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Kinderwunsch trotz Corona: Jetzt ein Baby?

Die Corona-Pandemie kann sich auf den Kinderwunsch auswirken. Denn auch Paare leben momentan in Unsicherheit. Manche überdenken da ihre Familienpläne. Die Kinderwunschzentren dagegen verzeichnen einen stärkeren Zulauf.

von Nele Langosch, aktualisiert am 03.03.2021

2020 war ein Jahr der Ungewissheit und Isolation. Noch immer weiß niemand, wann unser Leben wieder so sein wird wie vor der Corona-Pandemie. Was bedeutet das für Paare, die eine Familie gründen oder ein weiteres Kind zeugen wollen? Verschieben sie nun ihren Plan? Oder kommt es gar zu einem Babyboom?

Virus schreckt Paare nicht ab

Eine Auswertung des Deutschen IVF-Registers e.V. ergab: Paare, die auf künstliche Befruchtung angewiesen waren, ließen sich 2020 von dem Virus nicht abschrecken. Im Corona-Jahr wurden in Deutschland über neun Prozent mehr Kinderwunschbehandlungen durchgeführt als im Vorjahr. In die Auswertung flossen die Daten von 113 der 138 Kinderwunschzentren ein, die in dem Deutschen IVF-Register registriert sind.

Das Ergebnis ist vor allem auf einen deutlichen Anstieg der Behandlungen in privaten Kinderwunschpraxen zurückzuführen (+10,1%). Die Zahl der Behandlungen an den Zentren der Universitätskliniken blieb dagegen in etwa konstant (+1,1%). Den meisten universitären Zentren war es während des ersten Lockdowns im März und April verboten, neue Zyklen zu starten, während Frauen und Männer in vielen Privatpraxen nach entsprechenden Maßnahmen weiter behandelt wurden. Der Kinderwunsch scheine größer zu sein, als Sorgen um Mutter und Kind wegen des Coronavirus, so das Fazit der Auswertung.

Eher milder Verlauf

"Es hat sich in den vergangenen Monaten in Deutschland gezeigt, dass der Verlauf einer Infektion in der Schwangerschaft im Durchschnitt dem gleichaltriger nicht-schwangerer Frauen entspricht, also eher mild ist. Bestimmte schwangerschaftsbedingte Risiken wie Frühgeburt des Kindes und Thrombosen kommen etwas häufiger bei infizierten Schwangeren vor", sagt Dr. Maren Goeckenjan, Gynäkologin und Oberärztin in der Kinderwunschsprechstunde des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden. "Außerdem werden ungeborene Kinder offenbar nicht oder kaum durch die Mutter angesteckt. Ein Kaiserschnitt oder das Abstillen müssen nicht empfohlen werden." Für die Kinderwunschbehandlung sei es trotzdem sehr wichtig, dass sich die Frauen nicht mit dem Virus infizierten. Denn die Behandlung beinhaltet auch einen operativen Eingriff, bei dem Eizellen unter Vollnarkose entnommen werden. Außerdem wird der Hormonstoffwechsel der Frauen künstlich beeinflusst. Dies wirkt sich auf ihre körperliche Fitness aus. "Bei einer nachgewiesenen Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 müssten wir überlegen, ob wir überhaupt operieren. Bis dahin hätten Paare viel Zeit, Geld für die Behandlung und Hoffnungen umsonst investiert", sagt Goeckenjan. Bisher hatte in ihrem Kinderwunschzentrum jedoch noch keine Frau einen positiven Coronatest. "Obwohl wir in Sachsen von der zweiten Welle besonders betroffen waren, gelang es den Paaren offenbar, sich im Sinne der Abstands- und Hygieneregeln selbst vor Infektionen zu schützen."

Ältere Paare stehen unter Druck

In die Kinderwunschsprechstunde von Maren Goeckenjan kamen im vergangenen Jahr vor allem jene Frauen und Männer, die ihren Kinderwunsch nicht länger aufschieben konnten und wollten: "Besonders die Paare stehen unter Druck, die schon älter sind oder bei denen mehrere Vorbehandlungen erfolglos verliefen", erzählt die Gynäkologin. Auch nach der Wirtschaftskrise 2008 ließen sich die über 40-Jährigen von steigenden Arbeitslosenzahlen kaum in ihrem Willen zur Familiengründung beeinflussen – im Gegensatz zu jüngeren Frauen.

Der Bericht des IVF-Registers weist zudem darauf hin, dass viele Paare mehr Zeit für eine Behandlung gehabt haben könnten, zum Beispiel durch Homeoffice. Auch größere finanzielle Mittel durch die Pandemie seien denkbar, da zum Beispiel Urlaubsreisen ausgefallen seien.

"Manche Paare haben ihre Familienplanung zeitlich etwas vorgezogen, weil sie weniger Geldsorgen hatten und Termine besser planen konnten", bestätigt der Psychologe Prof. Dr. Tewes Wischmann. Er berät Frauen und Männer bei unerfülltem Kinderwunsch im Universitätsklinikum Heidelberg. "An der Bereitschaft zur Kinderwunschbehandlung hat Corona kaum etwas geändert." Daraus lasse sich aber nicht auf die Auswirkungen der Pandemie auf den Kinderwunsch allgemein schließen. "Wenn sich ein Kinderwunsch entwickelt, wird die Verhütung abgesetzt. Eine Behandlung beginnen die Paare erst viel später."

Ob im Corona-Jahr 2020 ungewöhnlich viele Kinder gezeugt wurden, werden die Geburtenzahlen der kommenden Zeit zeigen, wenn diese Babys auf die Welt kommen. Der Psychologe Tewes Wischmann hält einen Boom für unwahrscheinlich: "Die Paare sind stark verunsichert. Und aus der Vergangenheit wissen wir: Sobald es wirtschaftlich bergab geht, wollen Menschen lieber keine Familie gründen." Deutlich wurde das zuletzt nach der Finanzkrise 2008 wie eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock zeigt. Als die Arbeitslosenzahlen in einigen europäischen Ländern wie Spanien und Irland in die Höhe schossen, sank dort gleichzeitig die Geburtenrate.

Ähnliche Entwicklung möglich

Dass eine ähnliche Entwicklung auch nach der Corona-Krise möglich ist, ließ im Frühjahr 2020 eine Befragung der italienischen Universität Florenz vermuten: Über ein Drittel der 1.482 befragten Männer und Frauen, die sich vor der Pandemie ein Kind gewünscht hatten, sah nun von diesen Plänen ab. Bei mehr als der Hälfte spielten berufliche und finanzielle Sorgen eine Rolle, ebenso wie die damals unklaren gesundheitlichen Risiken für das ungeborene Kind und die Schwangere. Die Studie ist nicht repräsentativ und daher nur ein Hinweis auf die tatsächliche Stimmungslage zu Beginn der Pandemie. Doch auch der Soziologe Prof. Dr. Johannes Kopp von der Universität Trier meint: "Mit Kindern legt man sich biografisch fest und schränkt seine Optionen ein. Es spricht relativ wenig dafür, dass zu Beginn der Pandemie solche langfristigen Bindungen eingegangen wurden."

Die Krise kann auch die Beziehung der Paare belasten. Viele verbringen durch die Kontaktbeschränkungen ungewöhnlich viel Zeit miteinander, ohne den gewohnten Ausgleich durch Aktivitäten wie Sport und Kultur oder Treffen mit Freunden. "Der Kinderwunsch ist abhängig von der Paardynamik", erklärt Soziologe Johannes Kopp. Es sei nicht auszuschließen, dass jemand sich in der jetzigen Situation überlege, mit dem Partner doch keine Kinder zu bekommen." Möglich ist aber auch, dass man das Zusammenleben gerade besonders toll findet", so Johannes Kopp. Dann könnte die Krise den Willen zur Familiengründung oder -erweiterung sogar bestärken. In der Befragung aus Italien gab tatsächlich ein kleiner Teil der Männer und Frauen an, sich erst während des Lockdowns für ein gemeinsames Kind entschieden zu haben. Für den Psychologen Tewes Wischmann stellt diese Gruppe eine Minderheit dar: "Kurzfristig könnte man denken, dass Kinder das Einzige sind, das wir dem Tod entgegensetzen können. In der Regel überwiegt dann aber die Vernunft."

Viele Einflussfaktoren

Ob Paare trotz der Corona-Pandemie ihren Kinderwunsch umsetzen, ist also abhängig von Lebenssituation, Alter und Vorerkrankungen. Auch der persönliche Umgang mit Krisen und Risiken kann entscheidend sein. Psychologe Tewes Wischmann meint: "Menschen, die den Unwägbarkeiten des Lebens gegenüber relativ tolerant sind, lassen sich vermutlich weniger verunsichern."


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