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Schwangerschaftstagebuch: Screening ohne Mann

Eigentlich wollte unsere Autorin Julia Dettmer in Ruhe ihrem Babybauch beim Wachsen zusehen. Dann kam das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Folge #7: Screening ohne Mann

von Julia Dettmer, aktualisiert am 10.07.2020
Protagonistin mit Utensilien: Mutterpass, Ultraschall-Gummibärchen, Bücher, Aufnahmegerät, Kamera und neu: Rom-Reiseführer

"Sehen Sie? Es spielt gerade mit seinem Füßchen. Oh, und jetzt trinkt es! Man sieht, dass das Mündchen immer auf und zu geht und dazu auch die Zungenbewegung", beschreibt meine Frauenärztin das, was sich vor uns auf dem Bildschirm abspielt. Mein Mann und ich starren gebannt auf unser Baby, das jetzt schon 31 Wochen alt ist. Mir entkommen einige "Oh Goooott, wie süß"-Seufzer, er drückt liebevoll meinen Arm. Wir tragen beide einen Mund-Nasen-Schutz und trotzdem sind wir so dankbar, dass wir zu zweit hier sein dürfen. Das war bis vor Kurzem ja noch gar nicht möglich. Und ehrlich gesagt, habe ich auch nicht mehr damit gerechnet, dass ich in dieser Schwangerschaft meinen Mann überhaupt mal in die Praxis mitnehmen darf.

Jedenfalls hatte ich mir im April – ich war in der 23. Schwangerschaftswoche und der große Organ-Ultraschall stand an – nichts sehnlicher gewünscht, als dass wir gemeinsam unser Baby auf dem riesigen Bildschirm beobachten würden.

Vorfreude auf mein Mini-me

Der erste große Ultraschall in der 13. Woche samt nichtinvasiven Pränataltest war völlig unauffällig gewesen, daher fühlte ich mich seitdem schon recht erleichtert, was die Gesundheit unseres Kindes anging. Jetzt stand Runde zwei an, bei der meine Ärztin unser Baby noch einmal genau vermessen würde. Einerseits freute ich mich total darauf, Mini-Me wiederzusehen, andererseits hatte ich nach wie vor – und da geht es vermutlich vielen Schwangeren so – vor jedem einzelnen Arzttermin Schiss. "Was, wenn sich seit dem letzten Mal doch irgendwas nicht weiterentwickelt hat?", quengelte ich. Mein Mann blieb zum Glück gelassen und beruhigte mich: "Deshalb machen wir diese Woche den Ultraschall. Mach dir keine unnötigen Sorgen, es ist bestimmt alles gut."

Tatsächlich wurde mir in diesem Moment zum ersten Mal so richtig bewusst, wie blöd das eigentlich für den Mann sein musste, "nur" der Beobachter zu sein. Mein Mann konnte sich lediglich auf das verlassen, was ich ihm so von unserem Baby erzählte – vom Rumtrampeln auf meiner Blase bis zum sanften Strampeln, das mich immer innerlich strahlen ließ – aber er konnte NICHTS davon selbst fühlen. Klar, wenn er seine Hand auf meinen Bauch legte oder ihn einölte, merkte er die Veränderung an meinem Körper. Aber alles passierte in meinem Körper, nicht in seinem.

Kein Mann, keine Diskussion

Aber ich schweife ab. Wie gesagt, der Organ-Ultraschall stand an und wir freuten uns riesig darauf, Händchen haltend zu beobachten, wenn Mini-Detti ein kleines Ballett für uns aufführte. Doch wie so oft in dieser Corona-Schwangerschaft, wenn man sie mal ganz fies so bezeichnen will, wurde uns ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ein paar Tage vor dem Termin rief die Praxis an: "Frau Dettmer, ich wollte sie nur kurz an den Termin für den großen Ultraschall erinnern. Und bitte kommen Sie alleine." "Alleine? Ich dachte, mein Mann darf mit???", fragte ich irritiert.

Was soll ich sagen: Er durfte nicht. Keine Diskussion. Kein Erbarmen. Mit einer Mischung aus Respekt, Angst und Vorfreude tigerte ich also alleine zur Praxis und auf dem Weg überhörte ich einen Video-Anruf meiner Schwägerin. Ich würde sie später zurückrufen. Und dann ging mir ein Licht auf! Video-Telefonie! Wieso war ich da nicht gleich drauf gekommen? Das war die Lösung! "Halt dich bereit, ich ruf dich gleich per Video-Call an", gab ich meinem Mann noch schnell Bescheid und betrat strahlend die Praxis.

Bevor ich auf die Liege kletterte, angelte ich mein Smartphone aus meiner Tasche. "Ist es okay, wenn ich meinen Mann …", fragte ich meine Ärztin, doch sie unterbrach mich gleich lachend und gab grünes Licht: "Klar, wenn er schon nicht physisch anwesend sein kann, dann doch wenigstens virtuell. Rufen Sie ihn an, wir legen los!"

Ein Gruß für Papa

Kaum berührte der Schallkopf meinen Bauch, sah ich auch schon mein kleines Baby auf dem großen Bildschirm, das bereits fast 30 Zentimeter lang war. Auf dem kleinen Bildschirm am Handy guckte mein 1,90 Meter-großes Baby völlig fasziniert zu, wie meine Ärztin routiniert und seelenruhig ihren Job machte. Kopfdurchmesser, Brustumfang, Körperlänge, Plazenta und die Organe – alles war lehrbuchmäßig in bester Ordnung. Und das Geschlecht? Das konnten wir auch eindeutig identifizieren. Jedoch bleibt das noch ein Weilchen geheim, denn wir haben uns entschieden, Name und Geschlecht erst nach der Geburt zu verraten. Zum Leidwesen aller, die mit uns auf unseren Nachwuchs warten. Manche sind sogar etwas verschnupft deswegen. Doch wir finden es schön, uns ganz auf uns zu konzentrieren. Und außerdem bleibt uns so jeglicher, vorgeburtlicher Kommentar zur Namenwahl erspart. 
Nun denn, zufrieden beendete meine Gynäkologin die Untersuchung mit den Worten: "Alles bestens, Frau Dettmer. Ihr Baby entwickelt sich völlig normal." Beschwingt und fröhlich radelte ich wieder nach Hause.

Später präsentierte ich meinem Mann stolz die neuen Fotos von unserem Nachwuchs, die mir die Ärztin ausgedruckt hatte. Auf einem hatte das Kleine sein rechtes Händchen so neben dem Kopf positioniert, als würde es uns winken. Dieses Foto steht jetzt auf meinem Nachttisch und begrüßt mich jeden Morgen.

Zugegeben, auch wenn wir das große Organ-Screening mit dem Video-Anruf elegant gelöst haben und mein Mann wenigstens virtuell dabei sein konnte, sind mir die Vorsorge-Termine jetzt viel lieber, bei denen er wirklich neben mir sitzt, meine Hand hält und wir unser Baby auf dem Bildschirm zusammen bestaunen dürfen.


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