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Coronavirus: Können Kinder nun wieder zu Oma und Opa?

Angesichts gelockerter Kontaktbeschränkungen steht bei vielen der langersehnte Besuch bei den Großeltern bevor. Doch das Ansteckungsrisiko bleibt

von Stephanie Arndt, aktualisiert am 27.05.2020

Wochenlang haben wir nur mit ihnen telefoniert oder sie per Videoanruf gesehen. Entsprechend groß ist die Sehnsucht nach Oma und Opa. Nun sind Besuche bei den Großeltern wieder erlaubt, sogar in anderen Bundesländern. Dennoch haben viele Mütter und Väter ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, mit dem Nachwuchs zu ihnen zu fahren.

Schließlich zählen ältere Menschen nach wie vor zur Risikogruppe. Vor allem, wenn die betagte Mutter grunderkrankt ist, aber auf uns wartet. Oder der rüstige Vater noch keinen Besuch möchte. Wir haben ein Experten-Duo nach Rat gefragt: Prof. Dr. Hans Jürgen Heppner, Präsident der Deutschen Geriatrie Gesellschaft (DGG) und den Diplom-Psychologen Andreas Winkler von der Klinik für Akutgeriatrie am Klinikum St. Georg in Leipzig.

Die Situation: Die Großeltern sind noch jung und fit

"Grundsätzlich hat sich in den letzten Wochen nicht viel geändert, ganz im Gegenteil", erklärt Heppner. "Es gibt nach wie vor keinen Impfstoff und gleichzeitig werden die Schutzmaßnahmen zurückgefahren. Zudem steigt das Risiko einer schweren Erkrankung noch immer ab dem 50. Lebensjahr an. Dennoch würde ich heute sagen, dass gesunde Großeltern durchaus wieder Kontakt mit ihren Kindern und Enkelkindern haben können, wenn alle es möchten. Wir müssen jetzt wieder Leben zulassen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Kontakte." Heppner plädiert dafür, sich an den Mindestabstand von 1,5 bis 2 Metern zu halten und eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.

Die Situation: Die Großeltern sind schon über 70 Jahre alt, aber gesund

"Auch hier wäre ich nicht mehr so streng wie noch vor sechs Wochen", sagt Altersmediziner Heppner. Dennoch gibt er zu bedenken: "Auch bei vermeintlich fitten Älteren könnten Grunderkrankungen möglicherweise noch nicht diagnostiziert worden sein", warnt Heppner. "Außerdem sinkt mit dem Alter generell die Leistungsfähigkeit bestimmter Organe. Zwischenzeitlich ist klar geworden, dass COVID-19 nicht ausschließlich eine Lungenerkrankung ist, sondern auch die Nieren schädigt." Halten Sie daher auf jeden Fall den Mindestabstand ein und tragen Sie eine Mund-Nasen-Bedeckung. Verabreden Sie sich im Idealfall draußen, zum Beispiel zum Grillen mit Mindestabstand auf der Terrasse.

Wenn das nicht möglich ist und ein Treffen nur drinnen stattfinden kann, begrenzen Sie den Besuch auf kurze Zeit und sorgen Sie für gut belüftete Räume. Mittlerweile gilt es als recht wahrscheinlich, dass das Virus auch über Aerosole, also winzig kleine Tröpfchen in der Luft, übertragen wird. Mit regelmäßigem Lüften oder einem Treffen draußen können Sie die Gefahr verringern. Auch wenn es emotional oder finanziell schwerfällt: "Wohnen die Großeltern weiter weg, sollten Familien im Moment lieber eine Nacht im Hotel oder in einer Ferienwohnung buchen, als im Gästezimmer bei Oma und Opa zu schlafen", rät Psychologe Winkler. Zudem sollten sich alle vor und nach dem Besuch gründlich die Hände mit Seife waschen und sich nicht berühren.

Keine Frage – das Abstandsgebot ist vor allem eine Herausforderung für Kinder und Großeltern, die sich jetzt am liebsten extra fest drücken würden! So klappt’s:

     

  • Sprechen Sie alle zusammen darüber, wie wichtig körperlicher Abstand ist – und warum. Das verstehen auch schon Kita-Kinder in einfachen Worten. Nach dem Motto: 'Weißt du noch als du mal ganz doll erkältet warst? Da waren unsichtbare Krankmacher in der Luft. Wenn wir im Moment etwas weiter voneinander wegbleiben, können wir uns alle davor schützen, falls wieder solche Fieslinge da sein sollten.'
  • Die ganz Kleinen bleiben bei Mama und Papa auf dem Arm oder im Kinderwagen.
  • Seien Sie ein Vorbild, das macht es auch allen anderen leichter, den Mindestabstand einzuhalten.

Die Situation: Oma und Opa leben in einer Pflegeeinrichtung

Heppner: "Hier sollten alle mit Augenmaß handeln und den Gesundheitszustand der Großeltern berücksichtigen. Parallel gibt es nach wie vor strenge Auflagen. In den meisten Bundesländern darf mittlerweile eine erwachsene Bezugsperson Angehörige in Senioren- und Pflegeeinrichtungen nach Absprache und Voranmeldung besuchen. Kinder leider noch nicht." Der Geriater verteidigt in diesen Bereichen noch stärker die strengen Hygienemaßnahmen, denn: "Auf dem Weg zum Angehörigen werden Sie mit größter Wahrscheinlichkeit auch anderen Menschen aus der Risikogruppe begegnen. Deshalb ist an dieser Stelle wirklich Vorsicht geboten."

Psychologe Andreas Winkler ergänzt: "Dennoch ist soziale Distanz das falsche Wort und sollte auf keinen Fall sein. Entscheidend ist körperliche Distanz. Wir sollten Großeltern auch weiterhin in unser Leben einbeziehen, sie anrufen und ihnen gemalte Bilder von den Enkelkindern schicken. Oder starten Sie alle gemeinsam einen Videoanruf, um sich wenigstens so zu sehen. Das ist vor allem für Kinder und Großeltern schön." Zum Glück seien letztere oft gut in der Lage, für einen Zeitraum mit weniger Kontakten klar zu kommen. "Oft konzentrieren sie sich ja auch sonst stark auf den Lebenspartner", so Winkler.

Die Situation: Einer oder beide haben eine Vorerkrankung

"Schwierig", sagt Heppner. "Auf der einen Seite will keiner eine Ansteckung riskieren. Denn alt und vorerkrankt, ist eindeutig eine unheilvolle Kombination. Hier ist die Übersterblichkeit überproportional hoch. Gleichzeitig zeigt sich gerade hier ein großes Bedürfnis nach Nähe und Zuspruch. Wichtig ist im ersten Schritt, dass die Angehörigen medikamentös optimal eingestellt sind. Dann würde ich über kreative Lösungen nachdenken, also eher das Gespräch über den Gartenzaun mit Mund-Nasen-Bedeckung."

Eine Grippeimpfung, sowie eine Pneumokokken-Impfung sollten laut Heppner für alle ab 60 Jahren zum Pflichtprogramm gehören. Das reduziert zwar nicht das Risiko an COVID-19 zu erkranken, aber an der saisonalen Grippe beziehungsweise Pneumokokken-Infektionen wie einer Lungenentzündung. Auch sie können schwere Verläufe nehmen oder Erkrankten zumindest einen Besuch beim Arzt bescheren. "Gerade für Kranke ist Corona eine Herausforderung, weil sie sich noch mehr ihrer eigenen Endlichkeit bewusst werden", weiß Psychologe Winkler. "Sie haben verständlicherweise noch mehr Angst, wichtige Anlässe wie Konfirmationen, Jugendweihen oder auch die eigene Goldene Hochzeit zu verpassen."

Die Situation: Oma und Opa sind ängstlich und trauen sich nicht vor die Tür

Obgleich die Großeltern quietschfidel sind, geht keiner von beiden mehr raus. Auch Besuche lehnen sie strikt ab. Winkler: "Solche Reaktionen sind nicht unüblich. Denn jeder geht anders mit schwierigen Situationen um und braucht seine eigene Zeit, um in die Normalität zurückzukehren." Der Psychologe rät Familien, den Wunsch der Großeltern zu akzeptieren und nicht persönlich zu nehmen. "Zeigen Sie Verständnis für die Ängste von Oma und Opa. Das hilft, diese besser abzubauen"

Auch Heppner empfiehlt, die Großeltern sanft zu motivieren: "Sonst verwandeln sich die Vorteile der freiwilligen Isolation irgendwann in Nachteile. Denn wenig Bewegung bedeutet auch, die Muskulatur weniger zu beanspruchen. Das wirkt sich negativ auf die Haltung und Koordination aus. Außerdem ist auch frische Luft wichtig."

Die Situation: Oma und Opa nehmen Corona (zu) gelassen

Montags Kaffeekränzchen, dienstags Canasta … Aus Sicht der erwachsenen Kinder nehmen die Großeltern die Lockerungen buchstäblich zu locker. War im Lockdown alles klar geregelt, müssen jetzt alle immer eigenverantwortlicher handeln. Das kann Konfliktpotenzial bergen, denn viele Kontakte erhöhen das Risiko, auf Infizierte zu treffen. Winkler: "Ich erlebe bei vielen meiner älteren Patienten in der Tat einen entspannten Umgang mit der Pandemie. Das hat auch mit der Lebenserfahrung und anderen gemeisterten Krisen zu tun."

Wichtig sei es, so der Experte, dann einen Mittelweg zu finden – vor allem, wenn die erwachsenen Töchter oder Söhne die Einstellung nicht teilen. "Akzeptieren Sie, dass jeder für sein Tun selbst verantwortlich ist und möglicherweise andere Entscheidungen trifft als Sie es tun würden. Gleichzeitig brauchen aber auch erwachsene Kinder ihre Überzeugungen nicht über Bord werfen, etwa aus falsch verstandenem Respekt den Eltern gegenüber", stellt Winkler klar. Sofern Sie sie also noch nicht mit den Kleinen besuchen möchten, erklären Sie sachlich und ruhig Ihre Gründe, etwa dass Sie nicht andere vorerkrankte Verwandte in Gefahr bringen möchten und potentielle Infektionsketten möglichst kurz halten wollen. Schauen Sie nach einem Kompromiss. Das könnte zum Beispiel ein Treffen draußen mit allen Abstandsregeln sein, oder Sie lassen Ihre Kinder noch daheim und fahren alleine zu Ihren Eltern.


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