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Corona: Viele Eltern mit Babys stark belastet

In der Corona-Pandemie sind Familien mit Säuglingen und werdende Eltern besonders belastet. An der Ludwig-Maximilians-Universität München gibt es jetzt eine Sprechstunde für sie. Was das bringt, erklären die Psychologinnen Prof. Dr. Corinna Reck und Dr. Lukka Popp

von Nele Langosch, 30.04.2020

Frau Reck, normalerweise richtet sich das Angebot der Institutsambulanz MUNIK für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und Ihre Hochschulambulanz hauptsächlich an psychisch belastete Kinder und Familien. Nun haben Sie das Angebot auf alle Familien mit Babys und werdende Eltern ausgeweitet. Warum?

Professorin Dr. Corinna Reck, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene an der LMU München

Corinna Reck: Mütter, Väter und Schwangere erleben momentan – wie wir alle – viel Stress und Unsicherheit. Und das in einer besonders sensiblen Lebensphase. Etwa 40 Prozent der Eltern kleiner Kinder zeigen schon in normalen Zeiten erhöhte Angst- und Depressionswerte. Vielen hilft, sich mit anderen auszutauschen. Das geht momentan durch die soziale Isolation aber nur bedingt. Deshalb haben wir mit dem Ausbildungsinstitut MUNIK für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und der Hochschulambulanz für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene eine Akutsprechstunde eingerichtet und so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie möglich dafür eingeplant. Belastete Mütter, Väter und werdende Eltern aus dem gesamten Bundesgebiet können sich bei uns beraten lassen – telefonisch, per Videoanruf oder auch persönlich in München – die Hygiene- und Abstandsregeln werden eingehalten.

Wie können Sie helfen?

Corinna Reck: Oft tut es schon gut, dass jemand zuhört und einfach da ist, ohne zu werten und die unangenehmen Gefühle gleich "wegmachen" zu wollen. Gut gemeinte Sätze wie "Du schaffst das schon" können zumeist nicht wirklich beruhigen. Es geht in dieser Krise darum, die Ängste zusammen mit den Betroffenen anzuschauen und dabei anzuerkennen, dass die Zeit für viele junge Eltern sehr anstrengend ist und sich in vielen Aspekten unkontrollierbar anfühlt.

Frau Popp, Sie leiten das Ausbildungsinstitut MUNIK und betreuen Familien und Schwangere in der neuen Akutsprechstunde. Wie geht es den Müttern und Vätern, die zu Ihnen kommen?

Lukka Popp: Es gibt aktuell in vielen Familien, zu denen wir Kontakt haben, beide Seiten der Medaille. Einerseits hat die Familie mehr Zeit füreinander und Eltern können sich gegenseitig besser im Home-Office unterstützen. Andererseits spüren viele die negativen Auswirkungen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Die Themen, die durch den Stress hochkommen, sind meistens nicht neu. Aber sie wiegen jetzt stärker. Ohne die Corona-Pandemie hätten sich diese Familien vielleicht keine Unterstützung geholt.

Was konkret berichten die Eltern?

Lukka Popp: Wir hören häufig, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Jeder Tag ist gleich. Die Isolation lässt keine Pausen für die Eltern zu. Es gibt keine Großmutter, die das Kind betreut, damit das Paar durchatmen kann. Es gibt keine Babykurse und keine Rückbildungsgymnastik, also keine Gelegenheiten, bei denen man merkt, dass es anderen Eltern ähnlich geht. Das hat zur Folge, dass sie ihrem Baby nicht den Platz geben können, den es eigentlich einnehmen würde, bei der Familie, im Freundeskreis. Auch die schöne Erfahrung, das Baby anderen zu zeigen, fällt weg.

Dr. Lukka Popp Leiterin des Ausbildungsinstituts MUNIK an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Was raten Sie Müttern und Vätern mit einem Neugeborenen?

Lukka Popp: Wer jeden Tag als gleich empfindet, sollte sich jeden Tag eine Kleinigkeit vornehmen, auf die man sich freuen kann, zum Beispiel allein zum Bäcker zu radeln und ein Stück Kuchen zu kaufen. Oder ein Lied zu hören, das man schon lange vergessen hatte. Oft liest man, dass man sich eine Alltagsstruktur schaffen sollte. Doch mit einem Neugeborenen ist das fast unmöglich. Besser ist es, seinen Tag in Phasen von Ruhe und Aktivität einzuteilen. Dieses Gleichgewicht tut gut.

Und was beschäftigt die Schwangeren und werdenden Väter?

Lukka Popp: Sie schwanken zwischen Vorfreude und Besorgnis, wie wohl die Zukunft wird, und der Hoffnung, dass das Baby erst kommt, wenn es Lockerungen gibt. Sie grübeln viel: Wird mein Partner oder meine Partnerin bei der Geburt dabei sein können? Wird er oder sie danach im Krankenhaus bleiben dürfen? Was passiert mit dem Neugeborenen, wenn ich medizinisch versorgt werden muss und mein Partner oder meine Partnerin nicht kommen darf? Viele Schwangere fühlen sich durch die Unkontrollierbarkeit hilflos – dabei hören sie überall, dass man ausgeruht und gelassen in die Geburt gehen sollte. Für den anderen Elternteil ist es schwierig, die Frau nicht so unterstützen zu können, wie man es möchte.

Welche Tipps haben Sie für werdende Eltern?

Lukka Popp: Viele grübeln vor allem nachts und informieren sich dann im Internet. Es kann schon helfen, das Handy nachts weit weg vom Bett zu laden und kurz aufzustehen, um das Grübeln zu beenden. In der Beratung versuchen wir zudem herauszufinden, welches Gefühl hinter dem Grübeln steckt, zum Beispiel Traurigkeit oder Angst. Diesem Gefühl Raum zu geben, entlastet.

Corinna Reck: Es ist wichtig, sich nicht zurückzuziehen, sondern sich mit anderen auszutauschen und in Kontakt zu bleiben. Zudem sollte man die Paarbeziehung nicht aus dem Blick verlieren und immer wieder Zeiten für Gemeinsamkeit einplanen, zum Beispiel zusammen kochen oder spazieren gehen. Dabei kann man auch gut über die eigenen Ängste und Wünsche sprechen.

Welche Folgen hat die Situation für die Babys?

Corinna Reck: Stress in der Schwangerschaft kann beeinflussen, wie das Kind später auf Stress reagiert. Außerdem steigt das Risiko für eine Frühgeburt und ein geringeres Geburtsgewicht. Ist das Baby auf der Welt, kann Stress den Aufbau einer guten Beziehung zwischen Mutter und Kind erschweren. Die Anspannung der Eltern überträgt sich über die Körperspannung, Stimme und Mimik leicht auf den Säugling. Das kann sich ungünstig auf die Abstimmungsprozesse zwischen Eltern und ihren Babys, auf die elterliche Feinfühligkeit und auf die Selbstregulation des Babys auswirken, was sich in exzessivem Schreien, Schlaf- oder Fütterungsstörungen zeigt.

Wird die Situation durch die Lockerungen jetzt etwas leichter?

Lukka Popp: Bestimmt, weil die Zuversicht steigt. Eltern kleiner Kinder sind bisher bei den Lockerungen deutlich zu kurz gekommen. Wichtig wäre, wieder öffentliche Räume zu schaffen, an denen diese Familien sein dürfen, zum Beispiel Spielplätze. Oder Treffen mit einer anderen Familie an der frischen Luft zuzulassen.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie auf lange Sicht?

Corinna Reck: Wer mit guten Bedingungen in diese Krise gegangen ist, mit vielen Kontakten, finanziell abgesichert und psychisch stabil, erlebt vielleicht, wie Menschen um einen herum zusammenwachsen. Das kann einen selbst stärken. Wer sich dagegen alleine fühlt und extrem gestresst ist, kann langfristig anfälliger werden für psychische Erkrankungen. Auch Kinder könnten zukünftig gestresster und unsicherer auf Alltagssituation reagieren. Deshalb ist es so wichtig, sich jetzt Unterstützung zu holen. Es ist eine ganze normale Reaktion auf eine "verrückte" Situation, verunsichert zu sein und Fragen zu haben.

Informationen zur psychologischen Corona-Akutsprechstunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)

Telefon: 089 - 2 18 07 25 70
Sprechstundenzeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 13 Uhr
Mail: munik-ambulanz@psy.lmu.de
Homepage

Informationen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e. V. (DGPs) zur Corona-Krise

Hier finden Sie Tipps für Familien (auch zum Alltag mit Säuglingen), Kinder und Jugendliche und Erwachsene.

Studie zur Coronavirus-Pandemie

Im Rahmen der Coronavirus-Pandemie führt die Lehr- und Forschungseinheit "Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters & Beratungspsychologie" der LMU München eine Befragung von Eltern durch, die sich vor allem um die psychischen Auswirkungen durch solche Ausnahmesituationen und ihre Bewältigung dreht. Infos finden Sie hier.


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