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Allergien bei Kindern

Ob Pollen, Nüsse oder Milben: Harmlose Stoffe bringen Laurins Körper in Rage. Den Eltern macht das Angst. Doch sie versuchen, ihrem Sohn ein fast normales Leben zu ermöglichen

von Christian Andrae, aktualisiert am 21.01.2021

Eine Allergie ist im Grunde ein ­fataler Irrtum des Immunsystems. Es bekämpft harmlose Lebensmittel, Pollen oder Hausstaub, als ­seien sie gefährliche Krankheitserreger. Schon kurz nachdem diese ­Stoffe eingeatmet, hinuntergeschluckt oder über die Haut aufgenommen wurden, geht es los. Die Folgen reichen von leichten Rötungen auf der Haut bis hin zum Kollaps.

Diese fehlgeleiteten Reaktionen der Körperabwehr sind laut Robert-­Koch-Institut keine Seltenheit mehr. Inzwischen entwickeln mehr als 20 Prozent der Kinder und mehr als 30 Prozent der Erwachsenen irgendwann mindestens eine allergische Erkrankung: Neurodermitis, Heuschnupfen, Asthma, Kontaktekzeme oder Nahrungsmittelallergien. Schon eine dieser Erkrankungen kann einem das Leben schwer machen. Der sechsjährige Laurin hat sie fast alle, die meisten von klein auf. Trotzdem haben seine Eltern Stephie und Georg H. einen positiven Umgang mit Laurins Allergien gefunden – auch wenn ihn schon ein Hauch von Haselnuss das Leben kosten kann.

Allergien kommen selten allein

Allergien kommen selten allein. So war das auch bei Laurin. Mit gerade einmal acht Wochen begann das Baby sich zu kratzen. Neurodermitis. Ein schier unendlicher Juckreiz mit einem perfiden System: Nur das Kratzen verspricht kurze Zeit etwas Linderung. Und macht dann alles noch schlimmer. Die Wunden werden tiefer, der Juckreiz größer. "Seine Haut war richtig offen, nässend und blutend", erinnert sich Stephie H. Mit zehn Monaten kam Laurin als Akutfall in die Hautklinik. Dort ­wurde er zugleich auf Allergien ge­testet und schlug auf Ei, Weizen und Katze an.

Falscher Alarm des Immunsystems

Ein anfälliges Kind wird in den ersten Lebensjahren wahrscheinlich gegenüber einer Reihe solcher Allergene sensibilisiert. Wobei das zwar medizinisch korrekt, aber dennoch sehr missverständlich klingt. Eine Sensibilisierung beschreibt letztendlich die Alarmierung des Immunsystems nach dem ersten Kontakt mit einem Allergen. "In der Regel sind das bestimmte Eiweiße. Zum Beispiel eben aus Pollen, Nüssen oder dem Kot der Hausstaubmilben", erklärt der Augsburger Mediziner Dr. Michael Gerstlauer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Allergologie und Pneumologie Süd. "Der Körper", führt er fort, "interpretiert dieses fremde Eiweiß dann als Gefahr und versucht sich dagegen zu wehren. Das ist eine Allergie."

Das Immunsystem handelt dabei völlig fehlgeleitet. Denn eine zentrale Funktion der Körperabwehr besteht eigentlich darin, genau zwischen gefährlichen Erregern und harmlosen Stoffen zu unterscheiden. Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger sollten mit allen Mitteln bekämpft, harmlose Stoffe toleriert werden. Doch darüber, warum das Immunsystem bei Allergikern überhaupt verrücktspielt, gibt es lediglich Vermutungen. "Im Moment", erläutert Gerstlauer, "gehen wir davon aus, dass der Körper neue, fremde Eiweiße einfach zu einem falschen Zeitpunkt kennengelernt hat."

Verstärker Neurodermitis?

Zum Beispiel während eines Neurodermitis-Schubs. Der stellt stark vereinfacht eine Entzündungsreaktion im Körper dar. "Tritt dann ein neues Eiweiß über die Haut in den Körper, könnte es sein, dass das Immunsystem dieses neue Eiweiß aufgrund der Entzündungsreaktion mit einer Gefahr in Verbindung bringt und es als Erreger abspeichert", sagt Gerstlauer. Das deckt sich mit einem gewissen statistischen Zusammenhang: "Wenn wir alle Kinder anschauen, die eine Neurodermitis hatten, dann ent­wickelt jedes dritte Kind eine Allergie. Wenn wir nur die Kinder betrachten, die eine schwere Neurodermitis hatten, haben wir überdurchschnittlich viele Allergien", führt Gerstlauer aus.

Das ist auch bei Laurin so. Zwei Wochen blieb er als Säugling in der Hautklinik und wurde auf Cremes eingestellt. Eine Kombination aus Fett und Kortison wurde gefunden, um die Haut von der fiesen Juck-­Kratz-Spirale zu erlösen. "Seither haben wir die Neurodermitis eigentlich ganz gut im Griff", sagt Mutter ­Stephie H. Für den Kater ­wurde aufgrund der Katzenhaaraller­gie ein neues Zuhause gefunden. Die bis dahin aufgetretenen Lebensmittelallergien sind verschwunden. "Mit ungefähr eineinhalb Jahren konnte Laurin wieder Nahrung mit Ei essen, und auch das mit dem Weizen hat sich verwachsen", erzählt die Mutter. Doch schon kurz darauf ­spielte Laurins Immunsystem erneut verrückt.

Die schlimmste Allergie

"Dann fing es mit der Haselnuss an. Das ist von allen die schlimmste ­­Allergie, weil sie bei Laurin zum anaphylaktischen Schock führen kann", sagt Stephie H. Die Nussallergie wurde bei einem routinemäßigen Pricktest ermittelt, bei dem verschiedene Allergene auf die Innenseite des Unterarms getropft werden. Dann wird mit einer feinen Nadel oberflächlich in die Haut gestochen. Die Allergene fließen ins Blut, und das Immun­system kann darauf reagieren oder nicht. Laurins Haut schlug bei Hasel- und Erdnuss an. Was das letztendlich für Laurin und die Familie bedeuten würde, ahnten die Eltern damals noch nicht. Das konnten sie auch nicht. "Das Problem bei den Pricktests ist", sagt Mediziner Mi­chael Gerstlauer, "dass man zwar ­sehen kann, dass der Körper auf ein bestimmtes Allergen sensibilisiert ist." Aber: "Darüber, ob jemand dann im echten Leben überhaupt aller­gische Reaktionen zeigt, nur einen Juckreiz hat oder doch ­einen anaphylaktischen Schock erleidet, das kann dieser Test nicht sagen."

Stephie H. erzählt: "Wir haben uns eingelesen und wussten auch, dass wir auf Nussspuren achten müssen." Und doch: Einmal ging die Mutter mit Laurin in eine Eisdiele in der Stadt. "Ich ­habe gesagt, dass wir hier einen kleinen Nussallergiker haben, und gefragt, ob sie mir garantieren können, dass in dem Eis wirklich keine Nussspuren enthalten sind", erinnert sie sich. Auch laut der Allergen-Liste, die seit 2016 per Gesetz überall dort ausgehängt werden muss, wo Lebensmittel ausgegeben werden, sollten im Eis von Laurin keinerlei Nussspuren vorhanden sein. Sie war sich sicher.

Der Körper in Aufruhr

"Das Ende vom Lied war, dass wir im Krankenhaus waren, weil Laurin ­seine erste allergische Reaktion ­hatte", sagt Stephie H. We­nige Minuten nach den ersten Löffelchen schwoll Laurins Kopf stark an. "Da bin ich sofort mit Laurin ins Krankenhaus gefahren", erinnert sich Stephie H. Die Sache ist glimpflich ausgegangen. Doch der Schock saß tief. "Wir hatten ja gerade erst von der Nussallergie erfahren, wir wurden auch darüber aufgeklärt, worauf wir achten müssen", sagt Stephie H. "Aber wir hatten letztendlich keine Ahnung davon, was da ­alles auf uns zukommt." Das haben die Eltern auf drastische Weise erst bei der Eisdiele erfahren. Heute wissen sie, dass das Problem wohl nicht am Eis selbst lag. "Wahrscheinlich lag es am Portionierer", sagt Vater Georg H. Denn für Laurin hätte man am besten einen unbenutzten Eisportionierer nehmen sollen.

Aber Laurin hatte Glück. "Es gibt Vorstufen einer anaphylaktischen Reaktion, die nicht so schwer verlaufen wie der richtige Schock – gerade bei Kindern", erklärt Erika von ­Mutius. Die Professorin leitet die ­Asthma- und Allergieambulanz an der Kinderklinik im Dr. von Hau­nerschen Kinderspital in München. "Die Reaktionen können von Hautaus­schlag, Atemnot, Magenkrämpfen, Durchfall und Blutdruckabfall – eben bis zum Schock reichen", sagt Expertin von Mutius. Wann aber der Körper wie reagiert, das lasse sich nie vorhersagen.

Aufs Kleingedruckte achten

Auch die Menge des Allergens ist irrelevant. Schon ein paar Eiweißmoleküle "legen den Schalter um", wie die Münchner Allergologin erklärt. "Es geht nur darum, dass das Immunsystem das Aller­gen bemerkt, und zack, geht es los." Der Vorfall an der Eis­diele hat das Leben der Familie H. nachhaltig verändert.

Und wie sehr Laurins Nussallergie den Alltag bestimmt, zeigt sich schon beim Besuch im Supermarkt: Auf jeden Griff ins Regal folgt die akri­bische Suche nach einem ganz bestimmten Hinweis im Kleingedruckten: "Kann Spuren von Nüssen (oder Schalenfrüchten) enthalten." Eine freiwillige Angabe der Hersteller. Ist der Hinweis abgedruckt, landet die Ware wieder in der Ablage. "Wir schauen da wirklich jedes Mal nach. Auch wenn wir das Produkt ­eigentlich schon kennen", erklärt Georg H. "Es könnte ja sein, dass sich aus welchen Gründen auch immer die Produktionsstraße geändert hat", führt er fort. So war das zum Beispiel bei Laurins Lieblingskeksen. Die Nussallergie schränkt jedoch noch weiter ein. Will die Familie in Urlaub fliegen, müssen Fluglinien vorher angeschrieben werden. Denn ­einige nehmen Allergiker gar nicht erst mit an Bord. Oder Geburtstagsfeiern bei anderen Kindern und Übernachtungen – die sind bis heute immer noch mit etwas Angst verbunden.

Pollenflug im Blick

Als wäre das nicht schon genug, kam noch eine Pollenallergie hinzu. Mit etwa fünf Jahren war Laurin auf dem Spielplatz. Im Frühjahr, in der Zeit, in der sich über so ziemlich alles dieser gelbe Pollenschleier legt. "Laurin ­hatte auf einmal einen Ausschlag im Gesicht und an den Händen", erinnert sich Georg H. Dann ging es wieder ins Krankenhaus. Es waren die Baumpollen. Und weil bis auf ­Oktober und November praktisch immer Pollen in der Luft sind, checken die Eltern jeden Morgen per App den aktuellen Pollenflug am Handy. "Bei starker Pollenbelastung geben wir Laurin Antihistaminika, damit er draußen klarkommt", sagt Mutter Stephie H.

Kreuzallergie auf Äpfel

Infolge der Baumpollenallergie hat Laurin noch eine sogenannte Kreuzallergie auf Äpfel entwickelt. "Das liegt daran, dass bestimmte Eiweiße aus den Pollen auch in vielen Apfelsorten und anderem Obst und Gemüse wie Kiwi und Karotten vorkommen und dann die gleichen allergischen Reaktionen hervorrufen", erklärt Allergologe Gerstlauer. Die einzige Lösung: kochen. "Erhitzt man die Äpfel, ändert sich die Molekülstruktur der Eiweiße, und der Körper erkennt sie nicht mehr als Gefahr an."

Milben und etwas Hoffnung

Obendrauf hat Laurin noch eine ­Allergie auf Hausstaubmilben, also genauer gesagt auf deren Eiweiße im Kot. Diese Allergie können die Eltern mit speziellen Matratzen und Bettwäsche zu Hause einiger­maßen einschränken. Woanders nicht. Immer­hin gibt es eine Therapie: "Wir haben vor, in diesem Jahr mit der Hyposensibilisierung zu beginnen", sagt Stephie H. und setzt etwas Hoffnung in die Behandlung. "Die Therapie ist für Kinder ab sechs Jahren zugelassen. Dabei wird über Spritzen oder Tabletten das Immunsystem auf bestimmte Eiweiße trainiert", erklärt Gerstlauer. Die Behandlung dauert in der Regel drei Jahre und hat einen besonderen ­­Nebeneffekt: "Sie kann die Entstehung von Asthma verhindern und bestehende Allergiesymptome reduzieren", erklärt der Allergologe.

Gemeinschaft hilft mit

Familie H. hat sich inzwischen ganz gut mit Laurins Allergien arrangiert, wie die Eltern sagen. "Wir wollen ihm einfach ein fast normales Leben ermöglichen", sagt Stephie H. Bei Geburtstagen gibt es nussfreien und sauber verarbeiteten Kuchen. Auch der ganze Ort hilft: Zur Einschulung im vergangenen September wurden flugs ein paar Bäume drastisch gestutzt. "Über den Pausenhof ragte ausgerechnet eine Baum-Hasel", sagt Stephie H. Die Eltern­beiratsvorsitzende kontak­tierte kurzerhand die Gemeinde, und wenige Tage später wurde die Hasel zurückgeschnitten. Und die Eisdiele im Ort, bei der Laurin Stammkunde ist, die arbeitet besonders penibel.


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