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Pflanzliche Medizin für Kinder

Heilkräuter gelten als sanfte Hilfe bei Beschwerden. Manchmal können Mittel aus der Pflanzenmedizin aber auch gefährlich sein


Hustensirup: Gibt es auch mit Efeu

Wenn es ums Gesundwerden geht, vertrauen viele Deutsche auf die Kraft der Natur. Fast die Hälfte aller Befragten hat laut einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung und der Barmer GEK aus dem Jahr 2012 schon einmal Naturheil­mittel oder pflanzliche Arzneien genommen.

Die Methode: Gerade Eltern schätzen pflanzliche Arzneimittel, denn die Phytotherapie gilt als gut verträglich und nebenwirkungsarm. Viele sehen in ihr die sanfte Alternative zur klassischen Schulmedizin. „Ein Missverständnis“, sagt Apothekerin Ina Richling (Doctor of Pharmacy) aus Iserlohn bei Dortmund. Streng genommen könne man bei der modernen Pflanzenmedizin nicht von einer alternativen Heilmethode sprechen. „Sie ist ein fester Bestandteil der Schulmedizin und wirkt nach naturwissenschaftlich erklärbaren Mechanismen“, sagt sie. Dafür spricht auch die hohe Wirksamkeit einiger Subs­tanzen, die aus Pflanzen gewonnen werden. Beispiel Morphin: Das extrem starke Schmerzmittel ist Bestandteil von Opium, dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns. Auch heute noch wird Morphin aus der ­Pflanze gewonnen – und ist in Deutschland sogar als Betäubungsmittel eingestuft.


Pflanzenmedizin: Kontrollierte Qualität

Phytotherapie meint dennoch etwas anderes: Nicht ­einzelne, isolierte Pflanzeninhaltsstoffe wie etwa Morphin fallen darunter, sondern Arzneimittel mit Vielstoffgemischen wie ätherischen Ölen oder anderen Extrakten. Sie werden aus Heilpflanzen oder Pflanzenbestandteilen gewonnen. Auch diese Zubereitungen müssen die Grundanforderungen des Arzneimittelgesetzes erfüllen: Bevor neue pflanzliche Stoffe zugelassen werden, muss ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit durch Studien belegt sein. Unkomplizierter ist es, wenn pflanzliche Wirkstoffe ohne besondere Vorkommnisse bereits seit Jahrzehnten auf dem Markt sind. Dann können Firmen sie etwa als traditionell pflanzliche Arzneimittel registrieren lassen. Ein Beispiel dafür sind Öle mit Ringelblume.

Wirkung bei Kindern oft nicht untersucht

Knackpunkt: Daten zur Anwendung bei Kindern gibt es häufig nicht, entsprechende Studien sind teuer. Viele Phytopharmaka sind daher erst für Kinder ab zwölf Jahren empfohlen. Trotzdem hat die Phytotherapie in der Kinderheilkunde ­einen hohen Stellenwert. „Und das zu Recht“, findet Dr. med. Melanie Wandolski von der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. Gerade bei leichteren Erkrankungen wie etwa Infekten der oberen Atemwege, Hauterkrankungen oder Magen-Darm-Beschwerden sei die Phytotherapie eine sinnvolle Behandlungsoption. „Sie ist in der Regel gut verträglich und kann auch bei chronischen Erkrankungen als Ergänzung zur konventionellen Therapie gut eingesetzt werden“, sagt sie.

Die Studienlage: Auch wenn der genaue Wirkmechanismus ­einiger Heilpflanzen Forschern immer noch Rätsel aufgibt und ­Studien bei Kindern eher selten durchgeführt werden: Für manche Mittel ist die Wirksamkeit wissenschaftlich gut belegt. Zubereitungen aus Efeu etwa haben in ­Studien ­­eine Verbesserung des Atemwegs­widerstands bei Kindern mit ­Asthma bronchiale gezeigt, mehrere Unter­suchungen bescheinigen Präparaten mit Kamille eine ­gute Wirkung bei Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Durchfall.

Kräutertee kann mit Schadstoffen belastet sein

Risiken und Nebenwirkun­gen: Leichtsinnig anwenden sollte man pflanzliche Arzneimittel nicht. „Man muss ihre Einnahme ­genauso gut abwägen wie bei ­­allen anderen Medikamenten“, sagt Ärztin Melanie Wandolski. Neben- und Wechselwirkungen gibt es auch in der Phytotherapie. So zeigte unlängst eine Untersuchung des Bundesinstituts für Risiko­bewertung (BfR), dass in Tee- und Kräutertee-­Proben zum Teil ­hohe Mengen an ­sogenannten Pyrrolizidinalkaloiden enthalten waren. Diese Stoffe haben in Tierversuchen eine krebserregende Wirkung gezeigt. Auch wenn die kurzfristige Aufnahme wahrscheinlich ungefährlich ist, empfiehlt das BfR vorerst Eltern, ihren Kindern nicht ausschließlich Tee zu geben. Grundsätzlich gilt: Die Pflanzenmedizin hat ihre Grenzen. „Es darf nicht passieren, dass durch ihre Anwendung eine andere notwendige Therapie unterlassen oder verzögert wird“, sagt Wandolski.

Um das zu verhindern, setzt Ina Richling auf eine gute Beratung in der Apotheke. „Pharma­zeuten haben die nötige Ausbildung, um einzuschätzen, ob Eltern mit ­ihrem Kind zum Arzt sollten oder sie die Beschwerden mit einem pflanzlichen ­Arzneimittel selbst behandeln können“, betont sie. Die Apothekerin warnt vor selbst ernannten Kräuterhexen im Internet. „Pflanzliche Mittel und Tee­mischungen sollte man nur in der Apotheke kaufen“, sagt sie. Hier ist sichergestellt, dass die Pflanzenbestandteile eine gute Qualität haben und die Mittel ausreichend hoch dosiert sind.

Die Kosten: Die Kassen ­zahlen apothekenpflichtige Phytopharmaka meist für Kinder unter zwölf Jahren, wenn der Arzt sie verschreibt.


Bei Infekten: Pflanzliche Hilfe gegen Erkältungen

Hustensäfte mit Extrakten aus Efeu, Thymian oder Primel erleichtern das Abhusten, indem sie den zähen Schleim in den Bronchien lösen. Wohltuend bei Hus­ten und Schnupfen können auch Balsame mit Eukalyptus- und Kiefernnadelöl sein. In der Apotheke gibt es Einreibungen und Badezu­sätze, die schon für Kinder ab zwei Jahren geeignet sind. Ist der Rachen rot und gereizt, helfen Zubereitungen aus Eibisch oder ­­Isländisch Moos. Die Mittel beruhigen die Schleimhäute von kleinen Dauerhustern. Generell gilt: Nicht alle pflanzlichen  Präparate sind für Kinder jeder Altersgruppe geeignet. Fragen Sie in der Apotheke immer nach einem ­­passenden Mittel und ­lassen Sie sich beraten.




Bildnachweis: Digital Vision/ RYF

Franziska Draeger, Julia Schulters / Baby und Familie; aktualisiert am 06.11.2013, erstellt am 22.03.2010
Bildnachweis: Digital Vision/ RYF

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