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Ärzte fordern: "Kitas und Schulen öffnen"

Vier große deutsche Ärzteverbände sind sich einig: Schulen und Kitas sollen wieder vollständig geöffnet werden. Wie kommen sie zu diesem Schluss? Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte e.V. im Interview

von Daniela Frank, aktualisiert am 29.05.2020

In einer aktuellen Stellungnahme fordern die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie: Schulen und Kitas sollen wieder vollständig geöffnet werden. Der Schutz von Lehrern, Erziehern, Betreuern und Eltern und die allgemeinen Hygieneregeln stünden dem nicht entgegen.

Die Einrichtungen waren wegen der Corona-Pandemie in Deutschland wochenlang geschlossen, bevor der Unterricht und die Betreuung unter Beachtung von Hygiene- und Abstandsregeln schrittweise wieder anlief. Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte e.V. beantwortet unsere Fragen dazu im Interview.

Dr. Fischbach, auf welcher Grundlage fordern Sie, wieder einen Regelbetrieb in Kitas und Schulen herzustellen?

"Unsere Empfehlung orientiert sich am aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand vom 18.05.2020. Wir wissen derzeit, dass Kinder kaum an COVID-19 erkranken und wenn doch, oft nur milde Symptome entwickeln. Sie stecken außerdem viel seltener andere an als Erwachsene. In der Regel stecken sich Kinder bei Erwachsenen an. Anders als anfänglich vermutet, gibt es beim neuartigen Coronavirus keine Analogie zur Grippe, also der Influenza, wo Kinder als Ausbreitungsbeschleuniger gelten. Weil Kinder gleichzeitig nachweislich psychisch und physisch unter den negativen Folgen des Lockdowns leiden, spricht der Berufsverband zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin die Empfehlung aus, Kitas, Kindergärten und Grundschulen möglichst zeitnah wieder vollständig zu öffnen. Kleine Kinder stehen nicht im Fokus der Erkrankung – deshalb gibt es keinen guten Grund, Eltern die externen Betreuungsmöglichkeiten länger zu verwehren."

In einigen stark betroffenen Ländern treten gerade bei kleinen Kindern vermehrt Entzündungsreaktionen ähnlich dem sehr seltenen Kawasaki-Syndrom, einer entzündlichen Erkrankung der Blutgefäße, auf. Haben Sie diese Gefährdung berücksichtigt?

"Die Fallzahlen dafür sind in Deutschland ebenfalls sehr gering. Das Syndrom ist außerdem gut behandelbar. Ein Zusammenhang mit SARS-CoV-2 ist noch nicht eindeutig belegt, das muss noch genauer untersucht werden. Es gibt in jedem Fall keinen Grund zur Panik, die Rate der Todesfälle ist verschwindend gering."

Sie schreiben, dass Kinder unter zehn Jahren weder Abstand wahren, noch Masken tragen bräuchten. Außerdem müssen keine Kleinstgruppen gebildet werden. Wie groß können die Gruppen sein?

"Kinder unter zehn Jahren sind laut den aktuellen Daten (Anm.d.Red.: Siehe Hintergrundinformationen in der Stellungnahme) so geringfügig betroffen und so selten Überträger des Virus, dass Abstand und Masken nicht erforderlich sind. Abgesehen davon können kleinere Kinder beides noch nicht umsetzen. Eine Gruppengröße möchten wir nicht vorgeben. Entscheidend ist, dass sich die Gruppen nicht durchmischen. Die verschiedenen Gruppen und Klassen sollten also unter sich bleiben und sich im Kita-Garten oder auf dem Schulhof in getrennten Bereichen aufhalten."

Welche Maßnahmen sollten außerdem gelten?

"Erzieher und Lehrerinnen sollten sich untereinander an die Abstandsregeln halten, Mund-Nasen-Schutz tragen und auf eine korrekte Hygiene achten. Wichtig ist auch, dass sich die Kinder an Hygienemaßnahmen wie das regelmäßige Händewaschen gewöhnen. Die Einrichtungen, aber auch die Eltern sind gefordert, das den Kindern beizubringen. Kinder über zehn Jahren könnten auch Abstand halten und Masken tragen. Je älter die Kinder, desto höher ist auch das Erkrankungs- und Übertragungsrisiko. Trotzdem ist es noch niedriger als bei Erwachsenen. Im privaten Bereich sollten Familien ebenfalls darauf achten, nicht unnötig viele Kontakte zu haben. Zu begrüßen wäre es, wenn Kinder in konstanten Gruppen mit immer den gleichen Kindern spielen würden."

Wie sollen sich Kinder und Erwachsene aus Risikogruppen verhalten?

"Kinder, die selbst einer Risikogruppe angehören, sind in Kita und Schule in der Regel nicht übermäßig gefährdet. Dazu hat die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin eine eigene Stellungnahme herausgegeben. Menschen jeden Alters mit Vorerkrankungen und Menschen ab 60 Jahren im Haushalt sollten sich dagegen selbst schützen, also eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen, regelmäßig die Hände desinfizieren und Abstand halten. Eine FFP2- oder FFP3-Maske ist nicht erforderlich. Zusätzlich sollten zuhause die Hygieneregeln beachtet werden. Sind Eltern oder Großeltern in der Risikogruppe, muss die Familie aber immer individuell entscheiden, ob die Kinder eine Betreuungseinrichtung besuchen können – am besten nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt der Risikoperson."

Und was, wenn das Kind einen Schnupfen hat?

"Kinder, die Erkältungssymptome haben, sind meist nicht mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Sie brauchen also nicht isoliert werden, wenn kein dringender Corona-Verdacht besteht – zum Beispiel, weil in der Familie jemand infiziert ist. Wir plädieren aber dafür, in der Kinderarzt-Praxis großzügig Abstriche zu nehmen. Das ist zum Beispiel bei Verdacht auf einen Luftwegsinfekt angebracht, nicht dagegen, wenn Hinweise darauf vorliegen, dass es sich um eine Allergie handelt. Natürlich sind die Bedingungen in den Praxen unterschiedlich, nicht jeder kann viele Tests auf das neuartige Coronavirus stemmen. Dann kann zum Beispiel auch auf ein Abstrich-Zentrum verwiesen werden."

 

Update: DAKJ formuliert konkrete Rahmenbedingungen

Update vom 25.05.2020: In einer weiteren Stellungnahme formuliert die Kommission Frühe Betreuung und Kindergesundheit der Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin konkrete Rahmenbedingungen für die Öffnungen:

  • Eine Reduktion der Gruppengröße auf wenig Kinder ist wünschenswert, aber nicht realistisch und nicht nachhaltig umsetzbar. Die Gruppengröße muss sich pragmatisch an dem verfügten Teiler von Gruppen in Kitas orientieren (z.B. 12).
  • Wichtiger als die Gruppengröße ist Homogenität bzw. Konstanz der Gruppe. Es muss darauf geachtet werden, dass sich Gruppen nicht mischen.
  • Familien müssen aktenkundig darüber belehrt werden, dass ausschließlich die Betreuung von gesunden Kindern übernommen werden kann. Dies bedeutet, dass Kinder mit Krankheitsanzeichen (im Sinne akuter respiratorischer, gastrointestinaler oder allgemeiner Infektionskrankheiten) nicht in die Betreuungseinrichtung gebracht werden dürfen. Das Personal von Kitas muss befugt sein, ad hoc die Betreuung von Kindern abzulehnen.
  • Es muss in regelmäßigen Abständen, möglichst täglich, eine strukturierte Umgebungsanamnese erfolgen, also eine Abfrage von Krankheitssymptomen der Kinder selbst und ihrer Kontaktpersonen und möglichen Kontakten zu COVID19-Infizierten. Ideal wäre die Verwendung einer App.
  • Kinder und Mitarbeiter*innen in Einrichtungen mit Krankheitssymptomen müssen unmittelbar auf SARS-CoV-2 getestet und bis zum Erhalt des Ergebnisses isoliert werden. Den Autoren ist bewusst, dass dies für die Eltern eine schwierige, akut zu organisierende Betreuungsnotwendigkeit auslöst. Hier sind kreative Lösungen zu entwickeln; sie könnten z.B. in systemischer Gewährung von Ausgleichszahlungen für den Arbeitsausfall der Sorgeberechtigten bestehen oder auch in Vor-Ort-Lösungen, in denen einzelne Betreuungspersonen aus der nicht genutzten Kindertagespflege zum Einsatz gebracht werden.
  • Die Möglichkeiten der Kontaktreduzierung mit separaten Zugangs- und Abholwegen, versetzten Bring- und Abholzeiten, Vermeidung von Elternkontakten, Einhalten der Abstandsregeln der Erwachsenen müssen genutzt und die verbindliche Einhaltung der entsprechenden Regeln an die Eltern vermittelt werden.
  • Kinder sollen so früh und so konsequent wie möglich mit dem Ritual des richtigen Händewaschens vertraut gemacht werden. Händedesinfektionsmittel sollten bei Kleinkindern nicht oder nur in Ausnahmefällen unter Aufsicht angewendet werden. Mund-Nasen-Schutz ist für Kinder in Einrichtungen nicht geeignet.
  • Sanitärräume müssen ausreichend mit Seifenspendern und Papierhandtüchern ausgestattet werden.
  • Alle Räumlichkeiten sollten regelmäßig und gut gelüftet und täglich grundgereinigt
  • Die konsequente Umsetzung der Händehygiene ist die wirksamste Maßnahme gegen die Übertragung von Krankheitserregern auf oder durch Oberflächen. Bei Verschmutzung oder sonstiger Kontamination von Flächen sind die Hygienepläne der Einrichtung
  • Erzieher*innen bzw. das entsprechende Betreuungspersonal sollten regelhaft einen chirurgischen Mundnasenschutz (MNS, Medizinprodukt DIN EN 14683:2019-6 mit CE Kennzeichen) tragen, der vom Träger der Einrichtung zur Verfügung gestellt  Ausnahmen von der Verpflichtung des Tragens sind dann möglich, wenn der ÖGD in der betreffenden Einrichtung dies aufgrund der infektionsepidemiologischen Situation für tragbar hält. Unabdingbar ist, dass alle Beteiligten sich damit einverstanden erklären (Erzieher, Einrichtungsträger, Arbeits- und Unfallschutz, Eltern).

Über das korrekte Tragen von Masken und die Gefahren bei unkorrektem Gebrauch ist in Trägerverantwortung aufzuklären.

  • Das Tragen von FFP2- oder FFP3-Masken durch Erzieher*innen bzw. Betreuungspersonal ist nicht gerechtfertigt oder notwendig. Erzieher*innen bzw. Betreuungspersonal mit besonderen gesundheitlichen Risiken sind vom Betriebsarzt bzgl. des individuellen Risikos zu beraten.

Die strukturellen Bedingungen der Betreuungseinrichtung vor Ort, die räumlichen und organisatorischen Anpassungsmöglichkeiten sind sehr unterschiedlich und müssen in die Entscheidungsfindung mit einfließen. In der Kindertagesbetreuung sollte analog vorgegangen werden.


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