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Impfungen für Kinder: Kleiner Piks, großer Schutz

Impfen gehört zu den zuverlässigsten Maßnahmen, um Krankheiten vorzubeugen. Doch viele Eltern haben Angst vor Nebenwirkungen. Wie eine richtige Aufklärung Zweifel beseitigen kann


Impfungen können vor bestimmten Krankheiten schützen

Das Baby ist gerade erst geboren, es scheint noch zart und zerbrechlich, und schon wenige Wochen später soll es die ersten Impfungen erhalten: zunächst die Schluckimpfung gegen Rotaviren. Schon kurz darauf folgt die Sechsfach-Impfung gegen Diphtherie, Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Hepatitis B, Keuchhusten (Pertussis), Kinderlähmung (Polio) und Wundstarrkrampf (Tetanus). Eine medizinische Entscheidung, die manchen Müttern und Vätern schwerfällt, weil teils schlimme Gerüchte über das Impfen kursieren.

Eine Entscheidung, die die Eltern in zwei Lager spaltet: in das der Impfbefürworter und in das der Impfgegner. Beide Seiten führen erschütternde Argumente über mögliche Folgen an – des Impfens wie des Nicht-Impfens. Gespräche mit anderen Eltern, Bücher und nicht zuletzt das Recherchieren im Internet vergrößern oftmals die Unsicherheit.

Warum Impfen so wichtig ist

Das Impfen selbst sieht harmlos aus: Meist ein kleiner Piks mit abgeschwächten Krankheitserregern oder Bestandteilen davon, je nach Alter entweder in den Oberarm oder in den Oberschenkel, und schon ist alles vorbei. Und doch wird das Immunsystem nun hochaktiv. Der Körper bildet Abwehrstoffe, die ihn oft über viele Jahre vor bestimmten Krankheiten schützen. „Schutzimpfungen gehören zu den wirksamsten und kostengünstigsten Maßnahmen der Prävention, die wir in der Medizin haben“, sagt Professor Dr. Reinhard Burger, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin. Die Ärzte und Wissenschaftler des RKI sind für die Krankheitsvorbeugung und -überwachung in Deutschland zuständig. Die am RKI angesiedelte Ständige Impfkommission (STIKO) prüft jede Impfung und wägt Nutzen und Risiken gegeneinander ab.

Zahlreiche Statistiken belegen: Impfungen haben viele Krankheiten zurückgedrängt und Tausende von Todesfällen und Behinderungen verhindert. Möglich war das nur, weil sich die große Mehrheit für das Impfen entschieden hat und immer noch entscheidet. Gegen die meisten Erkrankungen sind mehr als 90 Prozent der Schulanfänger geimpft. Um aber etwa das Masernvirus vollständig auszurotten, müssten 95 Prozent der Menschen in Deutschland dagegen geimpft sein. „Um dieses Ziel zu erreichen, setzen wir vor allem auf Argumente und Überzeugungsarbeit“, so Reinhard Burger.


Oft fehlen wichtige Folgeimpfungen

Problematisch ist, dass viele Eltern nach der ersten Injektion nachlässig werden. Sie vergessen die Spritze zum Auffrischen oder holen versäumte Impfungen nicht nach. So sind zwar etwa 95 Prozent der Schulanfänger einmal gegen Masern geimpft worden, aber nur rund 90 Prozent erhielten auch die notwendige zweite Impfung. Ein effektiver Schutz auch für Nicht-Geimpfte besteht jedoch erst bei einer Impfrate von 95 Prozent. Zudem werden offenbar nicht alle Kinder zum empfohlenen Termin geimpft. Ein Grund, warum es in den vergangenen Jahren regional immer wieder tausende Ansteckungen mit Masern gab. Masern werden seitens der Impfgegner als harmlose Kinderkrankheit abgetan, weil die Kinder das Fieber und die Pusteln oft ohne bleibende Schäden überstehen. Was sie dabei übersehen: Fast jedes Jahr sterben Kinder an Komplikationen wie Lungen- oder Gehirnentzündungen. „Deswegen sollten sich Eltern gut überlegen, ob sie ihrem Kind die Masernimpfung vorenthalten“, sagt Dr. Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen. Das Bundesinstitut ist für die Prüfung und Bewertung der Impfstoffe zuständig sowie die Arzneimittelsicherheit.

Nebenwirkungen und Komplikationen beim Impfen

„Impfnebenwirkungen sind möglich“, erklärt PEI-Sprecherin Stöcker, „jedoch fallen diese fast immer harmlos aus“. Meist sind das kurzzeitige, vorübergehende örtliche Reaktionen und Allgemeinreaktionen, die zeigen, dass der Organismus sich mit dem Impfstoff auseinandersetzt. Dazu gehören Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Einstichstelle, Erkältungssymptome wie leichtes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit und Unwohlsein. Schwerwiegende Reaktionen müssen Ärzte als Verdachtsfall umgehend an die Gesundheitsämter melden. Diese leiten die Berichte an das Paul-Ehrlich-Institut weiter, das die Zusammenhänge zwischen der Erkrankung und der Impfung überprüft. Seit Mitte 2013 können Verbraucher über ein Online-Formular auch selbst eine Meldung an das Paul-Ehrlich-Institut machen. Mehr dazu unter:
www.pei.de/verbraucher-uaw

Gibt es Hinweise auf Probleme, kann das Bundesinstitut verschiedene Maßnahmen anordnen: Sie reichen von einem Warnhinweis in der Packungsbeilage über Zusatzstudien durch die Hersteller bis zum Ruhen der Zulassung – oder können so weit gehen, den Impfstoff vom Markt zu nehmen. „Die Angst vor der Immunisierung ist allerdings unbegründet“, so die Expertin. „Das Risiko von Impfkomplikationen ist bei den heutigen Impfstoffen immer viel kleiner als die Komplikation durch die Krankheit selbst“. Bei Masern besteht etwa ein geringes Risiko, durch die abgeschwächten Viren in der Schutzimpfung an ‚Impfmasern‘ zu erkranken. Auch dabei bilden sich juckende Pusteln. Aber die schweren Komplikationen, die eine Infektion mit Masern hervorrufen kann, gibt es da nicht. So gab es keinen einzigen Fall, bei dem das Impfvirus nachweislich die Hirnentzündung SSPE ausgelöst hat. Bei Ungeimpften liegt die Wahrscheinlichkeit jedoch bei 1 zu 10.000, die tödlich verlaufende SSPE zu bekommen.

Mehrfachimpfung – eine zu große Belastung?

Impfstoffe haben sich in den vergangenen Jahren stark verbessert und sind sicherer geworden. Schon deshalb können Ärzte heute Vorurteile entkräften, dass Mehrfachimpfungen eine zu große Belastung vor allem für Neugeborene darstellen: Früher enthielten Impfstoffe häufig Zusatzstoffe, zum Beispiel für die Haltbarkeit, durch die Nebenwirkungen befürchtet wurden. Heute ist bei den meisten Krankheiten auf Kombinationsimpfungen umgestellt: Geimpft wird gegen mehrere Erreger mit einem Impfstoff. Bei diesen Impfstoffen ist die Menge der Zusatzstoffe deutlich reduziert – auch weil die Herstellungsverfahren heute besser sind. Beispielsweise konnten viele Konservierungsstoffe entfallen. Vor allem ersparen Kombinationsimpfungen zusätzliche Pikser für die Kleinen. Hinzu kommt, dass die Dosis der abgeschwächten Erreger heute wesentlich geringer ist: Früher bekam ein Kind allein durch den Keuchhusten-Ganzkeim-Impfstoff 3000 Antigene verabreicht – heute sind es bei den üblichen Standardimpfungen insgesamt weniger als 200.

Impfschäden könnten besser dokumentiert werden

Bevor Impfstoffe auf den Markt kommen haben Sie schon Studien durchlaufen. Dr. med. Klaus Hartmann, Impfexperte aus Wiesbaden, fordert aber noch eine genauere Überwachung: „Wenn Impfstoffe eingeführt werden, sollten immer große Langzeitstudien mitlaufen“, fordert Hartmann. Von 1993 bis 2003 war er Mitarbeiter im Referat Arzneimittelsicherheit des Paul-Ehrlich-Instituts. Heute ist er unabhängiger Gutachter für Impfschäden und hat eine Praxis für Impfstoffsicherheit und Impfschadenforschung in Wiesbaden. „Impfschäden könnten besser aufgespürt werden, wenn jede Komplikation sofort dem PEI mitgeteilt würde“, so der Experte. Die Melderate der Ärzte lasse aber zu wünschen übrig, da bei möglichen Nebenwirkungen oftmals kein Zusammenhang zur Impfung gesehen werde. Hier könnten Langzeitstudien helfen. Hartmann weiß, dass Impfungen in ganz seltenen Fällen zu schweren Komplikationen führen. Aber dennoch ist er kein Impfgegner – er selbst und seine drei Kinder sind geimpft.

Der größte Feind der Impfung ist ihr Erfolg

Heute gibt es kaum noch Menschen, die jemanden kennen, der etwa an Kinderlähmung oder Diphtherie erkrankt ist. Doch über Nebenwirkungen durch die Impfung gibt es Berichte zuhauf. Das Gefühl für die wirkliche Gefahr gehe damit verloren, sagt Dr. Susanne Stöcker. „Der größte Feind der Impfung ist ihr Erfolg“.


Hinweis: Dieser Impfkalender orientiert sich an allgemeinen Empfehlungen der STIKO. Im Einzelfall können sich Abweichungen von diesem Schema ergeben. Lassen Sie sich daher zu Impfungen und Impfterminen individuell vom Kinderarzt beraten. Von der STIKO empfohlene Impfungen werden meist von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Am besten vorher erkundigen!




Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Christine Schneider
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Bastian Fersch / www.baby-und-familie.de; aktualisiert am 03.01.2014, erstellt am 29.07.2011
Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Christine Schneider

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