Geburt: Zwischen Hightech und Hypnose

Sie rechnen täglich mit dem Einsetzen der Wehen? Schmerzmittel und Technik oder eine natürliche Geburt – welcher Mix Sinn macht

Professor Michael Abou-Dakn hat eine Mission. Der Leiter der Geburtsklinik des St. Joseph Krankenhauses in Berlin will die natürliche Geburt vor dem Aussterben bewahren. Deshalb hat er beim Berliner Senat beantragt, sie zum Weltkulturerbe zu erklären. Erfolg wird dieser Antrag wohl nicht haben. Aber der ­Gynäkologe wollte damit ein Zeichen setzen – gegen zu viel Technik im Kreißsaal. Damit hat er vielen Frauen einen großen Gefallen getan.

Die meis­ten Schwangeren schreckt die Vorstellung von stundenlangen Schmerzen in einer sterilen Klinik voller technischer Geräte ab. „Fast ­alle Frauen in meinen Geburtsvorbereitungskursen ­sagen, dass sie Angst vor der Geburt haben“, berichtet ­Hebamme ­Vera Luft aus Forst. Ähnliches beobachtet Oberärztin Babett Ramsauer vom Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln. „Viele Schwangere fürchten, in der Klinik keinen Einfluss mehr auf die Geburt zu haben“, sagt die Frauen­ärztin. Zum Glück setzt allmählich ein Umdenken in den Geburtskliniken ein, auch dank wissenschaftlicher Erkenntnisse:

Geburt achtsam vorbereiten

„Viele Frauen haben verlernt, auf sich und ihren Körper zu ver­trauen“, sagt Hebamme Luft. Unsicherheiten und Angst während der Geburt führen aber dazu, dass der Körper vermehrt Stresshormone ausschüttet. „Und die behindern den Geburtsvorgang“, erklärt Luft. Deshalb legt sie in ihren Kursen Wert darauf, den Frauen und ihren Partnern zu vermitteln, „dass Gebären etwas Natürliches und Normales ist“. Besonders Hypno-Birthing, eine Art Tiefenentspannung, sei gut geeignet, um Angst abzubauen, so Hebamme Luft.

Auch Gynäkologin ­Ramsauer empfiehlt gezielte Vorbereitung. „Wenn Frauen ein gutes Körpergefühl haben, werden das meist tolle Geburten“, sagt die Expertin. Yoga, Meditation oder Tanzen ermöglichen es Frauen, sich bereits in der Schwangerschaft intensiv mit ihrem­ Körper zu beschäftigen und bewusst den Unterschied zwischen Anspannen und Entspannen zu spüren. „Auch Atemtraining hilft“, sagt Ramsauer. Das tiefe Atmen in den Bauch kann zum Beispiel über den Wehenschmerz hinwegtragen.

Akupunkturbehandlungen in den letzten vier Wochen vor der Geburt verkürzen nachweislich die Wehen. „Außerdem ist es eine ­gute mentale Vorbereitung, weil man sich gedanklich auf die Geburt einstellt“, so Ramsauer.

Kreißsaal-Technik gezielt einsetzen

Die Kreißsäle von heute stecken voller Hightech, und bei Geburten kommen immer mehr medizintechnische Geräte zum Einsatz. „Diese Technisierung ist wunderbar, um ­Risikoschwangere zu betreuen, aber für die normale Geburt bringt sie keine Vorteile“, sagt Professor Michael Abou-Dakn, Leiter der Geburtsklinik des St. Joseph­ Krankenhauses in Berlin.­ „Wir machen heute zu viele Kaiserschnitte, die medizinisch nicht notwendig sind“, kritisiert er.

Auch Frauenärztin ­Ramsauer sagt: „Die moderne Geburtsmedizin muss vorausschauender werden. Gesunde Frauen mit normalen Schwangerschaften brauchen keine Dauerkontrolle und voraus­eilenden Eingriffe.“ Als störend empfinden viele ­Gebärende zum Beispiel, stundenlang an den Wehenschreiber (CTG) angeschlossen zu sein. Für die Geburt ist es sogar hinderlich, weil die Frauen sich nur eingeschränkt bewegen können und ihr Kind in der unnatürlichen ­Rückenlage bekommen müssen. „Falls überhaupt notwendig, sollte man bei gesunden Schwangeren zu tragbaren Geräten greifen“, sagt Ramsauer. Mit diesen könne man spazieren gehen und sogar ein Entspannungsbad nehmen.

Eine Geburt braucht oft Zeit

Abwarten und beobachten – so einfach kann effektive Geburtsbegleitung sein. Mehrere Studien belegen, dass zu frühes Eingreifen oft überflüssig ist und medizinische Interventionen zur Folge hat. So steigt die Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts nach einer Geburts­einleitung auf das 2,2-fache und nach der Gabe von Wehenmitteln auf das 1,6-fache. Abou-Dakn sagt: „Wir Ärzte und Hebammen müssen uns mehr im Hintergrund halten­ und die Mütter mehr selbst machen lassen und auf ihre Kräfte­ vertrauen.“ Dazu gehört auch, bei einem Blasensprung abzuwarten. „Bis zu 24 Stunden ist das kein Problem“, sagt Ramsauer. In der Regel kommen in dieser Zeit die Wehen von alleine. Eine Geburts­einleitung ist nicht nötig.

Auch die Frauen sollten sich mehr Zeit geben, vor allem zu Beginn. „Eigentlich startet ­eine Geburt erst, wenn der Muttermund vier Zentimeter geöffnet ist“, erklärt Abou-Dakn. ­Heutzutage kämen die Frauen aber sehr früh in die Klinik, schon bei den ers­ten, unregelmäßigen ­Wehen. ­Eine Geburt ohne medizinische Eingriffe fördert das jedoch nicht. Untersuchungen zeigen, dass sich der Einsatz von Wehen- und Schmerzmitteln erhöht, wenn Frauen mit einem unreifen Mutter­mund aufgenommen werden. Hebamme Luft rät daher: „Gehen Sie nicht zu früh in die Klinik.“ Der richtige Zeitpunkt sei für ­Erstgebärende, wenn die Wehen eine Minute oder länger dauern, deutlich spürbar sind und ­eine Stunde lang alle fünf Minuten kommen.

Schmerzen sinnvoll lindern

Auch wenn die Periduralanästhesie (PDA) zum Standard der Schmerztherapie gehört und sehr effektiv ist, gibt es immer wieder Kritik. „Schmerz­mittel greifen in den natürlichen Geburtsvorgang ein und machen oft wehenfördernde Mittel notwendig“, sagt Abou-Dakn. Diese können zu einer hyperfrequenten Wehentätigkeit führen, sodass der Frau kaum eine Erholungspause bleibt. Zudem kann ­eine PDA Nebenwirkungen haben: Manche Frauen bekommen Kreislaufprobleme. Und: Die Geburten mit PDA dauern in der Regel ­eine Stunde länger als Geburten ohne.

Deshalb setzen Ärzte heutzutage auch auf weniger ­eingreifende Schmerzmittel. Zum Beispiel Lachgas. „Das ist eine ­tolle Alternative“, schwärmt Ramsauer. Das Gas kann schnell eingesetzt werden, weil vom Anästhesisten kein Zugang gelegt werden muss, und es wirkt sofort. „Lachgas nimmt die Spitze von der Wehe, also den stärksten Teil des Schmerzes, und entspannt“, erklärt die Frauenärztin. „Die Tätigkeit der Gebär­mutter bleibt unbeeinflusst.“ Die ­Methode stärke auch die Autonomie der werdenden Mutter, da sie die Intensität des Gases über ihre Atmung selbst steuern kann.

Gute Betreuung ist die beste Medizin

„Mittlerweile verstehen wir, dass viele der medizinischen Eingriffe notwendig werden, weil Frauen aus ihrer normalen Situation herausgeholt werden“, sagt Geburts­helfer Abou-Dakn. Sie fühlen sich im Krankenhaus fremd und unsicher,­ auch weil Ärzte und Hebammen manchmal wenig­ Zeit haben, um auf die Bedürfnisse der Schwangeren­ einzugehen.­ Das effektivste Schmerz­­­mittel ist jedoch­ kontinuierliche Zuwendung. Untersuchungen zeigen, dass Gebärende, die eine Eins-zu-eins-Betreuung erhalten,­ weniger Medi­­kamente benötigen, und die Geburt seltener­ in einem Kaiserschnitt endet. „Wenn wir mehr Personal zur Verfügung hätten,­ könnte man auf einiges­ an Technik­ und Medikation­ verzichten“, sagt Abou-Dakn.

Bereits in der Schwangerschaft sollte man sich also erkundigen, ob es in dem Krankenhaus der Wahl ­eine Eins-zu-eins-Betreuung gibt oder ob man zum Beispiel eine Hebamme mitbringen kann. Eine weitere­ Möglichkeit sind Geburtsbegleiterinnen, sogenannte Doulas. Sie haben keine medizinische Ausbildung, bieten Gebärenden aber emotionale Unterstützung. Auch bei Hebammen-Kreißsälen­ gehört­ die kontinuierliche Begleitung­ zum Konzept. Dabei werden Frauen vor, während und nach der Geburt in der Klinik ausschließlich von einem Hebammenteam begleitet. Eine Studie zeigt, dass Interventionen­ während der Geburt­ auch in einem Hebammen-Kreißsaal häufig sind, doch sind es dort vor allem Massagen und Entspannungsbäder. Die Frauen nahmen­ häufiger alternative­ Geburts­positionen ein. Die ­Rate der Frauen, die einen Kaiser­schnitt benötigten, lag bei gut fünf Prozent. Die Vergleichsgruppe im Arzt-Kreißsaal hatte eine Kaiserschnittrate von gut zwölf Prozent.

Nach der Geburt: Bindung fördern

Während der Geburt schüttet der Körper besonders viel Oxytocin aus, um den Wehenstress zu verarbeiten.­ Heute wissen Experten um die bindungsfördernde Bedeutung dieses­ Hormons. Frauen, die die ersten Stunden ungestört und in engem Kontakt mit ihrem Baby verbringen, haben höhere Oxytocin-Werte. Das fördert die Stillbeziehung und wirkt sich auch langfristig positiv auf die Mutter-Kind-Beziehung aus. Sogenannte babyfreundliche Kranken­häuser unterstützen das Bonding­ besonders. Manche Kliniken­ ermöglichen Frauen dieses­ ungestörte­ Kennenlernen ihres Babys auch nach einem Kaiserschnitt.

Peggy Elfmann / Baby und Familie / Baby und Familie, 08.12.2014