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Schwangerschaftstagebuch: Endlich sehe ich meine Ärztin wieder

Eigentlich wollte unsere Autorin Julia Dettmer in Ruhe ihrem Babybauch beim Wachsen zusehen. Dann kam das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Folge #2: Arztbesuche

von Julia Dettmer, 07.05.2020

Anfang Februar: 14 Tage Urlaub auf Sri Lanka lagen hinter mir. Als der Flieger in München landete, wäre ich am liebsten direkt vom Flughafen München zu meiner Gynäkologin in die Innenstadt gedüst. Jetlag? Egal! Auszeit mit dem Ehemann, den ich zwei Wochen nicht gesehen habe? EGAL! Gegen Ende des Urlaubs kam mir der erste Arztbesuch, bei dem meine Schwangerschaft ganz frisch bestätigt wurde, ewig weit weg vor. Hoffentlich war mit dem Baby alles gut! Leider landeten wir aber an einem Freitagabend.

Ablenkung von der Bauch-Panik

Ein Gutes hatte es: Die Corona-Meldungen Anfang Februar lenkten mich zumindest ein bisschen von meiner Bauch-Panik ab. Die Bundeswehr holte gerade 120 Deutsche aus der Region Wuhan zurück und verfrachtete sie erst mal in eine Quarantänestation in einer Kaserne in Rheinland-Pfalz. Trump verhängte ein Einreiseverbot für alle Nicht-Amis, die in China waren. Die Forschung lief währenddessen auf Hochtouren: Wissenschaftler eines Tübinger Biotechnologie-Unternehmens äußerten sich optimistisch, dass man in wenigen Monaten einen Impfstoff entwickelt haben würde.

Auf der Straße spürte man von den zunehmend beunruhigenden Nachrichten noch wenig. Die Münchener Innenstadt war voller Menschen wie eh und je. Restaurants und Cafés waren randvoll, jeder bewegte sich frei wo und wie er wollte. Auch mein Mann und ich gingen am Wochenende nach meiner Rückkehr noch gemütlich mit Freunden spazieren, und deren Kids turnten fröhlich auf den Spielplätzen herum.

Trotzdem, man spürte eine gewisse Unsicherheit. In Gesprächsfetzen hörte man öfter das Wort Corona – auch wir Erwachsenen hatten kaum ein anderes Thema. In meinem Kopf verfingen sich allerhand Fragen, die ich mir am Sonntagabend vorsichtshalber noch notierte, damit ich sie bei meinem Arztbesuch nicht vergessen würde.

Ist mit meinem Baby alles in Ordnung?

Montagmorgen. 6 Uhr, ich bin hellwach. Zum Glück ist der Arzttermin am Vormittag, sonst hätte ich den Tag kaum überstanden. Auf dem Weg in die Praxis schickte ich noch schnell ein Stoßgebet gen Himmel: Bitte, lieber Gott, lass das Herzchen schlagen. Hypernervös betrat ich die Praxis. Mit dem Angstschweiß meiner Hände hätte man dort wohl die Blumen auf dem Fensterbrett wässern können.

"Na, wie war der Urlaub, Frau Dettmer?", durchbrach meine Gynäkologin meine Gedankenspirale, als sie mich aus dem Wartezimmer abholte. Als ich ihr die Hand geben wollte, zuckte sie demonstrativ zurück. Egal, ich wollte nur eines. "Gut, danke. Aber können wir jetzt sofort gucken, ob alles okay ist?" fragte ich und steuerte direkt die Umkleide an. "Na klar", grinste sie. Ich krallte mich an den Armlehnen fest und starrte auf den Bildschirm.

Und da war es – mein Baby. Hatte es beim ersten Besuch vor dem Urlaub die Größe einer Blaubeere, war es nun schon so groß wie eine Erdbeere. Und da pochte es – das winzig kleine Herzchen. "Ist das … ist das …?", stotterte ich. "Ja, ganz richtig. Hier schlägt das Herz, und zwar schön regelmäßig, so wie es in der zehnten Woche sein soll. Das sieht wunderbar aus", erklärte meine Ärztin freudig. Ich glaube, ich habe zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal wieder ausgeatmet.

Mir fiel ein ganzer Steinbruch vom Herzen und meine Hände hörten augenblicklich auf zu schwitzen. Jetzt, wo ich wusste, dass mit meinem Mini-Me alles gut war, konnte ich auch meine ganzen Corona-Fragen stellen. "Besteht eine Gefahr für mein Baby? Was, wenn ich gar nicht merke, dass ich infiziert bin?" Seelenruhig zerstreute sie alle Bedenken: "Es gibt noch keine Studienlage zu infizierten Schwangeren, aber sie gehören nicht zur Risikogruppe. Selbst, wenn die Mutter sich mit SARS-CoV-2 infiziert, federt sie das normalerweise ab, und das Baby bekommt gar nichts mit", erklärte mir meine Ärztin.

SARS-CoV-2 verändert ab jetzt alle Arztbesuche

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das der letzte "normale" Arztbesuch gewesen sein würde. Während ich auf das Ende der kritischen ersten Phase der Schwangerschaft zusteuerte, spitzte sich die Corona-Lage im Land spürbar zu. Die Schutzmaßnahmen machten auch vor meiner sonst so einladenden Frauenarztpraxis nicht halt. Schon beim nächsten Termin nur zwei Wochen später – vier Wochen konnte ich einfach nicht abwarten – wirkte plötzlich alles unangenehm kühl.

Das Wartezimmer war leer. Es saß nicht eine Patientin hier. Die Blumen, die sonst Fensterbänke, Tresen und Tische in der Praxis zierten, waren weg. Die kleine Getränkestation im Wartezimmer? Abgeräumt. Zeitschriften? Entsorgt. Sonst war immer eine Sprechstundenhilfe zu mir gekommen und hatte kurz mit mir gequatscht, jetzt saß ich da ganz alleine. Beim Blutabnehmen warnte mich die Helferin direkt vor: "Wir machen jetzt schnell die Blutabnahme und unterhalten uns nicht groß, okay? Sicher ist sicher." Alles klar, dachte ich und bemerkte, dass sie das ganze Prozedere auch durchaus etwas zügiger als sonst durchführte.

Ende März: Das Coronavirus breitete sich unaufhaltsam aus, in Deutschland galt mittlerweile eine strenge Ausgangs- und Kontaktbeschränkung. Auch die Frauenarztpraxis glich nun eher einem Hochsicherheitstrakt. Kaum hatte ich einen Fuß über die Türschwelle gesetzt, rief mir eine Helferin zu: "Bitte direkt die Hände desinfizieren, Frau Dettmer!" Direkt neben der Tür stand eine Flasche Desinfektionslösung und ich gab eilig davon auf meine Hände und verteilte es. Als ich aufblickte bemerkte ich, dass alle einen Mundschutz trugen. Noch dazu hatten sie eine Plexiglasscheibe am Tresen befestigt – für maximale Trennung von Patientinnen und Personal.

Auch meine Ärztin trug einen Mund-Nasen-Schutz und hielt Abstand. Im Behandlungszimmer waren die Stühle 1,5 Meter vom Besprechungstisch weggerückt, der Mindestabstand war mit Klebeband am Boden markiert. "Setzen Sie sich", sagt meine Ärztin schmunzelnd, als sie meine Irritation bemerkte. Ich glaube zumindest, dass sie geschmunzelt hat, ich konnte es wegen des Mund-Nasen-Schutzes ja nicht sehen.

Anstatt die Vorsichtsmaßnahmen dankbar als professionell zu werten, weil sie ja am Ende meinem und dem Kindswohl dienten, verursachten all diese lippenlosen Gesichter bei mir eher ein schauerliches Gefühl.

Das Gefühl, total warm empfangen zu werden und mich einfach nur richtig geborgen zu fühlen, war passé. Meine Arztbesuche glichen von Mal zu Mal einem spröden Behördengang. Wäre da nicht jedes Mal das Wiedersehen mit meinem Baby gewesen, ich hätte darauf verzichtet. Die abschließenden Tipps meiner Ärztin: Ich sollte mich vernünftig verhalten – also möglichst zuhause bleiben, auf gesteigerte Hygiene achten – noch mehr Hände waschen, gesund leben – spazieren gehen, radeln, aber bitte nur allein oder mit meinem Mann – und keine Panik bekommen. Wie soll man denn da keine Panik bekommen?


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