Kinder? Ja, klar doch!

Das Glück, seine Kinder heranwachsen zu sehen, ist bei allen Kosten und Mühen nicht mit Gold aufzuwiegen

Kinderkriegen: eine „milde Form des Irrseins“?

Das letzte große Abenteuer dieser Welt beginnt mit einem Schrei. Das winzige Bündel Mensch, das noch ganz blutverschmiert auf dem Bauch der glücklichen Mutter liegt, ist spannender als der interessanteste Job, aufregender als das exotischste Reiseziel. Welche Überraschungen wird dieses kleine Wesen wohl bereithalten?

Die Augen geschlossen, um den kleinen Mund die Andeutung eines Lächelns, die Händchen zur Faust geballt – was für ein Geschenk! Ein Geschenk, für das die frisch gebackenen Eltern endloses Gebrüll und schlaflose Nächte, später dann nervenaufreibende Trotzanfälle und zermürbende Machtkämpfe erdulden. Ganz zu schweigen vom Verzicht auf persönliche Freiheit, berufliche Karriere und materiellen Luxus. Und wer weiß, ob der Nachwuchs ihnen diese Opfer jemals danken wird?

Für Kinderlose ist die Sache klar: Bei so viel grenzenloser Leidensfähigkeit kann es sich nur um eine „milde Form des Irrseins“ handeln, wie Bestseller-Autor Axel Hacke treffend bemerkt.

Ein Abenteuer ohne Widerruf

Die Argumente für Kinder sind so vielschichtig wie individuell – und nicht selten romantisch verklärt. Da ist die Sehnsucht nach einem Stück heiler Welt inmitten einer von Katastrophen gebeutelten, bedrohlichen Gegenwart. Da ist die Suche nach dem Sinn des Lebens in einer als oberflächlich empfundenen Zeit. Oder da ist einfach der Wunsch, aus einem eingefahrenen Alltag auszubrechen und neue Erfahrungen zu machen.

Wie auch immer: Künftige Eltern fällen ihre Entscheidung meist aus dem Bauch heraus. Eine Entscheidung mit lebenslangen Folgen, ein Abenteuer ohne Widerruf. Aus der erhofften „Krönung“ der Partnerschaft wird im rauen Alltag nicht selten eine harte Belastungsprobe. Denn Kinder sind zeitlebens eine Herausforderung. Sie verlangen Durchhaltevermögen und Flexibilität, Selbstlosigkeit und Verantwortungs-Bewusstsein.

Nachwuchs – ein teures „Privatvergnügen“?

Eine rationale Kosten-Nutzen-Analyse stellt kaum einer auf. Zum Glück, denn finanziell legen Eltern hierzulande gnadenlos drauf: Wer zwei oder drei Kinder groß zieht, investiert von den Windeln bis zur Ausbildung locker bis zu 500.000 Euro. Kinder gelten in unserer Gesellschaft als „Privat- Vergnügen“. Warum, lästern Kinderlose, sollte der Staat die Suche nach persönlichem Glück fördern? Andere teure Hobbys würden ja auch nicht subventioniert.

Gewiss, niemand bekommt Kinder, um die Renten zu sichern. Dies ist allerdings ein durchaus erwünschter – also förderungswürdiger – Nebeneffekt. Doch obwohl Familien durch die Aufzucht künftiger Steuer- und Rentenbeitragszahler kräftig ins Gemeinwohl investieren und zudem die Wirtschaft durch Konsum stärken, bleiben sie auf ihren Kosten weitgehend sitzen.

Die Berufswelt in Deutschland: wenig familienfreundlich

Damit nicht genug: Quer durchs Land mangelt es an Kinderkrippen, Betriebskindergärten und Ganztagsschulen. Nur 8,5 Prozent der unter Dreijährigen finden derzeit einen Krippenplatz. Damit ist Deutschland im europäischen Vergleich Schlusslicht. Familienfreundliche Arbeitszeiten und Teilzeitjobs sind hierzulande ebenso Mangelware wie berufliche Wiedereinstiegs-Programme für Frauen, die längere Zeit pausiert haben. Junge Mütter, die keine hilfsbereite Großmutter vor Ort haben und sich keine private Kinderbetreuung leisten können, haben oft keine andere Wahl, als ihren Beruf zumindest vorübergehend aufzugeben. Mit negativen Folgen: Zum einen entscheiden sich heute vor allem hoch qualifizierte Frauen häufiger gegen Kinder. Zum anderen gehen dem Arbeitsmarkt wertvolle Fachkräfte verloren. Dabei sind arbeitende Mütter von Haus aus belastungsfähige und verantwortungsbewusste Organisationstalente.

Es gibt Lösungen: Andere Länder machen es vor

Ein Blick ins Nachbarland Frankreich zeigt, dass eine geschickte Familienpolitik leere Kreißsäle durchaus wieder mit Leben zu füllen vermag. Kostenlose Ganztagsbetreuung, steuerliche Vergünstigungen für Familien und eine zusätzliche Vorsorgepflicht für Kinderlose haben die Geburtenrate wieder auf knapp zwei Kinder pro Frau (Deutschland: 1,3) ansteigen lassen – und das bei einer höheren Frauenerwerbsquote als hierzulande. Und nachdem Kinderlose im Rentenalter Nutznießer des Generationenvertrags sind, ohne je in die Erziehung von Kindern investiert zu haben, ist es nur fair, Familien finanziell zu entlasten, etwa durch geringere Sozialversicherungsbeiträge, und die meist besser dastehenden Kinderlosen im Gegenzug stärker zur Kasse zu bitten.

Allen Belastungen zum Trotz würden die wenigsten Eltern ihre Entscheidung wieder rückgängig machen. Elternglück ist eben nicht mit Gold aufzuwiegen. Der emotionale Reichtum, den Kinder bei allen Mühen und Kosten bringen, erschließt sich nur aus eigener Erfahrung.

www.baby-und-familie.de / Baby und Familie, 07.04.2011