Vorhautverengung: Wann ist OP nötig?

Dass bei kleinen Jungen die Vorhaut verklebt ist, ist normal. Meist gibt sich das von selbst. Bei einer Phimose ist die Vorhaut jedoch stark verengt. Manchmal müssen Ärzte operieren
von Barbara Weichs, aktualisiert am 27.04.2017

Bei männlichen Babys ist die Vorhaut noch verklebt. Dann gilt: Nicht zurückschieben!

Stockbyte/RYF

Für Eltern von neugeborenen Jungen ist das ein vertrauter Anblick: Am kleinen Penis sitzt die Vorhaut fest über der ­Eichel, meist steht sie sogar wie ein kleiner Rüssel über. Zurückschieben lässt sie sich nicht, denn sie ist mit der ­Eichel verklebt. Durch ­eine kleine Öffnung fließt der Urin ab, wenn das Baby Pipi macht. "Die Vorhaut schützt die empfindliche Haut der Eichel im Windelalter vor Urin und Kot", erklärt der Kinderchirurg Dr. ­Andreas Schmidt aus Augsburg.

Manche Jungen haben von Haus aus eine verengte Vorhaut

Im Laufe der ersten Lebensjahre löst sich diese Verklebung meist von ­­alleine, sodass sich die Vorhaut problemlos und schmerzfrei zurückziehen lässt. Bei manchen Jungen funktioniert das schon mit drei Jahren, bei anderen dauert es, bis sie sechs Jahre alt sind, bei manchen auch bis zur Pubertät. Doch nicht immer läuft der Prozess glatt ab. "Bei ­etwa zehn bis zwölf Prozent der Jungen ist die Vorhaut so eng, dass sie sich auch nach dem Lösen der Verklebung nicht über die Eichel ziehen lässt", sagt ­Schmidt. Als Phimose, zu Deutsch Vorhautverengung, bezeichnen Mediziner dieses Phänomen.


Dr. med. Andreas Schmidt ist niedergelassener Kinderchirurg in einer Gemeinschaftspraxis in Augsburg

W&B/Privat

Kleine Risse können zu Vorhautverengung führen

Neben dieser von Geburt an be­stehenden, auch als physiologisch bezeichneten, Vorhautverengung gibt es noch die sogenannte sekundäre Phimose. Sie wird erworben und entsteht unter anderem, wenn Eltern, Kind oder Ärzte versuchen, die Vorhaut zurückzu­schieben, obwohl sie sehr stark ver­engt ist. "Durch die Manipulation kommt es zu ganz feinen Einrissen der ­­eigentlich intakten Hautstruktur", erklärt Schmidt. Sammeln sich dann Urinreste unter der Vorhaut, kann das zu einer chronischen Reizung führen. "Die Vorhaut wird dadurch starrer und noch weniger elastisch", sagt der Kinderchirurg. Wenn Eltern dann probieren, die Vorhaut weiter zu dehnen, reißt sie noch stärker ein, ein Teufelskreis entsteht.


Prof. Dr. med. Raimund Stein leitet das Zentrum für Kinder- und Jugendurologie der Universitätsmedizin Mannheim

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Außerdem kann eine Hauterkran­kung, der Lichen sklerosus, in gar nicht so seltenen Fällen zu ­einer sekundären Phimose führen. "Der Lichen ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der die ­Eichel und die Vorhaut flächenhaft vernarben. Sie greift manchmal auch auf das Vorhautbändchen und die Harnröhrenöffnung an der Spitze der Eichel über", erklärt Schmidt. Sekundäre Phimosen müssen immer operiert werden.

Vorsicht: Vorhaut nicht zu früh zurückziehen!

Eine physiologische Vorhautverengung bereitet kleinen Jungen in der Regel keine Probleme oder Schmerzen. Bis zum dritten Lebensjahr ihres Nachwuchses sollten Eltern deshalb die Vorhaut in Ruhe lassen. "Früher hieß es: ‚Frühzeitig zurückschieben, damit es nicht zu eng wird‘", sagt ­Schmidt. Das stimmt aber nicht, wie Experten heute wissen. Erst nach dem dritten Geburtstag sollten Eltern versuchen, die Vorhaut zu bewegen. Am besten geht dies während des Badens, wenn die Haut weich und das Kind entspannt ist. "Aber ganz vorsichtig und ohne Gewalt."

Ob sich in Sachen Vorhaut bei einem Jungen alles normal entwickelt, prüft außerdem der Kinderarzt. Er sieht sich bei allen Vorsorge­untersuchungen die Genitalien an und hat im Blick, ob die Phimose gegebenenfalls behandelt werden muss. In Zweifels­fällen überweist er das Kind zu einem Kinderurologen oder -chirurgen. Ansonsten lautet die De­vise: abwarten. Denn in mehr als 95 Prozent der Fälle bildet sich eine Phimose von selbst zurück.

Vorhautverengung: Wann behandeln?

Wie lange man im Fall einer unproblematischen Phimose abwarten kann, lässt sich allerdings nicht so einfach beantworten und wird auch kontrovers diskutiert. Eigentlich muss eine Vorhautverengung erst in der Pubertät behoben sein, damit eine Erektion ohne Schmerzen möglich ist. Aber: Zwischen der U 9, bei der Kinder fünf ­Jahre alt sind, und der J 1, die im Alter von 13 Jahren stattfindet, liegen nur die freiweilligen Termine U 10 und U 11 – also eventuell eine lange Zeit ohne Vorsorge­untersuchung beim Kinderarzt. Das macht es schwierig, die Entwicklung der Vorhaut ärztlich zu beobachten.

"Dazu kommt, dass Jungen in dieser vorpubertären Phase immer schüchterner werden, sich nicht mehr nackt zeigen möchten und sich schon gar nicht gerne am Penis anfassen lassen wollen", erklärt Andreas ­Schmidt. Eltern müssten daher sehr gezielt regelmäßig nachfragen, ob die Vorhaut immer noch zu eng ist.

Der Kinderchirurg empfiehlt deshalb, spätestens im Vorschulalter mit einer Therapie zu beginnen, wenn sich die Vorhaut dann noch nicht dehnen lässt. Dafür verschreibt der Kinderarzt eine kortisonhaltige Salbe, um die Elastizität der Vorhaut zu steigern. "Wir raten dazu, vier bis sechs Wochen zweimal täglich die Salbe aufzutragen", sagt Professor Raimund Stein, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendurologie der Universitätsmedizin Mannheim. Etwa drei Viertel der Patienten reagieren sehr positiv auf die Salbentherapie, allerdings erleiden etwa 20 Prozent von ihnen einen Rückfall: Nachdem sich die Haut zunächst geweitet hat, ist sie nach ­einigen Monaten wieder so eng wie vor der Behandlung.

Wann eine Vorhautverengung operiert werden muss

Diese Jungen kommen dann um eine Operation nicht herum. "Die Erfahrung zeigt, dass es bei Kindern, deren Haut nicht genug elas­tische Fasern besitzt, immer wieder zu Rückfällen kommt, selbst bei einem weiteren Salbenzyklus", sagt Andreas Schmidt. Zwei OP-Techniken sind dann möglich: Bei der einen wird die Vorhaut komplett entfernt, die Eichel liegt anschließend frei. Bei der vorhauterhaltenden Methode wird nur der Teil beschnitten, der zu eng oder vernarbt ist.


"Ziel der Operation ist es, ein kosmetisch möglichst ansprechendes Ergebnis zu erreichen", erklärt Raimund Stein. Eltern wünschen sich meist, dass möglichst viel Vorhaut erhalten bleibt. "Bei vorhauterhaltenden Verfahren besteht jedoch die Gefahr, dass sich bei nicht ausreichender und sachgerechter Pflege beim Zurückziehen der Vorhaut, diese erneut verengt und operiert werden muss", sagt Kinderurologe Stein.

Der Eingriff erfolgt in der Regel ambulant. Der Junge sollte danach etwa eine Woche nicht in den Kindergarten gehen und sich schonen, das heißt nicht rennen, Rad fah­ren, klettern oder hüpfen. Komplikationen wie etwa eine Nachblutung treten nur sehr selten auf, eine Schwellung der Haut kommt jedoch häufiger vor.



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