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Covid-19 kann bei Kindern Entzündungserkrankung verursachen

Während der Corona-Pandemie werden bei Kindern vereinzelt schwere Entzündungsreaktionen beobachtet, die dem sogenannten Kawasaki-Syndrom ähneln. Die Erkrankung wird derzeit als PIMS-TS oder MIS-C bezeichnet

von Daniela Frank, aktualisiert am 24.07.2020

In der Regel verläuft eine Corona-Infektion bei Kindern eher mild. Doch in einigen wenigen Fällen kann die Erkrankung anscheinend zu Symptomen führen, die an das Kawasaki-Syndrom erinnern. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Blutgefäße, die vermutlich im Zusammenhang mit Infektionen steht. Die Kinder zeigen Krankheitszeichen wie Fieber, geschwollene Lymphknoten, Augenentzündungen und Hautausschlag.

Italienische Studie weist auf Kawasaki-ähnliche Entzündung hin

Dass auch das neuartige Coronavirus eine ähnliche Reaktion bewirken kann, ist bereits seit Längerem bekannt. Anfang Mai beleuchtete eine Studie aus Bergamo, dem Zentrum der Pandemie in Italien, die charakteristischen Merkmale der seltenen Entzündungskrankheit bei Kindern im Fachblatt "The Lancet". Die Ärzte haben Fälle von Kindern, die zwischen dem 18. Februar und dem 20. April derartige Krankheitsmerkmale zeigten, mit Kawasaki-Fällen in der Region aus den fünf Jahren vor Beginn der Pandemie verglichen. Insgesamt gab es demnach zwischen Januar 2015 und Mitte Februar dieses Jahres 19 Kawasaki-Fälle. In den zwei Monaten danach wurden 10 Kinder mit Kawasaki-ähnlichen Symptomen behandelt, was den Studienautoren zufolge einer 30-fachen Zunahme entspräche – wobei die Mediziner selbst darauf hinwiesen, dass es schwierig sei, auf Grundlage solch geringer Zahlen valide Schlussfolgerungen zu ziehen.

Acht der zehn Kinder, die nach dem 18. Februar ins Krankenhaus gebracht wurden, wurden in einem Antikörpertest positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Alle Kinder in der Studie überlebten, doch diejenigen, die während der Pandemie erkrankten, zeigten schwerwiegendere Symptome als jene aus den fünf Jahren zuvor. So kam es bei sechs der Kinder zu Herzkomplikationen, fünf hatten Anzeichen eines toxischen Schocksyndroms. Zudem mussten mehr von ihnen mit Steroiden behandelt werden als in der Gruppe vor Ausbruch der Pandemie. Ein weiterer Unterschied: Die Kinder, die während der Corona-Welle erkrankten, waren im Durchschnitt älter als diejenigen, bei denen zuvor Kawasaki diagnostiziert wurde. Aufgrund dieser Unterschiede plädierten die Autoren dafür, die Entzündungserkrankung als "Kawaski-ähnliches Syndrom" zu bezeichnen.

Tatsächlich zeige die italienische Studie ebenso wie eine ähnliche Zusammenfassung aus Großbritannien unterschiedliche Verläufe, die nur zu einem Teil einem typischen Kawasaki-Syndrom entsprächen, häufig aber ein sogenanntes atypischen Kawasaki-Syndrom darstellten, betont Johannes Hübner, stellvertretender Leiter der Kinderklinik an der Universität München, in einer unabhängigen Einordnung. "Ein atypisches Kawasaki-Syndrom zeigt einige sehr unspezifische Symptome, die wir bei vielen Virusinfektionen beobachten, wie beispielsweise Fieber und einen Hautausschlag."

Weitere Studien stellen eigene Erkrankung bei Kindern fest

Nachfolgende Studien aus New York und London lieferten noch mehr Hinweise, dass es sich nicht um das Kawasaki-Syndrom, sondern um eine eigenständige Erkrankung handeln könnte. Ein Beispiel: Das klassische Kawasaki-Syndrom wird laut dem Ärzteblatt vor allem in Asien beobachtet. Die jetzt mit SARS-CoV-2 assoziierte Erkrankung trat in Großbritannien vor allem bei Kindern afroamerikanischer, karibischer und hispanischer Abstammung auf.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das US-Center for Disease Control and Prevention (CDC) teilen diese Einschätzung. Letzteres hat Ende Juni auch mehrere eigene Untersuchungen zu dem Thema herausgegeben. Die meisten der mittlerweile mehreren hundert betroffenen Kinder hatten Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet, was den Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus nahelegt. Weil die Entzündungsreaktion – auch beim Kawasaki-Syndrom – meist erst nach einer durchgemachten Virusinfektion auftritt, war der Nachweis von Erregern im Rachenabstrich selten positiv.

Doch was dem Syndrom noch fehlt, ist ein eigener Name: Die Forscher aus London bezeichnen es als "pediatric inflammatory multisystem syndrome temporally associated with SARS-CoV-2" (PIMS-TS). Die US-Autoren und das CDC sprechen von einem "Multisystem Inflammatory Syndrome in Children (MIS-C) Associated with Coronavirus Disease 2019". Die Weltgesundheitsorganisation hat im Mai eine Falldefinition zum "Multisystem inflammatory syndrome in children and adolescents temporally related to COVID-19" veröffentlicht.

Deutschland hat Meldesystem aufgesetzt

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) hat Ende Mai ein Meldesystem für Verdachtsfälle eingeführt. Bisher wurden 40 Kinder und Jugendliche mit entsprechenden Symptomen gemeldet. "Im Moment ist die Situation in Deutschland aber sicher nicht beunruhigend", so Hübner, der auch Vorsitzender der DGPI ist.

Der Berliner Virologe Christian Drosten machte Mitte Mai im NDR-Podcast deutlich, dass er keinen Grund zu Alarmismus sieht. Es handle sich um ein seltenes Phänomen, mit guter Behandelbarkeit.

Auch Russell Viner, Präsident des britischen Royal College für Kinderheilkunde und Kindergesundheit, beruhigte: "Es ist wichtig – sowohl für Eltern als auch für Beschäftigte im Gesundheitswesen – erneut zu betonen, dass Kinder insgesamt nur minimal von der Sars-CoV-2-Infektion betroffen sind." Das Verständnis des Phänomens bei Kindern könne indes wichtige Informationen über Immunantworten auf Sars-CoV-2 liefern, die für Erwachsene und Kinder relevant sein könnten, so Viner. "Insbesondere, wenn es sich um ein durch Antikörper vermitteltes Phänomen handelt, kann dies Auswirkungen auf Impfstoffstudien haben und auch erklären, warum einige Kinder schwer an Covid-19 erkranken, während die Mehrheit nicht betroffen oder asymptomatisch ist."

 

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