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Schwangerschaftstagebuch: Seltsame Sorgen

Eigentlich wollte unsere Autorin Julia Dettmer in Ruhe ihrem Babybauch beim Wachsen zusehen. Dann kam das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Folge #8: Sorgen um jeden und alles

von Julia Dettmer, 23.07.2020
Protagonistin mit Utensilien: Mutterpass, Ultraschall-Gummibärchen, Bücher, Aufnahmegerät, Kamera und neu: Rom-Reiseführer

Das neuartige Coronavirus ist zwar immer noch da, aber irgendwie wirkt es nicht mehr so bedrohlich. Mich und meine Schwangerschaft tangiert diese Pandemie jedenfalls gerade herzlich wenig. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich so an all die Alltagsumstände gewöhnt habe, dass es mir gar nicht mehr auffällt. Oder, und ich glaube, dass eher diese Theorie zutrifft, ich bin gerade so mit meinen Schwangerschaftszipperlein und der Hormonschwemme beschäftigt, da hat SARS-CoV-2 keinen Platz mehr

Rückzug aufs stille Örtchen

Apropos Zipperlein, neulich hatte ich ja schon mal erwähnt, dass ich unverschämt oft das stille Örtchen aufsuchen muss. Es ist unvorstellbar, wie sehr ein Baby auf die Blase drücken kann. Nur mittlerweile bin ich fast froh darüber. Denn die Toilette ist derzeit tatsächlich einer der wenigen Orte, wo ich beschwerdefrei sitzen kann! Mein Steißbein schmerzt so sehr, dass ich es auf allen anderen, ebenmäßigen Oberflächen kaum aushalte. Mittlerweile in Woche 33 und schon fast zehn Kilo schwerer muss ich mich komisch verkrümmen oder kreative Kissenkonstruktionen unter den Po schieben, damit bloß nicht zu viel Gewicht auf dem Steißbein lastet. Das hatte ich mir im Alter von 13 Jahren (also quasi gestern) mal gebrochen und seitdem ist es ab und zu empfindlich. In der fortgeschrittenen Schwangerschaft meldet es sich allerdings öfter als nur "ab und zu", nämlich sobald ich mich auf meinen vier Buchstaben niedergelassen habe. Meine Osteopathin beschwichtigt mich zwar regelmäßig und sagt, das sei kein Grund zur Sorge. Da sei jetzt durch das Mehrgewicht und die körperlichen Veränderungen im Unterleib einfach "mehr Zug" drauf, das würde sich nach der Geburt wieder regulieren. Doch es fällt mir schwer, daran zu glauben und jedes Mal denke ich `dein Wort in Gottes Gehörgang´. Kurzum: Das ständige Pieseln und die Steißbeinbeschwerden passen eigentlich ganz gut zusammen, denn auch wenn die hochfrequenten Toilettengänge nerven, sie lindern definitiv kurzzeitig den Schmerz am Steiß. Sorry für die Offenheit, aber es hilft ja auch niemandem, wenn Schwangere so tun, als wäre alles immer supereasy.

Mein körperliches Dilemma

So viel zu meinem körperlichen Dilemma. Mein emotionaler Zustand ist noch krasser. Ich bin seit der 30. Schwangerschaftswoche total weichgespült. Folgendes Szenario spielte sich eines Morgens ab: Mein Mann brach – wie immer – sehr früh zur Arbeit auf. Normalerweise kriege ich den Abschiedskuss zwar schlaftrunken mit, drehe mich dann aber nochmal für ein Stündchen um und döse weiter. Diesmal war ich hellwach und bat ihn, sich kurz ans Bett zu setzen. Ich sagte ihm, er solle bitte ganz besonders vorsichtig sein, wenn er die Straßen überquert. "Nicht, dass du irgendeine News am Handy checkst und ein Auto übersiehst", ermahnte ich ihn. Er guckte etwas irritiert, gelobte Umsichtigkeit und ging. Am Abend kehrte er völlig unversehrt heim und ich fiel ihm sofort um den Hals und drückte ihn fester als sonst. Man stelle sich vor, ihm würde etwas passieren. Dann wäre ich ALLEIN MIT BABY! Das würde ich bestimmt niemals schaffen!

Mich irritiert das alles, so kenne ich mich überhaupt nicht, also fragte ich eine Freundin, die auch gerade schwanger ist, um Rat. Ihre Antwort kam prompt: "Du hast Schiss, deinen Anker zu verlieren, jetzt wo es bald ernst wird. Das sind die Hormone." Okay – geht das wieder weg? Ist das Baby erst einmal da, bin ich ja noch stärker hormongesteuert. Bin ich dann nur noch ein einziges Angsthasenbündel?

Meine schwankenden Hormone

Meine Hormone scheinen sich jedenfalls rasch zu verändern, denn meine bizarre und übertriebene Gefühligkeit weitet sich rasant aus. Als mir eine enge Freundin im absoluten Vertrauen erzählte, dass sie einen positiven Schwangerschaftstest vor sich liegen hatte, aber noch gefühlt ewig auf den erlösenden Arzttermin warten muss, brach ich in Tränen aus. 
Statt mich mit ihr zu freuen, dass sie schwanger ist, fühlte ich entsetzlich mit ihr, dass sie noch tagelang ausharren musste, bis der Arzt die Schwangerschaft hoffentlich bestätigen würde.

Seltsames Erlebnis im Supermarkt

Noch befremdlicher war mein Erlebnis neulich im Supermarkt: Vor mir stand eine ältere Dame (okay, eine sehr alte Oma mit gebücktem Rücken) an der Kasse und kramte mühsam ihr Kleingeld zusammen. Die Szene ließ mich nicht mehr los, meine Gedanken kreisten um die alte Dame. Ob sie wohl ganz alleine lebte? Ob sie krank war? Ob sie sich denn gut versorgen konnte? Sollte ich sie fragen, ob ich sie unterstützen kann, wenn ich sie wieder im Supermarkt sehen sollte?

Von der alten Dame schweiften meine Gedanken schließlich ab zu meiner Oma. Sie lebt allein in ihrem Haus und hatte während des Lockdowns im Frühjahr nur Kontakt mit Menschen, wenn ihr Familienmitglieder die Einkäufe vorbeibrachten. Sofort griff ich zum Handy und rief sie an. Sie freute sich sehr, aber das Gespräch dauerte nur fünf Minuten. Meine Oma ist nicht die Gesprächigste und wurschtelt ganz gerne für sich selbst herum.

Die Krönung war, wie ich mir vorstellte, dem Postboten sei etwas zugestoßen, nur weil an einem Tag keine Post im Briefkasten war. Das ging zu weit, jetzt musste Schluss sein mit dieser Sorgenmacherei.

Ich schnappte mir mein Laptop, setzte mich auf einen weichen Kissenberg und öffnete meine digitale Baby-To-Do-Liste. Da standen ja noch sooo viele Dinge drauf, die ich dringend anschaffen musste, bevor der Nachwuchs bei uns einzog. Nach einer ausgiebigen Recherche zu Babybadewannen, Babybettchen und Spieluhren drückte ich auf "Bestellen". Als mein Mann – auch an diesem Tag unversehrt – zur Tür hereinkam, bemerkte ich, dass mich meine virtuelle Shopping-Tour für mehrere Stunden von allen Sorgen abgelenkt hatte. Geht doch!

Drei Tage später war übrigens wieder Post da … Ein großes Paket mit einer Babybadewanne, Babybettchen und einer Spieluhr, die "La Le Lu" dudelt.


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