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Corona: Welche Regeln gelten in der Kita?

Die Betreuung in Kindertagesstätten und Schulen ist nur möglich, wenn die Einrichtungen ein ausgeklügeltes Hygienekonzept zu SARS-CoV-2 vorlegen. Doch wieviel Abstand und Hygiene sind mit kleinen Kindern eigentlich möglich?

von Tanja Eckes, 06.05.2020

Zurzeit wird heftig darüber diskutiert, wann die Kita-Betreuung wieder für alle Kinder möglich sein soll. Dass die Kinder betreut werden sollen, um Familien wieder zu entlasten, steht außer Frage. Zu klären ist das Wie. Denn solange es keinen sicheren Infektionsschutz für das Coronavirus SARS-CoV-2 gibt, gilt auch in Kindertagesstätten, bei Tagesmüttern und in Schulen: Abstand und strenge Hygiene einhalten. Letzteres dürfte in Krippen und Kindergärten bundesweit das kleinere Problem darstellen. Denn um überhaupt eine Betriebserlaubnis zu bekommen, müssen Kindertagesstätten einen Hygieneplan erstellen und anwenden. Das galt schon vor Corona.

Sabine Wilhelm, Leiterin einer Kindertagesstätte in Königsbrunn

Seit Jahren hohe Hygieneauflagen

Sabine Wilhelm, Leiterin einer katholischen Kindertagesstätte im bayerischen Königsbrunn kann das bestätigen und sieht Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder deshalb für die momentane Notfallbetreuung gut gerüstet: "Das Infektionsschutzgesetz schreibt einen strengen Hygieneplan vor. Die Umsetzung wird regelmäßig vom zuständigen Gesundheitsamt kontrolliert. Unsere Erzieherinnen wissen beispielsweise genau, welche Flächen wie oft zu desinfizieren sind, welche Regelungen in der Küche, in Waschräumen und in Spielzimmern gelten. Das hilft uns jetzt, denn viele Hygieneregeln, die nun coronabedingt gelten, haben wir schon immer angewendet. So hatten wir bereits an jedem Handwaschplatz Warm- und Kaltwasser, Seife und Desinfektionsmittel, für die Kinder gehört regelmäßiges gründliches Händewaschen schon lange zum Kita-Ablauf. Damit sind wir in der jetzigen Lage vielen anderen Einrichtungen, etwa Schulen, einen großen Schritt voraus."

Kinder häufiger ohne Symptome

Doch das mit dem Abstand zu anderen Menschen – immerhin mindestens 1,5 Meter – könnte in Krippen und Kindergärten, und auch in Grundschulen schwer werden. Kleine Kinder kennen keine Distanz. Sie spielen eng mit anderen Kinder zusammen, sie kuscheln mit der Erzieherin, wenn sie Nähe brauchen. Und wenn sie hinfallen, wollen sie in den Arm genommen und getröstet werden.

"Ich muss ganz klar sagen: Wir wissen gegenwärtig nicht, wie riskant es ist, Krippen und Kindergärten wieder zu öffnen, ob und wie sehr das die Fallzahlen wieder nach oben treiben kann", sagt Prof. Dr. Johannes Hübner, stellvertretender Klinikdirektor der Kinderklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München. "Allerdings weisen erste Studien darauf hin, dass Kinder entgegen früherer Annahmen eine eher untergeordnete Rolle bei der Verbreitung des neuartigen Coronavirus spielen könnten", sagt der Mediziner.

Prof. Dr. Johannes Hübner ist Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie

Ein anderes Problem sieht der Kinder- und Jugendarzt darin, dass Kinder seltener an COVID-19 erkranken und auch kaum beziehungsweise nur milde Symptome zeigen. "Nach jetzigem Wissensstand könnten Kinder auch bei fehlenden Beschwerden ansteckend sein. Hierzu ist die Datenlage aber noch sehr dünn. Aktuell laufen einige Studien, die genau das untersuchen", erklärt Hübner.

Das Robert-Koch-Institut verweist ebenfalls auf diesen möglichen "Multiplikatoreffekt", bei dem infizierte Kinder das Virus unbemerkt in der Familie, über Spielkontakte oder eben in der Betreuung verbreiten. "Bleibt eine Infektion symptomfrei und somit unbemerkt, werden Erkrankte auch nicht isoliert und damit können Infektionsketten weniger effektiv unterbunden werden, das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder", sagt Hübner.

Ist ein Mund-Nasen-Schutz Pflicht?

Müssen sich Betreuungspersonal und Kinder denn darauf einstellen, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen? "Pflicht ist es nach meinem Wissensstand nicht überall. In Bayern und Baden-Württemberg zum Beispiel wird Erzieherinnen und Erziehern lediglich empfohlen, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, etwa in Situationen, in denen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, etwa beim Wickeln oder beim Füttern", sagt Björn Köhler, Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW.

Die Kita-Leiterin Sabine Wilhelm stellt sich das Arbeiten mit Mund-Nasen-Bedeckung auch sehr schwierig vor: "Das hätte einige Kommunikationsprobleme zur Folge, denn Kinder lesen ganz viel am Gesichtsausdruck ab." Die Regelungen zur Mund-Nasen-Bedeckung erstellen die Bundesländer, daher gibt es keine bundesweit einheitliche Lösung. Im Zweifel fragen Eltern am besten in ihrer Einrichtung nach, was speziell in der Kita oder Grundschule vor Ort gilt.

Um zumindest den Kontakt zu den Eltern nicht zu nah werden zu lassen, hat man in Königsbrunn ein paar Dinge verändert: "Die Eltern kommen gestaffelt in die Einrichtung. Es steht eine Betreuungsperson am Eingang und lässt pro Gruppe nur maximal zwei Kinder mit einer Begleitperson in die Einrichtung. Der erste Weg, nach dem Ausziehen, führt ins Bad zum Händewaschen, auch für die Eltern. Anschließend werden die Kinder an der Gruppentür übergeben. Die Eltern werden gebeten zwei Meter Abstand zu uns zu wahren. Längere Elterngespräche und Entwicklungsgespräche führen wir momentan ausschließlich telefonisch", sagt Wilhelm.

Größere Probleme mit größerer Kinderzahl

Ebenfalls schwierig wird es, die Empfehlungen für Raumnutzung, Gruppengrößen oder -durchmischung umzusetzen. "Momentan kommen wir mit den wenigen Kindern in der Notbetreuung noch ganz gut zurecht. Zurzeit betreuen wir aber auch nur 13 Kinder. Kleingruppen mit höchsten fünf Kindern sind so kein Problem. Jede Gruppe bleibt unter sich. Die Kleinen spielen, essen und schlafen in ihrem Gruppenraum. In den Garten darf nur jede Gruppe einzeln", berichtet Sabine Wilhelm. Die Einrichtungsleiterin weiß aber auch: "Öffnen Kindertagesstätten wieder vollständig, haben wir in unserer Einrichtung 100 Kinder zu betreuen. Wie das funktionieren soll, bleibt abzuwarten."

Kreative Lösungen und Flexibilität gefragt

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt eine vorsichtige schrittweise Öffnung, begleitet von epidemiologischen Studien, um einen erneuten unkontrollierten Ausbruch der Pandemie zu verhindern. Momentan wird auch keine bundesweite Regelung angestrebt: Die regionalen Empfehlungen sollen anhand der Auslastung des Gesundheitssystems vor Ort und den  Bedingungen der Kindertagesstätten wie Räumlichkeiten, Anzahl der zu betreuenden Kinder und Mitarbeiter getroffen werden.

Kolleginnen und Kollegen im Alter von 50 plus zählen bereits zur Risikogruppe. Laut Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019 betrifft das bundesweit 29 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher. "Das ist nachvollziehbar, wird uns aber gerade mit geplanter Ausweitung der Betreuung vor riesige Probleme stellen, weil es dann nicht mehr genügend Personal gibt", sagt die Königsbrunner Kita-Leiterin.

Björn Köhler ist Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Auch Kollegen mit Vorerkrankungen setzen sich einem erhöhten Risiko aus und sich selbst enorm unter Druck. "Viele wollen trotz Bedenken arbeiten, möchten aber natürlich auch die eigene Gesundheit schützen. Doch nicht immer wird genügend Material wie Desinfektionsmittel, Einwegtücher oder Handschuhe zur Verfügung gestellt", sagt Björn Köhler. Die Alternative: "Erzieherinnen mit Risikoprofil könnten im Hintergrund tätig werden, ohne direkten Kontakt zu den Kindern. Etwa Büroarbeit und Telefondienste übernehmen, um sich mit Familien auszutauschen, Probleme zu besprechen oder schlicht Spielideen zu liefern. Das ist oft eine große Entlastung", sagt Köhler.

Dauerhafte Schließung keine Alternative

Zwar müssen Eltern am Ende selbst entscheiden, ob das Kind in die Kita geht und man das mögliche Ansteckungsrisiko in Kauf nimmt, vor allem wenn es familiäre Vorerkrankungen gibt. Doch eine dauerhafte Schließung aller Betreuungseinrichtungen erscheint dem Münchener Kinderarzt und Infektiologen Prof. Dr. Johannes Hübner auch nicht praktikabel.  "Man darf nicht vergessen, wie wichtig soziale Kontakte und gemeinsames spielen gerade in dieser Altersgruppe sind. Im Hinblick darauf, dass das Risiko eines sehr schweren Verlaufs einer COVID-19-Erkrankung bei Kindern nach jetzigen Erfahrungen wirklich gering ist, halte ich eine schrittweise Öffnung für die richtige Strategie."


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