Wie erziehe ich richtig?

Wie werden Kinder glückliche, selbstständige Menschen? Man kann eine Wissenschaft daraus machen. Oder auf seine innere Stimme hören. Über den Wert der Intuition

von Marian Schäfer, 01.04.2016

Gibt Stephen Camarata ein Beispiel für die intuitiven Fähigkeiten von Eltern, spricht er gern von seiner Tochter Katie. Der siebenfache Vater und Professor für Kindesentwicklung an der Vanderbilt-Universität in Nashville (USA) könnte genauso gut von sich erzählen. Aber man glaubt ihm gerne, wie er in die Rolle des Forschers geschlüpft ist, als Tochter Katie­ vor einigen Jahren mit seiner damals gut drei Monate alten Enkelin in einem Schaukelstuhl saß und sie stillte.

Baby Nina fing danach glücklich an zu japsen, woraufhin Mutter Katie die Kleine­ hoch nahm, sie auf Augenhöhe vor sich hielt und in bester Ammensprache auf sie einredete. Sie lächelte Nina dabei an und bekam dieses magische, zahnlose Säuglings-Lächeln von ihr zurück. "Die Laute", erklärt Stephen Camarata, "lös­ten in Katie eine Reihe von Reaktionen aus." Als Beispiel nennt er die Ammen­sprache, dieser einfache, kindliche Singsang, in den Eltern weltweit verfallen – und mit dem sie ganz unbewusst die Sprach­entwicklung der Kleinen anstoßen. Aber auch die Art und Weise, wie Katie ihr Baby in den Händen hielt, faszinierte den Wissenschaftler: "Sie wählte intuitiv eine Distanz, in der Babys in diesem Alter optimal fokussieren können."

Warum ist intuitives Erziehen für viele so schwer?

Intuitiv erziehen – warum tun sich viele Eltern heute­ so schwer damit? Die Frage beschäftigt nicht nur Entwicklungspsychologen, sondern auch Erziehungswissenschaftler, Pädagogen und Soziologen. Dr. Chris­tian Alt etwa ist Familienforscher am Deutschen Jugendins­titut in München. Er sieht mehrere Ursachen. Das sind zum Beispiel die geänderten Rollenbilder und -erwartungen von Vätern und Müttern. Dazu habe sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gewandelt, der Nachwuchs sei immer mehr Verhandlungspartner. Für den Forscher spielt auch die gesunkene Kinderzahl und das Aufbrechen großfamiliärer Strukturen eine Rolle.

"Es herrscht ein Mangel an Erfahrungswissen und an dichten, unterstützenden Netzwerken", sagt Alt. Auf diesen Mangel stoße wiederum ein ­widersprüchliches Angebot an Informationen und Meinungen über Kindererziehung und -entwicklung, das auf fruchtbaren Boden falle: "Man darf nicht vergessen, dass die geringe Zahl an Kindern auch zu ­einer höheren Fokussierung führt", so Alt. ­"Eltern lassen ihren Nachwuchs nicht mehr einfach so mitlaufen."

Anspruch an die Erziehung ist heute sehr hoch

Familiensoziologen wie Prof. Dr. Oliver Arránz-Becker gehen noch einen Schritt weiter. Er lehrt an der Martin-Luther-Universität Halle-­Wittenberg und ist Sprecher der Sektion Familiensoziologie bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. "Paare", sagt er, "wägen ­ihren Kinderwunsch immer stärker gegen zeitliche, emotionale und finanzielle Kosten ab, die notwendig scheinen, um dem Kind vor allem im Hinblick auf den Beruf eine gute Perspektive bieten zu können." Früher seien Kinder und ihre Erziehung etwas Selbstverständliches gewesen. "Heutzutage herrscht ein Professionalisierungsgedanke, der einem sehr hohen gesellschaftlichen, materialistisch geprägten Ideal von Erziehung folgt", so Arránz-Becker. Eltern geraten dadurch in ­eine ­Falle: Statt einfach auf ihre innere Stimme zu hören und auf die Bedürfnisse ­ihrer Kinder einzugehen, verbringen sie wertvolle Zeit damit, sie zu allen möglichen Förderkursen zu chauffieren.

Was ist intuitive Erziehung eigentlich?

Stephen Camarata ­blendet all das nicht aus, plädiert aber trotzdem für intuitive Erziehung. "Ich will Eltern sagen, dass sie in­tuitive Fähigkeiten ­haben, die die natürlichen Gaben und Ta­lente ihrer Kinder fördern." Dafür brauche es nicht mehr als ernst gemeinte Aufmerksamkeit. "­Eltern müssen sich nur ­aktiv auf ihre­ Kinder einlassen und Lernangebote machen", erklärt Camarata, sie also mit unterschiedlichen Gegenständen spielen lassen, sie an verschiedene Orte mitnehmen, auf Spielplätze, in Museen, in ­Büchereien.

Aber kann Intuition in einer komplexen Situation überhaupt ein guter Ratgeber sein? "Nur sie kann es", sagt Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie­ und Entwicklungsneurobiologie­ am Ins­titut für Hirnforschung der Universität Bremen. "Von Automatismen abgesehen", sagt er, "bleiben uns grob drei Wege zu handeln: rein rational, rein affektiv oder eben intuitiv." Anders als oft vermutet, sei der rein rationale Weg gerade bei komplexen Dingen schwierig. "Unser Verstand ist begrenzt und schnell überfordert", sagt Roth. Affektive Handlungen, gemeinhin als Bauch­­entscheidungen bezeichnet, hingen wiederum zu stark von Gefühlen ab. "Deshalb bereuen wir sie hinterher oft."

Intuition vereint Erfahrungen und Prägungen

Bleibt die Intuition. "Sie speist sich aus all unseren Erfahrungen sowie aus angeborenen und in frühester Kindheit geprägten Mus­tern", so Roth. "Diese Mischung gibt uns häufig ein Gefühl für die richtige Entscheidung." Gerade bei schwierigen Fragen, etwa nach der richtigen Kinderbetreuung oder ­­Schule, ­helfe es, sich Zeit zu lassen.

Das schließt nicht aus, dass die eigene Intuition auch falsch sein kann. John-Dylan Haynes­, der am Bernstein Centre for Computational Neuroscience in Berlin arbeitet, betont: "Intui­tion kann ein guter Ratgeber sein, sie birgt aber auch Gefahren, weil wir sie nicht überprüfen können." Roth und Haynes sind sich einig: ­Gute Intuition baut immer auf verlässlichem Wissen auf. Das gilt auch, wenn es um Erziehung geht. Gerhard Roth: "Intuition funktioniert hier vor allem dann, wenn Eltern selbst gute Bindungs- und Erziehungserfahrun­­gen gemacht haben."