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Kinderwunsch trotz Corona: Jetzt ein Baby?

Die Corona-Pandemie kann sich auf den Kinderwunsch auswirken. Denn auch Paare leben momentan in Unsicherheit. Manche überdenken da ihre Familienpläne

von Nele Langosch, 25.05.2020

Niemand weiß, wann unser Leben wieder so sein wird wie vor der Corona-Pandemie. Die Zukunft ist ungewiss – auch für Paare, die eine Familie gründen oder ein weiteres Kind zeugen wollen. Verschieben sie nun ihren Plan? Oder kommt es gar zu einem Babyboom, weil Paare in der Isolation mehr Zeit für Sex haben?

Letzteres hält der Psychologe Prof. Dr. Tewes Wischmann für unwahrscheinlich. Er berät Frauen und Männer bei unerfülltem Kinderwunsch im Universitätsklinikum Heidelberg und sagt: "Die Paare sind stark verunsichert. Und aus der Vergangenheit wissen wir, dass die Umsetzung des Kinderwunsches bei Unsicherheit radikal zurückgeht."

Geldsorgen beeinflussen Kinderwunsch

Mehrere Faktoren können die Entscheidung für ein Kind momentan beeinflussen. Zum einen Angst vor Jobverlust oder Geldsorgen. "Sobald es wirtschaftlich bergab geht, wollen Menschen lieber keine Familie gründen", so Tewes Wischmann. Deutlich wurde das zuletzt nach der Finanzkrise 2008 wie eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock zeigt. Als die Arbeitslosenzahlen in einigen europäischen Ländern wie Spanien und Irland in die Höhe schossen, sank dort gleichzeitig die Geburtenrate.

Eine aktuell an der italienischen Universität Florenz durchgeführten Befragung lässt vermuten, dass eine ähnliche Entwicklung auch nach der Corona-Krise möglich ist: Über ein Drittel der 1.482 befragten Männer und Frauen, die sich vor der Pandemie ein Kind gewünscht hatten, sah nun von diesen Plänen ab. Bei mehr als der Hälfte spielten berufliche und finanzielle Sorgen eine Rolle. Die Studie ist nicht repräsentativ und daher nur ein Hinweis auf die tatsächliche Stimmungslage. Doch auch der Soziologe Prof. Dr. Johannes Kopp von der Universität Trier meint: "Mit Kindern legt man sich biografisch fest und schränkt seine Optionen ein. Es spricht relativ wenig dafür, dass momentan solche langfristigen Bindungen eingegangen werden."

Mögliche Gesundheitsrisiken verunsichern

Die Befragung aus Italien deutet auf einen zweiten Einflussfaktor hin: die ungeklärten gesundheitlichen Risiken für das ungeborene Kind und die Schwangere. "Es gibt bisher kaum verlässliche Forschung über die Auswirkungen einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in der Schwangerschaft", bestätigt Dr. Maren Goeckenjan, Gynäkologin und Oberärztin in der Kinderwunschsprechstunde des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden. "Diese Unwägbarkeiten muss man aushalten." In ihrer Klinik hätten in den vergangenen Wochen einige Paare aufgrund von Vorerkrankungen die Kinderwunschbehandlung abgebrochen, andere aus finanziellen Gründen. "Es kommt auch vor, dass wir befruchtete Eizellen oder Embryonen einfrieren, um die Behandlung zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen", so Maren Goeckenjan.

Im Hinblick auf die gesundheitlichen Risiken kann die Medizinerin jedoch beruhigen: "Der Verlauf einer Infektion in der Schwangerschaft entspricht nach bisherigen Erkenntnissen dem gleichaltriger nicht-schwangerer Frauen, ist also eher mild. Außerdem werden ungeborene Kinder offenbar nicht oder kaum durch die Mutter angesteckt."

Paardynamik ist entscheidend

Doch die Krise kann auch die Beziehung der Paare belasten. Sie verbringen momentan ungewöhnlich viel Zeit miteinander, ohne den gewohnten Ausgleich durch Aktivitäten wie Sport und Kultur oder Treffen mit Freunden. "Der Kinderwunsch ist abhängig von der Paardynamik", erklärt Soziologe Johannes Kopp. Es sei nicht auszuschließen, dass jemand sich in der jetzigen Situation überlege, mit dem Partner doch keine Kinder zu bekommen.

"Möglich ist aber auch, dass man das Zusammenleben gerade besonders toll findet", so Johannes Kopp. Dann könnte die Krise den Willen zur Familiengründung oder -erweiterung sogar bestärken. In der Befragung aus Italien gab tatsächlich ein kleiner Teil der Männer und Frauen an, sich erst während des Lockdowns für ein gemeinsames Kind entschieden zu haben. Für den Psychologen Tewes Wischmann stellt diese Gruppe eine Minderheit dar: "Kurzfristig könnte man denken, dass Kinder das Einzige sind, das wir dem Tod entgegensetzen können. In der Regel überwiegt dann aber die Vernunft."

Einflussfaktor Alter

In die Kinderwunschsprechstunde von Maren Goeckenjan kommen momentan vor allem jene Paare, die ihren Kinderwunsch nicht länger aufschieben können und wollen: "Besonders die Paare stehen unter Druck, wenn sie schon älter sind oder wenn mehrere Vorbehandlungen erfolglos verliefen", erzählt die Gynäkologin. Auch nach der Wirtschaftskrise 2008 ließen sich die über 40-Jährigen von steigenden Arbeitslosenzahlen kaum in ihrem Willen zur Familiengründung beeinflussen – im Gegensatz zu jüngeren Frauen.

Ob Paare trotz der Corona-Pandemie ihren Kinderwunsch umsetzen, ist also abhängig von Lebenssituation, Alter und Vorerkrankungen. Auch der persönliche Umgang mit Krisen und Risiken kann entscheidend sein. Welche Erkenntnisse uns zu dem Virus in neun Monaten vorliegen werden, wie die Geburt dann ablaufen wird, ob Angehörige die junge Familie werden unterstützen können: Vieles bleibt unklar. Psychologe Tewes Wischmann meint: "Menschen, die den Unwägbarkeiten des Lebens gegenüber relativ tolerant sind, lassen sich vermutlich weniger verunsichern."


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