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Schwangerschaftstagebuch: Hallo, kleiner Mann!

Eigentlich wollte unsere Autorin Julia Dettmer ganz in Ruhe ihrem Babybauch beim Wachsen zusehen. Dann kam das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. 
Folge #11: Hallo, kleiner Mann!

von Julia Dettmer, 04.09.2020
Protagonistin mit Baby

Meine letzte Kolumne endete mit der Geburtsanmeldung in der Klinik, zu der mein Mann wegen Corona nicht mitdurfte. Da wurde die Beckenendlage meines Sohnes ein weiteres Mal bestätigt und die Ärztin gab mir für eine Woche später einen Termin für die Ermittlung des "Wendungsscores". Er sagt aus, wie gut die Chancen für eine erfolgreiche äußere Wendung stehen. Denn für den Fall, dass sich mein Kleiner nicht mit dem Kopf nach unten legt, riet die Klinik zu einem Kaiserschnitt statt einer natürlichen Geburt. Und natürlich entbinden wollte ich unbedingt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass dieser "Wendungsscore" niemals ermittelt werden würde.

Ödeme – die neuen Begleiter

Aber fangen wir vorne an. Nach dem Termin in der Klinik stand jeden Tag was anderes Schönes an. Am Donnerstag gingen wir mit zwei engen Freunden essen. Am Freitag waren wir zu einem Sommerfest auf einer Dachterrasse eingeladen. Am Samstag fand das Highlight der Woche statt: Meine Freundinnen schmissen eine Baby-Party für uns, die einfach nur riesig Spaß machte – und sooo Lust auf den Nachwuchs. Und am Sonntag besuchten wir meine Familie zu einem ausgiebigen Frühstück. Das alles bei brütenden heißen 30 Grad – und mit viel zu viel Wasser in den Beinen. Ödeme – meine neuen Wegbegleiter. Meine erste Frage lautet nach Ankunft immer: "Habt ihr Eiswürfel da?"

Jeden Augenblick kann er kommen

Am Montag packte mich plötzlich der Erledigungswahn. Wie ein wilder Derwisch hakte ich alle übrigen Punkte auf der Baby-To Do-Liste ab: Wickelunterlagen kaufen, Erste Hilfe-Kurs für Babys recherchieren, meine Muttermale beim Hautarzt checken lassen. Abends war ich platt, aber glücklich. Zufrieden dachte ich noch: Jetzt könnte der Kleine wirklich jeden Augenblick kommen, ich bin bestens vorbereitet.

Ist das ein Blasensprung?

Tja, "Be careful what you wish for" heißt es ja so schön – denn am nächsten Morgen wachte ich um 7 Uhr auf, weil das Bettlaken feucht war. "Oh nein, jetzt bin ich auch noch inkontinent", schoss es mir durch den Kopf. Ich tappte noch etwas benommen ins Badezimmer und bemerkte, dass ich immer noch Wasser verlor. Nicht viel, aber ich konnte es auch nicht kontrollieren. Plötzlich war ich hellwach. Kann das ein Blasensprung sein? Ich rief sofort in der Klinik an. Die Hebamme fragte, ob ich pH-Teststreifen zuhause habe. Hatte ich. Wenn die Dinger anzeigen, dass das Wasser kein Urin ist, sollte ich gleich nochmal anrufen.

Ergebnis: meilenweit entfernt von Urin! Ich rief wieder an und die Hebamme bestellte mich umgehend in die Klinik. Mit dem nächsten Anruf holte ich meinen Mann aus seiner Praxis. Dem Himmel sei Dank, dass die Praxis um die Ecke ist. Er rannte aufgeregt nach Hause. Ich wollte gerade noch einmal einen Blick in die Klinikbroschüre werfen, als mich plötzlich diese unfassbaren Unterleibsschmerzen überkamen. Atmen, Julia, atmen. Die Schmerzen ließen nach. Jetzt gingen schon die Wehen los – und mein Mann war noch nicht da.

"Ok, los geht's"

Als er endlich in die Wohnung stürmte, trafen sich nur noch unsere Blicke und wir sagten fast synchron: "Ok, los geht’s!" Auf dem Weg in die Klinik kommen die Wehen bereits im Abstand von zwei Minuten. Ich atmete, wie im Online-Geburtsvorbereitungskurs gelernt, versuchte mich zu fokussieren und zu beruhigen. Nur keine Stresssignale an den Kleinen senden, wir schaffen das!

Im Krankenhaus angekommen war schnell klar: Unser Baby kommt heute auf die Welt. Ich hatte kaum noch Fruchtwasser. Und dann ging alles ganz schnell. Ich bekam noch mit, dass es einen Notkaiserschnitt gibt und weg war ich.

Eine Stunde später wachte ich auf. Mein Mann saß bei mir, eine Hebamme legte mir behutsam mein Kind auf die Brust. Obwohl ich von der Narkose noch völlig benommen war, erlebte ich diesen Moment total klar: Mein Söhnchen war auf der Welt. Vier Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin hatte er keine Lust mehr auf die Enge im Bauch und wollte mich wohl von den Strapazen der Schwangerschaft bei über 30 Grad befreien.

Da lag er nun auf meiner Brust, schnaufte selig und schlummerte. Mein Mann und ich saugten diesen Augenblick auf, vergessen waren die Sorgen wegen der Beckenendlage, die Wehen, die Hitze, die Ödeme, der Druck unterm Rippenbogen, der ständige Pieseldrang, die To-Do-Listen. Wir tauschten geplatzte Fruchtblase gegen die heile Eltern-Baby-Bubble.


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