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Eine Familie berichtet: "Wir hatten Corona"

Annette R. steckt sich an ihrem Arbeitsplatz mit SARS-CoV-2 an. Unwissend infiziert sie auch ihren Mann und ihre beiden Söhne (7 und 4). Wie es der Familie damit ging, hat sie in einem Tagebuch festgehalten

von Protokoll: Silke Weiher, 17.04.2020
Coronavirus Genesen

Familienzeit: Anette und Uli R. mit ihren Söhnen Bruno (rechts) und Theo. Die ganze Familie war an COVID-19 erkrankt und musste zwei Wochen in häuslicher Quarantäne leben.


Freitag, 13. März 2020

Ich habe leichte Halsschmerzen. Normalerweise würde ich mir keine Gedanken machen. Aber momentan denkt man bei Halskratzen automatisch an das Coronavirus. Auch bei uns in der Klinik gibt es schon Patienten, die an COVID-19 erkrankt sind. Vorsichtshalber informiere ich die Kollegen.

Montag, 16. März 2020

Die Halsschmerzen sind weg. Ich kann zur Arbeit kommen, sagt die Klinik – schließlich war ich weder in einem Risikogebiet, noch in direktem Kontakt mit jemanden, der an COVID-19 erkrankt ist. Wahrscheinlich war doch nur eine Erkältung im Anflug.

Donnerstag, 19. März 2020

War da ein leichtes Brennen beim Atmen? Bin ich zu schnell Fahrrad gefahren? War die Morgenluft noch zu kalt? Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein. Irgendwie achtet man zurzeit auf jedes noch so kleine Zipperlein.

Freitag, 20. März 2020

Am Nachmittag spüre ich wieder das Brennen. Irgendwas stimmt nicht. Ich rufe erneut in der Klink an. Dort herrscht Aufregung. Vier Kollegen, die mit mir auf derselben Station arbeiten, sind positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden. Zur Sicherheit müssen alle Kollegen auf der Station zum Test. Bisher habe man mich nicht über die Positivfälle informiert, weil ich in den letzten 48 Stunden nicht vor Ort war – ich arbeite nur zwei Tage pro Woche und war zuletzt am Dienstag im Krankenhaus. Die Klinik rät mir, mich ebenfalls testen zu lassen. Ich wähle mehrmals die Nummer unseres Betriebsarztes, komme aber nicht durch. Im Geiste gehe ich alle Kollegen durch, mit denen ich in den vergangenen Tagen Kontakt hatte – könnte ich mich bei einem von ihnen angesteckt haben? Und damit meinen Mann Uli. Und die Kinder! Bruno hustet auch schon. Theo hat heute gesagt, dass ihm kalt ist. Dabei ist ihm noch nie zu kalt gewesen. Dann wird heute mal nicht getobt. Die Kinder dürfen Fernsehen schauen.

Samstag, 21. März 2020

Weil ich den Betriebsarzt nicht erreichen konnte, wähle ich nun morgens um sieben Uhr die 116 117. Ich will wissen, ob ich infiziert und an COVID-19 erkrankt bin. Beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst komme ich sofort durch, schildere erneut unsere Symptome und erzähle von den vier infizierten Kollegen. "Was soll ich jetzt machen?", frage ich die Dame am Telefon. "Ab zum Test – und zwar alle vier", entscheidet die Mitarbeiterin und schickt uns einen Arzt nach Hause – der Kinder wegen. Ich bin erleichtert: Es regnet in Strömen und ich bin froh, nicht stundenlang mit einem Vier- und Siebenjährigen in einer Schlange vor einem Testcenter warten zu müssen. Zumal wir alle angeschlagen sind.

Keine drei Stunden später steht ein junger Arzt vor unserer Tür. Er trägt Mundschutz, einen grünen Einwegkittel und macht bei jedem von uns einen Halsabstrich. Er liest unsere Krankenkassenkarten ein und arbeitet einen nach dem anderen ab. Er fragt, welche Symptome wir haben und seit wann und notiert alles. Als er sich verabschiedet, streift er seine Schutzkleidung bei uns vor der Haustüre ab und bittet uns, sie zu entsorgen. Obwohl wir das Virus vielleicht in uns tragen, denke ich: Hoffentlich stecken wir uns nicht bei ihm an, wer weiß, wo er vorher war. Ich sehe ihm an, dass er sich dasselbe von uns denkt.

Verrückt! Noch dreimal schlafen, dann wissen wir mehr. Ab jetzt sind wir offiziell in häuslicher Isolation und sollten jeglichen persönlichen Kontakt unterlassen – auch mit den Nachbarn. Die rufe ich jetzt erst einmal an, damit sie sich nicht wundern. Angesteckt haben wir sie zum Glück nicht. Die einen sind seit ihrem Urlaub in Tirol auch in häuslicher Quarantäne. Und die anderen ziehen heute erst ein.

Montag, 23. März 2020

Ich fahre Psychoachterbahn. Einmal denke ich: "Fein, wenn wir positiv sind, haben wir es hinter uns." Dann wieder frage ich mich: "Will ich wirklich das Coronavirus haben?" Uli hat bisher nur Halskratzen. Er arbeitet weiter im Homeoffice wie bisher. Ich bin ziemlich platt, habe Husten und Kopfschmerzen. Der Hausarzt hat mich telefonisch krankgeschrieben. Die Kinder haben nur leichte Erkältungssymptome. Bruno kann trotzdem Schularbeiten machen, und die beiden spielen viel miteinander.

Dienstag, 24. März 2020

Ich hatte noch nie Herzrhythmusstörungen, aber gerade ist mein Herz gestolpert. Während ich auf der Couch liege! Leichtes Fieber habe ich auch. Heute Nacht bin ich durchgeschwitzt aufgewacht. Uli hat nun auch starke Kopfschmerzen und konnte letzte Nacht nicht schlafen, weil sein Puls so rast. Meine Gedanken rasen auch: Ständig scanne ich meinen Körper, ob sich die Symptome verschlechtern. Ich frage mich, was wir mit den Kindern machen, falls es uns beiden schlechter geht. Wir können ja nicht unsere Eltern herholen. Die Nachrichten machen mir Angst. Vor allem die Tatsache, dass auf den Intensivstationen auch junge Menschen behandelt werden müssen. Dabei wissen wir immer noch nicht, ob wir überhaupt SARS-CoV-2 haben! Diese Ungewissheit macht mich wahnsinnig. Wir lenken uns mit der Sendung mit der Maus ab. Beim Essen haben alle riesen Appetit. Das beruhigt mich sehr. Vor allem, wenn ich sehe, wie die Jungs reinhauen. Und solange mich die Krümel unterm Tisch noch aufregen, wird es nicht so schlimm sein!

Mittwoch, 25. März 2020

Vor vier Tagen hatte uns der Arzt getestet, ein Ergebnis steht auch heute noch aus. Wobei das jetzt schon fast egal ist. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass wir infiziert und erkrankt sind, denn ein weiteres Symptom einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus ist hinzugekommen. Unser Geruchssinn ist weg: Uli stand heute unter der Dusche und konnte das Duschgel nicht riechen. Mir ging es genauso. Wir haben zum Test an der Essigflasche geschnuppert. Nichts! Theo riecht auch nichts mehr. Nur Bruno, unser Siebenjähriger, blieb verschont. Er macht uns darauf aufmerksam, wenn der Müll stinkt. Ansonsten sind die Kinder aber wieder fit. Mir geht es auch besser. Trotzdem telefonieren wir alle paar Tage mit Ulis Bruder in Leipzig. Er ist Mediziner und die Gespräche mit ihm beruhigen uns. Er konnte Uli zum Beispiel erklären, dass der schnelle Puls bei Infekten kein Grund zur Beunruhigung ist und mit der erhöhten Temperatur zusammenhängen kann. Überhaupt tut es gut, mit jemanden zu reden. Lenkt vom Warten ab.

Samstag, 28. März 2020

Endlich ist es offiziell: Wir haben wirklich Corona! Gestern Abend um halb neun kam der Anruf vom ärztlichen Bereitschaftsdienst: Ich bin positiv. Der Test von Uli und den Kindern war negativ, aber der Arzt geht davon aus, dass wir alle COVID-19 haben, da wir ähnliche Symptome hatten. Die Betonung liegt auf hatten, denn mittlerweile geht es uns wieder besser. Trotzdem: Obwohl ich mich eine Woche darauf vorbereiten konnte, fühlt sich die offizielle Diagnose nun doch komisch an. Wir haben COVID-19 – wie das klingt. Jeder versucht, sich nicht anzustecken. Regierungen ergreifen drastische Maßnahmen, es gibt Ausgangbeschränkungen und -verbote. Die Menschen werden isoliert, sollen zuhause bleiben, auf Abstand gehen. Das öffentliche Leben ist stillgelegt. So viele Menschen sterben. Und wir hatten nur Erkältungssymptome. Verrückt. Bis zum Schluss hatte ich gehofft, es sei doch was anderes. Ob wir es nun schon überstanden haben? Können sich die Symptome eigentlich wieder verschlechtern?

Mittags bekomme ich eine Mail vom Gesundheitsamt mit der Aufforderung in häuslicher Isolation zu bleiben. Außerdem soll ich zweimal täglich Fieber messen. Und falls möglich Abstand zu Mann und Kindern halten. Das hat sich ja wohl erledigt. Mein Fieber ist weg und auch die Jungs sind wieder fit und toben herum. Uli wird ab Dienstag auch wieder arbeiten.

Sonntag, 29. März 2020

Langsam lässt der Schreck nach. Ich trage meine Symptome der letzten Woche in das Tagebuch-Formular nach, das mir das Gesundheitsamt gestern geschickt hat. Jetzt, wo die Warterei vorbei ist und die Symptome fast weg sind, können wir die Zeit zu viert zuhause richtig genießen: Zum Frühstück gibt es jeden Tag Schoko-Croissants vom Bäcker-Lieferdienst. Wir schauen Filme mit den Kindern, was wir sonst selten erlauben. Wir gönnen uns alles, was uns guttut und machen das Beste aus der gemeinsamen Zeit.

Montag, 30. März 2020

Ich rufe meinen Zahnarzt an. Bei ihm war ich am Donnerstag, 19.3., noch in der Praxis zur Behandlung. Das fiel mir ein, als mich heute eine Dame von der Gemeinde anrief und fragte, mit wem ich mindestens 15 Minuten in Kontakt war, ohne Sicherheitsabstand von 1,5 Metern – auch in den Tagen, bevor ich Symptome hatte. Komisch, dass ich das jetzt erst gefragt werde, aber die Gemeinde hat das Ergebnis auch erst vom Gesundheitsamt mitgeteilt bekommen. Die Ämter werden informiert, wenn der Test positiv ist. Nur hat das eben bei uns eine Woche gedauert. Zum Glück haben wir sonst niemanden getroffen.

Schule und Kindergarten waren in der Woche vor dem Test schon geschlossen. Ein Teil unserer Bekannten verhält sich trotzdem komisch. Sie sagen: "Wow! Du bist die Erste, die ich kenne, die Corona hatte!" Die einen fragen besorgt, wie es uns geht. Andere dagegen interessiert eher, wie sich das angefühlt hat. Ist fast ein bisschen wie im Zoo.

Mittwoch, 1. April 2020

Mein Husten hält sich hartnäckig und die Brust fühlt sich an wie nach einer Bronchitis. Während wir es uns zuhause und im Garten gemütlich machen, versorgen uns die Nachbarn mit Kuchen und fragen, ob sie was mitbringen können, aber wir sind dank Lieferservice vom Bauern gut versorgt mit Lebensmitteln. Auch der Bäcker bringt die Semmeln vor die Tür.

Montag, 6. April 2020

Heute dürfen wir offiziell wieder das Haus verlassen. Wir bleiben trotzdem daheim. Lebensmittel haben wir genug und ehrlich gesagt bin ich unsicher, ob ich jetzt wirklich niemanden mehr anstecken kann. Laut Gemeinde brauchen wir keine weiteren Tests. Es reiche, ab dem Positivtest 14 Tage zu Hause zu bleiben. Sind noch Symptome da, gilt die Regel: Warten, bis sie weg sind, danach nochmal 48 Stunden zu Hause bleiben – danach ist die Isolation beendet. Mein Husten ist seit Samstag weg, das heißt, ich bin offiziell seit 48 Stunden symptomfrei, wie gefordert. Bei uns in der Klinik sind die Regeln strenger. Damit ich wieder auf der Station arbeiten darf, müssen zwei SARS-CoV-2-Tests innerhalb von 24 Stunden negativ sein.

Montag, 13. April 2020

Ich habe den Zahnarzt erreicht. Dem Team geht es gut, alle sind gesund, ich habe niemanden angesteckt in der Praxis. Ich habe mich so gefreut!

Dienstag, 14. April 2020

Heute war ich wieder beim Test. Diesmal in der Klinik, in der Teststation für Mitarbeiter. Diesmal wurde mir ein Teststäbchen in die Nase eingeführt bis runter in den Rachenraum. Fiel mir ziemlich schwer, da nicht den Kopf zurückzuziehen. Eigentlich müsste ich morgen gleich nochmal kommen, aber es dauert mindestens 24 Stunden, bis der Test ausgewertet ist. Ich bekomme einen Tag Pause und einen zweiten Termin für Donnerstag. Sollte der Test heute wider Erwarten positiv sein, müsste ich die Tests nach sechs Tagen wiederholen.

Donnerstag, 16. April

Was für eine Enttäuschung. Der Test war doch noch positiv. Der Arzt sagte, dass in der Lunge schon noch Viren sein können, auch wenn die Symptome abgeklungen sind. Ansteckend soll ich trotzdem nicht mehr sein, weil die Virenanzahl so gering ist, dass sie als nicht mehr infektiös gilt. Am kommenden Montag werde ich wieder getestet – und hoffe auf ein negatives Ergebnis. Ich freue mich schon, wieder in der Klinik arbeiten zu dürfen. Dann mit einem ganz neuen Lebensgefühl. Weg ist die Angst, mich eventuell dort anzustecken. Fühlt sich fast ein bisschen an, als hätte man Superkräfte.

Hinweis der Redaktion: Ob und insbesondere wie lange eine Immunität gegen SARS-CoV-2 nach einer COVID-19-Erkrankung besteht, ist momentan noch Gegenstand der Forschung und nicht endgültig geklärt.


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