Psyche (1):
Mein Leben in Balance

Arbeit, Familie, Freunde – und Zeit für sich. Auf vier Säulen ruht ein glückliches Leben, sagen Experten. Sie raten deshalb zu einer gesunden Portion Egoismus

Starkes Team: Enge Beziehungen sorgen für innere Stabilität

Das Leben kann so entspannt sein! Morgens erst mal eine halbe Stunde joggen. Dann frisch geduscht frühstücken. Anschließend gut gelaunt die Kinder anziehen, mit mindestens zehn Minuten zeitlichem Spielraum in der Krippe abgeben. Sich mit einem Cappuccino auf den Tag einstimmen. Und dann den Arbeitsberg so methodisch und konzentriert abbauen, dass man ohne jede Hetze sein Pensum schafft. Danach ist noch genug Zeit, um mit den Kindern zu spielen, die Schnulze im Fernsehen anzugucken und dabei gepflegt ein Glas Rotwein zu trinken.

 
Das Leben kann so gehetzt sein. Auf den letzten Drücker die Kinder in die Wintermäntel zwängen. Zum Supermarkt eilen, vorher die Waschmaschine anstellen, Mittagessen kochen – und nebenher noch Geld verdienen. Spätestens halb sieben morgens fehlt jeder Überblick über den Arbeitsberg. Spätestens um halb zehn abends klappen die Augen vor Erschöpfung zu.

Glücklicherweise läuft das Leben weniger schwarzweiß ab. Und Väter und Mütter berichten von beidem: von der Entspannung und vom Nervenflattern. Von der Balance und dem Chaos. Für Experten wie die Münchner Lebensberaterin und Autorin Sabine Asgodom bedeutet Lebensbalance keinesfalls, dass jeder Tag des Lebens stressfrei und vorhersehbar abläuft. Kein Mensch, der Kinder hat, erwartet ernsthaft mehrere gelassene Tage und mucksmäuschenstille Nächte hintereinander. Und es geht auch nicht darum, verkrampft einem Lebenskonzept hinterherzuhetzen, das möglichst wenig Arbeit und möglichst viel Freizeit verspricht.

 

„Balance bedeutet, dass mehrere Bereiche im Leben eines Menschen miteinander funktionieren“, erklärt Prof. Dr. Gert Kaluza, der in Marburg das Trainings- und Fortbildungsinstitut GKM führt. Er spricht deshalb gerne von Life-Domain-Balance. Dazu gehören für ihn vier Bereiche:

 


Experte Prof. Dr. Gert Kaluza
Professor Dr. Gert Kaluza betreibt das GKM-Institut für Gesundheitspsychologie in Marburg

1. Arbeit/Leistung/Anerkennung: Egal, ob wir als Chefin ein Team von 30 Angestellten leiten oder täglich als Hausfrau mit zwei brüllenden Zwergen und einer Waschmaschine kämpfen: Wichtig ist, dass wir aus dem, was wir leisten, mehr ziehen als ein sicheres Auskommen. Das scheint, wenn es um Erwerbsarbeit geht, hierzulande nur selten der Fall zu sein. Obwohl fast allen Deutschen wichtig ist, ihren Job als sinnvoll zu erleben, verspüren 87 Prozent der Arbeitnehmer keine echte Verpflichtung gegenüber ihrer Tätigkeit, ermittelte das Gallup-Institut. Fast 40 Prozent der Deutschen ist der tägliche Kampf in der Arbeit sogar zu hart, fand das Meinungsinstitut TNS vergangenes Jahr heraus. Wie schade: Denn wer den Beruf vor allem als Belastung erlebt, wer nur darauf hofft, dass endlich der Feierabend und die Ferien beginnen, tut sich beim Thema Lebenszufriedenheit und -balance schwerer.

 

2. Familie/Partnerschaft: In diesem Bereich geht es, so Kaluza, „um Intimität, Zugehörigkeit, unbedingtes Angenommensein“. In engen Beziehungen, mit Kindern oder dem Partner, kann man sich fallen lassen, auch wenn einem zum Beispiel gerade im Beruf der Boden unter den Füßen schwankt. Besonders fatal sei es deshalb, warnt Kaluza, „wenn beruflich stark engagierte Väter vor lauter Arbeit die Familie hintenanstellen“.

 


Expertin Sabine Asgodom
Sabine Asgodom: Die Lebensberaterin und Autorin arbeitet in München

3. Weitere soziale Beziehungen: Egal, ob Sportfreunde oder Chor-Kollegen: „Zwischenmenschliche Beziehungen sollten sich nicht nur auf den Partner beschränken“, so Psychologe Kaluza. Gerade in Krisenzeiten brauchen Menschen ein soziales Netzwerk, das weiter gespannt ist. Es vermittelt ihnen Sicherheit und Selbstbewusstsein.

 

4. Ich-Bereich: Was erlebe ich für mich? Welche Interessen möchte ich verfolgen? „Sich selbst weiterzuentwickeln, ist eine ganz zentrale Säule der Lebensbalance“, sagt Kaluza. Die allerdings wird gerade dann sträflich vernachlässigt, wenn kleine Kinder da sind oder der Job einem über den Kopf wächst. Die Gefahr: „Wenn die Arbeit wegfällt oder für eine gewisse Zeit nicht mehr so gut läuft oder wenn die Kinder aus dem Haus sind, macht sich die große Leere breit“, erläutert Kaluza.