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Allergie-Verdacht: Was Eltern tun sollten

Ausschlag oder Magen-Darm-Probleme können auf eine Allergie beim Kind hindeuten. Doch muss der Verdacht medizinisch bestätigt werden – Eltern sollten nicht auf eigene Faust Nahrungsmittel vom Speiseplan streichen

von Daniela Frank, aktualisiert am 14.01.2021

Seit ein paar Tagen hat das Kind so einen komischen Ausschlag in den Armbeugen. "Wahrscheinlich verträgt es keine Milch – lasst sie doch einfach mal weg", raten da häufig Bekannte. Auch bei wiederkehrenden Bauchschmerzen lautet die Empfehlung oft: Keine Milch, kein Käse, kein Weizen. Für betroffene Kinder kann das schwere Folgen haben, warnen KinderärztInnen und AllergologInnen der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). Zwar sind in ihrem Register für Nahrungsmittelallergien tausende Verdachtsfälle dokumentiert. Aber nur bei einem Teil davon wird ein Nahrungsmittel als Auslöser der allergischen Reaktion bestätigt. Auch bei Neurodermitispatienten, die häufig – zu etwa 40 Prozent – Nahrungsmittelallergien haben, bewahrheitet sich laut GPA nur jeder zweite Verdachtsfall.

Nie grundlos ein Nahrungsmittel weglassen

"Es sollte nie grundlos ein Nahrungsmittel vom Speiseplan gestrichen werden, vor allem nicht bei kleinen Kindern", sagt Professor Dr. Susanne Lau von der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin der Charité Berlin. "Dann können Mangelerscheinungen drohen." Besteht bei einem Kind der Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie, sollten die Eltern mit ihm einen Kinderarzt oder eine Kinderärztin aufsuchen. Je nachdem, um welche Symptome es sich handelt, ist ein Allergologe oder ein Gastroenterologe der richtige Ansprechpartner. Allergologen behandeln Allergien, deren Symptome sich meist an der Haut oder den Atemwegen zeigen. Gastroenterologen sind für Symptome zuständig, die überwiegend den Magen-Darm-Trakt betreffen.

Unverträglichkeit: Allergie oder Malabsorption?

Nicht alle Nahrungsmittelunverträglichkeiten gelten als Allergien. "Nahrungsmittelallergien sind gegen ein Protein, also ein Eiweiß, gerichtet", erklärt Lau. "Die Mehrheit davon werden über Immunglobulin E vermittelt, einen Antikörper unseres Immunsystems. Plötzlich entstehen dort schädliche Immunreaktionen, wo eigentlich Toleranz herrschen sollte, also Verträglichkeit". IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien treten gehäuft bei Kindern auf, die auch unter einem atopischen Ekzem, also einer Neurodermitis, leiden. Diese Hauterkrankung tritt typischerweise schon im frühen Säuglingsalter, ab dem dritten Lebensmonat, auf und verschwindet bei vielen Kindern dann nach einigen Jahren wieder. Symptome von IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien sind in erster Linie Sofortreaktionen, also Nesselsucht oder akutes Erbrechen oder auch seltener Atemnot oder Husten, und nicht die Neurodermitis oder das Ekzem.

Am häufigsten tritt diese Art der Allergie gegen Kuhmilch, Eier, Erdnüsse, Baumnüsse, Weizen und Soja auf. "Vor allem Babys und kleinere Kinder haben oft solche Allergien, später verschwinden sie dann in den meisten Fällen wieder. Besonders Allergien gegen Kuhmilch, Hühnerei, Weizen und Soja haben eine gute Prognose", eräutert Lau. Bei älteren Kindern und Erwachsenen, die gegen Pollen allergisch sind, zeigen sich manchmal sogenannte sekundäre Nahrungsmittelallergien. Sie rühren daher, dass sich die Struktur der Pollen und von Bestandteilen in bestimmten Nahrungsmitteln ähneln, sodass der Körper auf beide mit einer überschießenden Immunantwort reagiert.

Darüber hinaus gibt es Allergien gegen Eiweiße, die nicht über das Immunglobulin E vermittelt werden, sondern über andere Immunmechanismen. Auch hier beobachtet man gegebenenfalls Immunreaktionen zum Beispiel gegen Kuhmilch, Ei, Weizen oder Soja. "Seit einiger Zeit gelten sie aber trotzdem als Allergien, da sie ebenfalls über das Immunsystem vermittelt ablaufen", sagt Lau. Sie äußern sich in Magen-Darm-Reaktionen, also Bauchschmerzen, Durchfall, manchmal auch wiederholtes Erbrechen und Gedeihstörungen.

Und schließlich gibt es die sogenannten Malabsorptionen (lateinisch für "schlechte Aufnahme"), bei denen der Körper einen bestimmten Zucker wie Laktose oder Fruktose nicht richtig verdauen und die Spaltprodukte aufnehmen kann. Sie führen ebenfalls zu Magen-Darm-Beschwerden.

Seit einiger Zeit gibt es zusätzlich bisher noch nicht vollständig verstandene Entzündungsreaktionen des Magen- und Darmtraktes, die im Kleinkindalter mit Erbrechen und deutlichen Flüssigkeitsverlusten sowie schwerem Krankheitssymptomen einhergehen. "Sie erinnern fast an eine ausgeprägte Magen-und Darmgrippe", so Lau. Das sogenannte "Food-Protein-Enterocolitis-Syndrome", kurz FPIES, werde oft erst spät erkannt und reagiere nicht auf antiallergische Medikamente, sondern auf solche, die im Gehirn die Übelkeit unterdrücken. "Auslöser sind im ersten Lebensjahr durchaus auch Kuhmilch und Soja, aber dann im Kleinkindalter eher Reis, Fleisch oder Getreide, sowie auch Kartoffel, Süßkartoffel und andere", erläutert die Expertin.

In manchen Fällen kurze Auslassdiät unbedenklich

"Bei nicht bedrohlichen Symptomen wie milderen Ekzemen oder Magen-Darm-Beschwerden können Eltern schon mal auf eigene Faust eine sogenannte Eliminationsdiät machen", sagt Lau. "Aber nicht, wenn es sich um FPIES handelt." Dabei streichen sie über sieben bis maximal 14 Tage ein einzelnes Nahrungsmittel vom Speiseplan. Es über längere Zeit oder mehrere Nahrungsmittel auf einmal wegzulassen, davon rät die Expertin entschieden ab. "Eine langfristige Eliminationsdiät ist eine rein therapeutische Maßnahme", sagt Lau. Vor jeder Therapie stehe aber eine ausführliche Diagnostik bei Arzt oder Ärztin. Je nachdem, um welche Symptome es sich handelt, veranlassen Allergologen oder Gastroenterologen dabei einen Allergietest, eine diagnostische Auslassdiät oder eine sogenannte orale Provokation. Bei der Provokation werden unter ärztlicher Aufsicht steigende Dosen des vermuteten allergieauslösenden Nahrungsmittels gegeben und die Symptome beobachtet. Dies geschieht in spezialisierten Zentren (Praxis, Tagesklinik oder Klinik), die für die Behandlung akuter allergischer Reaktionen ausgebildet und vorbereitet sind.

Basisdiät nur zur Diagnosestellung sinnvoll

"Generell lässt sich sagen, dass Schübe einer Neurodermitis meist nicht einer Nahrungsmittelallergie entsprechen, sondern oft unklare Auslöser vorliegen. Das sind manchmal Infekte, aber auch Witterungswechsel", so Lau. Bei schweren Ekzemen reagieren die Betroffenen bisweilen auf mehrere Nahrungsmittel mit einem neuen Schub. Dann kann eine sogenannte oligoallergene Basisdiät helfen, den Auslöser zu finden. Dabei reduziert der Arzt den Speiseplan zunächst auf sehr wenige Lebensmittel, die in der Regel gut verträglich sind, wie Kartoffeln und Reis. Bei Säuglingen und Kleinkindern nimmt er stattdessen eine sogenannte hypoallergene Milch oder eine Aminosäuremischung, da diese in den ersten beiden Lebensjahren auf keinen Fall eiweißarm ernährt werden dürfen. Nach und nach darf der Patient weitere Lebensmittel essen. "Meist ergibt sich dann, dass das Kind nur auf sehr wenige Lebensmittel tatsächlich reagiert", sagt Lau. "Eine solche Diät ist nur sehr selten nötig, darf jedoch nie auf eigene Faust unternommen werden, weil der wachsende Organismus eines Säuglings oder Kleinkindes viel Eiweiß, aber auch beispielsweise Vitamin B12 für die Hirnreifung und motorische Entwicklung benötigt."

Dagegen gebe es viele selbsternannte Heiler, die zu einer Diagnostik mithilfe eines teuren IgG-Tests raten, der nicht ausreichend aussagekräftig sei. In der Folge bekommen die Patienten oft umfangreiche Listen mit Lebensmitteln, auf die sie über längere Zeit verzichten sollen. "Das kann nicht nur zu einer Mangelversorgung führen, sondern ist auch aus psychologischer Sicht nicht sinnvoll", warnt Lau. "So etwas belastet das Kind und die ganze Familie unnötig und ist eher gefährlich als hilfreich."

Nährstoffmängel erst spät erkennbar

Bei einer ausgeprägten längerfristigen Fehlernährung drohen unter anderem Ödeme, also Wassereinlagerungen, oder eine Fettleber. "Diese Extremfälle sind sehr selten", sagt Lau, "kommen aber manchmal vor". Häufiger treten dagegen Mängel eines einzelnen Nährstoffes auf, wie Kalzium oder Eisen. Das Problem dabei: Mängel werden meist erst festgestellt, wenn sie schon weit fortgeschritten sind. Die Konzentration des jeweiligen Stoffs im Blut wird durch die Speicher relativ konstant gehalten. "Deshalb ist eine Blutanalyse oft wenig aufschlussreich", sagt Lau. "Man könnte sich höchstens den Speicher ansehen – aber bei Kalzium ist das zum Beispiel der Knochen."

Von Ernährungsfachkraft helfen lassen

Liegt tatsächlich eine Unverträglichkeit oder Allergie vor, kann eine Ernährungsfachkraft helfen, einen gesunden und ausgewogenen Ernährungsplan aufzustellen. Manche Nahrungsmittel sind schwer zu meiden oder sollten unbedingt ersetzt werden. "Kuhmilch ist zwar das häufigste Allergen, aber sie gehört zu den wenigen essentiellen Lebensmitteln im Kindesalter", sagt Lau. "Sie sollte nie ersatzlos gestrichen werden." Als Ersatz kommen Sojaprodukte infrage – außer im ersten Lebensjahr. Babys sollten sie wegen der darin enthaltenen Phytoöstrogene, die dem Hormon Östrogen ähneln, noch nicht bekommen. Stattdessen eignet sich für Säuglinge eine allergenfreie oder eine stark allergenreduzierte Formula-Nahrung.


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