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Pflanzliche Medizin: Was Sie wissen sollten

Heilkräuter gelten als sanfte Hilfe bei Beschwerden. Aber auch die Mittel aus der Pflanzenmedizin können Nebenwirkungen haben


Hustensirup: Gibt es auch mit Efeu

So sanft. So harmlos. So neben­wirkungsfrei. Pflanzliche Medizin hat bei den Deutschen ein äußerst positives Image. ­Eine Um­frage der Universität Köln ergab, dass 80 Prozent der Deutschen bei Beschwerden lieber zu einem pflanzlichen als zu einem herkömmlichen chemischen Prä­parat greifen würden. „­Gerade Eltern schätzen die natür­liche Heilkunde, weil sie davon weniger Neben­wirkungen erwarten“, sagt Margit Schlenk, Apothekerin in Neumarkt und Nürnberg. Aber haben sie wirklich recht damit? Sind Pflanzen tatsächlich so harmlos?

„Alles, was wirkt, hat natürlich auch das Potenzial, Nebenwirkungen zu verursachen“, warnt ­Aniko ­Dobos, Assistenzärztin am Kin­der­krankenhaus St. ­Marien in Landshut und Expertin für Naturheilkunde. Ein klassisches Beispiel dafür ist das Johanniskraut, ein Mittel gegen depressive Verstimmungen, das auch in Kombinationspräparaten gegen Wechseljahresbe­schwerden zum Einsatz kommt: „Wir wissen, dass Johanniskraut mit mehr als 170 Arzneistoffen teils dramatische Wechselwirkungen haben kann“, warnt Apothekerin Schlenk.



Aniko Dobos ist Assistenzärztin am Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut

Auch Pflanzen haben Nebenwirkungen

So verringert die Arzneipflanze etwa die Wirkung von manchen Herz-, Blutdruck- oder Asthmamitteln. Beispiel Sonnenhut (Echinacea): Er soll das Immunsystem ankurbeln und gegen Erkältungsviren wappnen. Bei Menschen mit Autoimmun­erkrankungen richtet er aber womöglich eher Schaden an und verschlechtert deren Leiden. ­Typ-1-­­Diabetiker, Aids-Patienten oder Menschen mit bestimmten Rheuma-Formen sollten von solchen Echinacea-Präparaten deshalb unbedingt die Finger lassen. Margit Schlenk rät dazu, „in jedem Fall mit dem Arzt oder Apotheker zu sprechen, bevor man zu pflanzlichen Heilmitteln greift“. Vor allem bei ­­Babys, Kleinkindern, chronisch Kranken und Schwangeren sei Vorsicht geboten.



Prof. Dr. med. Edzard Ernst ist emeritierter Professor für Alternativmedizin in Exeter (Großbritannien)

Wirkung ist häufig nicht gut untersucht

Pflanzen wirken also. Aber wie genau und wie gut? Zwar werden die Wald- und Wiesenhelfer teils seit Jahrhunderten eingesetzt. Aber wie zuverlässig sie zu heilen vermögen, lässt sich schlecht sagen. Strenge wissenschaftliche Beweise­ für die Potenz der Pflanzen fehlen oft. „Es gibt sehr wenig überzeugende Studien“, sagt Edzard Ernst, emeritierter Professor für Phytomedizin aus dem englischen Exeter. Das hat – auch – einen­ ganz schnöden Grund: „Pflanzenextrakte lassen sich nicht oder nur in Ausnahmefällen patentieren“, erklärt Experte Ernst. Für phytopharmazeutische Unternehmen ist es einfach nicht rentabel, ein Präparat in teuren Studien zu untersuchen, wenn anschließend auch Nachahmer davon profitieren.



Margit Schlenk ist Apothekerin und Inhaberin zweier Apotheken in Neumarkt und Nürnberg

Viele Mittel sind für Schwangere und Kinder nicht zugelassen

Für Kinder und Schwangere fehlen Daten meist völlig. Viele Phyto­pharmaka sind deshalb erst ab zwölf Jahren oder ausschließlich für Erwachsene zugelassen – und für Schwangere gar nicht. Nur wenige Mittel gelten als relativ gut belegt. „Pelargonienwurzel hat in ­einer placebokontrollierten Studie bei Kindern und Jugendlichen gute Wirksamkeit zur Therapie der akuten Bronchitis gezeigt“, sagt Aniko Dobos. Für andere, etwa Sonnenhut, gebe es zwar Studien, die eine gewisse Wirksamkeit nachweisen, „aber umwerfend sind die Effekte nicht“, erklärt Edzard Ernst.

Also kann man es gleich ganz sein lassen? „Die Erfahrung zeigt ja, dass manche Mittel sehr gut wirken“, erklärt Expertin Schlenk. Der große Vorteil der Pflanzen: Richtig angewendet haben sie meist wenige oder keine Nebenwirkungen. Wichtig ist allerdings, sich an jemanden zu wenden, der sich mit Phytomedizin und deren Wirkweise auskennt.

Heilpflanzen lieber nicht selbst sammeln

Auch wenn es romantisch klingt: Experten wie Schlenk oder Dobos raten dringend davon ab, Heilpflanzen selbst zu sammeln. „Es kommt sehr leicht zu Verwechslungen“, warnt Apothekerin Schlenk.

Pflanzenpräparate lassen sich zwar oft preiswert im Internet oder im Discounter kaufen. Doch auch davon raten Experten ab. „Die Mittel sind häufig nicht streng genug geprüft“, warnt Schlenk. So können sie mit Schadstoffen belastet sein oder schlicht zu wenig Wirkstoff enthalten. Wer also zu pflanzlichen Mitteln greift, sollte auf Qualität achten und darauf, dass diese schadstofffrei und wirksam sind. In Deutschland gelten für Phytomedikamente aus der Apotheke strenge Regeln, die das Deutsche Arzneibuch vorschreibt.




Bildnachweis: Digital Vision/ RYF, W&B/Privat, W&B/Gerhard Hagen

Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; aktualisiert am 15.12.2014,
Bildnachweis: Digital Vision/ RYF, W&B/Privat, W&B/Gerhard Hagen

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