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Eingeschränkter Unterricht: Welche Folgen drohen?

Fast überall kehrt trotz Corona-Pandemie langsam die Normalität zurück. Wann es jedoch an den Schulen wieder vollen Präsenzunterricht gibt, bleibt fraglich. Warum ist das so und was macht das mit den Kindern?

von Stephanie Arndt, 17.06.2020

Wir können wieder ins Freibad gehen, in die meisten europäischen Länder reisen und – je nach Bundesland – sogar kleinere Familienfeste feiern. Die inzwischen gesunkene Zahl der mit SARS-CoV-2 infizierten lässt all das zu, obwohl es noch keinen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 gibt. Doch wann unsere Kinder endlich wieder uneingeschränkt in die Grundschule zurückkehren dürfen, steht noch nicht überall fest. Das ist für Eltern teilweise schwer zu begreifen. Der Grund liegt vor allem daran, dass Hygienevorgaben wie der Mindestabstand von 1,50 Metern an Schulen schwer oder gar nicht einzuhalten sind.

Organisationsbereich Schule: Ilka Hoffmann

Es hapert an der praktischen Umsetzung

Dr. Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bemängelt teils katastrophale Zustände: "Bundesweit gibt es an den Schulen einen Sanierungsrückstand in Höhe von 50 Milliarden Euro. In Berlin zum Beispiel müssen manche Kinder in Container-Klassen ohne fließendes Wasser unterrichtet werden. Wie soll dort regelmäßiges Händewaschen gewährleistet werden?" Entsprechend verunsichert sei die Lehrerschaft, vor allem Pädagogen jenseits der 60 Jahre oder mit Vorerkrankungen. "Viele fühlen sich im Moment wie Versuchskaninchen, nach dem Motto: ‚Wir öffnen jetzt mal und gucken, ob und wie viele sich infizieren’", findet Hoffmann, die selbst über 20 Jahre als Lehrerin im Schuldienst tätig war. In Magdeburg mussten übrigens kurz nach ihrer Öffnung mehrere Schulen wegen Neuinfektionen schließen.

Konzepte statt Schnellschüsse

Die Gewerkschafterin weiß um die derzeitige Belastung von Familien. "Natürlich ist es schwierig, eine Balance zwischen Infektionsschutz, pädagogischen Anforderungen und den Forderungen von Eltern und Wirtschaft zu finden. Der gesellschaftliche Druck kann aber nicht der Grund sein, überstürzt Schulen zu öffnen. Wir brauchen den Dialog mit allen Beteiligten, um gute Konzepte zu entwickeln statt unüberlegter Schnellschüsse", sagt Hoffmann. Sie kritisiert ein zunehmendes Lehrer-Bashing: "In der Öffentlichkeit gibt es wenig Verständnis für die Sorgen von Lehrern. Ihnen wird zudem gerne unterstellt, im Lockdown nicht viel getan zu haben. Dabei bedeutet die Corona-Zeit für viele eine erhebliche zusätzliche Belastung, zum Beispiel durch die Vorbereitung des Fernunterrichts, Beschulung per Videokonferenzen und Organisation der Notbetreuung."

Experte Heinz-Peter Meidinger

Experimentieren und improvisieren

Das bestätigt auch Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Er bemängelt, wie sehr die Schulen nach der Ruckzuck-Schließung und in den folgenden Wochen seitens der Ministerien allein gelassen wurden. "Natürlich hatte niemand für solch einen Notfall einen fertigen Plan in der Tasche. Trotzdem hätten wir uns mehr Unterstützung gewünscht. Letztlich haben Schulleitungen sogar die Hygienekonzepte selbst entwickelt. Vorschläge der Schulbehörden kamen erst Wochen später." Das untermauert die repräsentative Studie "Schule auf Distanz", eine Befragung des Instituts für Demoskopie im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland. Dort gaben im April zwei Drittel der befragten Lehrkräfte an, kein Gesamtkonzept für die Krisenzeit zu haben. "Wir fahren nach wie vor nur auf Sicht – und wissen nicht, wie es nach den Sommerferien weitergehen wird", erklärt Meidinger, der im bayerischen Deggendorf Schulleiter eines Gymnasiums ist.

Große regionale Unterschiede

Auch beim digitalen Fernunterricht hapert es – bis heute – an bundesweiter Einheitlichkeit. Der Grund liegt im sogenannten Föderalismus, also der Eigenständigkeit der einzelnen Länder. "Beim Homeschooling gibt es in puncto Anwesenheitspflicht, Noten, Lernstoff und digitalen Angeboten von Bundesland zu Bundesland gravierende Unterschiede." Dennoch sieht der Lehrerverbandspräsident aber auch positive Aspekte der Krise: "Ich bin überrascht, wie viele Schulen es in der kurzen Zeit geschafft haben, gute Lernkonzepte zu entwickeln, zum Teil auch digital. Dazu gehören beispielsweise die Vernetzung per E-Mail zwischen Schülern und Lehrern, die es bis dahin oft nicht gab, aber auch Erklärvideos und Unterrichtseinheiten per Videokonferenz. Was sich bewährt hat, sollten wir jedoch für die Zukunft bewahren."

Auch Gewerkschafterin Ilka Hoffmann kennt Schulen, die prima in der Pandemie zurechtkommen – in der Regel waren diese aber schon vorher digital gut aufgestellt und arbeiteten bereits mit Online-Lernplattformen: "Auch in diesen Schulen sind gute Konzepte nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses. In solche Veränderungen müssen Kollegen und Eltern einbezogen werden, da müssen über eine lange Zeit Kooperationen abgebahnt werden. Es geht um lernende Systeme. Daher können wir diese Beispiele nicht einfach sofort für alle anderen Schulen anwenden. Man geht davon aus, dass solche Maßnahmen fünf bis zehn Jahre dauern. Schulen, die damit schon lange begonnen haben, sind aktuell klar im Vorteil. Das sollten wir künftig auch bei der Lehrerausbildung berücksichtigen und Schulen unterstützen. Die Bundesregierung hat 500 Millionen für die Sofortausstattung, etwa mit mobilen Endgeräten, zur Verfügung gestellt."

Meidinger weist darauf hin, dass neben den technischen Voraussetzungen auch die Lehrer im digitalen Fernunterricht professionell geschult werden müssen: "Der pädagogisch-didaktische Aufbau einer digitalen Unterrichtsstunde ist anders als eine Stunde Präsenzunterricht vorzubereiten. Schüler können sich vor dem Bildschirm oft schlechter und nicht so lange konzentrieren. Hier ist Weiterbildung angebracht, um Kinder nicht zu über- oder unterfordern." Das wünschen sich laut Deutschem Schulbarometer auch 69 Prozent aller Lehrer. Sie sehen den größten Verbesserungsbedarf bei den Kompetenzen mit digitalen Lernformaten.

Lehrer sehnen sich nach normalem Unterricht

Dennoch sei purer Digital-Unterricht nicht die Art von Erziehungs- und Bildungsarbeit, wie es sich die Pädagogen vorstellen. "Auch wir Lehrer haben Sehnsucht nach normaler Schule", versichert Meidinger. Fernunterricht mit Videokonferenzen und Lernplattformen fühle sich völlig anders an – wie ins Leere hinein. Ein großer Nachteil: "Die Lehrkräfte können auch schlechter einschätzen, ob Schüler alles verstanden haben." Davon sind auch seine Kollegen überzeugt. Knapp 80 Prozent halten die Lernangebote für zu Hause für weniger effektiv als den regulären Unterricht in der Schule. "Je jünger Schüler sind, desto wichtiger ist die persönliche Beschulung", so der Schulleiter.

Expertin: Dr. Heike Buhl

Grundschulen sind mehr als Bildungsanstalten

Das sieht Dr. Heike Buhl, Professorin für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Paderborn, auch so. "Gerade in Grundschulen werden nicht nur klassische Bildungskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt. Es gibt einen großen Bereich der Wertevermittlung, der darüber hinausgeht, etwa wie füge ich mich in ein Klassensystem ein und was wird von mir erwartet? Auch auf die Persönlichkeitsentwicklung nehmen Lehrer Einfluss", erklärt die Psychologin. Zudem spielen Sozialkontakte mit Mitschülern in den ersten vier Jahren verstärkt eine Rolle. Danach sind Kinder eigenständiger und knüpfen selbst Freundschaften – auch jenseits der Schule. "Eltern sind auf Dauer kein guter Ersatz für Freunde. Kinder brauchen den Austausch mit Gleichaltrigen", sagt Buhl.

Eltern können nicht die Rolle von Pädagogen übernehmen

Die Expertin sieht die Dauer-Beschulung durch Mütter und Väter gespalten. "Sicher kann Homeschooling positive Elemente enthalten. Es gibt Kinder, die vom ruhigen, konzentrierten und individuellen Arbeiten zu Hause profitieren und auch die intensive Zeit mit den Eltern genießen. Das geht aber nur, wenn diese sich auch zeitlich und intellektuell darauf einlassen können und wollen", erklärt Buhl. Das unfreiwillige Beschulen zwischen Homeoffice, Haushalt und Betreuung von Geschwisterkindern sei eine enorme Belastung – und zwar für die ganze Familie, so die Psychologin.

Das belegt auch die repräsentative Bevölkerungsbefragung "Homeschooling in Corona-Zeiten" durch Forsa im Auftrag der Krankenkasse DAK Gesundheit. Hier gaben 49 Prozent der Mütter und 45 Prozent der Väter an, während des Lockdowns fast täglich gestresst gewesen zu sein. Viele leiden durch die Sorgen unter:

  • Erschöpfung (52/39 Prozent)
  • Schlafprobleme (38/31 Prozent)
  • Traurigkeit (25/16 Prozent)

In jeder vierten Familie gibt es Streit – je kleiner die Kinder, desto häufiger. Mit dramatischen Folgen: 37 Prozent der Zehn- bis Zwölfjährigen berichten, gestresst zu sein, 27 Prozent sogar traurig.

Etliche Erwachsene fühlen sich daher vom Homeschooling überfordert. Entwicklungspsychologin Buhl versteht das: "Eltern sollten nicht die Rolle von Lehrenden übernehmen, außer auf freiwilliger Basis und mit Unterstützung durch die Pädagogen. Das ist nicht ihre Aufgabe und kann unter Umständen sogar zu Konflikten führen und die Eltern-Kind-Beziehung belasten. Diese Rollen dauerhaft und emotionsfrei zu trennen, halte ich für schwierig."

Eigenständigkeit der Kinder fördern

Buhl unterscheidet zwischen Homeschooling und Hausaufgaben-Betreuung: "Letztere sind oft nicht das Problem, weil es ums Vertiefen und Üben geht. Aber neue Wissensvermittlung gehört auf Dauer in Lehrerhände." Welche Tipps hat sie dennoch für ein optimales Homeschooling, falls es auch nach den Sommerferien weiterhin keinen regulären Unterricht an den Schulen geben sollte? "Ermutigen Sie Ihre Kinder zum eigenständigen Arbeiten – und blicken Sie über Rechtschreibfehler und Krakelschrift hinweg. Rigide Kontrolle und Druck haben nur negative Effekte. Im Idealfall gestalten Schüler Phasen der Planung, Motivation und Selbstreflektion selbst. Jüngere Schulkinder brauchen dafür noch mehr Unterstützung. Definieren Sie gemeinsam klare Ziele und stecken Sie zeitliche Rahmen. Danach ist Schulschluss wie sonst und Freizeit angesagt. Auf jeden Fall müssen die Umstände für Homeschooling gut sein."

Ungleiche Voraussetzungen

Doch die sind eben nicht überall bestens. Alle Experten sehen für Kinder mit Migrationshintergrund, aus sozial benachteiligten Familien oder mit Förderbedarf Risiken des eingeschränkten Unterrichts. Sie profitieren von jeder Stunde regulärem Unterricht vor Ort durch Fachpersonal. "Denn bei ihnen gibt es nicht immer Eltern, die beschulen oder unterstützen können. Die Gründe dafür können vielfältig sein, wie sprachliche Barrieren oder eine mangelnde technische Ausstattung in Form von Laptop und Internetzugang", sagt Meidinger. "An Brennpunktschulen gibt es außerdem eine hohe Quote an Schülern, die Lehrer während des Lockdowns gar nicht erreichen konnten."

Insgesamt schnitten gerade Grundschulen nicht rosig ab. Im Schulbarometer gaben 47 Prozent der Lehrerschaft an, dass sie mit weniger als der Hälfte oder sogar nur mit sehr wenigen Schülerinnen und Schülern regelmäßig im Kontakt standen.

Grundschullehrerin Anne aus Hamburg – ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen – hat diese Erfahrung gemacht: "Der Unterricht in meiner Klasse war schon vor Corona eine Herausforderung, da für 19 von 23 Kindern Deutsch nicht Muttersprache ist. Viele waren während der Schulschließung wie abgetaucht und unerreichbar. Das war ein beunruhigendes Gefühl, weil ich nicht wusste, wie es ihnen geht."

Wissenslücken schließen, Veränderungen anschieben

Die Länder denken nun verstärkt darüber nach, wie der verpasste Lernstoff nachgeholt werden kann. Der Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Schäuble, erntete mit seinem Vorschlag, die Sommerferien zu verkürzen harsche Kritik. Meidinger plädiert eher für freiwillige Lernangebote in dieser Zeit, auch wenn dadurch das Gesamtproblem nicht gelöst würde. An seiner Schule hat er so ein Angebot zwar nicht geplant. In Hamburg aber will man diese Idee umsetzen. Dort wird es in den letzten drei Wochen "Lernferien" für Schüler mit hohem Lernrückstand aus Schulen in sozialen Brennpunkten geben. Aufgabe der Schulen sei es, betroffene Schüler anzusprechen und sie von der freiwilligen Teilnahme zu überzeugen. Denn Initiativen wie der Bundeselternrat und Bildungsexperten befürchten sonst schwerwiegende gesellschaftliche Folgen für Kinder mit Wissenslücken. Auch Berufs- und Studienwege könnten davon betroffen sein.


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