Verträgt mein Baby keine Muttermilch?

Wenn gestillte Babys Durchfall, Haut- oder Atemprobleme haben, ist oft von Laktoseintoleranz und Milchallergie die Rede – zwei völlig unterschiedliche Phänomene
von Tina Haase, 20.06.2016

Bauchweh? Magen-Darm-Probleme beim Baby können auf eine Allergie hinweisen

Westend61 GmbH/Michelle Fraikin

Muttermilch enthält alles, was ein Baby in den ersten Monaten benötigt. Schwer vorstellbar, dass manche Kinder sie nicht vertragen. Anzeichen sind Atemwegsbeschwerden, manchmal auch Hautreaktionen oder Magen-Darm-Probleme. Dahinter können zwei Phänomene stecken: eine Kuhmilcheiweißallergie oder eine Milchzuckerunverträglichkeit. "Bei der Allergie reagieren gestillte Kinder auf das Kuhmilcheiweiß. Bei der Unverträglichkeit auf den Milchzucker", sagt Prof. Dr. Bodo Niggemann, kommissarischer Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie an der Charité Berlin.

Ungefähr ein Prozent der Babys leidet unter einer Kuhmilcheiweißallergie. Wie viele Milchzucker nicht vertragen, lässt sich schwer sagen, da Babys oft nur kurzzeitig damit Probleme haben. Die gute Nachricht: Die meisten Kinder können weiter gestillt werden. Allerdings müssen einige Mütter ihr Essen umstellen.

Kuhmilchallergie kann Ursache von Neurodermitis sein

Leidet das Kind unter Hautreaktionen wie Neurodermitis und hat es eventuell auch Atemwegsprobleme, liegt der Verdacht einer Kuhmilchallergie nahe. Tatsächlich sind Nahrungsmittelallergien aber nur verhältnismäßig selten an einer Neurodermitis beteiligt. Dennoch zählt die Kuhmilchallergie zu den häufigsten Allergien im Säuglingsalter. Es ist aber auch möglich, dass das Baby auf Hühnerei, Erdnuss, Weizen oder Fisch reagiert.

Aufschluss gibt etwa der Prick-Test: Der Arzt trägt verschiedene Allergieauslöser auf die Haut auf und ritzt das Gewebe an. Quaddeln zeigen an, dass das Baby auf den jeweiligen Stoff allergisch reagiert. Klarheit bringt letztlich ein oraler Provokationstest in der Klinik. Er überführt endgültig auslösende Allergene. "Bestätigt sich der Verdacht einer Kuhmilcheiweißallergie, sollte die Mutter in der Stillzeit auf Kuhmilcheiweiß verzichten", sagt Niggemann (siehe Kasten).

Durchfall: Unverträglichkeit oder Allergie?

Hat das Kind ausschließlich Magen-Darm-Probleme wie Durchfall, Erbrechen und Blähungen, können ebenfalls eine Kuhmilcheiweißallergie oder eine Milchzuckerunverträglichkeit Ursache sein. Auch hier führt der Arzt Allergietests durch. Allerdings lassen sich meist keine Antikörper gegen das Kuhmilchprotein im Blut nachweisen, obwohl eine Allergie dahinterstecken kann. "Es gibt nämlich auch Allergien gegen Eiweiße, die nicht von Antikörpern ausgelöst werden", so der Experte. "Früher nannte man sie Proteinunverträglichkeiten, seit einiger Zeit gelten sie aber auch als Allergien."

Finden sich keine Anzeichen für eine echte Allergie, kann die Mutter in enger Absprache mit dem Arzt testen, ob das Kind auf eine Ernährungsumstellung reagiert: Zunächst kann sie ein paar Tage Milchprodukte weglassen und beobachten, wie es dem Baby geht. Dann trinkt sie ein paar Tage lang nur laktosefreie Milch, in der ja Kuhmilcheiweiß vorhanden ist, aber kein Milchzucker. "Verträgt das Baby laktosefreie Milch, aber keine Kuhmilch, dann hat es keine Kuhmilcheiweißallergie, sondern eine Milchzuckerunverträglichkeit", erklärt Niggemann.

Unverträglichkeit kann vorübergehend sein

Bis zu 20 Prozent der Deutschen leiden unter einer Milchzuckerunverträglichkeit. Doch vor dem vierten oder fünften Lebensjahr tritt diese nur selten auf. Erst mit zunehmendem Alter nimmt die Produktion des Milchzucker spaltenden Enzyms Laktase bei vielen Menschen ab. Sie vertragen nur noch wenig oder gar keine Laktose mehr. Einige Säuglinge und Kleinkinder leiden aber unter einer vorübergehenden Unverträglichkeit, ausgelöst durch Magen-Darm-Infekte oder Antibiotikatherapien.

"In diesen Fällen hilft es meist, wenn sich die stillende Mutter laktosefrei ernährt", sagt Niggemann. So gelangt kein Kuhmilchzucker mehr in die Muttermilch. Die eigene Laktose der Muttermilch können die Babys meist verarbeiten. Hilft es nicht, wenn die Mutter auf Milchzucker verzichtet, ist laktosefreie Säuglingsmilch eine Alternative zur Muttermilch. Nach ein paar Wochen oder Monaten kann man vorsichtig testen, ob das Baby wieder mehr Laktose verträgt.

Bei der extrem seltenen Alaktasie muss man ein Leben lang auf Laktose verzichten. Kinder mit diesem Gendefekt können überhaupt keine Laktose verarbeiten und leiden schon in den ersten Lebenswochen an schweren Durchfällen. Die Mutter muss sofort abstillen.

Spezialnahrung für kleine Allergiker

Was ist mit Kuhmilchallergikern, die nicht mehr gestillt werden? Sie bekommen Spezialnahrung. "Extensiv hydrolisierte Milch enthält nur winzige Kuhmilch-Bestandteile, die meist keine Symptome mehr auslösen", erklärt Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Bode aus Kiel. Eine Alternative sind Aminosäurenformula, die aus kleinsten nicht allergenen Eiweißen bestehen. Beide gibt es in der Apotheke – auf Rezept, wenn eine Allergie nachgewiesen ist. Die Krankenkassen erstatten sie in der Regel.

Die Allergie auf Kuhmilcheiweiß verschwindet meist von allein. Der Arzt testet daher nach einer Weile, ob das Kind noch allergisch ist. Die nicht über Antikörper ausgelöste Allergie vergeht oft nach einem Jahr, die andere meist bis zum Schulalter.

Bei Milchverzicht Kalziummangel vorbeugen

Verträgt das Baby kein Kuhmilcheiweiß, muss die stillende Mutter oft Milch aus ihrem Speiseplan streichen. Das ist eine Herausforderung, weil Milch in so vielen Produkten vorkommt. Die Frauen sollten sich von Ernährungsexperten schulen lassen, auch um sich weiterhin ausgewogen zu ernähren. "Einem Kalziummangel beugen sie zum Beispiel vor, indem sie kalziumreiches Mineralwasser und Gemüse wie Grünkohl, Spinat, Fenchel und Brokkoli zu sich nehmen", sagt die Kieler Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Bode.



Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Wie oft war Ihr Kind im vergangenen Jahr krank?

Haben Sie den Geburtsmonat Ihres Kindes geplant?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages