{{suggest}}


Kinderarzt Renz-Polster: „Die Schulen müssen sich jetzt neu erfinden“

Wegen der Corona-Pandemie mussten die Schulen vorübergehend schließen. Nach den Sommerferien soll es zurück in den Normalbetrieb gehen. Kinder- und Jugendarzt Dr. Herbert Renz-Polster fordert jetzt umso mehr ein Umdenken

von Tim Farin, 20.07.2020

Herr Renz-Polster, das zurückliegende Schuljahr brach wegen des Ausbruchs des Coronavirus SARS-CoV-2 quasi ab. Nach den Sommerferien soll es in Deutschlands Schulen wieder mit Präsenzunterricht weitergehen. Wird es, speziell mit Blick auf die Grundschulen, ein Bildungsangebot geben, das auch die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder berücksichtigt?

Ich erwarte ein Klein-Klein, manchen Schulen wird es besser gelingen als anderen. So wie während der Schulschließungen auch. Schließlich sind da ja nicht nur schulische Abläufe und Organisationsformen umzugestalten, damit sie in Bezug auf das Corona-Infektionsgeschehen sinnvoll sind. Es stellt sich jetzt auch die Frage, wie die Klassen wieder als Gemeinschaft zusammenfinden und wie die Kinder nach dieser Rüttelstrecke wieder in eine sichere Spur kommen. Einige von ihnen hat es ja ganz schön hart getroffen. Zu den Änderungen im Hygieneplan gehören meines Erachtens deshalb auch Änderungen im pädagogischen Prozedere. Und ich hoffe nicht, dass wir da beim kleinsten gemeinsamen Nenner landen: Zurück zur alten Schule, nur mit mehr Hygieneanforderungen.

Was sollte sich kurzfristig ändern?

Was die Pandemie angeht müssen wir das Verständnis der Virologen nutzen. Schulen sollten mit einem Sicherheitsnetz von laufenden Testungen auf das Virus versehen werden. Regelmäßige Abstriche lassen sich schon bei älteren Grundschulkindern gut umsetzen. Das wird umso wichtiger, je älter die Kinder sind. Geschlossene Räume gilt es zu meiden. Ob es da mit mehr Lüften getan ist, wie die Kultusministerkonferenz in ihrem Rahmendokument zu den Hygienemaßnahmen vorsieht, wage ich zu bezweifeln. Ich vermisse in diesem Dokument die klare Empfehlung, so viel Unterricht wie möglich nach draußen zu verlagern.

Dr. Herbert Renz-Polster, Kinder- und Jugendarzt

Ab in den Wald statt ins Schulgebäude?

Ach, das muss ja nicht immer die freie Natur sein, das geht auch in überdachten Unterständen. Hauptsache, es existiert ein beständiger Luftaustausch. Glücklicherweise gibt es ja durchaus warme Kleidung. Das funktioniert auch seit langer Zeit in Waldkindergärten. Wo ist denn das Problem? In Dänemark sind bereits zehn Prozent der Schulen so eingerichtet, dass Unterricht draußen stattfindet. Wem das zu radikal ist, muss bedenken, dass hier ja durchaus große Dinge auf dem Spiel stehen: Wenn wir nicht konsequent handeln, können wir die Kinder über lange Zeit nicht ordentlich beschulen. Dann drohen Infektionsketten, dann droht Stop-and-Go. Und das – da sind sich alle einig – ist für die Kinder langfristig ungesund, weil es ihre psychische Entwicklung beeinträchtigt.

Wo sehen Sie in Schulen den größten Organisationsbedarf?

Im Raum stehen doch zwei Strategien: die bisherige Schule mit Hygienemaßnahmen, vielleicht sogar Mund-Nasen-Bedeckung und besserer Lüftung auf der einen Seite. Diese Version von Schule läuft dann organisatorisch in etwa wie bisher weiter. Ob sie dann auch bei höheren Corona-Infektionszahlen funktioniert, das bleibt fraglich. Mit Blick auf die vielen Viruserkrankungen im Herbst bin ich da skeptisch. Zu diesem Konzept gehört nach dem Plan der Kultusministerkonferenz auch, dass Kinder mit einfachsten Erkältungssymptomen wie zum Beispiel Schnupfen nach Hause geschickt werden. Und den haben ja gerade Grundschulkinder sehr häufig.

Dann sind im Herbst wahrscheinlich sehr viele Kinder betroffen …

Das Ergebnis wäre ein individuelles Stop-and-Go, das dann eigentlich mit einem gut funktionierenden virtuellen Parallelunterricht für die zuhause geparkten Kinder aufgefangen werden müsste. Aber gibt es das denn an allen Schulen? Die Alternative – und somit zweite Strategie – wäre das tiefergehende Konzept, in dem die Rahmenbedingungen konsequent auf Übertragungsvermeidung gepolt werden: Unterricht so oft es geht draußen, und gleichzeitig eine konsequente Umsetzung des Kohortenprinzips. Für die Grundschüler bedeutet das, Unterricht und Pausen ausschließlich im Klassenverband. An weiterführenden Schulen müssten Schüler und Schülerinnen in festen Lerngruppen unterrichtet werden. Und, wie schon gesagt, regelmäßige Tests auf das Coronavirus würden den Schulbetrieb sichern. Dann könnten wir vielleicht bei den Symptomen lockerer werden, und Kinder nicht gleich wegen eines Schnupfens nach Hause schicken.

Wie würde das tiefergehende Konzept aussehen?

Betrachten wir einmal das rollierende System, bei dem Klassen mit verschiedenen Lehrern zusammentreffen. Wir haben also Pädagogen für Mathe, Religion, Sport, Englisch und so weiter, wie es gerade in den höheren Klassen die Regel ist. In der pandemischen Schule ist das problematisch, da wären möglichst fixe Lehrer-Schüler-Einheiten die bessere Lösung. Das spricht für projektbezogenen Unterricht, bei dem die Schüler und Schülerinnen ein Themenschwerpunkt zum Beispiel über mehrere Wochen mit einem Lehrer erarbeiten. Fachlehrer könnten auch virtuell dazustoßen. An vielen Schulen wird das schon umgesetzt. Auch für die ersten Klassen gilt das Prinzip möglichst fester Lehrer-Schüler-Gruppen.

Warum ist das so wichtig?

Nehmen wir mal vier Lehrkräfte, die an einem Tag jeweils in vier verschiedenen Klassen sind: Jetzt wird in einer der Klassen ein Infektionsfall festgestellt. Dann fallen alle vier Lehrer aus, weil sie in Quarantäne müssen. Bei einer fixen Lehrer-Schüler-Kohorte wäre es nur ein Lehrer.

In dem Fall blieben vielleicht sogar alle Kollegen zuhause, weil sie im Lehrerzimmer zusammen waren?

Genau, da sind wir beim nächsten Problem, vielleicht dem wichtigsten. Wenn man die Erkenntnisse zu den Übertragungsketten ernst nimmt, dann ist das Lehrerzimmer mit Blick auf Corona gefährlicher als alle Klassenzimmer, denn das Virus wird stärker über die Älteren eingeschleust. Als Pädagoge würde ich wieder kehrtmachen, wenn meine Schule nicht ihr bisheriges Lehrerzimmer auflösen und durch mehrere gut belüftete Räume ersetzen würde, samt mehrerer Toiletten. Denn wir müssen doch realistisch sein: Corona-Infektionen werden passieren, es gibt nun mal keine infektionsfreie Pandemie. Darauf müssen die Schulen absolut eingerichtet sein, dass sie trotz punktueller Infektionen ihren Betrieb so gut es geht weiterlaufen lassen können. Was also, wenn eine Schule nicht wirklich sicher sein kann, dass es unter den Lehrern zu keinen Ansteckungen kommt? Dann muss sie das ganze Lehrerkollegium in Quarantäne schicken, die Schule wird geschlossen.

Viele Lehrer und Lehrerinnen haben große Angst, dass man sie ins Gesundheitsrisiko schickt …

Ja, und mit einem tiefgreifenden, klugen Konzept einer pandemischen Schule wäre auch dieser Angst entgegen zu wirken. Im Übrigen zeigen die jetzt veröffentlichten Daten aus Schweden, wo die meisten Schulen weiterliefen, dass Lehrer kein höheres Berufsrisiko für Infektionen tragen als andere Berufsgruppen. Überhaupt kommt vieles jetzt auch darauf an, dass wir die immer besser werdenden Daten zu den Übertragungen berücksichtigen. All das werden wir lernen müssen: Wie stark müssen wir die Rahmenbedingungen und Organisationsabläufe ändern? Jedenfalls können wir uns langfristig sicherlich nicht darauf verlassen, dass jeder in der Schule Abstand hält, Mund-Nasen-Bedeckung trägt, und nur Kinder ohne Schniefnase dort sitzen.

Wenn die Kinder dort aber sitzen, werden sie es mit Frontalunterricht zu tun haben, oder?

Das hielte ich für eine pädagogisch sehr fragwürdige Entwicklung. Frontalunterricht, also das Vermitteln von vorgegebenen Inhalten in starrer Form, das mag als Ausnahme funktionieren, aber nicht als Grundlage. Und es kann doch auch nicht sein, dass man jetzt, wo die Kinder so viele lebensweltliche Fragen, Verunsicherungen und Neugier haben, Bildung auf das Vermitteln von Deutsch und Mathematik auf Abstand reduziert.

Aber was ist denn mit den Bildungsinhalten?

Jede Schule hat andere Ressourcen, Visionen, Lehrkräfte, Schüler und Schülerinnen – das betrachte ich nur von außen. Mir geht es um die Frage, wie wir im Herbst die Schulen offen halten können und den wirklich herausfordernden Veränderungen auch in der Seele und dem Selbstbild der Kinder gerecht werden können. Dazu gehört ein Fokus auf die Persönlichkeitsbildung, auf die Nöte der Kinder und auf ihre teilweise durchaus belastenden Erfahrungen. Natürlich wird jeder 100 Einwände finden, warum das alles nicht funktionieren kann, und dann wird es auch nicht funktionieren. Aber ehrlich gesagt, wir haben in den Schulen ein paar Hindernisse für so manche Schüler und Schülerinnen, und die sollten wir jetzt ins Auge fassen.

Derzeit geht es öffentlich eher um das Nachholen von Digitalisierung …

Stimmt, und das ist auch ein Problem, aber unser größter Nachholbedarf ist viel elementarer. Wir haben im Grunde immer noch die Grundstruktur der alten preußischen Schule – das ist übrigens eine Feststellung und ein Denkhinweis, kein Vorwurf an die Lehrer und Lehrerinnen.

Wie meinen Sie das?

Es gibt seit jeher festgelegte Lehrpläne, durch die die Kinder geschleust werden. Die Persönlichkeitsentwicklung muss sich einpassen. Vor allem aber hat die Schule den alten doppelten Boden: ja, sie soll Bildung vermitteln, aber dabei eben auch Auslese betreiben, indem die Leistung der Kinder benotet und bewertet wird, und damit schon mal die Plätze in der Gesellschaft vergeben werden. Aber viele Kinder kommen damit nicht klar, sie werden in ihrer Entwicklung dabei zu wenig unterstützt, zum Teil auch beschädigt, und das Ziel der Bildung für alle wird ausgehöhlt.

Was müsste sich ändern?

Wenn die Institution Schule den Sinn hat, Kinder zu bilden, dann müssen wir aus dem Weg räumen, was diesem Ziel schadet. Der Notendruck, die beständige Vermessung, die starren Vorgaben und das damit verbundene Klima, das ist doch gerade für diejenigen die schwerste Last, die sowieso schon Lasten mit sich tragen. Aber was soll eine Schule, die gerade diejenigen auszeichnet, die vom Leben schon ausgezeichnet sind? Was in der Preußischen Klassengesellschaft eingeführt wurde, das kann sich eine moderne Gesellschaft doch gar nicht mehr leisten!

Wie sollte die Rolle des Lehrers sein?

Das ist den allermeisten Lehrern und Lehrerinnen heute ja voll bewusst: Sie sind die Brücke zum Lernen und für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. Sie sind es, die die Kinder überhaupt erst zum Lernen befähigen, indem sie den Kindern im Unterricht Sicherheit geben, sie "erkennen" und ihnen Anerkennung geben. Das sind Elemente, die zuletzt in Corona-Zeiten oft zu kurz gekommen sind. Manche Kinder waren ohne die persönliche Beziehung zum Lehrer regelrecht aufgeschmissen und konnten dann auch nicht mehr lernen. Wie bedeutend gut funktionierende Beziehungen zu Lehrern für das Lernen sind, zeigen die Erfahrungen im Lockdown: Dort wo Kinder mit ihren Lehrern und Lehrerinnen im menschlichen Kontakt bleiben konnten, hat auch das Lernen funktioniert.

Es existiert ohnehin ein starker Druck im System, gerade wenn es um Schulempfehlungen, den Schritt in die nächste Schulform und Abschlüsse geht. Nimmt das aktuell zu?

Der Druck ist riesig, das ist ein typischer Systemprozess. Alle Beteiligten verschärfen das, auch wenn sie es manchmal anders wünschen. Jetzt, wo alle noch mehr auf die Zehenspitzen steigen, wird das sicherlich noch zusätzliche Anspannung bedeuten. Und trotzdem landen wir dann doch wieder bei Fragen wie: Eine Schule ohne Noten und Klassenarbeiten? Wie motiviert man Kinder dann zum Lernen? Da kann ich nur sagen: Wenn wir an dieser Frage scheitern, dann müssen wir noch mal grundsätzlich über das Lernen und menschliche Miteinander nachdenken. Glücklicherweise sind die Kinder da kreativer als manche Erwachsene.


Ab welchem Alter konnte Ihr Kind laufen?
Zum Ergebnis
Wer macht bei Ihnen mehr im Haushalt?
Zum Ergebnis