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Impfung gegen Covid-19 für Kinder

Ein Impfstoff gegen das Coronavirus für Kinder ab zwölf Jahren ist zugelassen, die ständige Impfkommission empfiehlt die Immmunisierung aber erstmal nur für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen. Was das bedeutet

von Christian Parth, Daniela Frank und Orla Finegan mit Material der dpa, aktualisiert am 11.06.2021

Viele Erwachsene in Deutschland sind bereits einmal geimpft, etliche sogar schon zweimal. Bis Ende des Sommers sollen laut Kanzlerin Angela Merkel alle ein Impfangebot erhalten. Doch was ist mit den Kindern? Zumindest den größeren ab zwölf Jahren soll die Immunisierung gegen das neuartige Coronavirus SARS­-CoV-­2 nun auch ermöglicht werden.

Seit dem 28. Mai ist der Impfstoff des deutschen Herstellers Biontech und seines US-Partners Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren von der europäischen Zulassungsbehörde EMA zugelassen. Seit dem 7. Juni, an dem die Impf-Priorisierung hierzulande aufgehoben wurde, dürfen sie sich gegen Corona impfen lassen, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mitteilte. Aber: Auch jetzt können entsprechend priorisierte Personen vorrangig geimpft werden, wenn sie bisher noch nicht an der Reihe waren. Kinder mit Vorerkrankungen fallen nun auch in diese Kategorie. Für Kinder unter zwölf Jahren gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff.

Für diese Kinder empfiehlt die STIKO die Impfung:

Seit dem 10. Juni liegt nun die Empfehlung der STIKO zur Impfung von Kindern vor. Wie es bereits vorab durchgedrungen war, empfiehlt die Kommission die Impfung nur für Kinder mit Vorerkrankungen. Dazu zählen:

  • starkes Übergewicht (Adipositas)
  • Immunschwäche oder ein unterdrücktes Immunsystem, zum Beispiel durch Medikamente
  • bestimmte angeborene Herzfehler oder schwere Herzschwäche
  • Schwerer Lungenhochdruck
  • Chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion, chronische Nierenschwäche, chronische Neuro- oder neuromuskuläre Krankheiten
  • bösartige Tumorerkrankungen
  • Trisomie 21
  • Syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung
  • Diabetes mellitus

Eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung zeigt, dass etwa elf Prozent aller Jugendlichen in Deutschland in der fraglichen Altersgruppe mindestens eines dieser Risikomerkmale aufweisen. Außerdem wird die Impfung Kindern empfohlen, in deren Umfeld Menschen leben, die stark gefährdet sind, einen schweren Covid-19-Verlauf zu bekommen und die nicht selbst geimpft werden können oder bei denen ein begründeter Verdacht besteht, dass die Impfung keine ausreichende Schutzwirkung entfalten kann - zum Beispiel wegen einer das Immunsystem beeinträchtigenden Behandlung.

Dafür, dass die Empfehlung nur für diese Kindergruppen erfolgt, gibt es mehrere Gründe. STIKO-Mitglied und Kinderarzt Professor Fred Zepp erklärt: "Es ist immer eine Risiko-Nutzen-Abwägung." An Kindern sei der Impfstoff nur in einer relativ kurzen Zeit von drei Monaten geprüft worden, auch die Nachbeobachtungszeit reiche bisher nicht aus, um wirklich alle Risiken ausschließen zu können. Außerdem sei das Risiko für Kinder sehr gering, durch eine Infektion schwer zu erkranken oder gar zu sterben – aus dem gleichen Grund impfe man Kinder gewöhnlich auch nicht gegen die Grippe. Dazu kommen die aktuell begrenzten Impfstoff-Mengen. Für die Eltern der Kinder sei beispielsweise der Nutzen der Impfung deutlich höher – solange Impfstoff knapp sei, sollten zuerst sie und andere Erwachsene geimpft werden. Und auch die epidemiologische Lage spielt in diese Entscheidung ein: Die sinkende Inzidenz verringert zusätzlich die Dringlichkeit, allen Kindern die Impfung zu ermöglichen, so Zepp in einer Pressekonferenz des Science-Media-Centers am Tag nach der Veröffentlichung. "Die STIKO orientert sich am Tagesgeschehen und an der Dynamik der Pandemie", sagte Zepp außerdem. Wenn sich die Datenlage ändert, kann sich auch die Impfempfehlung ändern.

Sein Kollege Professor Reinhard Berner vom Universitätsklinikum Dresden ergänzt: "Wir sind enorm dankbar, dass wir Kindern mit Risikofaktoren jetzt die Impfung anbieten können." Wünschten die Eltern eines 13-Jähigen mit Herzfehler die Impfung für ihr Kind, würde er ihnen dazu raten; ihm zufolge ist die Gefahr eines schweren Covid-19-Verlaufs für den Jungen größer als das Risiko der Impfung.

Impfung auch für Kinder ohne Vorkerkrankungen?

Für Kinder ohne Vorerkrankungen empfiehlt die STIKO die Impfung zwar nicht allgemein, aber sie betont, dass die Impfung trotzdem nach entsprechender ärztlicher Aufklärung und bei "indiviuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen beziehungsweise der Sorgeberechtigten" möglich ist.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte: "Es ist am Ende eine wohlabgewogene Entscheidung von Kindern, Eltern, Ärztinnen und Ärzten." Als Kriterien nannte er: "Was sind Vorerkrankungen, was ist die persönliche Situation, die familiäre Situation, welchen Nutzen gibt es, welche Risiken gibt es auch bei einer Covid-19-Infektion, die natürlich auch über die Altersgruppen unterschiedlich sind?"

Was ist mit Kindern unter 12 Jahren?

Der Impfstoff ist bisher erst für Kinder ab 12 Jahren von der EMA zugelassen. Grundsätzlich, so Alexander Ehlers, Arzt und Fachanwalt für Medizinrecht, könnten Ärztinnen und Ärzte auch ohne EMA-Zulassung des Impfstoffs für Kinder und Jugendliche diese impfen und zwar "im Rahmen der Therapiefreiheit". Die Zulassung selbst sei die Vertriebsgenehmigung für den Hersteller. Allerdings seien Ärztinnen und Ärzte dann im rechtlichen Rahmen bei Komplikationen allein verantwortlich. Das gelte auch für die Impfung von Kindern unter zwölf Jahren. "Dann würde die Ärzte das volle Risiko treffen. Das würden sie nicht tun, denke ich, da fehlen die Daten", sagte Ehlers weiter. Bei einer offiziell von einem Land empfohlenen Impfung greife bei möglichen Impfschäden teils die sogenannte Staatshaftung mit entsprechenden Entschädigungsansprüchen ans Land, erklärte Ehlers. Diese Landesempfehlung erfolge in der Regel auf Basis der STIKO-Empfehlung. 

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Seit 7. Juni dürfen Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer erhalten. Wie sinnvoll ist das aus medizinischer Sicht?

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Müssen Kinder geimpft werden?

Doch müssen Kinder überhaupt geimpft werden? Würde nicht das flächendeckende Impfen von Erwachsenen ausreichen, um Nicht­-Geimpfte mit zu schützen? Dieses Prinzip nennt sich Herdenimmunität. Man geht davon aus, dass der Gemeinschaftsschutz bei einer Durchimp­fung der Bevölkerung von etwa 80 bis 85 Prozent greift. "Da Kinder und Jugendliche etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wäre es sehr schwie­rig, eine Herdenimmunität zu erreichen, ohne diese Gruppe miteinzubeziehen", sagt Prof. Dr. Hans-­Iko Hup­pertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder­ und Jugendmedizin in Bremen.

Herdenimmunität dürfe nicht das primäre Ziel für Impfungen von Kindern sein, sagte STIKO-Mitglied Rüdiger von Kries im RBB. Man mache sie, um Kindern schwere Krankheiten zu ersparen, ohne dass sie ein Risiko eingingen, erläuterte der Münchener Professor für Kinderepidemiologie. Man könne Herdenimmunität viel besser erreichen, wenn man sich um die Millionen Erwachsenen kümmere, die noch nicht geimpft seien.

Für den Antrag auf Zulassung seines Impfstoffs für zwölf- bis 15-Jährige reichte für den Hersteller Biontech/Pfizer ein Test an nur rund 1000 Teenagern. Die STIKO sieht das für ihre Empfehlung als nicht ausreichend an. "Das ist deutlich zu gering, um seltene Komplikationen nach der Impfung vorhersagen zu können", sagte STIKO-Mitglied Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin, kürzlich im rbb-Inforadio. Deshalb warte das ehrenamtliche Gremium auf mehr Daten aus den USA und Kanada, wo der Impfstoff seit Mai an zwölf- bis 15-Jährige verabreicht wird.

Für Mediziner geht es bei einer Impfung wie bei Erwachsenen zuerst um den individuellen Schutz – und erst dann um den Schutz der Gemeinschaft. Bei Kindern greift das Selbstschutz-Argument nicht so stark wie bei Älteren: Sie erkranken deutlich seltener als Erwachsene schwer an Covid-19.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin betont in ihrer Stellungnahme vom 26. Mai das geringere Risiko und fügt hinzu: "Zusätzlich bleibt zu bedenken, dass angesichts der zwangsläufig noch fehlenden Daten der Impfstoffe zur mittel- und langfristigen Sicherheit gerade bei Kindern und Jugendlichen und gerade angesichts der neuartigen Impfstofftechnologien besonders hohe Ansprüche gestellt werden müssen, die derzeit nicht erfüllt werden können."

Keine Pflicht zur Impfung

Es werde definitiv keine verpflichtenden Impfungen geben – "auch nicht an Schulen oder Kindergärten", so Gesundheitsminister Spahn. Kanzlerin Merkel betonte: "Ein sicherer Schulbetrieb wird auch in Zukunft völlig unabhängig von der Frage sein, ob ein Kind geimpft ist oder ob ein Kind nicht geimpft ist." Für Kita- und Grundschulkinder gelte dies mangels zugelassenen Impfstoffs ohnehin. "Es soll auch kein indirekter Zwang entstehen." Dies gelte auch für den Urlaub. "Sowohl im europäischen Ausland als auch in Deutschland kann man auch, wenn man keine Impfung hat, Urlaub machen, weil die Testungen dann als Voraussetzungen für die Urlaubsangebote natürlich vollkommen ausreichen werden", sagte Merkel.

In Deutschland will bisher nur etwa die Hälfte der Familien ihre Kinder gegen das Coronavirus impfen lassen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der "Augsburger Allgemeinen" hervor. Demnach sind 51 Prozent der Befragten, bei denen Kinder im Haushalt leben, für eine Impfung des Nachwuchses, 40 Prozent der Erziehungsberechtigten lehnen hingegen die Schutzimpfung für ihre Kinder derzeit ab. Der Rest äußerte sich unentschieden.

Erste Studien an jüngeren Kindern

Auch weitere führende Anbieter von Corona­-Schutz­impfungen haben das Tempo erhöht und be­reits Studien auf den Weg gebracht. Das US-Unternehmen Moderna hat seine TeenCOVE-Studie an Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren beendet und die Daten Anfang Juni bei den Zulassungsbehörden eingereicht. Außerdem hatte es bereit Mitte März mitgeteilt, seinen mRNA­-Impfstoff nun erstmals an Kindern im Alter von sechs Monaten bis zwölf Jahren zu testen. Auch Biontech/Pfizer führt derzeit eine Studie mit jüngeren Kindern durch.

Grundsätzlich fangen Studien mit Minderjähri­gen zunächst bei älteren Jugendlichen an. Sollte es keine Auffälligkeiten geben, werden die Studien nach und nach bis zu den Jüngsten ausgeweitet. Wann genau aber ein Impfstoff gegen das Corona­virus für jüngere Kinder zugelassen und verfügbar sein wird, ist unklar. Fred Zepp, Direktor des Zentrums für Kinder­ und Jugendmedizin der Universität Mainz und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO), rechnet "mit Impfstoffen für Kinder unter zwölf Jahren frühestens Ende des Jahres, eher Anfang nächsten Jahres."

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Impfstoffe für Erwachsene und Kinder unterschei­den sich hauptsächlich in der Dosis. Doch weniger Körpervolumen bedeutet nicht unbedingt eine ge­ringere Menge Impfstoff. "Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – so kann man zum Beispiel nicht ein­fach die Dosis halbieren, wenn ein Kind geimpft werden soll", informiert das Paul­-Ehrlich-­Institut (PEI), das in Deutschland zuständig ist für Impf­stoffe und biomedizinische Arzneimittel.

Ein gutes Beispiel ist die Grundimmu­nisierung bei Diphtherie und Tetanus. Hier wird Säuglingen und Kleinkin­dern sogar eine höhere Menge an Antigenen verabreicht als bei der späteren Auffrischung im Er­wachsenenalter, so das PEI. Die Präparate müssen – ähnlich wie bei Impfstoffen für Erwachsene – ein eigenes klinisches Prüfungs­programm durchlaufen, bis sie zu­ nächst von der Europäischen Arznei­mittelbehörde zugelassen und in der Folge durch die EU-­Kommission bestä­tigt werden können.

Strenge Richtlinien

Doch die Entwicklung eines Vakzins für Kin­der und Jugendliche birgt ein Problem. "Impfstoffe werden generell in den Altersgruppen getes­tet, für die sie auch eingesetzt werden sollen", gibt das PEI an. Je jünger die Kinder sind, desto schwie­riger ist es, Studienteilnehmende zu finden. Eltern sorgen sich, ihr Neugeborenes zum Versuchskanin­chen zu machen. "Bei solchen Studien gibt es sehr strenge Richtlinien", sagt Prof. Dr. Hans-­Iko Hup­pertz. "Die Testzentren treten an die Eltern heran und klären sie umfassend auf."

Da das Vakzin zu dem Zeitpunkt schon bei älte­ren Kindern getestet worden sei, sei das Risiko ge­fährlicher Immunreaktionen äußerst gering, meint der pädiatrische Infektiologe. Dafür spreche auch, dass bei gesunden Kindern eine Infektion mit dem Coronavirus in den allermeisten Fällen nahezu symptomlos verlaufe.

Im Fall des Vektorimpfstoffs würden ausschließ­lich nicht vermehrungsfähige Viren verwendet. Bei der mRNA­-Variante würde die mRNA innerhalb von 24 Stunden im Körper abgebaut. Das Risiko, dass es bei der Impfung neben normalen Reaktio­nen wie Schwellungen an der Einstichstelle, Kopf­schmerzen, Fieber und Frostgefühl zu schwerwie­genden Nebenwirkungen kommen könnte, schätzt Huppertz als äußerst gering ein. Ob es zu Lang­zeitfolgen kommen könnte, lasse sich mangels Er­fahrungswerten zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht sicher sagen.

Das Paul­-Ehrlich­-Institut beurteilt die Sicherheit der Vakzine und die Arbeit der zuständigen Behör­den: Impfstoffe würden nur für die Altersgruppen zugelassen, für die Daten zur Wirksamkeit und Si­cherheit aus klinischen Prüfungen vorliegen, heißt es. Die Zulassung würde dann durch eine so­ genannte Änderungsanzeige zur bestehen­den Zulassung auf Jüngere ausgedehnt.


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