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Corona: Welche Regeln gelten in der Kita?

Die Betreuung in Kindertagesstätten und Schulen ist nur möglich, wenn die Einrichtungen ein ausgeklügeltes Hygienekonzept zu SARS-CoV-2 vorlegen. Doch wieviel Abstand und Hygiene sind mit kleinen Kindern eigentlich möglich?

von Tanja Eckes, aktualisiert am 08.10.2020

Endlich können unsere Kinder wieder betreut werden –  Familien standen in der Corona-Krise bisher zu großen Teilen stark unter Druck. Doch der Normalzustand ist damit noch nicht erreicht. Denn solange es keinen sicheren Infektionsschutz für das Coronavirus SARS-CoV-2 gibt, gelten auch in Kindertagesstätten und bei Tagesmüttern besondere Schutzmaßnahmen und Hygieneregeln. Letztere dürften in Krippen und Kindergärten bundesweit das kleinere Problem darstellen. Denn um überhaupt eine Betriebserlaubnis zu bekommen, müssen Kindertagesstätten einen Hygieneplan erstellen und anwenden. Das galt schon vor Corona.

Sabine Wilhelm, Leiterin einer Kindertagesstätte in Königsbrunn

Seit Jahren hohe Hygieneauflagen

Sabine Wilhelm, Leiterin einer katholischen Kindertagesstätte im bayerischen Königsbrunn kann das bestätigen und sieht Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder deshalb gut gerüstet: "Das Infektionsschutzgesetz schreibt einen strengen Hygieneplan vor. Die Umsetzung wird regelmäßig vom zuständigen Gesundheitsamt kontrolliert. Unsere Erzieherinnen wissen beispielsweise genau, welche Flächen wie oft zu desinfizieren sind, welche Regelungen in der Küche, in Waschräumen und in Spielzimmern gelten. Das hilft uns jetzt, denn viele Hygieneregeln, die nun coronabedingt gelten, haben wir schon immer angewendet. So hatten wir bereits an jedem Handwaschplatz Warm- und Kaltwasser, Seife und Desinfektionsmittel, für die Kinder gehört regelmäßiges gründliches Händewaschen schon lange zum Kita-Ablauf. Damit sind wir in der jetzigen Lage vielen anderen Einrichtungen, etwa Schulen, einen großen Schritt voraus."

Kinder häufiger ohne Symptome

Abstand zu anderen Menschen – immerhin mindestens 1,5 Meter – können kleine Kinder noch nicht einhalten. Sie kennen keine Distanz, spielen eng mit anderen Kinder zusammen, sie kuscheln mit der Erzieherin, wenn sie Nähe brauchen. Und wenn sie hinfallen, wollen sie in den Arm genommen und getröstet werden.

"Wir wissen nicht, wie die Öffnung von Krippen und Kindergärten die Fallzahlen wieder nach oben treiben kann", sagt Prof. Dr. Johannes Hübner, stellvertretender Klinikdirektor der Kinderklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München. "Allerdings weisen Studien darauf hin, dass Kinder eine eher untergeordnete Rolle bei der Verbreitung des neuartigen Coronavirus spielen könnten", sagt der Mediziner.

Prof. Dr. Johannes Hübner ist Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie

Ein anderes Problem sieht der Kinder- und Jugendarzt darin, dass Kinder seltener an COVID-19 erkranken und auch kaum beziehungsweise nur milde Symptome zeigen. "Nach jetzigem Wissensstand könnten Kinder auch bei fehlenden Beschwerden ansteckend sein. Hierzu ist die Datenlage aber noch sehr dünn. Aktuell laufen einige Studien, die genau das untersuchen", erklärt Hübner.

Das Robert-Koch-Institut verweist ebenfalls auf diesen möglichen "Multiplikatoreffekt", bei dem infizierte Kinder das Virus unbemerkt in der Familie, über Spielkontakte oder eben in der Betreuung verbreiten. "Bleibt eine Infektion symptomfrei und somit unbemerkt, werden Erkrankte auch nicht isoliert und damit können Infektionsketten weniger effektiv unterbunden werden, das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder", sagt Hübner.

Ist ein Mund-Nasen-Schutz Pflicht?

Muss das Betreuungspersonal eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen? "Pflicht ist es nach meinem Wissensstand nicht überall. In Bayern und Baden-Württemberg zum Beispiel wird Erzieherinnen und Erziehern lediglich empfohlen, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, etwa in Situationen, in denen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, etwa beim Wickeln oder beim Füttern", sagt Björn Köhler, Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW.

Die Kita-Leiterin Sabine Wilhelm stellt sich das Arbeiten mit Mund-Nasen-Bedeckung auch sehr schwierig vor: "Das hätte einige Kommunikationsprobleme zur Folge, denn Kinder lesen ganz viel am Gesichtsausdruck ab." Die Regelungen zur Mund-Nasen-Bedeckung erstellen die Bundesländer, daher gibt es keine bundesweit einheitliche Lösung. Im Zweifel fragen Eltern am besten in ihrer Einrichtung nach, was speziell in der Kita oder Grundschule vor Ort gilt.

Um zumindest den Kontakt zu den Eltern nicht zu nah werden zu lassen, hat man in Königsbrunn ein paar Dinge verändert: "Die Eltern kommen gestaffelt in die Einrichtung. Es steht eine Betreuungsperson am Eingang und lässt pro Gruppe nur maximal zwei Kinder mit einer Begleitperson in die Einrichtung. Der erste Weg, nach dem Ausziehen, führt ins Bad zum Händewaschen, auch für die Eltern. Anschließend werden die Kinder an der Gruppentür übergeben. Die Eltern werden gebeten zwei Meter Abstand zu uns zu wahren. Längere Elterngespräche und Entwicklungsgespräche führen wir momentan ausschließlich telefonisch", sagt Wilhelm.

Größere Probleme mit größerer Kinderzahl

Ebenfalls schwierig wird es, die Empfehlungen für Raumnutzung, Gruppengrößen oder -durchmischung umzusetzen. "Kleingruppen mit höchsten fünf Kindern waren in der Notbetreuung kein Problem. Jede Gruppe bleibt unter sich. Die Kleinen spielen, essen und schlafen in ihrem Gruppenraum. In den Garten darf nur jede Gruppe einzeln", berichtet Sabine Wilhelm. "Inzwischen gibt es einen Stufenplan, nach dem wir arbeiten. Bei Stufe 1 findet Regelbetrieb statt. Eine Teilöffnung ist wieder möglich und es darf auch gruppenübergreifend gearbeitet werden. Weiterhin wird jedoch auf die Abstandregelungen und auf die Hygienemaßnahmen geachtet. Bei Stufe 2 bleibt jede Gruppe für sich. Essens- und Gartenzeiten sind klar geregelt und gestaffelt. Bei Stufe 3 kommt es wieder zu starken Einschränkungen. Kinder mit leichten Erkältungssymptomen brauchen einen negativen PCR-Test, um die Einrichtung besuchen zu dürfen. Das örtlich zuständige Gesundheitsamt entscheidet anhand der Fallzahlen welche Stufe notwendig ist."

Kreative Lösungen und Flexibilität gefragt

Momentan wird auch keine bundesweite Regelung angestrebt: Die regionalen Empfehlungen sollen anhand der Auslastung des Gesundheitssystems vor Ort und den Bedingungen der Kindertagesstätten wie Räumlichkeiten, Anzahl der zu betreuenden Kinder und Mitarbeiter getroffen werden.

Kolleginnen und Kollegen im Alter von 50 plus zählen bereits zur Risikogruppe. Laut Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019 betrifft das bundesweit 29 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher. "Das ist nachvollziehbar, wird uns aber gerade mit geplanter Ausweitung der Betreuung vor riesige Probleme stellen, weil es dann nicht mehr genügend Personal gibt", sagt die Königsbrunner Kita-Leiterin.

Björn Köhler ist Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Auch Kollegen mit Vorerkrankungen setzen sich einem erhöhten Risiko aus und sich selbst enorm unter Druck. "Viele arbeiten derzeit mit Bedenken, auch weil wir immer noch so wenig über Infektionswege und Symptomen bei Kindern wissen. Trotzdem sind nach einer aktuellen Studie des Deutschen Jugendinstituts nur knapp 4 Prozent der Fachkräfte wegen Corona nicht direkt mit den Kindern tätig", sagt Björn Köhler. "Auch die Bedenken der Beschäftigten, die sich um ihre eigenen Familien sorgen, müssen ernst genommen werden." Er fordert daher Arbeitgeber auf, ErzieherInnen mit Riskoprofil nicht direkt am Kind einzusetzen, sondern beispielsweise zu Hintergrundarbeiten wie Planung und Dokumentation.

Dauerhafte Schließung keine Alternative

Zwar müssen Eltern am Ende selbst entscheiden, ob das Kind in die Kita geht und man das mögliche Ansteckungsrisiko in Kauf nimmt, vor allem wenn es familiäre Vorerkrankungen gibt. Doch eine Schließung der Betreuungseinrichtungen erscheint dem Münchener Kinderarzt und Infektiologen Prof. Dr. Johannes Hübner nicht praktikabel.  "Man darf nicht vergessen, wie wichtig soziale Kontakte und gemeinsames spielen gerade in dieser Altersgruppe sind. Im Hinblick darauf, dass das Risiko eines sehr schweren Verlaufs einer COVID-19-Erkrankung bei Kindern nach jetzigen Erfahrungen wirklich gering ist, halte ich eine Öffnung für die richtige Strategie."

Maßnahmen in Krippen, Kitas und Kindertagespflege

Nach einer Empfehlung der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin

 

* weniger als 25 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner (kumulativer Mittelwert der Neuerkrankungen in den letzten 7 Tagen)
** Das Visier (unten offen) schützt im Vergleich zu einer Mund-Nasen-Bedeckung nur begrenzt vor dem Einatmen von Tröpfchen.


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