Alternative Medizin: Pflanzenheilkunde

Viele Eltern setzen gerne auf Pflanzenmedizin. Was steckt in den grünen Arzneien, und welche Beschwerden können sie lindern?

von Julia Schulters, aktualisiert am 13.05.2015

Phytomedizin: Heilpflanzen kommen oft als Tee zum Einsatz

Thinkstock/iStockphoto

Wie schön, dass die Natur gegen fast jedes Wehwehchen etwas in petto hat! Warum gleich die chemische Keule herausholen, wenn man die Beschwerden auch auf die sanfte Art behandeln kann? Mit Pflanzenmedizin zum Beispiel: so grün, so gesund, so ungefährlich! Da kann man doch gar nichts falsch machen. Oder?


"Ein Irrglaube", sagt ­Margit Schlenk. In ihren Apotheken in Nürn­berg und Neumarkt erlebt die Pharmazeutin immer wieder, wie sorglos Menschen zu pflanzlichen Mitteln greifen, ohne sich vorher beraten zu lassen. "Viele informieren sich im Internet bei selbst ernannten Kräuterhexen und nehmen ohne Absprache mit dem Arzt oder Apotheker Phytopräparate ein", sagt sie. Was die meisten gar nicht wissen: Auch Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel auf Naturbasis können unerwünschte Nebenwirkungen haben. Und: Nicht alle pflanzlichen Wirkstoffe vertragen sich mit anderen Medikamenten. Manche sind für Schwangere oder Kinder sogar völlig tabu oder dürfen nur über einen bestimmten Zeitraum eingenommen werden.

Wir stellen Ihnen bekannte Medizinpflanzen vor und sagen, was Sie bei ihrer Wirkung beachten müssen:

 


Johanniskraut blüht gelb

Pixtal/RYF

Johanniskraut

Es hebt die Laune bei Schlechtwetter-Blues und lindert leichte depressive Verstimmungen. Wichtig: "Man sollte die Präparate ausschließlich in der Apotheke kaufen, um sicherzugehen, dass sie ausreichend dosiert sind", sagt Margit Schlenk. Niedrig konzentrierte Mittel, die es auch in Supermärkten und Drogerien gibt, sind häufig nicht wirksam, vertragen sich aber trotzdem nicht mit anderen Medikamenten.

"Johanniskraut aktiviert spezielle abbauende Leberenzyme und hemmt so die Wirkung mancher Arzneimittel", erklärt Prof. Walter E. Haefeli, Ärztlicher Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Vorsicht geboten ist zum Beispiel bei der gleichzeitigen Einnahme von Medikamenten, die das Immunsystem hemmen, bei Arzneimitteln gegen Depressionen oder der Anti-Baby-Pille. "Frauen, die Johanniskraut und die Pille einnehmen, sollten zusätzlich verhüten", sagt Haefeli.

 


Fenchel riecht nach Anis

Thinkstock/iStock

Fenchel

Ob bei Husten oder Blähungen: Fenchel tut Bronchien und Bauch gleichermaßen gut. In den letzten Jahren geriet er in die Schlagzeilen, weil zwei seiner Inhaltsstoffe (Estragol und Methyleugenol) in Tierversuchen eine krebserregende Wirkung gezeigt hatten. Aber: "Es ist sehr zweifelhaft, ob sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen", sagt Schlenk. Türkische Forscher be­richteten vor einigen Jahren von Fällen, in denen kleinen Mädchen vorzeitig Brüs­te gewachsen waren, nachdem sie über längere Zeit viel Fencheltee getrunken hatten. Auch wenn sich die Beobachtungen nur auf Einzelfälle stützen, sollte man sich an die Empfehlungen halten: Fencheltee nicht ausschließlich und nicht mehrere Wochen am Stück trinken!

 


Salbei hilft beim Abstillen

Fotolia/Robynmac

Salbei

Ein alter Hebammentrick lautet so: Wer abstillen will, sollte Salbeitee trinken. Schon seit Jahrhunderten wird die ­Pflanze volks­medizinisch zur Hemmung der Milchbildung eingesetzt. Ab und zu ­eine Tasse Tee bei Halsschmerzen ist in Ordnung, übertreiben sollten es stillende Mütter aber nicht. Tabu sind allerdings alkoholische Extrakte und das reine ätherische Öl des Salbeis. Denn sie enthalten Thujon, ein Nervengift. Deshalb sind sie auch für Schwangere­ und Kleinkinder nicht geeignet.

 


Soja enthält Phyto­­östrogene

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Soja

Ursprünglich kommt die Sojabohne aus Asien, aber auch hierzulande hat sie längst die Supermarktregale erobert. ­Tofu, Milch, Joghurt – all das gibt es auf Basis von Sojabohnen­eiweiß. "Für Säuglinge sind diese Produkte nicht geeignet", warnt Apothekerin Schlenk. Soja enthält sogenannte Phyto­­östrogene, Inhaltsstoffe, die in ihrer chemischen Struktur dem weiblichen Sexualhormon Östrogen ähneln. "Man kann nicht ausschließen, dass sie die Entwicklung der Geschlechts­organe bei Babys beeinflussen", erklärt Schlenk. Auch Nahrungsergänzungsmittel mit Soja sehen Experten ­kritisch. Seit Jahren wird diskutiert, ob Phytoöstrogene wegen ihrer hormon­ähnlichen Wirkung das Brustkrebsrisiko erhöhen. "Frauen, die bereits erkrankt sind oder bei denen Brustkrebs familiär gehäuft auftritt, sollten Präparate mit Phytoöstro­genen unbedingt meiden", sagt Walter E. Haefeli.

 


Kamille lindert Bauchweh

W&B/Pixtal

Kamille

Sie hilft bei Entzündungen und lindert Bauchweh: Die ­Kamille ist ein echtes medizinisches Multitalent. "Am Auge hat sie aber, etwa bei einer Entzündung, nichts zu suchen", sagt Margit Schlenk. Zu groß sei die Gefahr, dass Pilzsporen ins Auge gelangen. Daher gilt: Kamillen­blüten lieber in der Apotheke kaufen als selbst pflücken. Sie sind sehr leicht mit der hoch­­allergenen Hundskamille zu verwechseln!

 


Rote Beeren: Die Bärentraube

Imago stock & people GmbH/blickwinkel

Bärentraubenblätter

Es brennt beim Wasserlassen, und ständig ist da dieser Harndrang: Eine Blasenentzündung kann ganz schön lästig sein! Trotzdem wollen viele Frauen nicht gleich ein Antibiotikum schlucken. Eine Alternative bei leichten Harnwegsinfektionen sind Präparate mit Bärentraubenblättern. "Die Mittel sollten nicht länger als eine Woche am Stück und höchstens fünf Mal im Jahr eingenommen werden", sagt Schlenk. Denn: Ihr Wirkstoff wird im Körper zu Hydrochinon umgewandelt, einer Substanz, die im Verdacht steht, in hohen Dosen gesundheitsschädlich zu sein. Für Schwangere, Stillende und Kinder unter zwölf Jahren sind die Mittel nicht geeeignet.



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