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Eltern trotz Lockerungen noch stark belastet

Die Coronakrise belastete Eltern von Anfang an besonders, bei den Lockerungen wurden sie zunächst nicht bedacht. Nun sind Spielplätze wieder offen, Betreuung ist wieder möglich, Familienbesuche auch. Doch bringt das so viel?

von Maike Mauer, 13.05.2020

Familie und Berufstätigkeit unter einen Hut zu bekommen, war auch schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie eine Herausforderung. Doch der Lockdown Mitte März mit Kita- und Schulschließungen, Homeoffice und Kurzarbeit sowie den strengen Ausgangsbeschränkungen brachte viele Eltern nun erst recht an ihre Grenzen.

Das bestätigt auch die Zwischenauswertung einer Onlinebefragung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg von 3.191 Eltern (Stand: 22. April 2020) über die Auswirkungen geschlossener Kitas in Corona-Zeiten. "85 Prozent der befragten Mütter und Väter empfinden die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als extrem herausfordernd", erklärt Dr. Franziska Cohen, die die Studie gemeinsam mit Dr. Elisa Oppermann und Prof. Yvonne Anders leitet. "Vor allem Mütter müssen mehr denn je darum kämpfen, Job und Kindern gleichzeitig gerecht zu werden. 66 Prozent der Befragten geben an, oft am Ende ihrer Kräfte zu sein. Es zeigt sich, was vor der Ausgangsbeschränkung schon schwierig war, wird jetzt noch intensiviert", so Cohen.

Lange fehlten Perspektiven für Familien gänzlich

Als die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina Mitte April ihre Vorschläge veröffentlichte, wie Deutschland vom Lockdown zur Normalität zurückkehren könnte, spielten Familien darin noch keine große Rolle. Das anfängliche Wir-schaffen-das-Gefühl schwand bitterer Ernüchterung.

In einem offenen Brief machte Dominique Rauch, Psychologie-Professorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, zusammen mit 43 Wissenschaftlerinnen auf die schwierige Lage in Familien aufmerksam. Sie forderten, man solle die jüngsten Kinder nicht pauschal im Lockdown lassen. "Kinder brauchen reale Kontakte, andere Kinder zum Spielen", sagt Rauch. Auch Mütter und Väter wurden lauter: Unter #CoronaEltern geben seither viele in den Sozialen Medien Einblicke in ihre Situation und machen Vorschläge, was ihnen helfen würde, etwa flexiblere Arbeitszeiten, ein kinderfreundliches Umfeld, eine starke Kinder-Lobby, doppelte Rentenpunkte für die Dauer der coronabedingten Mehrfachbelastung. Petitionen entstanden. Und an der Bamberger Online-Studie haben sich bisher bereits 10.000 Eltern beteiligt. "Das sind viel mehr als sonst bei anderen Familien-Umfragen. Ich denke, das liegt mit daran, dass Eltern endlich gehört werden wollen. Viele sind am Limit", sagt Franziska Cohen.

Eltern erwarten neben mehr Hilfe aus der Politik auch mehr Unterstützung durch Kitas und Schulen, zum Beispiel Anregungen zur Sprachförderung und kreative Spielideen. Digitaler Unterricht wird längst nicht von allen Schulen angeboten. Vielerorts gebe es nicht einmal ein Gespräch mit den Pädagogen. Es werde oft unterschätzt, wie unterschiedlich die Ausgangssituationen in den Familien sind, so Cohen. "Jede Familie nimmt die Krise als unterschiedlich belastend wahr." Eltern sollten sich unbedingt eingestehen, wenn sie nicht mehr weiterwissen und versuchen, Unterstützungsmöglichkeiten und Beratungsangebote zu nutzen.

Beratungsmöglichkeiten für Eltern

Auch jetzt bieten Erziehungsberatungsstellen, psychotherapeutische Ambulanzen, kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen sowie das örtliche Jugendamt Sprechzeiten an. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) e.V. hat auf ihrer Webseite konkrete Tipps für Erwachsene und Kinder gesammelt, um möglichst gut durch die Krisenzeit zu kommen.

Unsicherheit und weiterhin Belastungen trotz Lockerungen

Aktuell laufen viele Lockerungen an. Das Angebot der Notbetreuung wurde erweitert, Schritt für Schritt werden Kinder wieder in den Kitas betreut und können in die Schule gehen. Allerdings wird es mit den Lockerungen erst einmal unübersichtlicher für alle. Kein Kind wird ab sofort durchgängig betreut oder beschult und die Mehrfachbelastung bleibt für viele Familien noch eine ganze Weile bestehen. Die Hygiene-Regelungen erfordern kleine Gruppen. In der Praxis wird das bedeuten: eine Woche ist Kita oder Schule – in der nächsten nicht. Auch das müssen Eltern neben dem Job organisieren.

Für Kleinkinder ist seit dem Lockdown eine Ewigkeit verstrichen. Viele von ihnen müssen ganz neu eingewöhnt werden. Und Familien mit mehreren Kindern könnten noch stärker betroffen sein als vorher, etwa wenn ein Geschwisterkind in den Kindergarten oder in die Schule darf und das andere nicht. "Für Familien bleibt es herausfordernd. In den vergangenen Wochen haben sie mühsam ein System aufgebaut, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Das droht nun wieder zu zerbrechen", sagt Franziska Cohen. Die stunden- oder tageweise Betreuung erfordert von Eltern genauso viel Anwesenheit und Flexibilität wie die Phase des Lockdowns. Hinzu kommt die Ungewissheit. Steigen die Infektionszahlen wieder stark an, schließen womöglich auch wieder Kindertagesstätten und Schulen.

Auch Cohen findet es dringend erforderlich, dass Eltern und deren Vorschläge gehört und diskutiert werden. An Ideen mangelt es nicht: Mütter und Väter wünschen sich etwa eine Corona-Elternzeit mit Kündigungsschutz oder die Möglichkeit, ihre Wochenarbeitszeit zu reduzieren und dafür vom Staat einen finanziellen Ausgleich zu bekommen. Ein umfassendes Konzept zur Unterstützung von Familien fordert auch das Deutsche Kinderhilfswerk von der Regierung. Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes spricht sich demnach für einen nachhaltigen Corona-Schutzschirm für alle Kinder und ihre Familien in Deutschland aus.

Wie können Eltern Stress reduzieren?

"Die Ungewissheit mit der wir zurzeit leben müssen, erzeugt Stress. Dabei bleibt uns nichts anderes übrig als zu akzeptieren, dass das Leben gerade unvorhersehbar geworden ist und alte Pläne loszulassen", erklärt Psychologin Dominique Rauch. Die Situation sei leichter zu ertragen, wenn wir trotz Frust und Fragezeichen versuchen, Chancen zu sehen und neue Routinen und Strukturen zu finden.

So könnte zum Beispiel ein Familienstundenplan helfen. Die Idee: Eltern und Kinder setzen sich dafür am Wochenende zusammen, besprechen offen ihre Pflichten und Wünsche und legen daraufhin Zeitfenster für Job, Schule, Spielzeit, Hausarbeit oder Paarzeit fest. Wer macht wann was? Dominique Rauch: "So hat niemand das Gefühl, für alles allein zuständig zu sein, und man verzettelt sich auch weniger und es entsteht seltener das Gefühl, sich zerreißen zu müssen, um alles zu schaffen."

Zugleich sollten Eltern großzügiger mit sich sein, empfiehlt die Psychologin. "Schrauben Sie die Ansprüche an sich selbst und an alle Familienmitglieder etwas herunter. Erwarten wir weniger, nimmt das Druck heraus und schützt davor, den eigenen Frust am Partner oder an den Kindern auszulassen", erklärt Rauch. Ebenfalls wichtig: Auszeiten für sich selbst einplanen. Manche finden im Sport ihren Ausgleich, andere bei einem guten Buch.

Was können Kitas tun?

Die Kita hat einen Bildungsauftrag und soll ein Unterstützungssystem für Eltern sein. Das zu erfüllen, ist gerade schwierig. Doch einige Einrichtungen gehen kreativ mit der Ausnahmesituation um: Sie bieten mithilfe von Videokonferenztools Online-Morgenkreise und Kasperle-Theater an, stellen für ihre Gruppe Kinder-Nachrichten zusammen, schicken Bastelideen und Vorlese-Videos oder bieten virtuelle Elternsprechstunden an, um in Kontakt zu bleiben.

Wissenschaftlerinnen vom Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik der Universität Bamberg untersuchen gerade, wie sich die Kita-Schließungen auswirken und befragen noch bis zum 24. Mai Eltern und Kita-Fachkräfte via Onlinefragebogen. Erste Zwischenergebnisse zeigen: Die Hälfte der Eltern wünscht sich von Kitas Hinweise zur Förderung ihres Kindes und Beschäftigungsideen. Knapp 80 Prozent haben Kontakt zum Kitapersonal, was sie überwiegend positiv bewerten
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