Hat mein Kind eine Fütterstörung?

Wenn das Baby schlecht trinkt oder isst, machen sich Eltern schnell Sorgen. Wie sie erkennen, ob ihr Kleines nur mäkelig ist oder wirklich ein Problem vorliegt

von Barbara Weichs, aktualisiert am 17.11.2016

Traditionellerweise präsentieren Eltern zwei Maße, wenn das Baby zur Welt gekommen ist: seine Körperlänge und sein Gewicht. Sie zeigen, wie gut entwickelt das Neugeborene ist und werden deshalb auch bei den Vorsorgeuntersuchungen vom Kinderarzt regelmäßig kontrolliert. Vor allem das Gewicht spielt von Anfang an eine große Rolle, denn die Kleinen nehmen in den ersten Lebenstagen erst einmal ab, manche bis zu zehn Prozent ihres Körpergewichts.

Umso mehr kommt es darauf an, dass das Baby ausreichend trinkt. Und umso alarmierter reagieren Eltern, wenn es das nicht tut. "Essen ist ein sensibler Bereich und daher sehr störanfällig", sagt Elke Gawlitta. Die Heilpädagogin betreut am Sozialpädiatrischen Zentrum des Kinderkrankenhauses St. Marien in Landshut in einem interdisziplinären Team Kinder mit Fütterproblemen und -störungen.

Nur mäkelig oder schon gestört?

Vorübergehende Fütterprobleme kommen im Säuglings- und Kleinkindalter häufig vor. Bei manchen Babys dauert das Stillen besonders lange, andere protestieren mit Weinen, wenn sie die Flasche sehen, wieder andere drehen den Kopf zur Seite, wenn sich ihnen ein Löffel mit Brei nähert. Meist treten ­­diese Probleme während einer Übergangsphase zu einer neuen Nahrungs- oder Darreichungsform auf – vom Stillen zum Saugen an der Flasche etwa, bei der Umstellung auf Brei oder mit Beginn des selbstständigen Essens. Diese Probleme legen sich in der Regel wieder von selbst.

Von einer Fütterstörung hingegen spricht man erst, wenn das Füttern länger als 45 Minu­ten dauert, dieser Zustand mehr als vier Wochen anhält und die ­Eltern die Situation als sehr belas­tend empfinden. "Etwa drei bis zehn Prozent der Babys, die beispielsweise Anpassungsschwierigkeiten beim Übergang zum Brei zeigen, entwickeln tatsächlich ­eine Fütterstörung", sagt Harald Engelhardt, Kindergastroenterologe am Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut.

Was sind die Ursachen?

Dahinter können organische Ursachen stecken wie zum Beispiel Probleme im mundmotorischen Bereich, gastroenterologische Probleme oder Stoffwechselkrankheiten. Diese lassen sich beim Arzt gut abklären. Schwieriger ist es mit den nichtorganischen Ursachen. "Hier wird es sehr komplex, denn meist spielen mehrere Faktoren zusammen", erklärt der Kinderarzt. Manche Babys mögen die neuen Geschmacksrichtungen nicht, die sie bei der Breieinführung erleben, oder stören sich an der stückigen Konsistenz der Mahlzeiten. Möglich ist aber auch, dass Eltern ihr Kind nicht nach Bedarf füttern, sondern nach festen Uhrzeiten. Das Kleine entwickelt deshalb kein Gefühl für Hunger und Sättigung. Genauso gibt es aber auch Babys, die keine eindeutigen Hunger­signale senden und es ihren Eltern schwer machen, den richtigen Fütter­zeitpunkt herauszufinden.

Der Mechanismus, der ­dabei entsteht, ist immer derselbe: Will ein Kind nicht essen, reagieren die Eltern schnell besorgt. Sie versuchen, oft mithilfe von Tricks, Nahrung in das Kind zu bekommen, dieses verweigert sich noch mehr, die Eltern werden immer nervöser. "Das Ganze schaukelt sich hoch, ein Teufelskreis entsteht. Die Beziehung ist dann sehr störanfällig", sagt ­­Elke Gawlitta. Ein besonderes Risiko für eine Fütterstörung haben Kinder, die nicht gut gedeihen, deren Bindung zu den Eltern gestört ist, die zu früh geboren wurden, die einen Herzfehler oder ­eine Behinderung haben. Oft tritt eine Fütterstörung zusammen mit ­einer Schlafstörung oder Schreiunruhe beim Säugling auf.

Lässt sich eine Fütter­störung verhindern?

Sicher vorbeugen lässt sich nicht, es sind schlicht zu viele Risikofaktoren daran beteiligt. Die Heilpädagogin rät Eltern aber Folgendes:

  • Feste Rituale einführen. Babys und Kleinkinder schätzen es sehr, wenn Mahlzeiten nach dem immer gleichen Muster ablaufen.
  • Ruhe bewahren. Oft verweigern die Kleinen nur vorübergehend die Nahrung.
  • Genau beobachten, was das Kind gerade braucht: Ist es wirklich hungrig oder nur müde?
  • Auf sich selbst achten und das Kind auch mal an andere abgeben, um wieder Kraft tanken zu können.

Harald Engelhardt ­empfiehlt zudem, die Individualität des Kindes zu berücksichtigen. "Trimmen Sie es nicht auf Norm, vermeiden Sie Vergleiche." Kinder brauchen einfach Zeit für Reifungsprozesse. "Vertrauen Sie bei einem gesunden Kind darauf, dass seine Eigenregulation funktio­niert, auch wenn ­­seine Gewichtszunahme einmal stag­niert", sagt der Mediziner. Wer sich unsicher ist, wendet sich am besten an den Kinderarzt.

Wann muss ein Kind ­behandelt werden?

Sobald Eltern sich überfordert fühlen, sie das Füttern stresst, es sie vielleicht sogar davor graust, sollten sie einen Termin beim Kinderarzt vereinbaren. "So lässt sich ­eventuell auch noch verhindern, dass sich aus einem Fütterproblem ­eine Störung entwickelt", sagt ­Elke Gawlitta. Hilfe finden betroffene Familien in Beratungsstellen für frühkindliche Regulationsstörungen sowie sozialpädiatrischen Zentren. Bleibt eine Fütterstörung unbehandelt, besteht die Gefahr, dass das Kind unter­versorgt ist und es zu Entwicklungsstörungen kommt. Auch der Rest der Familie leidet: Essen wird für alle zur Qual, Partnerschaftskonflikte können auftreten, Depressionen entstehen.

Was passiert bei einer Therapie?

"Wir prüfen, wo das Kind und ­seine Eltern Unterstützung brauchen, und wir üben, entspannte Ess-Situa­tionen zu schaffen", erklärt die Heilpädagogin. Dafür filmt sie Familien unter anderem beim Füttern und analysiert anschließend die Szenen mit den Betroffenen. "Es geht uns dabei vor allem um die Momente, die gut gelingen. Wir wollen die Eltern stärken und ­ihnen Mut machen, sich intui­tiv zu verhalten." Gawlitta rät ­Eltern zum Beispiel auch, sich an die ­eigene Kindheit zu erinnern: Hat ihnen immer alles ge­schmeckt? Hatten sie Phasen, in denen Essen ein schwieriges Thema war? Sie emp­fiehlt, den Kleinen immer wieder ihr Lieblings­essen anzubieten und bei älte­ren Kindern Wunschtage einzuführen. "Essen soll einfach wieder Spaß machen", sagt Harald Engelhardt.


Wann hatten Sie nach der Geburt Ihres Kindes zum erstem Mal wieder Sex?
Ergebnis
Mit dem Nachwuchs in die Ferien: Was überwiegt?
Ergebnis