Allergisch auf ein Medikament?

Manchmal zeigen Kinder unerwünschte Reaktionen auf ein Arzneimittel. Doch wann steckt wirklich eine Medikamenten-Allergie dahinter?

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 12.05.2016
Allergisch auf Arzneimittel

Ist es eine Allergie? Hautausschlag nach Einnehme eines Medikaments


Plötzlich ist da ein großflächi­ger Ausschlag, das Kind klagt über Juckreiz. Kann doch kein Zufall sein, dass die Symptome wenige Stunden nach der Einnahme eines Medikaments auftauchen, oder? "Tatsächlich sind vor allem Antibiotika ein ­häufiger ­Auslöser solcher Exantheme, ­also flächiger roter Hautausschläge", bestätigt Dr. Lars Lange, Oberarzt in der Abteilung Kinderpneumologie und Aller­gologie am St.-Marien-Hospital in Bonn. "Die Ausschläge zeigen sich in 10 bis 20 Prozent der ­Fälle nach Antibiotikagaben bei Kindern."

Auch Schmerz­­mittel oder Präparate gegen Atemwegserkrankungen können etwa zu Hautrötungen, Schleimhautschwellungen und Übelkeit führen. Meist treten die Beschwerden ein bis sechs Stunden nach der Einnahme auf. Kein Wunder, dass viele ­Eltern ­eine Allergie oder sogar ­einen ­lebensbedrohlichen aller­­gischen Schock befürchten und schnellstmöglich einen Arzt aufsuchen. Lars Lange kann dennoch beruhigen: "Ein anaphylaktischer Schock, also allergisch bedingtes Kreislaufversagen, kommt gerade bei kleinen Kindern ­äußerst selten vor. Außerdem steht nicht jeder Ausschlag mit einer aller­gischen Reaktion in Verbindung." Oft rufen bereits die Infekte selbst einen Ausschlag hervor, der dann für eine Nebenwirkung der Medikamente gehalten wird.

Dr. Lars Lange

Arzneimittel-Unverträglichkeit? Klären statt vermuten!

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation ­werden ­sämtliche unbeabsichtigten ­Effekte nach ­einer Medikamentenein­nah­me als "unerwünschte ­Arzneimittelwirkung" zusammengefasst. Eine Aller­gie liegt aber nur vor, wenn ein immunologischer Mechanismus nachweisbar ist. Und der Verdacht bestätigt sich bei höchstens fünf Prozent der Kinder, die in der ­Notaufnahme mit einer möglichen Arzneimittelallergie vorgestellt werden.

Als Laie verwechselt man leicht Nebenwirkungen mit gefährlichen aller­­gischen Reak­tionen. Oder interpretiert zum Beispiel ­rote Quaddeln, die durch Masern- oder Windpockenviren hervorgerufen wurden, als Allergie auf Schmerzzäpfchen. Deshalb sollte immer ein Kinderarzt die Symptome abklären.

Dr. Ursula Sellerberg

Antibiotika nicht eigenmächtig absetzen

Auf Verdacht Medikamente eigen­mächtig weglassen und ­künftig meiden, davon rät Lars Lange dringend ab. "Gerade bei Antibio­tika züchtet man durch zu frühes Absetzen unbeabsichtigt ­eine Resis­tenz. Manche Eltern gehen so weit, nach einer schlechten Erfahrung ­jede Form von Anti­biotika abzulehnen, die aber teilweise unumgänglich ist." Auch Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände warnt
Eltern, sich auf ihr eigenes Urteil zu verlassen: "Eine ­vermutete Medikamentenallergie muss immer ärztlich abgeklärt werden."

Ein Provokationstest bringt Klarheit

Ob eine Allergie vorliegt, kann zum Beispiel ein Provokationstest zeigen. Da sich einmal aufgetretene Reaktionen bei einem Allergietest wiederholen oder gar stärker ausfallen können, findet die Untersuchung unter ärztlicher Aufsicht statt, manchmal sogar stationär. "Einen Provokationstest, bei dem der vermutete Auslöser in aufsteigender Dosis und vorher festgelegten Zeitabständen verabreicht wird, überwachen wir grundsätzlich. So können wir bei einer auftretenden starken allergischen Reaktion wie Luftnot sofort Gegenmaßnahmen ergreifen", erklärt Lars Lange. Bestätigt sich der Verdacht nicht, kann der betreffende Wirkstoff künftig wieder eingenommen werden.

Fallen die Testergebnisse positiv aus, stellt der Arzt einen Allergie-Pass aus, den die Eltern immer griff­bereit haben sollten. Nicht nur Wirkstoff und Handelsname, auch Art und Schweregrad der Arzneimittelreaktion sind darin dokumentiert. In der Regel testen Ärzte verwandte Wirkstoffe gleich mit. Zudem notieren sie die Substanzen, die alternativ sicher eingesetzt werden können – vor allem in Notfällen oder bei Arztbesuchen im Ausland eine wertvolle Orientierungshilfe für die behandelnden Ärzte. "Generell gibt es bei medi­kamentösen Therapien immer Ausweichpräparate, kein Wirkstoff ist unersetzbar", sagt Sellerberg.

Nebenwirkungen oft schwer als solche erkennbar

Grundsätzlich wachsam zu sein, wenn das Kind Medikamente einnehmen muss, schadet sicher nicht. Schließlich können auch nichtaller­gische und an sich ungefährliche Nebenwirkungen wie Erbrechen oder Kopfschmerzen die Kleinen plagen und einen Wechsel des Präparats notwendig machen. Apothekerin Sellerberg gibt zusätzlich zu bedenken, dass manchmal Hautausschläge mit Verzögerung auftreten, erst Tage oder Wochen nach der Einnahme eines Medikaments. Dann ist Spürsinn gefragt, um den Zusammenhang zu finden.

Experten raten zur Gelassenheit

"Insgesamt rate ich Eltern aber zu mehr Gelassenheit", sagt Lange. "Das Risiko gefährlicher Reaktio­nen wird ­meiner Erfahrung nach überschätzt und gründet oft auf Missverständnissen." Meist reiche eine gründliche Befragung durch den Kinderarzt, um ­eine Allergie ausschließen zu können. Sein Rat: "Wenn Ihr Kind ein Medikament verordnet bekommt, fragen Sie den Kinderarzt, welche Nebenwirkungen und Reaktionen auftreten können und was sie dann tun sollen. Lassen Sie sich vor allem bei einer Antibiotikagabe genau informieren."


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