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Lebensmittelallergien bei Babys vorbeugen

Früher hieß es: Fisch, Eier, Nüsse und Soja von allergiegefährdeten Babys fernhalten. Nun deutet vieles daraufhin, dass ein früher Kontakt sinnvoll sein könnte

von Christian Andrae, aktualisiert am 20.11.2018
Dr. Katharina Blümchen

Dr. Katharina Blümchen ist Oberärztin an der Allergologischen Ambulanz der Klink für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Frankfurt am Main


Sie forschen zu Lebensmittelallergien. Haben Sie selbst eine?

(Lacht) Nein, zum Glück nicht.

Wie verbreitet sind überhaupt Allergien gegen Erdnuss, Fisch, Kuhmilch, Ei, Getreide, Schalentiere und Co.?

Weit geringer, als viele denken. Weltweit betrachtet, glauben bis zu 35 Prozent der Menschen, sie hätten eine Lebensmittelallergie. Wenn man dann aber tatsächlich auf eine allergische Reaktion hin testet, sieht das schon ganz anders aus. In Europa leiden etwa ein bis vier Prozent der Bevölkerung an einer Lebensmittelallergie. Genau kann man das aber nicht sagen, weil es hierzu leider zu wenige Studien gibt.

Dafür gibt es Studien, die in Sachen Allergieprävention vieles auf den Kopf stellen. Anstatt Allergene zu meiden, soll man sie nun essen?

Ja, dieses Umdenken findet gerade peu à peu statt. Bisher hatte man angenommen, dass es wohl besser wäre, den Konsum allergener Lebensmittel, wie zum Beispiel der Erdnuss, so weit wie möglich hinaus­­zuzögern. Nur hat man inzwischen herausgefunden, dass diese Meidungsstrategie nicht viel gebracht hat. Denn die Allergie-Epidemie hat in den vergangenen Jahrzehnten in den westlichen Ländern weiterhin zugenommen. Und es gibt auch bis heute keine Studien, die wirklich belegen, dass so eine Meidungsstrategie tatsächlich sinnvoll ist.

Und was ist dann sinnvoll?

Um Allergien vorzubeugen, wird heute empfohlen, bis zum Ende des vierten Monats voll zu stillen. ­Danach sollte die Beikost eingeführt werden – und zwar völlig unabhängig von irgendwelchen Allergenen. Egal ob Kuhmilch, Eier, Getreide, Fisch oder gemahlene Nüsse – alles darf das Kind essen.

In den USA wird sogar ausdrücklich empfohlen, dass Babys noch vor dem sechsten Monat Erdnussbutter essen sollten.

Ausschlaggebend war hier für die USA die soge­nannte LEAP-Studie ("Learning Early About Peanut"), die 2015 veröffentlicht wurde und sämtliche Grundsätze in der Allergologie infrage stellte. Denn auch in den Vereinigten Staaten galt jahrzehntelang die Devise, hochallergene Lebensmittel wie die Erdnuss zur Vorbeugung von Allergien zu meiden. Aber die LEAP-­Studie belegte nun das Gegenteil – dass gerade die frühe Einführung von Erdnüssen in die Säuglingsernährung zwischen dem fünften und elften Lebensmonat zu deutlich weniger Erdnuss­allergien führen kann. Ganz besonders profitiert haben sogar die Kinder, die vor Beginn der Studie bereits eine leichte Erdnusssensibilisierung auf­wiesen. Daraufhin wurden die entsprechenden Empfehlungen der Leitlinien in den USA, Australien und Großbritannien umgeschrieben.

In Deutschland jedoch nicht. Warum?

Die Deutsche Allergie-Präventions-Leitlinie sieht momentan nicht vor, dass irgendwelche Spezial­allergene wie die Erdnuss besonders früh eingeführt werden sollten. Da hält sich die Leitlinie neutral. Sie sagt, es kann alles eingeführt werden und man soll nichts meiden. Aber sie sagt nicht: "Führen Sie dies oder das ab dem vierten Monat besonders ein." Und das hat hierzu­­lande seine guten Gründe.

Denn im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, Australien und Großbritannien – wo verhältnismäßig viel Erdnussbutter konsumiert wird – ist Deutschland, was die Erdnussallergie betrifft, ein sogenanntes Niedrigprävalenz-Land. Nur 0,4 Prozent unserer Bevölkerung haben eine Erdnuss-Allergie. In den USA und England sind es hingegen bis zu zwei Prozent. Würden wir nun ebenfalls den Verzehr von Erdnussbutter im Säuglingsalter ausdrücklich empfehlen, gibt es da Bedenken, dass es bei uns dann unterm Strich wahrscheinlich mehr Allergiefälle geben wird als vorher. Und wir sozusagen damit eine Erdnussallergiewelle lostreten.

Lässt sich dann dieses Erdnuss-Prinzip auch auf andere Lebensmittel übertragen?

Das ist leider eben nicht der Fall. Die Charité Berlin hat zum Beispiel dieses Prinzip in einer Studie mit Hühnerei untersucht. Man konnte da leider keinen vorbeugenden Effekt feststellen. Im Gegenteil. Viele Kinder hatten bereits eine Hühnereiallergie entwickelt und entsprechend reagiert. Bei Hoch­­risikopatienten darf man so etwas natürlich nicht einfach mal zu Hause machen. Das kann ganz schnell ins Gegenteil umschlagen.

Woher weiß ich denn, ob mein Kind ein hohes Risiko für Allergien hat?

Das kann am besten der Kinderarzt beziehungsweise die Kinderärztin beurteilen und er oder sie wird die Eltern auch entsprechend aufklären. Prinzipiell steigt jedoch das Allergierisiko des Kindes, wenn die Eltern selbst eine bestimmte Lebensmittelallergie oder andere Erkrankungen wie Neurodermitis, Asthma oder Heuschnupfen haben.

Im Falle des Falles: Wie zeigt sich denn überhaupt eine Lebensmittelallergie?

Da gibt es sogenannte Soforttypreaktionen. Zum Beispiel Quaddeln auf der Haut oder dass die Lippe dick wird oder das Ohr oder das Auge anschwillt. Die Reaktion kann sich durch Rötungen auf dem ganzen Körper, Durchfall und Erbrechen oder Atemprobleme bis hin zum Schock zeigen. Es gibt auch Spättypreaktionen. Bei Kindern mit Neurodermitis kann sich zum Beispiel nach Stunden das Hautbild verschlechtern.

Wenn man als Eltern selbst vorbelastet ist, gilt dann auch die Empfehlung, ab dem fünften Lebensmonat eine möglichst vielfäl­tige Beikost einzuführen?

Wenn ein Kind unter einer schweren Neurodermitis leidet, sollte man etwas vorsichtiger sein, sobald es Beikost bekommt. Da sollte das Kind zum Beispiel vor dem ersten Hühnerei auf eine Sensibilisierung getestet werden. Ist das Kind gesund, kann man sagen, je früher man alles Mögliche einführt – ab dem vollendeten vierten Lebensmonat –, umso besser. In England gab es zum Beispiel eine Studie, die sich angeschaut hat, ob die frühe Einnahme eines ganzen Cocktails aus hochpotenten Nahrungsmittelallergenen wie Kuhmilch, Hühnerei, Erdnuss, Haselnuss, Soja, Weizen und Fisch die Toleranz gegen diese Lebensmittel verbessert.

Was war das Ergebnis?

Die Kinder – aus der Normalbevölkerung ohne hohes Risiko – sollten für die Studie ab dem vierten Lebensmonat pro Woche drei Teelöffel Erdnussbutter, ein kleines gekochtes Ei, 120 Gramm Joghurt, drei Teelöffel Sesampaste, 25 Gramm weißen Fisch und zwei Weizenkekse bekommen. Nach drei Jahren hat man keinen signifikanten Unterschied zwischen der Vermeidungsgruppe und der Gruppe mit dem ziemlich vielfältigen Speiseplan festgestellt. Bis man schließlich darauf kam, dass viele Eltern es einfach nicht durchgehalten haben, sich an dieses umfassende Protokoll zu halten. Dann hat man erneut verglichen: Hatten sich die Eltern strikt an den Plan gehalten, hatten die Kinder tatsächlich deutlich weniger Nahrungsmittelallergien entwickelt als die Kinder in der Vermeidungsgruppe.

Andere Studien deuten darauf hin, dass auch die frühe Einfuhr der Beikost wichtig ist.

Ja. Im frühen Säuglingsalter ist das Immunsystem wohl besonders empfänglich dafür, Toleranzen auszubilden. Ernährungsphysiologisch scheint es optimal zu sein, ab dem fünften ­Lebensmonat die Beikost einzuführen – möglichst vielfältig und vor allem auch mit Fisch. Das beugt Allergien wohl am besten vor.

Kann man mit der Beikost auch Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen in gewisser Weise vorbeugen?

Ja, das ist möglich. Denn Nahrungsmittelallergien können auch andere Organe wie die Haut oder die Atmungsorgane beeinflussen. Man spricht da von dem sogenannten allergischen Formenkreis.


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