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Kinder als Corona-Überträger: Was wir wissen und was nicht

Kinder erkranken meist nur leicht an Covid-19 oder bleiben symptomfrei. Welche Rolle sie bei der Verbreitung des Virus spielen, bleibt aber unklar. Was bedeutet das – auch im Hinblick auf Kitas und Schulen?

von Stephanie Arndt, aktualisiert am 01.12.2020

Das Coronavirus SARS-CoV-2 macht leider auch nicht vor den Kleinsten der Gesellschaft Halt. Laut Zahlen des Robert Koch-Institut (RKI) vom 30. November 2020 haben sich bis jetzt

  • 9.447 Mädchen und 10.339 Jungen zwischen null und vier Jahren und
  • 30.856 Mädchen und 33.621 Jungen im Alter zwischen fünf und 14 Jahren 

mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert. Glücklicherweise gilt aber auch, dass eine Ansteckung mit dem Coronavirus nicht gleichzusetzen ist mit einer Covid-19-Erkrankung. Kinder bleiben oft symptomfrei, sogar wenn teilweise hohe Viruskonzentrationen in den Nasen- und Rachenabstrichen gefunden wurden. Oder sie plagen sich laut Robert Koch-Institut (RKI) mit erkältungsähnlichen Beschwerden wie Fieber und Husten, aber auch mit Magen-Darm-Problemen herum. "Im Verhältnis zu den allgemein steigenden Infektionszahlen müssen nur sehr wenig Kinder stationär in Krankenhäusern aufgenommen werden – bis jetzt (Stand: 24.11.2020) liegt die Zahl bei 427. Acht Prozent wurden intensivmedizinisch versorgt", sagt Prof. Dr. Johannes Hübner, Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie.

Je jünger, desto weniger gefährdet

Das Risiko für Kinder ohne Vorerkrankungen sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, steigt wohl mit dem Alter. "Etwa kurz vor der Pubertät gleicht sich das Infektionsrisiko dem von Erwachsenen an", erklärt Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen. Mädchen und Jungen im Kindergartenalter scheinen weniger empfänglich für eine Infektion zu sein als beispielsweise Schüler. Nur 0,38 Prozent aller in Deutschland lebenden Mädchen in diesem Alter und 0,39 Prozent der Jungen sind aktuell mit dem Corona-Virus infiziert. Zwischen dem fünften und 14. Lebensjahr steigt die Zahl bei den Mädchen auf 0,63 Prozent, bei den Jungen auf 0,64 Prozent (Alle Zahlen wurden auf Grundlage der Anzahl der Kinder unter 14 Jahren in Deutschland und aktuellen Corona-Zahlen laut RKI errechnet).

Auch die Safe-Kids-Studie des Universitätsklinikums Frankfurt, deren Studienleiterin Prof. Dr. Sandra Ciesek ist, untermauert den Schutz Jüngerer. Für die Studie haben die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie und ihr Team über einen Zeitraum von drei Monaten (Mitte Juni bis Mitte September 2020) die Abstriche von mehr als 800 Kita-Kindern untersucht. Innerhalb dieses Zeitraums hatte sich keines der Kinder mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert.

Das RKI schreibt in seinem Corona-Steckbrief: "In Studien, in denen Kontaktpersonen von infektiösen Personen untersucht wurden, zeigte sich bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen meist eine geringere Empfänglichkeit. Kinder im Kindergartenalter waren weniger empfänglich für eine Infektion mit SARS-CoV-2 als Kinder im Schulalter." Und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. verweist auf eine Studie, dass Kinder unter zwölf Jahren eine um 59 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit haben, sich bei einem im Haus lebenden Corona-Positiven zu infizieren als ein Erwachsener.

Wie ansteckend sind Kinder?

Wie ansteckend Kinder tatsächlich sind, lässt sich noch nicht endgültig bewerten. In Studien, auf die sich zum Beispiel auch das RKI bezieht, war die Ansteckungsrate durch Kinder ähnlich hoch wie durch Erwachsene. Andere Studien weisen darauf hin, dass Kinder, das Virus weniger stark zu verbreiten scheinen. "Nach heutigem Kenntnisstand infizieren sich jüngere Kinder in Deutschland eher selten untereinander und sind keine Superspreader, die das Virus stark verbreiten. Mir ist aus der Praxis kein einziger Fall bekannt. In den meisten Fällen stecken sich Kinder bei ihren Eltern an und tragen das Virus in die Kitas oder Schulen – und nicht umgekehrt", sagt Virologe Dittmer. Das verdeutlichen auch die Zahlen des RKI zum Infektionsumfeld von Covid-19-Ausbrüchen in Deutschland (Stand: September 2020). Die meisten Ausbrüche (3.902) gab es im privaten Haushalt, Schulen konnten 31 Ausbrüche zugeordnet werden, Kitas 33.

Mehr als gedacht waren schon infiziert

Doch es gibt auch eine Dunkelziffer. Dr. Robin Assfalg vom Helmholtz Zentrum München ist Studienkoordinator der Fr1da-Studie, die sich eigentlich mit der Erforschung von Typ-1-Diabetes beschäftigt. Seit 2015 haben Assfalg und sein Team über 100.000 Blutproben von Kindern zwischen zwei und zehn Jahren untersucht, um möglichst früh eine Veranlagung für Diabetes erkennen zu können. "Zu Beginn der Pandemie sahen wir die Chance, einen Beitrag zur Erforschung des Coronavirus leisten zu können, indem wir gleichzeitig einen Antikörper-Test machten. Das Ergebnis: Seit Pandemiebeginn im Frühjahr sind durchschnittlich etwa sechs Mal mehr Kinder pro Monat infiziert als die offiziellen Fallzahlen darlegen. Die Auswertung der Fragebögen zeigte zudem, dass etwa 50 Prozent aller Kinder keine Symptome hatten."

Mix aus Schutzmechanismen

Warum die Infektionen beim Großteil der Kinder glimpflich verläuft, darüber gibt es bisher keine ausreichend gesicherten Erkenntnisse. Einige Punkte, die dazu diskutiert werden:

  • Die Kinder sind generell gesünder und leiden weniger unter Grunderkrankungen.
  • Es könnte sein, dass ein bestimmter Andock-Punkt für Viren bei ihnen noch nicht so stark ausgeprägt ist.
  • Möglicherweise spielt bei Kindern eine Kreuz-Immunität eine größere Rolle als bisher angenommen. Darauf deutet eine aktuelle Studie hin. Britische Forscher des Crick Institute in London fanden bei 43,8 Prozent der untersuchten Kinder schützende Antikörper gegen verwandte Coronaviren im Blut, die unter Laborbedingungen auch eine Wirkung gegen das neue SARS-CoV-2-Virus zeigten. Das könnte den milden Verlauf bei Kindern erklären, muss aber noch stärker erforscht werden.
  • Im Fall von SARS-CoV-2 zeigte sich in einer kleinen Untersuchung der Columbia University in New York außerdem, dass Kinder offenbar mit einer anderen Immunantwort auf eine SARS-CoV-2-Infektion reagieren als Erwachsene: Die Kinder bildeten weniger Antikörper. Dafür fand eine rasche Ausschüttung von körpereigenen, virenbekämpfenden Interferonen statt, bevor überhaupt Antikörper in Aktion treten konnten. Das Immunsystem bekämpfte das Virus offenbar frühzeitig, bevor es sich überhaupt ausbreiten konnte.

Mehr Fakten, mehr zielgerichtete Lösungen

Wie lassen sich die hitzigen Diskussionen über Kita- und Schulschließungen vor diesem Hintergrund erklären? Dittmer, selbst Vater von zwei Kindern, sieht dafür zwei Gründe: "Es gibt sehr viele verschiedene Interessenverbände mit unterschiedlichen Meinungen und Zielen: Lehrer, Eltern, Schüler, Behörden, Politiker. Das macht die Diskussion schwierig, weil es auch keine Lösung für alle gibt. Für Kita-Kinder gelten andere Maßstäbe und Schutzmaßnahmen als für Teenager. Wir können nicht alle über einen Kamm scheren."

Gleichzeitig wünscht sich Dittmer einen anderen Umgang mit Statistiken. "Es ist gut, nicht nur absolute Zahlen von Infektionen oder Quarantänen bei Kindern zu sehen, sondern sie müssten mehr ins Verhältnis zur Gesamtzahl gesetzt werden. So könnten sich Menschen ein besseres Bild machen." Wer zum Beispiel liest, dass in Berlin derzeit 177 Kitas (Stand: 20.11.2020) geschlossen sind, weiß nicht, dass dies nur 6,4 Prozent aller Kitas (2737, laut Berliner Senat) in der Hauptstadt sind. Das ist für die betroffenen Familien zwar nicht tröstlich, aber für die Allgemeinheit besser einzuordnen. Ähnlich sieht das mit den aktuellen Zahlen von Schülern in Quarantäne aus: Laut Deutschem Lehrerverband betrifft das aktuell (Stand: 20.11.2020) etwa 300.000 Kinder und Jugendliche. Auf alle Schüler und Schülerinnen (etwa 10,91 Millionen) in Deutschland gesehen, entspricht das 2,75 Prozent. Und: Der Großteil der Betroffenen ist in häuslicher Isolation, weil sie zu Kontaktpersonen ersten Grades zählen, also zu lange oder zu nahe mit einer positiven Person in Kontakt standen. Tatsächlich infiziert, waren in der 46. Kalenderwoche laut RKI 19.515 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen null und 19 Jahren, davon 5.893 zwischen null und neun Jahren.

Ob unter Einhaltung der Maskenpflicht ab dem Grundschulalter und der bekannten Hygienemaßnahmen daher sinnvoll ist, Schulen und Kitas generell zu schließen, bleibt fraglich. Hübner: "Ich und einige andere Kollegen, wie auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit aus Hamburg oder Virologin Sandra Ciesek, halten Kinder nach wie vor nicht für die Treiber der Infektion. Andere Kollegen sehen das anders, wobei es meiner Ansicht nach für deren Hypothese keine Beweise und auch keine konkreten Hinweise gibt." Zudem dürfe nicht vergessen werden, wie groß die Herausforderung des ersten Lockdowns für Familien war. Kitas und Schulen seien für Kinder von großer Bedeutung, sie brauchen den sozialen Austausch mit Gleichaltrigen. "Außerdem sind diese Einrichtungen auch ein Kontroll-Organ, wie es Kindern geht oder ob sie von häuslicher Gewalt betroffen sind. Darüber fehlt uns bei Kita- und Schulschließungen vollkommen der Überblick", mahnt Hübner.

 

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Wie stark verbreitet sich Covid-19 unter Kindern? Dieser Frage geht Prof. Dr. Philipp Henneke mit seinem Team nach. Im Podcast "Nachgefragt!" spricht er über die ersten Zwischenergebnisse.

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