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Fördert die Isolation Gewalt gegen Kinder und Mütter?

Jobs, Kinder, Eltern – alles unter einem Dach. Während der Corona-Pandemie liegen die Nerven bei vielen blank. Und das Risiko für Übergriffe gegenüber Kindern und Müttern steigt. Wie Betroffene Hilfe erhalten

von Nele Langosch, 23.04.2020

Die Corona-Pandemie zwingt Familien in die Isolation – und alarmiert die Hilfsorganisationen. Unicef und der Opferverband Weißer Ring, aber auch die Vereinten Nationen und der Europarat warnen vor einem Anstieg von Missbrauch und häuslicher Gewalt gegenüber Kindern und Frauen. In China vermeldete eine Frauenrechtsorganisation bereits drei Mal so viele Anfragen von Gewaltopfern wie vor der Quarantäne. Bereits vor der Corona-Krise hätten laut Kriminalstatistik für das Jahr 2019 Befragungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland gezeigt, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Eltern ihre Kinder schwerwiegend und relativ häufig körperlich bestrafen. Diese Zahlen könnten nun in die Höhe schießen.

Cordula Lasner-Tietze, Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes

Isolationsstress beeinflusst Gewaltpotenzial

"Das Risiko steigt besonders dann, wenn es Eltern unter Normalbedingungen bereits schwerfällt, ruhig und gelassen zu bleiben", sagt die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, Cordula Lasner-Tietze. Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen mit Kita- und Schulschließungen verstärken den Druck, insbesondere in beengten Wohnverhältnissen, bei Angst vor Jobverlust oder Geldmangel. "Unter solch enormen Stress können selbst Eltern mit Gewalt reagieren, die dies sonst nie für möglich gehalten hätten", so Cordula Lasner-Tietze. Kleine Kinder, die sich niemandem anvertrauen können, sind Tätern schutzlos ausgeliefert. Doch auch größere Kinder finden im Moment keine Zuflucht in Schule, Sportverein oder bei Freunden.

Mehr Anrufe von Eltern

Umso wichtiger ist derzeit das Angebot von Hilfetelefonen, Chat- und E-Mail-Beratungen für Kinder, Jugendliche und Eltern in Not (siehe Kasten). Viele haben ihre Erreichbarkeit ausgebaut. Bisher ist die Nachfrage weitgehend stabil. "Die Zahl der Anrufe beim Kinder- und Jugendtelefon ist unverändert hoch", sagt Christina Wiciok von Nummer gegen Kummer. Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer erreichten dagegen über 20 Prozent mehr Anrufe als im vergangenen Monat. "Die Eltern haben Angst, dass etwas passieren könnte. Bevor sie zuschlagen, rufen sie an", erzählt Christina Wiciok. Doch die Anrufzahlen sagen nichts darüber aus, wie häufig Kinder tatsächlich Gewalt erfahren, denn viele können – zuhause isoliert – kaum unbeobachtet telefonieren oder chatten, wenn sie überhaupt schon alt genug dazu sind.

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, spricht im Podcast "Klartext Corona" mit Peter Glück über Missbrauchsgefahren bei Kindern in Zeiten von Corona.

Christina Wiciok von Nummer gegen Kummer

Lehrer, Erzieher, Trainer sollten auch präsent bleiben

"Kindern fällt es ohnehin schwer, sich anderen anzuvertrauen, wenn sie Gewalt erfahren haben", erklärt Bianca Voth vom Deutschen Kinderschutzbund Minden-Bad Oeynhausen. "Das klappt oft nur durch Impulse von Bezugspersonen oder von Freunden." In Minden und Bad Oeynhausen musste der Kinderschutzbund alle Angebote mit direktem Kontakt zu den Kindern einstellen, so auch die Betreuung belasteter Familien durch ehrenamtliche Helfer. "Die Mitarbeiter versuchen dennoch, den Kontakt zu den Kindern zu halten, etwa über Telefon und Messengerdienste", so Bianca Voth. Hilfreich ist es, wenn auch Lehrerinnen, Schulsozialarbeiter, Erzieher oder Sporttrainerinnen präsent bleiben, anrufen oder Briefe schreiben, bis sie die Kinder wiedersehen.

Im Akutfall kann das Kind aus der Familie genommen werden

Entscheidend ist momentan zudem, dass Nachbarn aufmerksam bleiben. Scheint eine Familie im Umfeld überfordert, kann man ihr zunächst die Kontaktdaten der Hilfetelefone oder einer Beratungsstelle in den Briefkasten stecken oder selbst dort anrufen, wenn man unsicher ist, wie man helfen kann (siehe Kasten). Wer häusliche Gewalt oder Missbrauch vermutet, sollte das Jugendamt oder die Polizei kontaktieren. Die Mitarbeiter des Jugendamtes besuchen daraufhin die Familie und bieten ihr gegebenenfalls Unterstützung bei der Erziehung an, zum Beispiel durch Familienhelfer. Ist das Kindeswohl akut gefährdet, kann das Jugendamt ein Kind aus der Familie nehmen und es (vorübergehend oder langfristig) in einer Pflegefamilie oder Wohneinrichtung unterbringen. Das gilt auch in der momentanen Situation.

Dennoch ist die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe zurzeit stark eingeschränkt. In vielen Jugendämtern wurde schon vor der Pandemie mit einem viel zu knapp bemessenen Personalschlüssel gearbeitet. Nun fehlen viele Fachkräfte in den Teams, weil sie kleine Kinder haben oder zur Risikogruppe gehören. Viele Behörden arbeiten im Schichtdienst, um einen Teil des Teams bei Infektionen handlungsfähig zu erhalten. Deshalb würden in vielen Jugendämtern nur noch akute Gefährdungsmeldungen bearbeitet, schreiben 130 Hochschullehrende der Sozialen Arbeit und Pädagogik in einem Appell. Gespräche mit den Kindern und ihren Eltern fänden am Telefon oder gar nicht mehr statt, ein Teil der ambulanten und stationären Hilfen sei eingestellt. Inzwischen werden Einrichtungen des Kinder- und Jugendschutzes nahezu bundesweit als systemrelevant eingestuft, ergab eine Recherche des Hessischen Rundfunks. In einigen Bereichen Deutschlands wie Nordrhein-Westfalen oder Thüringen dürfen gefährdete Kinder und Jugendliche zudem an der Notbetreuung in Kitas und Schulen teilnehmen.

Bianca Voth vom Deutschen Kinderschutzbund

Frauenhäuser rechnen mit verstärkter Anfrage

Auch die Frauenhäuser und Fachberatungsstellen müssen von den Ländern als systemrelevant eingestuft werden, forderte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey Anfang April. Ist eine Mutter von Gewalt betroffen, leidet das Kind mit. Im Notfall bietet eines der mehr als 350 Frauenhäuser in Deutschland Müttern und Kindern Schutz. In Städten wie Hamburg und Berlin wurden zusätzlich Hotels oder Pensionen angemietet, um die Kapazitäten auszubauen. "Wir verzeichnen momentan noch keine verstärkte Anfrage gewaltbetroffener Frauen, erwarten diese aber", so Simone Dresen von der Frauenberatungsstelle Düsseldorf. Auch dort hat man Akutunterbringungen für Betroffene eingerichtet, die noch nicht in eines der Frauenhäuser ziehen können.

"Die Lage in den Frauenhäusern ist bundesweit sehr unterschiedlich", erklärt Melanie Schauer von der Frauenhilfe München. Bei ihnen sei der Zulauf zunächst sogar zurückgegangen. "Doch je länger die Krise und die Ausgangsbeschränkungen andauern, desto stärker werden die Anfragen zunehmen", prognostiziert Melanie Schauer. "Die Zeit, in der Frauen und ihre Kinder die Situation aushalten können, ist begrenzt."

Hier beantwortet Dr. Korinna Heimann von der Diakonie Hamburg in Folge 28 des Video-Podcasts "Nachgefragt!" Fragen zum Thema.

Bundesweite kostenfreie und anonyme Hilfeangebote für Kinder, Eltern und das besorgte Umfeld:


www.kein-kind-alleine-lassen.de
Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hat Möglichkeiten der telefonischen und digitalen Soforthilfe in Zeiten von Corona zusammengestellt – für betroffene Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene, die sich Sorgen um ein Kind und seine Familie machen. Mit Exit-Button, um die Seite sofort zu verlassen, falls der Täter ins Zimmer kommt: www.kein-kind-alleine-lassen.de

Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer 116 111
Montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr, zusätzlich montags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 12 Uhr. Auch Online-Beratung per Mail oder Chat unter: www.nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendtelefon.html

Elterntelefon der Nummer gegen Kummer
0800 111 0 550
Montags bis samstags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags zusätzlich von 17 bis 19 Uhr. Im Internet: www.nummergegenkummer.de/elterntelefon.html

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 0800 0 116016
Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben sowie für Angehörige, Freundinnen und Freunde, rund um die Uhr. Sofort-Chat (12 bis 20 Uhr) und Online-Beratung per E-Mail und Chat unter www.hilfetelefon.de

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530
Entlastung, Beratung und Unterstützung für Betroffene von sexueller Gewalt und für alle, die sich um ein Kind sorgen, unsicher sind und Fragen zum Thema haben. Online-Angebot des Hilfetelefons unter www.save-me-online.de

Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123
Rat für alle Problembereiche, rund um die Uhr. Mail- und Chatberatung unter www.telefonseelsorge.de


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