Kann man schon Babys vegetarisch ernähren?

Wenn Eltern ihr Kind fleischlos ernähren wollen, sollten Sie wissen, wie sie fehlende Nährstoffe ersetzen können. Und: Je mehr Nahrungsmittel sie weglassen, desto eher droht ein Mangel

von Daniela Frank, aktualisiert am 12.06.2018
Baby wird mit Gemüsebrei gefüttert

Nur Brei aus Gemüse fürs Baby – ist das in Ordnung oder fehlt da was?


Zweifelhafte Zustände in der Massentierhaltung, übermäßiger Antibiotikaeinsatz, vollgestopfte Tiertransporte – immer mehr Menschen verzichten aus ideologischen Gründen auf Fleisch. Verständlich, dass sie sich darüber Gedanken machen, ob sie auch ihre Kinder vegetarisch ernähren können. "Die primäre Empfehlung ist ein gesunder Lebensstil zusammen mit einer ausgewogenen optimierten Mischkost", sagt Professor Mathilde Kersting, Leiterin des Forschungsdepartments Kinderernährung (FKE) der Universitätskinderklinik Bochum. "Und die enthält auch Fleisch."

Doch immer wieder gibt es Anfragen, ob und wie Babys und Kinder vegetarisch ernährt werden können. Deshalb haben die Wissenschaftler reagiert und mögliche Alternativen erarbeitet. Diese sind allerdings nur theoretisch begründet. Denn im Gegensatz zur Mischkost mit Fleisch liegen bisher keine Daten zur allgemeinen Ernährungspraxis und zur Nährstoffversorgung bei vegetarisch ernährten Säuglingen und Kindern in Deutschland vor.

Daher sollten Eltern einige Punkte beachten und sich darüber hinaus mit dem Kinder- und Jugendarzt beraten, wenn sie von den anerkannten Ernährungsempfehlungen abweichen.

Eisen für Schwangere und in der Beikost wichtig

Das geht schon im Mutterleib los: Schwangere sollten auf eine ausreichende Eisenzufuhr achten. Ihr Bedarf ist während der neun Monate höher als sonst, da die Eisenspeicher des Babys angelegt und gefüllt werden. Vegetarierinnen sollten für ihre Eisenversorgung Vollkornprodukte oder Hülsenfrüchte mit Vitamin-C-haltigem Obst und Gemüse kombinieren. Möglicherweise empfiehlt der Frauenarzt in einer Vorsorgeuntersuchung auch ein zusätzliches Eisenpräparat.

Während der Stillzeit füllen sich die Speicher der Mutter in der Regel wieder, denn über die Muttermilch gibt ihr Körper kaum Eisen an das Baby ab. Das Kleine braucht dagegen sein gespeichertes Eisen zum Großteil auf. Nach dem Stillen ist deshalb eisenreiche Beikost sehr wichtig. "Im zweiten Lebenshalbjahr ist der Bedarf an Eisen, pro Kilogramm Körpergewicht, höher als jemals sonst im späteren Leben. Auch deshalb sind fleischhaltige Breie in Deutschland die erste Wahl", sagt Kersting. "Für Vegetarier haben wir eine hilfsweise Ersatzlösung gefunden." Statt des Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Breis, der laut Beikostplan ab dem fünften bis siebten Monat empfohlen wird, eignet sich ein Gemüse-Kartoffel-Getreide-Brei, dem Vitamin C-reiches Obstpüree oder Obstsaft zugegeben werden.

Ist vegetarische Ernährung gleichwertig?

Warum gilt vegetarische Ernährung als zweite Wahl? "Ob der fleischlose Ersatz genauso gut ist, lässt sich schwer feststellen", sagt Kersting. Um das zu untersuchen, bräuchte man zwei Gruppen von Kindern, von denen sich die eine nach der primären Empfehlung, also ausgewogen und fleischhaltig ernährt. Die andere dürfte sich nur darin davon unterscheiden, dass sie das Fleisch durch die empfohlenen Alternativen ersetzt. Eine solche Situation sei praktisch unmöglich herzustellen.

Dennoch weiß man heute viel über die Nährstoffe, die wir – und unsere Kinder – brauchen. Sie alle sind in der empfohlenen fleischhaltigen Mischkost enthalten. Für Fleisch lassen sich Alternativen finden. Aber je mehr Nahrungsmittel man weglässt, desto eher droht ein Mangel.

"In der Praxis gibt es unterschiedliche Ausprägungen von Vegetariern", sagt Kersting. "Manchen Eltern ist es lediglich wichtig, auf Fleisch zu verzichten, nicht aber auf Fisch. Andere lassen auch Fisch, Eier und möglicherweise sogar Milchprodukte weg." In der Literatur wird zwischen drei Typen unterschieden: Ovo-Lacto-Vegetarier essen kein Fleisch und keinen Fisch, Lacto-Vegetarier verzichten außerdem auf Eier und Veganer auch auf die übrigen tierischen Nahrungsmittel wie Milchprodukte und Honig.

Von veganer Ernährung raten Experten ab

Nährstoffe, auf die außer Eisen in der vegetarischen Beikost zu achten ist, sind Jod, Zink und Vitamin B12. "Beide bekommt man über Kuhmilch, Vitamin B12 außerdem über Fisch und Ei", sagt Kersting. "Möchten Eltern ihr Kind vegan ernähren, sollten sie also in jedem Fall mit ihrem Kinderarzt Rücksprache halten." Dieser werde womöglich noch einen Ernährungsberater hinzuziehen. Häufig erstellt dann der Experte zusammen mit den Eltern über einen längeren Zeitraum hinweg ein Ernährungsprotokoll. Aus den Angaben schätzt der Arzt ab, ob die Versorgung mit einzelnen Nährstoffen eventuell knapp werden könnte und berät die Eltern, wie sie den Mangel ausgleichen können.

"Vegane Ernährung bei Kindern kann nur mithilfe von Nährstoffsupplementen und mit enger Betreuung durch den Kinderarzt funktionieren", sagt Kersting. Auch Schwangeren und stillenden Veganerinnen empfiehlt sie, sich an ihren Arzt zu wenden. "Vermutlich werden sie zumindest Vitamin B12 ersetzen müssen." Hat der Arzt oder der Ernährungsberater den Verdacht, dass die Ernährung zu einseitig ist, kann eventuell eine Blutuntersuchung nötig sein. "Generell wird aber nicht empfohlen, die Blutwerte regelmäßig zu kontrollieren", sagt Kersting.

Wie wichtig ist Fisch?

Im Beikostplan des FKE ist vorgesehen, den Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei einmal pro Woche durch einen Gemüse-Kartoffel-Fisch-Brei zu ersetzen. "Fisch wird als Bestandteil der Beikost empfohlen, da fettreicher Fisch wichtige ungesättigte Fettsäuren enthält", sagt Kersting. Bei vegetarisch ernährten Kindern könne das ein Problem sein.

Aber nicht nur Eltern, auch schon Kinder selbst bestehen häufig auf vegetarischer Ernährung. Was sollen Mutter und Vater dann beachten? "Dem Kind Auflagen zur Ernährung zu machen, halte ich für kontraproduktiv", sagt Kersting. "Da sollte man Ruhe bewahren und sich auf das Wissen berufen, dass es auch ohne Fleisch gehen kann." Auch dann stellt die Kombination aus Vollkorn oder Hülsenfrüchten mit Vitamin C die Eisenversorgung sicher: Zum Beispiel in Form von Vollkornnudeln mit Paprika, Müsli aus Haferflocken und Apfel oder Auflauf aus Vollkornreis mit Tomatensalat.

"Eiweiß muss bei Verzicht auf Fleisch und Fisch allein nicht ersetzt werden, davon enthält auch pflanzliche Nahrung zusammen mit Milch genug", sagt Kersting. "Dass Sojaprodukte als Fleischersatz nötig sind, ist ein Mythos."


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