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Schwangerschaftstagebuch: Allein und doch zu zweit

Eigentlich wollte unsere Autorin Julia Dettmer in Ruhe ihrem Babybauch beim Wachsen zusehen. Dann kam das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Folge #5: Der erste Tritt

von Julia Dettmer, 12.06.2020
Protagonistin mit Utensilien: Mutterpass, Ultraschall-Gummibärchen, Bücher und Aufnahmegerät und neu: Kamera

Rückblick, Anfang April: Mittlerweile ertrugen wir die coronabedingten Ausgangsbeschränkungen seit drei Wochen. Ich war gerade auf einem meiner täglichen einstündigen Spaziergänge durch den Englischen Garten in München (die Worte meiner Gyn stets im Ohr: "Je fitter Sie in die Geburt gehen, desto mehr Kraft haben Sie und es geht schneller") und beobachtete dabei immer mehr größere Grüppchen, die sich auf den Wiesen breitmachten – dicht an dicht und ohne Mundschutz. "Wenn ihr alle in WGs wohnt, gebäre ich Drillinge", dachte ich und ärgerte mich ein wenig über den Leichtsinn der Mitmenschen. Gleichzeitig versuchte ich, nicht zu streng zu urteilen, denn in mir nagte ja auch das Verlangen nach Normalität.

Der Babybauch ist da und ich kann ihn keinem zeigen

Ostern stand vor der Tür und mein Mann und ich durften unsere Familien nicht besuchen. Ich hätte meine kleinen Nichten (3 und 5) so gerne bei der Eiersuche beobachtet, dabei liebevoll mein 19-Wochen-Babybäuchlein gestreichelt und wenig später ebendiese Rundung stolz meiner Family präsentiert – Pustekuchen. Seit Anfang Februar durfte ich meine Liebsten nicht mehr sehen. Meine Mama hatte doch sogar schon den alten Stubenwagen vom Dachboden herunterbugsiert, in dem meine Schwestern und ich schon gelegen hatten. Ein wunderschöner Korb auf Rädern mit cremefarbenem Schirm. Bisher kannte ich ihn nur von Fotos aus den 80ern, bald sollte mein kleines Baby darin schlummern. Das gute Stück wartete jetzt bei meinen Eltern auf mich und ich konnte es nicht abholen, dabei wohnten sie nur anderthalb Stunden entfernt. Die Strecke ein Katzensprung, das Kontaktverbot ein Katzenjammer.

Hallo, kleiner Mitbewohner!

Ich setzte mich für eine kurze Spazierpause auf eine Parkbank und wollte meiner Mama schreiben, als mich plötzlich etwas von meinen trübsinnigen Gedanken ablenkte. Etwas Pochendes. Da unten. Ich hielt die Luft an. Konnte das sein? Das Handy schon in der Hand öffnete ich nicht den Mama-Chat, sondern suchte nach "Ab wann spürt man das Baby im Bauch". Und siehe da: Genau ab jetzt! Zwischen der 18. und 20. Woche kann man die ersten Kindsbewegungen spüren. Da saß ich nun allein auf dieser Parkbank – und war doch ganz und gar nicht allein. Mein/e kleine/r Bauchmitbewohner/in meldete sich mit kleinen Tritten bei mir, als wollte sie/er mir sagen: "Mama, nicht traurig sein, zur Not besuchen wir Oma, Opa und die Tanten dann eben zusammen, wenn ich da bin." Normalerweise bin ich wirklich kein sentimentaler Typ und es braucht schon ein Titanic-ähnliches Drama, um mir eine Träne zu entlocken. In diesem Moment, in dem ich zum ersten Mal das leichte Pochen in meinem Bauch bemerkte, kullerte mir aber doch eine über die Wange. Was für ein wunderschönes Gefühl. ENDLICH!

Das erste Zipperlein

Ich hatte nämlich schon so lange auf ein Zeichen aus der Bauchgegend gewartet. Meine Schwangerschaft verlief fast gespenstisch beschwerdefrei – so beschwerdefrei, dass ich mir manchmal schon wieder Sorgen machte, ob alles in Ordnung war. Keine Übelkeit, keine Müdigkeit, kein Ziehen, kein Heißhunger, nichts außer der Mini-Rundung deutete auf mein baldiges Mama-Dasein hin. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir manchmal sogar eine kleine Übelkeitsattacke gewünscht, um eine Bestätigung zu haben. Vermutlich verfluchen mich an dieser Stelle alle Leserinnen, die genau damit zu kämpfen hatten.

Doch quasi zeitgleich mit dem ersten Tritt setzte dann auch bei mir ein Zipperlein ein: Meine Blase schien ihr Volumen extrem minimiert zu haben. Sorry für die schonungslose Ehrlichkeit, aber ich musste ständig pieseln. Als ich mich auf der Parkbank wieder gefangen hatte, bemerkte ich es. Das Baby hatte offenbar richtig Spaß dran, auf meiner Blase herumzuturnen und mit jeder Bewegung musste ich dringender auf die Toilette. Ich griff mir also meine Handtasche und hastete los in Richtung Wohnung. Denn die öffentlichen Toiletten, die zu den Biergärten im Englischen Garten gehörten, waren natürlich allesamt geschlossen.

Tja, überdurchschnittlich viele Toilettenbesuche sollten also fortan mein ganz persönliches Schwangerschaftszipperlein sein. Nicht lachen, aber 20 Mal am Tag wurden sehr schnell völlig normal und mein Mann amüsierte sich köstlich. Ich gewöhnte mir schleunigst an, vor jedem Hausverlassen kurz zu überlegen, wo ich im Fall der Fälle Rettung finden könnte. Unter diesen Voraussetzungen konnte ich den verbotenen Familienbesuchen doch etwas Positives abgewinnen: Pinkelpausen auf langen Autofahrten blieben mir bis auf Weiteres erspart.


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