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Corona: Wie Eltern in kritischen Situationen richtig reagieren

Das Risiko, sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu infizieren, besteht nach wie vor. Vor allem Eltern geraten mit Kindern immer wieder in schwierige Situation und werden angefeindet. Ein Erziehungsberater und eine Psychologin geben Tipps, wie Eltern am besten reagieren

von Maike Mauer, 18.05.2020

Der Corona-Krisen-Modus verlangt Eltern sehr viel Flexibilität, Durchhaltevermögen und Kraft ab. Sie versuchen täglich, allen Aufgaben bestmöglich gerecht zu werden. Reagiert dann aber der Chef genervt, weil der Nachwuchs in die Videokonferenz platzt oder wird man in der Öffentlichkeit angefeindet, weil die Kinder keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen oder manchmal der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, liegen die Nerven blank.

Jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren, fällt schwer. Wie es dennoch gelingen kann, erklären Sozialpädagoge Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e. V. (BKE) und Dr. Hanna Christiansen, Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie von der Philipps-Universität Marburg.

Zu nah gekommen

Die Situation:

Sie spielen mit ihrem Kind im Park mit einem Ball. Der kullert plötzlich gefährlich nah an eine Bank, auf der ein älterer Herr sitzt. Ihr Dreijähriger rennt dem Ball nach und denkt natürlich an keinen Mindestabstand. Da schreit der Mann plötzlich "Abstand halten". Ihr Kind erschrickt und kommt weinend zu Ihnen gelaufen. Sie sind wütend und würden dem Mann zu gerne ein paar Takte erzählen. Eine gute Idee?

Sozialpädagoge Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V.

Wie also reagieren?

Das sagt der Erziehungsberater Ulric Ritzer-Sachs: "Auch wenn es nachvollziehbar ist, sollten Eltern nicht mit der Wut im Bauch reagieren. Besser: Einmal tief durchatmen. Die Worte sortieren. Gehen Sie auf den Mann zu, bleiben Sie aber auf Abstand, etwa zwei größere Schritte (mindestens 1,5 Meter). Sie können sich freundlich aber bestimmt entschuldigen und erklären, dass Dreijährige die Corona-Regeln noch nicht perfekt anwenden können. Stellen Sie sich klar hinter ihr Kind. Sie könnten sagen: Ich möchte nicht, dass Sie mein Kind so anschreien. Sie können gerne mit mir reden."

Das sagt die Psychologin Hanna Christiansen: "Der Mann fühlt sich wahrscheinlich bedroht. Vielleicht hat er eine Vorerkrankung und gehört zur Risikogruppe. Er sieht die Verantwortung bei den Eltern, die dafür zu sorgen haben, dass ihm das Kind nicht zu nah kommt. Mehr denn je gilt das Prinzip der gegenseitigen Rücksichtnahme. In seiner Angst vor einer Ansteckung reagiert er über und schreit das Kind an. Das ist nicht in Ordnung. Eltern können versuchen, diese Perspektive einzunehmen und nachsichtig zu sein. Bleibt der Mann aber aggressiv, lassen Sie sich auf kein Streitgespräch ein."

Kinder im Supermarkt ohne Mund-Nasen-Bedeckung

Die Situation:

Der Wocheneinkauf steht an und niemand hat Zeit, auf die Kinder zu schauen. Verschieben können Sie den Einkauf aber auch nicht. Es nützt nichts. Die beiden Kleinen müssen mit. Statt Großeinkauf wollen Sie nur das Nötigste mitnehmen. Kaum im Supermarkt, regt sich prompt eine Frau lautstark auf: "Typisch, kaum gibt es Lockerungen, schleppen die wieder ihre Kinder überall mit hin. Die haben ja wohl trotzdem nichts im Supermarkt zu suchen. Und dann auch noch ohne Mund-Nasen-Bedeckung."

Wie reagieren?

Das sagt der Erziehungsberater Ulric Ritzer-Sachs: "Supermarktbesuche mit kleinen Kindern waren auch schon vor Corona nicht immer einfach. Eltern sind gut beraten, innerlich bis zehn zu zählen. Freundlich lächeln und sich und die Kinder aus der Situation nehmen. Lassen Sie sich am besten gar nicht auf eine Diskussion ein, und führen Sie Ihren Einkauf zügig fort. Sie sollten allerdings dafür sorgen, dass die Kinder nicht wild durch die Gänge laufen. Versuchen Sie, sie durch ein Guck-Spiel (Ich sehe was, was du nicht siehst) zu beschäftigen, sodass die Kinder bei Ihnen bleiben."

Das sagt die Psychologin Hanna Christiansen: "Solche Anfeindungen sind unfair, zumal die Person ja gar nicht den Hintergrund kennt. Die Äußerungen dürfen Sie nicht überbewerten oder gar persönlich nehmen. Die Pandemie stellt für uns alle eine Ausnahmesituation dar. Die Angst vor einer möglichen Ansteckung, Geld- und Jobsorgen, die Ungewissheit über die Zukunft verunsichern und stressen. Das kann dazu führen, dass sich Menschen manchmal ohne böse Absicht anders benehmen, als sie es normalerweise tun würden."

Richtig reagieren in Konfliktsituationen Expertin

Kinder aus der Nachbarschaft

Die Situation:

In der Straße wohnen viele Kinder. Ihre eigenen spielen oft in der Hofeinfahrt. Nach kurzer Zeit sind oft fünf andere Kinder aus der Nachbarschaft mit von der Partie. Trotz Lockerungen sind das zu viele Kinder, zumal sie auch keinen Abstand einhalten können. Sie ärgern sich, dass andere Eltern nicht nach ihren Kindern schauen.

Wie reagieren?

Das sagt der Erziehungsberater Ulric Ritzer-Sachs: "Hier müssen sich die Eltern überlegen, wollen und können sie das verantworten oder nicht. Die aktuell geltenden Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln sollen eine erneute Ausbreitung des Coronavirus eindämmen. Sie können nun jedes Mal die anderen Kinder bitten zu gehen. Das wiederum könnte aber auch Ihre Kinder frustrieren, denn sie spielen ja offensichtlich gerne mit den anderen Kindern und Sie sind immer der Spielverderber. Sie können aber auch versuchen, Ihre Kinder aus der Hofeinfahrt zu lotsen. Vielleicht können Sie im geschützten Garten spielen oder es gibt etwas Spannendes im Haus zu tun. Wenn Sie Zeit haben, unternehmen Sie mit Ihren Kindern einen kleinen Ausflug. Häufen sich die Situationen und Sie leiden darunter, immer der Spaßverderber zu sein, sollten Sie das Gespräch mit den anderen Eltern suchen."

Das sagt die Psychologin Hanna Christiansen: "Überlegen Sie, was Ihnen in der Situation wichtig ist und was den Ärger auslöst. Sie wollen gesellschaftlich dafür eintreten, dass die geltenden Regeln eingehalten werden. Zugleich finden Sie es unfair, dass andere Eltern gedankenlos handeln und Sie die Verantwortung allein übernehmen. Möglicherweise haben die anderen Eltern vielleicht nicht in dem Maß über die Situation nachgedacht wie Sie. Es könnte auch sein, dass die Eltern der anderen Kinder am Ende ihrer Kräfte sind und keine Energie mehr haben, die Kinder zu maßregeln oder zu beschränken. Die Luft in den Familien ist aufgrund der Dreifachbelastung von Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung raus – und das kann durchaus gedankenloses Handeln begünstigen. Wenn Sie also mit den anderen Eltern sprechen und auf Ihre Situation aufmerksam machen, fragen Sie sie auch, ob sie im Alltag gut zurechtkommen. Für belastete Familien gibt es mittlerweile einige Hilfsangebote."

Das (Klein-)Kind geht vor

Die Situation:

Seitdem die Kitas geschlossen wurden, arbeiten Sie von zu Hause aus. Die schrittweise Öffnung der Kita hilft Ihnen auch nicht wirklich weiter, denn die Betreuung ist noch nicht wie früher jeden Tag durchgehend. Die größte Herausforderung ist die tägliche Videokonferenz am Vormittag. Regelmäßig platzt eines Ihrer Kinder (3 und 5 Jahre alt) herein und will etwas von Ihnen. Sie gucken es verärgert an, schütteln mit dem Kopf und versuchen es mit einer verscheuchenden Bewegung, dazu zu bewegen, wieder zu gehen. Ihr Chef reagiert genervt auf die Unterbrechung.

Wie reagieren?

Das sagt der Erziehungsberater Ulric Ritzer-Sachs: "Fordert ein Kind während eines Arbeitstelefonats plötzlich lautstark Aufmerksamkeit, entschuldigen Sie sich beim Gesprächspartner und bitten um eine Pause. Fragen Sie Ihr Kind, was es möchte. Handelt es sich nicht um ein Grundbedürfnis, etwa das Kind muss zur Toilette oder es hat sich verletzt, erklären Sie ihm ruhig, dass Sie erst dieses wichtige Telefonat zu Ende führen müssen. Danach werden Sie sich um sein Anliegen kümmern. Sie können Ihrem Kind beispielsweise eine Eieruhr auf zehn Minuten stellen, denn Zeitangaben wie "gleich" oder "später" können kleine Kinder noch nicht abschätzen. Sagen Sie ihm, wenn es klingelt, bin ich für dich da. Halten Sie sich dann aber auch an Ihr Versprechen. Im Zweifel müssen Sie die Videokonferenz später fortsetzen."

Das sagt die Psychologin Hanna Christiansen: "Der Chef ist wahrscheinlich genervt, weil auch seine Arbeit an vielen Stellen von der Corona-Situation beeinflusst wird. Durch diese Belastung kann es sein, dass die Bedürfnisse und individuellen Gegebenheiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Blick geraten. Damit Sie gut arbeiten können, brauchen Sie verbindliche Zeiten, in denen Sie von Ihrem Kind nicht gestört werden. Vereinbaren Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin feste Zeiten, wer wann für die Kinderbetreuung zuständig ist. Wenn das nicht möglich ist, versuchen Sie ein Netzwerk mit anderen Familien aufzubauen, sodass Sie sich mit der Kinderbetreuung abwechseln können. Brauchen Sie vormittags eine kinderfreie Zeit, können Sie zum Beispiel nachmittags anderen Eltern den Rücken freihalten. Alleinerziehende Eltern können auch die Notbetreuungsangebote in Anspruch nehmen. Teilen Sie Ihrem Chef Ihre Lösung mit, sodass er Ihre Bemühungen auch zur Kenntnis nehmen kann."


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