkrippen und Kindergärten zu entwickeln. Dass diese Orte Anfang des Jahres als Schutz- und Entwicklungsraum erneut wochenlang wegfielen, sei für die Jüngsten der Gesellschaft eine Katastrophe.

1 580 000 000 Kinder und Jugendliche waren in der ersten Aprilhälfte 2020 weltweit von der Schließung der Schulen und Bildungseinrichtungen betroffen.

Quelle: United Nations Educational, UNESCO

Weniger Bewegung, mehr Süßigkeiten

In ihrer Praxis sieht die Ärztin auch die körperlichen Folgen. Etwa bei der sechsjährigen Leni, die so stark zugenommen hat. Kein Einzelfall: Neun Prozent der unter Zehnjährigen haben während der ersten Ausgangsbeschränkungen deutlich zugenommen, so eine Studie des Münchner Zentrums für Ernährungsmedizin. Auch eine Untersuchung der Universitätsklinik Hamburg zeigt: Kinder essen seit Pandemiebeginn rund ein Drittel mehr Süßigkeiten.

Gleichzeitig ist der Medienkonsum gestiegen, während das Bewegungspensum gesunken ist. 40 Prozent der Kinder trieben zuletzt gar keinen Sport mehr. Experten besorgt dieser Trend, weil die Kleinen überschüssige Pfunde nur schwer wieder loswerden und ihnen im späteren Leben zahlreiche Folgekrankheiten drohen. 

"Ein großes Problem ist, dass viele Eltern die Corona-Situation immer noch als Ausnahme sehen", erklärt Brunnert. "Wenn ich sie frage, wie viel Zeit das Kind vor dem Computer und wie viel Zeit mit Bewegung verbringt, dann fragen sie zurück: vor oder seit Corona?" Ein Zeitraum von einem Jahr sei aber viel zu lange, um ihn buchstäblich auszusitzen.

Chronisch kranke Kinder sind schlechter versorgt

Auch die Gesundheitsversorgung junger Patienten während der Pandemie bereitet Medizinern Sorgen. "Wir beobachten zum Beispiel, dass Kinder mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Asthma, Epilepsie oder Herzproblemen in der Krise ärztlich weniger intensiv begleitet werden und ihre Krankheitslast zunimmt", berichtet Privatdozent Dr. Burkhard Rodeck, leitender Arzt am Christlichen Kinderhospital Osnabrück und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Der Verband hat einen Appell veröffentlicht, der auf die größten Probleme bei der medizinischen Versorgung von Kindern aufmerksam macht. Die Liste ist lang: verzögerte Diagnosestellungen bei akuten Erkrankungen, ein gehäuftes Auftreten von Stoffwechselentgleisungen bei Diabetes, mehr Krampfanfälle bei kleinen Epilepsie- patienten. Dazu kommen eine steigende Zahl von Kindeswohlgefährdungen durch häusliche Gewalt und Vernachlässigung, ein gehäuftes Auftreten von schweren Krankheitsbildern und psychischen Beschwerden, Entwicklungsverzögerungen von Kindern mit Förderbedarf, traumatische Trennungserlebnisse aufgrund des Besuchsverbots in Kinderkliniken.

Angst vor dem Arztbesuch

Ein Teil der Probleme hat mit der Angst der Eltern vor Ansteckungen in Arztpraxen zu tun. "Viele mieden gerade im ersten Lockdown Besuche beim Arzt und schoben Früherkennungsuntersuchungen, Verlaufskontrollen, Impfungen oder Einschulungs- untersuchungen auf", sagt Rodeck. Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland belegen: Im April 2020 etwa sind die Patientenzahlen um rund 23 Prozent eingebrochen – Kinderärzte waren besonders stark betroffen.

Auch in den pädiatrischen Notfallambulanzen gingen die Fallzahlen zurück. Aus einer Analyse der DAK-Krankenkasse geht hervor: Im März und April 2020 gab es eine regelrechte Corona-Delle. Fast jede zweite Operation bei jungen Patienten wurde in dieser Zeit verschoben, gleichzeitig ging die Zahl der Krankenhausfälle um 41 Prozent zurück. Immerhin: Bei der Behandlung von krebskranken Kindern gab es keinen Rückgang, offenbar war die Versorgung bei schlimmen Diagnosen nicht beeinträchtigt. Mittlerweile haben sich die Zahlen sowohl im Praxis- als auch im Klinikbereich wieder weitgehend normalisiert. Wahrscheinlich aufgrund der umfassenden Hygienekonzepte und guter Aufklärung.

Fast jedes dritte Kind in Deutschland leidet ein Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten.

Quelle: COPSY-Studie

Erschreckende Auswirkungen auf die Psyche

Was bleibt, sind die Folgen. So wie bei der fünfjährigen Fanny, die nach der Quarantäne auffällig schlecht schlief, ängstlich und niedergeschlagen war. Von ihr erzählt Professor Jan-Henning Klusmann, Direktor der Pädiatrie I an der Universitätsklinik Halle (Saale): "Es gibt vermehrt Kinder, die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen." Auch das stützen erste Zahlen: Eine im Fachmagazin Lancet veröffentlichte Studie etwa zeigt, dass während der Pandemie bei 6,2 Prozent der Kinder in psychologischer Betreuung eine solche Störung diagnostiziert wurde – ein deutlicher Anstieg. Insgesamt war Nachwuchs mit Quarantäneerfahrung etwa fünfmal so oft auf professionelle psychologische Hilfe angewiesen.

Eine der umfassendsten Untersuchungen zum Thema haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf vorgelegt. Ihre COPSY-Studie zeigt die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die Ergebnisse sind erschreckend: Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden haben sich im Vergleich zu Daten vor der Corona-Krise deutlich verringert. 71 Prozent der befragten Sieben- bis 17-Jährigen gaben bei der ersten Befragung an, sich durch Corona belastet zu fühlen. Während der zweiten Ausgangsbeschränkungen stieg dieser Wert sogar auf 85 Prozent. Sie machen sich mehr Sorgen, achten weniger auf ihre Gesundheit, erleben häufiger Streit in der Familie, bewegen sich zu wenig und leiden unter dem Verlust von Freundschaften. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten ist von rund 18 Prozent vor Corona auf 31 Prozent während der Pandemie gestiegen.

"Dass die Verschlechterung so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht", sagt Professorin Ulrike Ravens-Sieberer von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, die die Untersuchung geleitet hat. Auch die neuen Ergebnisse von Februar geben keine Entwarnung. Fast jedes dritte Kind leide ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste hätten noch einmal zugenommen, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchweh sind verstärkt zu beobachten.

Die Krise macht Behandlungserfolge zunichte

Familien zu entlasten und Kinder zu schützen ist Lina Gerlachs Aufgabe. Die Sozialarbeiterin aus Bayern will ihren echten Namen nicht in der Presse lesen, denn auch ihre Antwort auf die Frage nach den Krisenverlierern fällt eindeutig aus: "Kinder! Mit ganz vielen Ausrufezeichen dahinter."

Vor allem der erste Lockdown sitze ihr noch in den Knochen. Damals seien hastig nicht nur alle Regeleinrichtungen geschlossen worden, sondern auch viele teilstationäre Einrichtungen wie heil- und sozialpädagogische Tagesstätten. Der plötzliche Verlust von vertrauten Strukturen sei für  förderbedürftige Kinder besonders schlimm: "Das verstärkt so gut wie alle Vorerkrankungen, mit denen wir zu tun haben: Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität, Angststörungen oder Impulskontrollstörungen zum Beispiel." Viele Kinder hätten die Ausgangsbeschränkungen in ihrer Entwicklung meilenweit zurückgeworfen, sie hätten den Anschluss verloren. Mirko zum Beispiel.

Der Neunjährige kommt aus schwierigen familiären Verhältnissen, war psychisch auffällig und gewalttätig, schmiss Stühle nach seinen Betreuern, schlug andere Kinder. Drei Jahre lang unterstützten Sozialarbeiter ihn intensiv. "Er hat sich so gut entwickelt, dass er auf eine normale Grundschule wechseln konnte", erzählt Gerlach. Die Erfolgsgeschichte fand durch Corona ein jähes Ende. Mittlerweile lebt der Junge wieder in einer Einrichtung für emotional auffällige Kinder.

Solche Fälle kennt auch Lorenz Bahr, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und Leiter des Landesjugendamtes Rheinland. Obwohl die Behörden sich nach Kräften auf die neue Situation eingestellt hätten, seien die Abläufe schwieriger geworden. Zum Beispiel weil Jugendamtsmitarbeiter Familien nicht mehr so häufig persönlich besuchen konnten.

Bahr ärgert, dass Kinder in der öffentlichen Diskussion eher als Treiber denn als Verlierer der Pandemie wahrgenommen werden: "Erwachsene können ein verlorenes Jahr vielleicht gut wegstecken. Aber einem Kind raubt eine solche Zeitspanne irrsinnig viele Entwicklungsmöglichkeiten." Deshalb setzt er sich dafür ein, dass Schulen, Kindergärten und Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit auch während der Pandemie nach Möglichkeit geöffnet bleiben. Das sei der wichtigste Hebel, um Kindern weiterhin Sozialkontakte, Schutz- und Entwicklungsräume zu ermöglichen und sozial auffällige Familien im Blick zu behalten. "Fallen Schulen und Kindergärten als Kontrollinstanzen weg, bekommen wir weniger Meldungen", sagt Bahr.

Um 23 Prozent sind im ersten Halbjahr 2020 die Verdachtsfälle auf Kindermisshandlung im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Quelle: Gewaltschutzambulanz der Charité Berlin

Misshandlungen: Stille im Lockdown, danach häufen sich die Fälle

Es ist diese Stille, die ihm Sorgen bereitet. Obwohl die Zahlen der Behörden bisher keine eindeutigen Ergebnisse zulassen, befürchten die Jugendämter einen Anstieg häuslicher und sexueller Gewalt. "Das Risiko, dass familiäre Konflikte in einer derart angespannten Situation eskalieren, ist ungleich höher", sagt Bahr.

So wie bei Christopher, dem Jungen mit der Zigaretten-Brandwunde auf dem Po. "In unserer Opferschutzambulanz haben sich die Fälle von Kindeswohlgefährdung bis Oktober 2020 nahezu verdoppelt", sagt Klusmann von der Universitätsklinik Halle (Saale), der den Fall gemeldet hat. Verwahrloste, vergewaltigte und verprügelte Kinder sind Teil seiner Arbeit in der Opferschutzambulanz. "Wir sehen hier so ziemlich alles – und während der Pandemie leider häufiger als sonst." Betrachte man nur die Monate August bis Oktober 2020 – also jene Zeit, in der die Schulen als Kontrollinstanz wieder geöffnet hatten –, habe sich die Anzahl der Verdachtsfälle in Halle vervierfacht. Im Lockdown ist es still, danach häufen sich die Fälle, weil Misshandlungen in Schulen und Kindergärten auffallen.

Das deckt sich mit Erfahrungen anderer Ambulanzen. Die Gewaltschutzambulanz der Charité Berlin etwa verzeichnete im Juni 2020 einen Fallanstieg mit Verdacht auf Kindesmisshandlung von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Kinderärztin Tanja Brunnert seufzt angesichts dieser Zahlen: "Es ist ein Unding, dass Kinder und Jugendliche in dieser Krise nicht besser geschützt und stärker berücksichtigt werden." Schließlich gebe es gerade Tausende Kinder, denen es ähnlich ergehe wie Leni, Mirko, Fanny und Christopher.

 

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