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Urlaub trotz Corona?

In wenigen Tagen beginnen Bundesland für Bundesland die Sommerferien. Doch mit welchen Einschränkungen müssen Familien in der Corona-Zeit rechnen und was sollten sie beachten, wenn sie mit Kindern verreisen?

von Stephanie Arndt, 15.06.2020

Viren kennen keine Ländergrenzen. Und während wir uns sonst wie Bolle auf die freie Zeit freuen, fragen sich dieses Jahr viele Mütter und Väter, ob der geplante Sommerurlaub eigentlich eine gute Idee ist. Nötig haben ihn zwar alle wie selten zuvor durch die wochenlange Belastung mit Homeoffice, Haushalt und Homeschooling. Trotzdem bleibt die Verunsicherung groß, wie hoch das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus woanders ist und was dann vor Ort passieren könnte.

Kerstin Heinen, Pressesprecherin vom Deutschen Reiseverband

Freiheit mit Einschränkungen

Am 15. Juni hob das Auswärtige Amt für den Großteil der europäischen Länder die bislang weltweite Reisewarnung auf. Damit können sich Urlauber in der EU und dem Schengen-Raum nun fast überall wieder frei bewegen. Mit Ausnahmen: Länder wie Großbritannien fordern (Stand 15. Juni) eine Einreise-Quarantäne. Auch für Spanien beispielsweise gilt dies zumindest noch bis 21. Juni. Kerstin Heinen, Pressesprecherin vom Deutschen Reiseverband: "Wer dort hinfährt, muss sich also direkt vor Ort in eine 14-tägige häusliche Isolation begeben." Laut Auswärtigem Amt können jedoch einzelne europäische Länder jederzeit Einreisen beschränken. Daher rät die Behörde weiterhin nicht nur von Reisen nach Großbritannien, sondern derzeit etwa auch nach Irland und Malta ab. "Die Warnung für die übrigen Länder außerhalb der EU und Schengen wurde gerade noch einmal pauschal bis Ende August verlängert", sagt Heinen und fügt an: "Für alle Reisenden gelten strenge Hygienemaßnahmen."

Feriengäste müssen zudem mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen rechnen, wie sie bereits in Deutschland bekannt sind: "In vielen Ländern bleibt das Abstandsgebot von mindestens 1,50 Meter, sowie das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung bestehen. Es wird unter Umständen keine Buffets geben und möglicherweise bleiben auch Wellness-Angebote noch geschlossen. Um Enttäuschungen zu vermeiden, raten wir Urlaubern, sich vor Antritt der Reise bei ihrem Reiseanbieter oder in ihrem Reisebüro über eventuelle Beschränkungen zu informieren."

Oliver Matzek, Rechtsanwalt für Reiserecht aus Hamburg

Riskieren oder stornieren?

Doch was kann ich machen, wenn ich den gebuchten Club-Urlaub auf Mallorca in der jetzigen Situation nicht antreten möchte? "Eine Pauschalreise oder Kreuzfahrt kann immer dann kostenlos storniert werden, wenn höhere Gewalt oder außergewöhnliche Umstände vorliegen. Eine Warnung des Auswärtigen Amtes gilt als Indiz für einen außergewöhnlichen Umstand, etwa dass eine starke Gesundheitsgefahr vorliegt. Daher bieten viele Reiseanbieter so lange die Reisewarnung gilt eine kostenlose Stornierung an. Die Lage kann sich aber schnell ändern und muss im Zweifel im Einzelfall geklärt werden", weiß Oliver Matzek, Rechtsanwalt für Reiserecht aus Hamburg.

Und wie sieht es mit Minderungen des Reisepreises aus, weil ich nur zu bestimmten Zeiten essen oder an den Pool darf? "Mindern dürfen Sie, wenn die Reiseleistung erheblich verändert wird", sagt Matzek. Dazu zählen:

  • Die Uhrzeit der An- und Abreise
  • Der Zeitpunkt der Reise 
  • Grundmerkmale wie etwa die Route auf einer Kreuzfahrt
  • Ein geschlossener Wellnessbereich im Wellnessurlaub

"Dann sind erhebliche Minderungen von mehr als 30 Prozent möglich oder sogar eine Stornierung des gesamten Urlaubs", erklärt Matzek. Letzteres gilt übrigens auch, wenn das Hotel oder der Club sich nicht an die Hygienevorschriften hält, beispielsweise doch Buffet anbietet oder die Liegen am Pool wie eine Perlenschnur aufreiht. Der Anwalt empfiehlt, die Reiseleistung und das Hotel – am besten mündlich und schriftlich – aufzufordern, die Mängel abzustellen und alles mit Fotos zu dokumentieren. "Befürchten Sie eine große Gefahr für Ihre oder die Gesundheit Ihrer Familie rechtfertigt das sogar eine sofortige Abreise." Matzek schlägt Erholungssuchenden vor, die Länderregelungen vor Antritt der Reise zu checken.

Gute Seiten sind dafür:

"Wer auf Nummer Sicher gehen will, ist dieses Jahr aus wirtschaftlicher und organisatorischer Sicht mit einer Pauschalreise besser dran als mit einem Individual-Urlaub", sagt der Anwalt.

Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen

Reisen mit Augenmaß

Zum Glück werden die meisten Hotels und Ferienanlagen peinlichst genau ihre Hygienekonzepte im Auge behalten, da sie keine Neuinfektionen riskieren und ihren Gästen einen schönen Urlaub bieten wollen. Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen, rät zu Reisezielen mit ähnlichen und sinkenden Infektionszahlen wie in Deutschland. "Nach Schweden, Brasilien oder in die USA würde ich persönlich nicht reisen, selbst wenn das bald wieder uneingeschränkt ginge. Zudem sollte man auch das Gesundheitssystem in dem Land bei der Auswahl des Reiseziels beachten." Gleichzeitig beruhigt der Virologe und deutet auf die leichten saisonalen Effekte des Sommers und das daraus resultierende abflauende Infektionsgeschehen hin: "Wir sind an einem relativ gut zu kontrollierenden Punkt. Aus meiner Sicht war immer klar, dass das Coronavirus sich wie viele andere Viren der Atemwege verhält und empfindlich auf höhere Temperaturen und Sonneneinstrahlung reagiert. Das heißt aber nicht, dass wir nicht mehr vorsichtig sein müssen oder das Virus verschwindet. Auch eine zweite Infektionswelle ist möglich, vermutlich aber nicht im Hochsommer."

Der Weg ist das Ziel

Vor der Ankunft kommt jedoch die Anreise. Wie schätzt der Experte das Risiko einer Ansteckung in diesem Bereich ein – und welche Tipps gibt er? Dittmer sagt: "Die Fahrt im eigenen Auto ist zweifelsohne am sichersten. Ähnlich der Gefahr im eigenen Haushalt. Anders sieht es an allen Orten wie Raststätten und in allen Transportmitteln wie Bus, Bahn und Flugzeug aus. Hier gilt: Das Risiko steigt mit der Anzahl der Menschen. Halten Sie immer einen Mindestabstand von 1,50 Metern ein und tragen Sie innerhalb sehr enger, geschlossener Räume im Idealfall hochwertige Atemschutzmasken mit Filter, sogenannte FFP2-Masken. Leider gibt es viele Fälschungen auf dem Markt, erkennbar am sehr niedrigen Preis. Selbst Desinfektionsmittel wird gepanscht. Kaufen Sie beides am besten im seriösen Handel oder der Apotheke."

Verlässliche Studien, ob in Bahnen und Flugzeugen mehr Viren kreisen, sind rar. "Mir sind keine Fälle bekannt, in denen sich Menschen in den Transportmitteln mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Sofern es Klimaanlagen mit Virenfiltern gibt, erhöht das auf jeden Fall die Sicherheit des Reisens", sagt Dittmer. Und wie sieht es mit Toiletten aus? "In Studien konnte im Stuhl virale Erbinformation (RNA) nachgewiesen werden. Dennoch ist es bisher niemandem gelungen, daraus infektiöse Viren zu isolieren. Also Viren, mit denen sich ein Mensch mit Corona anstecken könnte. Und in Urin war bis heute gar kein SARS-CoV-2 auffindbar. Dennoch würde ich Toiletten vor der Benutzung desinfizieren und mir anschließend mit Wasser und Seife gründlich die Hände waschen. Waschen Sie sich lieber einmal mehr als einmal weniger die Hände und fassen Sie sich nicht ins Gesicht, wenn Sie unterwegs sind", erklärt der Experte. Die bekannten Hygieneregeln gelten also auch im Urlaub.

Prof. Dr. Tomas Jelinek, medizinischer Direktor des Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin

Ich packe meinen Koffer und nehme mit...

Prof. Dr. Tomas Jelinek, medizinischer Direktor des Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin stimmt zu und rät: "Nehmen Sie ausreichend Desinfektionsmittel mit, etwa um sich die Hände reinigen zu können, wenn Sie sie nicht mit Wasser und Seife waschen können oder eine Fläche säubern möchten. Fürs Handgepäck am besten Tücher, damit Sie keine Probleme an der Sicherheitskontrolle bekommen. Im Koffer noch eine Flasche. Wichtig sind auch mehrere Mund-Nasen-Bedeckungen. Sie sollten immer gewechselt werden, wenn sie durchfeuchtet sind. Da man unterwegs selten die Möglichkeit hat zu waschen, würde ich Einweg-Produkte empfehlen, die nach dem Tragen direkt entsorgt werden. Das A und O ist und bleibt aber der Sicherheitsabstand."

Dauermedikation gehöre grundsätzlich ins Handgepäck, so Jelinek, und in Corona-Zeiten in einer Menge, dass es im schlimmsten Fall auch für eine zweiwöchige Quarantäne reicht. Der Experte weist noch auf die unterschiedlichen Einreiseauflagen hin: "Einige Länder wie etwa Chile fordern einen Antikörper-Test, andere einen sogenannten Covid-free Nachweis. Das bedeutet, dass in den letzten 72 Stunden ein Rachenabstrich gemacht wurde und der negativ war. Das ist zeitlich oft eine Herausforderung für Urlauber und muss in der Regel privat gezahlt werden. Manche Hotels machen vor Ort auch einen kostenlosen Test." Ist dieser positiv, müssen Feriengäste direkt in Quarantäne, "eine Rückreise nach Deutschland per Flugzeug oder Bahn ist dann nicht möglich", so der Experte. Nach Österreich kann man übrigens mittlerweile ohne Einschränkungen einreisen, sofern man nicht vorher in Italien war. Letzteres hat seit 3. Juni keine Auflagen zur Einreise mehr.

Trotzdem plädiert Jelinek dafür, sich durch Corona nicht jegliche Freude nehmen zu lassen. "Wir müssen akzeptieren, dass Menschen Erreger weitergeben. Es gibt im Leben nie eine 100-prozentige Sicherheit. Sonst müssten wir uns komplett isolieren – und das wäre ja auch kein Spaß!"

Urlaub für den kleinen Geldbeutel ist in den Häuser und auf den Campingplätzen der Jugendherbergen Deutschland möglich. Hauptgeschäftsführer Julian Schmitz spricht mit uns über Reiseziele in Zeiten von Corona.

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