Impfungen für Kinder: Kleiner Piks, großer Schutz

Impfen gehört zu den zuverlässigsten Maßnahmen, um Krankheiten vorzubeugen. Doch viele Eltern haben Angst vor Nebenwirkungen. Wie eine richtige Aufklärung Zweifel beseitigen kann

von Peggy Elfmann und Barbara Weichs, 01.06.2015

Impfungen können vor bestimmten Krankheiten schützen

W&B/Christine Schneider

Nichts liegt Eltern ferner, als ihrem Baby Schmerzen zufügen zu wollen. Doch genau dazu sollen sie sich entscheiden, wenn ein Kind gerade einmal acht Wochen alt ist. Denn nun steht – laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-­Koch-Instituts (RKI) – die erste Spritze für den kleinen Körper an: die Sechsfach-Impfung gegen Diphtherie, Hepatitis B, HiB, Keuchhus­ten, Kinderlähmung und Wundstarrkrampf.

Auch wenn der Piks das Baby zum Weinen bringt, der Nutzen, den das Kleine davonträgt, überwiegt. „Impfungen sind ein Segen. Sie verhindern viel Leid bei Kindern und Familien“, sagt Professor Philipp Henneke, Leiter der Abteilung Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Freiburg. Denn Impfungen führen erwiesenermaßen dazu, dass Krankheiten, an denen hierzulande noch vor 60 Jahren Tausende Kinder litten, heute nur noch selten auftreten.


Prof. Dr. med. Philipp Henneke leitet die Sektion Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Freiburg

W&B/Privat

Wie die Impfung wirkt

Diphtherie etwa kann Atemnot auslösen und im schlimmsten Fall Ersticken. Keuchhusten kann zu Krampfanfällen führen, auf ­eine Maserninfektion kann eine Entzündung des Gehirns folgen, die ein hohes Risiko für Folgeschäden mit sich bringt und tödlich verlaufen kann. „Kinderkrankheiten: Das klingt immer so harmlos, doch das sind sie nicht“, sagt Henneke. Die im Impfplan enthaltenen Impfungen richten sich gegen teilweise sehr ­schwere, ansteckende Erkrankungen, die mit lebenslangen Schäden einhergehen können. 

Ausgelöst werden die Krankheiten durch Viren und ­Bakterien. Bei einer Impfung bekommt das Baby entweder Bestandteile des Keims oder abgeschwächte Infektions­erreger gespritzt. „Der Körper wird dadurch angeregt, Antikörper zu bilden. Gleichzeitig baut er ein Immungedächtnis auf“, erklärt Dr. Hedwig Roggendorf, Leiterin der Impfsprechstunde am Klinikum rechts der Isar in München. Treffen später die ­Viren oder Bakterien auf den Körper, fangen die nun vorhandenen Antikörper ­diese ab und unterbrechen die Infektionskette. Das Kind ist vor der Krankheit geschützt.

Training für das Immunsystem

Manche Eltern sind der Meinung, dass das Immunsystem ihrer Kinder stärker werde, wenn es die Krankheit selbst durchmache. Ein Trugschluss. Auch bei einer Impfung wird das Immunsystem trainiert – jedoch mit einem entscheidenden Vorteil: „Das Training geschieht ohne bleibende Schäden, die die Krankheit hervorrufen kann“, sagt Roggendorf.

Warum, so fragt sich die Ärztin, zögern manche Eltern trotzdem, ihren Nachwuchs impfen zu lassen und ihm damit Leid zu ersparen? „Zum Fahrradfahren setzen sie ihm ­einen Helm auf, im Auto schnallen sie es an. Es ist so fahrlässg, auf diese Impfvorsorge zu verzichten.“


Dr. med. Hedwig Roggendorf leitet die Impfsprechstunde am Klinikum rechts der Isar in München

W&B/Privat

Eltern können sich beraten lassen

Die Angst vor Nebenwirkungen führen impfkritische Eltern als Argument ins Feld. „Jede medizinische Maßnahme hat Nachteile, auch Impfungen“, sagt Philipp Henneke. Eine 100-prozentige Sicherheit kann der Arzt nicht versprechen, allerdings zählen Impfstoffe zu den sichersten Medikamenten. Sie werden lange und genau getestet, bis sie auf den Markt kommen. „Hier hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel getan“, sagt Henneke.

Bei der ­­STIKO beraten außerdem Mediziner aus verschiedenen Fachbereichen darüber, welche Impfungen sie für welche Zielgruppe empfehlen. Zudem ließ sich nicht belegen, dass ­Impfungen Autismus, Allergien oder Diabetes auslösen. Dass sich manche Eltern trotzdem darauf fokussieren, erklären sich die Experten folgendermaßen: Da es die Krankheiten mit schweren Verläufen nicht mehr gibt, sind sie in der Gesellschaft nicht als Problem präsent. „Führt jedoch tatsächlich ­eine Impfung zu einer Komplikation, dann erscheint die als sehr groß“, erklärt Henneke.


Dr. Susanne Stöcker ist Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, in Langen

/Andreas Buck/Paul-Ehrlich-Institut

Durch die Impfung das Umfeld schützen

Seit 2007 gibt es am Paul-Ehrlich-Institut (PEI), dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, eine Verdachtsfall-Datenbank. In ihr dokumentiert das PEI alle unerwünschten Reaktionen auf Impfungen, die ihm gemeldet werden. „Nach Kriterien der ­Weltgesundheitsorganisation bewerten wir, ob es möglicherweise einen ursächlichen Zusammenhang der Impfung mit der gemeldeten Reaktion gibt“, sagt Dr. Susanne Stöcker, Pressesprecherin des PEI. Denn, das bestätigen auch die beiden Mediziner, in den meisten Fällen haben Impfungen und danach auftretende Beschwerden oder Erkrankungen nichts mit­einander zu tun. „Eine Komplikation durch die Impfung ist deutlich seltener als die Komplikationen, die die Kinderkrankheiten hervorrufen“, sagt Susanne Stöcker.

Außerdem sollten sich Eltern ­einen weiteren Aspekt vor Augen führen: Indem sie ihr Kind impfen lassen, schützen sie auch die Kinder, die nicht geimpft werden können, weil sie zum Beispiel schwer krank oder noch zu jung sind. Herdenschutz nennen Experten diesen Effekt. „Als Teil der Gesellschaft trägt man auch dafür Verantwortung“, gibt Philipp ­Henneke zu bedenken. „Kinder haben ein Recht auf Schutz.“


Hinweis: Dieser Impfkalender orientiert sich an allgemeinen Empfehlungen der STIKO. Im Einzelfall können sich Abweichungen von diesem Schema ergeben. Lassen Sie sich daher zu Impfungen und Impfterminen individuell vom Kinderarzt beraten. Von der STIKO empfohlene Impfungen werden meist von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Am besten vorher erkundigen!




Bildnachweis: /Andreas Buck/Paul-Ehrlich-Institut, W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Christine Schneider, W&B/Privat
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Bildnachweis: /Andreas Buck/Paul-Ehrlich-Institut, W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Christine Schneider, W&B/Privat

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