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SARS-CoV-2 in der Kita – was passiert jetzt?

„Corona in der Kita – wir müssen schließen!“ Vor diesem Anruf fürchten sich Eltern zurzeit am meisten. Denn er bedeutet in der Regel 14 Tage Quarantäne. Doch wie gestaltet sich so eine Kita-Schließung in der Praxis?

von Kira Brück, 30.10.2020

Dies ist keine Wohnung, dies ist eine Stadt aus bunten Plastikbausteinen. Mittendrin: eine Fünfjährige und ein Siebenjähriger – ins Bauen vertieft und dabei sehr vergnügt. Wer an Corona-Quarantäne denkt, hat ein anderes Bild im Kopf. Nämlich überdrehte Kinder, überforderte Eltern, kurz Lagerkoller. Aber das hier ist weit weg davon, irgendwo zwischen Euphorie eines Baubooms und Gelassenheit einer Meditation. Jana Uhl* hat mit ihren Kindern Ella und Samuel aufgebaut, was die jahrelange Sammlung an Bausteinen hergibt. Und das ist einiges. Hier ein Märchenschloss, da eine Autowerkstatt, an ihnen vorbei führen Gleise der Eisenbahn durch das ganze Zimmer und an einem großen Bahnhof vorbei. "Als wir fertig waren, ließen wir unser Werk eine Weile stehen. Aber dann wollten wir hier wieder wohnen und sortierten alle Steine nach Farben. Das wäre ohne Quarantäne niemals möglich gewesen, die Geduld hätten wir nicht aufgebracht", sagt Jana Uhl schmunzelnd.

Ein Fall von SARS-CoV-2 in der Kita

Die alleinerziehende Mutter erreichte der Anruf, dass ihre Tochter am nächsten Tag nicht mehr in die Kita gehen kann, an einem Oktoberabend um 18 Uhr. "Als ich die Nummer auf meinem Telefon sah, wusste ich gleich: Das muss etwas Ernstes sein." Ihr Gefühl stimmte, eine Erzieherin war positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden, somit musste Ellas Gruppe für 14 Tage in Quarantäne gehen. "Für mich ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, denn die kommenden Tage waren arbeitstechnisch extrem fordernd", erzählt die 39-Jährige. Samuel hatte zum Glück gerade Herbstferien, so konnten sich die Geschwister miteinander beschäftigen, während ihre Mutter zu Hause arbeitete. "Uns kam zu Gute, dass wir durch den Lockdown im Frühjahr krisenerprobt sind. Wir drei sind ein gutes Team in extremen Situationen", sagt Jana Uhl.

Die Kita meldet an Eltern und Gesundheitsamt

Janas Tochter Ella geht in die Evangelische Kita St. Elisabeth in Berlin-Mitte. Diese hatte da bereits schon gruppenübergreifende Aktivitäten eingestellt und war zu geschlossenen Gruppen übergegangen. Als die Kita-Leitung Katja Zimmermann von der Erzieherin die Meldung erhielt, dass deren Test auf SARS-CoV-2 positiv ist, rief sie sofort alle Eltern der Gruppe an. So steht es im Handbuch, dass alle Kindertagesstätten von ihren Trägern erhalten haben.

Im zweiten Schritt meldete Katja Zimmermann den Fall beim zuständigen Gesundheitsamt und gibt die Namen, Adressen und Telefonnummern der Kontaktpersonen durch. Das sind in diesem Fall die Kinder der Gruppe sowie weitere Pädagogen. "Wer ungefähr 15 Minuten in einem geschlossenen Raum näheren Kontakt hatte, gilt als Kontaktperson ersten Grades. Ab dann übernimmt das jeweilige Gesundheitsamt und spricht die Quarantäne aus", sagt die Kita-Leiterin. Die Einrichtungen selbst entscheiden nicht darüber, ob und wann Gruppen oder die gesamte Einrichtung geschlossen wird. Über solche Maßnahmen bestimmt immer das Gesundheitsamt.

Ein negatives Testergebnis ändert nichts an der Quarantäne

Weil sich das für Jana Uhl zuständige Amt in Pankow erst einmal nicht meldete, ergriff die Mutter die Initiative und rief nach zwei Tagen selbst an. "Ella hatte leicht erhöhte Temperatur, das wollte ich abklären lassen", erzählt sie. Der Test auf SARS-CoV-2 fiel negativ aus. "Was ich nicht wusste: Ein negatives Ergebnis ändert nichts an der Quarantäne. Ella musste so oder so 14 Tage zu Hause bleiben." Die Unterschiede können regional stark variieren. Während etwa das Gesundheitsamt Berlin-Mitte Kita-Kinder nach einem Corona-Fall standardmäßig testet, ordnet das Amt der benachbarten Stadtteils Berlin-Pankow nur Tests bei Kindern mit Symptomen an (Stand: 24.10.2020).

"Die Entscheidung darüber, welche Maßnahmen bei einer Corona-Infektion in oder im Umfeld einer Kindertageseinrichtung zu treffen sind, obliegt den örtlichen Gesundheitsämtern. Nach den bisherigen Erkenntnissen im Rahmen der Corona-KiTa-Studie, die vom Deutschen Jugendinstitut und dem Robert-Koch-Institut durchgeführt wird, werden im Fall von notwendigen Schließungen jedenfalls zunehmend eher einzelne Gruppen und nicht mehr die ganze Einrichtung geschlossen", sagt eine Sprecherin des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Kitas als Infektionstreiber? Eher nicht.

Auf die Pandemie folgten für alle gesellschaftlichen Gruppen Einschränkungen – aber für Familien mit kleinen und schulpflichtigen Kindern brachen fast alle Unterstützungsstrukturen weg: Kita, Schule, Hort, Babysitter, Großeltern. Im Lockdown bedeutete das, Kinderbetreuung, Job und Haushalt irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Das kann schnell zu viel sein. Und so fühlen sich gerade viele Eltern, als sei der Akku leer.

Am Anfang der Pandemie befürchteten Wissenschaftler, dass sich das neuartige Coronavirus ähnlich wie das Grippe-Virus ganz besonders schnell in Kindertagesstätten und Schulen verbreitet. Heute weiß man dazu schon etwas mehr. Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey stellte Mitte Oktober gemeinsam mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Ergebnisse der Corona-KiTa-Studie vor. "Aktuell weist die Studienlage darauf hin, dass Kinder im Kitaalter nicht die Infektionstreiber sind", sagte Giffey. Die Zahlen sprechen für sich: Seit Beginn der Pandemie bis Mitte Oktober zählte das Robert-Koch-Institut lediglich 79 Ausbrüche in Kitas deutschlandweit.

Viele Eltern haben trotzdem ein Horrorszenario vor Augen, wenn sie an den bevorstehenden Winter denken. Was, wenn eine Quarantäne-Anordnung auf die nächste folgt? Wenn ständig von ihnen verlangt wird, eines oder mehrere Kinder für zwei Wochen zu Hause zu lassen? Während des Lockdowns im Frühjahr durfte man wenigstens Spazieren gehen oder auf einer Wiese toben. In der Quarantäne ist auch das verboten.

"In der Quarantäne wirft man die eigenen Erziehungs-Parameter über den Haufen"

Andrea Juris aus Neuss hat gerade wieder die Erfahrung gemacht, wie fordernd es sein kann, ein gesundes Kind zu Hause zu lassen. Ohne Kontakt zu anderen, ohne Austoben an der frischen Luft. In ihrer Kita war ein Erzieher an Corona erkrankt, ein sogenannter Springer, der in mehreren Gruppen tätig ist, weshalb die gesamte Kita geschlossen werden musste. Mitgeteilt wurde Andrea Juris das samstags per Gruppenchat vom Elternbeirat. Sonntags bestätigte dies die Kita-Leitung per E-Mail. "Diese Nachricht war irgendwie erschreckend, Corona kommt jetzt immer näher", sagt die 39-Jährige.

Erst Mittwochnachmittags meldet sich das Gesundheitsamt bei Familie Juris – mit dem Angebot eines freiwilligen Tests. Zu spät, denn Andra Juris kontaktiert montags direkt den befreundeten Hausarzt, um sich und ihn testen zu lassen – mit negativem Ergebnis. Ihren Job bei der Finanzverwaltung übt sie seit dem Lockdown im März ohnehin aus dem Homeoffice aus. "Trotzdem war es emotional eine fordernde Zeit. Ich begann morgens um fünf Uhr mit der Arbeit, um schon etwas zu schaffen, bevor Ben aufstand. In den ersten Tagen hat es geklappt, dass Ben sich selbst beschäftigt, doch dann stand er alle zehn Minuten auf der Matte. Man wirft dann die eigenen Erziehungs-Parameter über den Haufen und schaltet zu oft den Fernseher ein", erzählt Andrea Juris.

Weil ihr Mann eine Großbäckerei leitet, übernachtet er in seinen Büroräumen. Denn bei einer Corona-Erkrankung müsste er den Betrieb schließen. "Dieses Risiko wollten wir nicht eingehen. Für die Quarantäne war ich also alleinerziehend", sagt Andrea Juris. Und der fünfjährige Ben? "Ich habe den Eindruck, dass er sehr stark die Unsicherheit gespürt hat, die in der Luft lag. Er begann, an den Nägeln zu kauen." Prima lief der Kontakt mit den anderen Eltern, unter anderem gab es Videoanrufe. Und in der zweiten Quarantäne-Woche meldete sich auch die Kita mit Bastel- und Beschäftigungsideen.

Und was ist mit dem Job?

Arbeiten in Zeiten von Corona, da ist häufig die Rede von Homeoffice. Was aber, wenn Eltern keine Möglichkeit haben, zu Hause zu arbeiten, etwa weil sie in der Pflege, im Handwerk oder in der Gastronomie tätig sind? Im Lockdown wurden bereits Überstunden abgebaut, Resturlaub genommen, vielleicht sogar Minusstunden produziert. Das ist bei vielen jetzt nicht mehr möglich.

"Wenn nur das Kind in Quarantäne ist, müssten die Eltern arbeiten gehen. Gleichzeitig haben sie eine Aufsichtspflicht. Um Eltern hier zu unterstützen, wurde in Paragraf 56 des Infektionsschutzgesetzes (InfSG) der Absatz 1a eingefügt. Dieser besagt, dass Eltern, die ein Kind unter 12 Jahren wegen Quarantäne zu Hause betreuen, eine Entschädigung in Höhe von 67 Prozent ihres Einkommens gezahlt bekommen", erklärt Peter Klenter, Landesrechtschutzleiter des ver.di Landesbezirk Hessen.

Der Anspruch auf die Entschädigungszahlung besteht zehn Wochen pro erwerbstätige Person, 20 für Personen, die ihr Kind alleine beaufsichtigen, betreuen und pflegen. Und was ist noch zu beachten? Quarantäne-Tage sind keine Kinderkrankentage. Hier sollten sich Arbeitnehmer also unbedingt auf Paragraf 56 berufen. Ist das Kind trotzdem einmal krank: Wegen Corona wurden die Kinderkrankentage für das Jahr 2020 auf fünf Tage je Elternteil auf insgesamt 30 Tage pro Elternpaar aufgestockt.

 

*In dieser Familie wurden die Namen von der Redaktion geändert


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