Wie Alkohol dem Ungeborenen schadet

Jährlich 12.000 Neugeborene haben ein Fetales Alkoholsyndrom (FAS), das sie lebenslang beeinträchtigt. Auslöser ist Alkohol in der Schwangerschaft. Eine Pflegemutter berichtet

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 08.01.2016

Gläschen zwischendurch? Schwangere sollten komplett auf Alkohol verzichten

istock/Eduard SV

Ein Mädchen, etwa 13 Jahre alt, wirft sich weinend in einer Bank auf den Boden und schreit: "Der Automat frisst mein Geld!" Immer wieder. Entsetzte, verwunderte und auch strafende Blicke richten sich erst auf das Mädchen, dann auf die Mutter. Was für ein ungezogenes Kind und dabei schon ein Teenager, sagen die Blicke. Die Mutter, genauer die Pflegemutter, ist die Sozialpädagogin Gisela Michalowski und das Mädchen eines ihrer drei Pflegekinder.

Fetale Alkohol Spektrum Störung (FASD) beeinrächtigt Entwicklung

Das Mädchen leidet an der "Fetalen Alkohol Spektrum Störung"; auf englisch "Fetal Alcohol Spectrum Disorder", kurz FASD genannt. Die leibliche Mutter hatte in der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Ihre Tochter lebt nun mit den Auswirkungen, mit einer Entwicklungsstörung, die unter anderem ihr Verhalten beeinflusst.


Gut 30-mal war Michalowski schon mit ihrer Pflegetochter auf der Bank gewesen und ließ sie den Geldzählautomaten mit ihrem Ersparten füttern. "Man denkt eigentlich, das Kind hat es jetzt verstanden", berichtet sie. Und dann dieser Zwischenfall. "Er führt einem vor Augen, dass man immer wieder bei null anfangen muss", sagt die Sozialpädagogin, die insgesamt drei Pflegekinder betreut und einen Adoptivsohn hat, der ebenfalls an FASD leidet.

Folge regelmäßigen Trinkens

FASD ist ein Überbegriff, der leichte und mittelschwere Ausprägungen einer Alkoholschädigung – das sogenannte Teilsyndrom – ebenso umfasst wie das Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms, das Ärzte FAS nennen. Jährlich kommen in der Bundesrepublik rund 12.000 Babys mit alkoholbedingten Beeinträchtigungen zur Welt. Etwas mehr als 80 Prozent von ihnen mit dem Teilsyndrom, der Rest muss mit dem Vollbild leben. Dieses FAS ist meist die Folge, wenn eine Schwangere alkoholkrank ist oder regelmäßig Alkohol zu sich nimmt. 


Kein Alkohol in der Schwangerschaft

Doch noch immer ist es auch für Schwangere relativ gut akzeptiert, zumindest gelegentlich Alkohol zu trinken: Zum Entspannen ein Glas Rotwein, das könne nicht schaden, meinen immer noch viele Menschen. Eine gefährliche Fehleinschätzung. "Der Alkohol schadet und die Folgen können dramatisch sein", warnt Dr. Mirjam Landgraf, Kinder- und Jugendärztin sowie Psychologin am Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München. In der Klinik ist sie tagtäglich mit den Alkohol-Schicksalen konfrontiert.

Bereits ab der dritten Schwangerschaftswoche könne Alkohol zu Störungen beim Ungeborenen führen, erklärt die Ärztin. Zwar löst nicht zwangsläufig jeder Schluck einen Schaden aus. Dafür spielen mehrere Faktoren eine Rolle. "Aber wozu überhaupt das Risiko eingehen?", appelliert Landgraf. Schließlich lässt sich diese Gefahr durch Abstinenz auf null reduzieren. Alkohol während der Schwangerschaft ist keinesfalls ein Unterschichtenproblem, sondern findet sich in allen Gesellschaftsklassen und allen Bildungsgraden.

Betroffene Kinder zahlen einen hohen Preis

Kindern mit dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms kann man ihre Erkrankung ansehen. Typischerweise ist die Lidspalte bei ihnen kürzer und jene Einkerbung, die zwischen der Nase und der Mitte der Oberlippe verläuft, ist abgeflacht oder gar nicht zu sehen. "Ihre Oberlippe ist schmal. Sie sind zu klein und zu leicht. In der Pubertät werden die Mädchen dann teils übergewichtig", ergänzt Landgraf.

Dagegen unterscheiden sich Kinder mit Teilsyndrom äußerlich nicht von gesunden. Doch allen Betroffenen von FAS oder FASD ist eines gemeinsam: Sie müssen mit mehr oder minder schwereren Schädigungen ihrer Gehirnfunktionen zurecht kommen. Verringerte Aufmerksamkeit, auffälliges Verhalten, teilweise auch gestörte Sprache sind die Folge, und ebenso Probleme mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen. Das Symptomspektrum bei FASD ist sogar breiter, als zunächst angenommen, wie eine Metaanalyse vom Januar 2016 zeigt, die in der Zeitschrift The Lancet erschienen ist: Die Forscher um Dr. Svetlana Popova vom Centre for Addiction and Mental Health in Toronto listeten 428 Krankheitszeichen auf, die Studien zufolge zusammen mit dem FASD auftreten können und teilweise von den diagnostischen Kriterien bisher nicht erfasst werden. Die Kenntnis der zahlreichen Anzeichen könnte die Früherkennung der Erkrankung verbessern, so die Forscher.

FASD-Patienten fällt es schwer, sich Ziele zu setzen. Zudem überblicken sie oft kaum, was sie tun müssen, um ein Ziel zu erreichen: etwa welche Hindernisse sich ergeben können und wie sich diese umgehen lassen. Problemlösungsstrategien für diese Planungsschwäche kennen sie nicht. "Sie sind nicht in der Lage, allein einen Antrag auszufüllen und abzugeben. Und sie scheitern schon am Antrieb, ein Formular zu holen", berichtet Pflegemutter Michalowski, die auch Vorsitzende der Selbsthilfeorganisation FASD-Deutschland e.V. ist.

Probleme im Alltag

Menschen im Umfeld merken irgendwann, dass es diesen Kindern kaum gelingt, Prioritäten zu setzen. Sie fallen auf, weil sie impulsiv reagieren und ihre Emotionen kaum beherrschen können. Fangen sie eine Aufgabe an, bringen sie diese oft nicht zu Ende. Manchmal hapert es am nötigen Bewegungsgeschick oder die Kinder nehmen zum Beispiel Gegenstände einfach nicht wahr. "Meine Pflegetochter kann ein Fahrrad lenken und sie kann treten, aber sie sieht keine Hecken, fährt mitten hindurch. Und sie kann überhaupt nicht einschätzen, wie schnell ein Auto fährt", sagt Michalowski. Alles in allem seien etwa zwei Drittel der Betroffenen als Erwachsene nicht in der Lage, selbstständig zu leben, sagt Kinderärztin Landgraf.

FASD-Kinder können relativ intelligent sein, aber für die Alltagsbewältigung reichen ihre Fähigkeiten und ihr Wissen oft nicht aus. "Sie brauchen immer ein externes Gehirn, das für sie mitdenkt. Und manche benötigen sogar jemand, der sie bei der Körperpflege unterstützt", erläutert Michalowski. Das macht das Leben mit FASD zu einer Herausforderung – für die Betroffenen sowie für ihre Eltern oder Pflegeeltern. Schätzungsweise 90 Prozent alkoholgeschädigter Kinder kommen irgendwann in eine Pflegefamilie.

Verhaltensstörungen für das Umfeld belastend

Die Planungsschwäche führt zum Beispiel auch zu häufigen Schulwechseln oder Schwierigkeiten, eine Berufsausbildung zu Ende zu bringen. Strategien, die Eltern normalerweise in solchen Situationen anwenden, helfen dann wenig: Ratschläge und Unterstützungsangebote dringen nicht durch. Das Familienleben verläuft anders, als werdende Eltern es sich erhoffen: "Man ist mehr wie eine Tankstelle für diese Kinder. Es kommt wenig zurück", sagt Michalowski.

Belastend sind außerdem die Verhaltensstörungen: Viele FASD-Kinder werden schnell zornig, schlagen dann zu oder werfen Gegenstände. Gleichzeitig sind Menschen mit FASD sehr gutgläubig, weil sie einfache Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nicht verstehen. Deshalb werden ihnen leichter Sachen aufgeschwatzt, sie schlittern in ungute Situationen und werden auch leichter zu Opfern sexuellen Missbrauchs. Zumal sie einen Hang zum Streunen haben und von anderen benutzt werden. Alles in allem manövriert die Krankheit Betroffene recht häufig in Konflikte mit dem Gesetz. Erwachsene mit FASD werden überdurchschnittlich häufig obdachlos. Das belegen US-amerikanische Studien.

Fetales Alkoholsyndrom wird oft nicht erkannt

"Durch frühzeitige Förderung und Begleitung könnte viel Frustration bei den FASD-Betroffenen und in ihrem Umfeld vermieden werden. Das setzt aber voraus, dass die Störung bereits im Kindesalter diagnostiziert wird", sagt Landgraf. Bleibt das Problem unerkannt, drohen bei Beteiligten und Umwelt typische Krisen: Aufgrund ihrer Krankheit können FASD-Betroffene sich nicht anpassen, und das Umfeld versteht nicht, warum sich die Kinder so ungezogen, ja asozial verhalten. Kinder und Jugendliche leiden, denn sie merken, dass ihnen vieles nicht so gelingt, wie es für andere normal ist. Michalowski erzählt, wie erleichtert ihr Adoptivsohn war, als mit 19 Jahren FASD bei ihm diagnostiziert wurde: "Er sagte nach Verlassen des Klinikgebäudes, Mama, jetzt weiß ich endlich warum ich anders bin."

Bei einem schweren Fetalen Alkoholsyndrom ist die Diagnosestellung wegen der äußeren Auffälligkeiten relativ leicht. Fehlen diese Hinweise, wird das Problem häufig nicht erkannt, erklärt Landgraf. Doch eine Diagnose bereits im frühen Kindesalter sei wichtig, um die Entwicklung optimal zu beeinflussen. Eltern, die Auffälligkeiten bemerken, sollten sich daher an einen Arzt wenden und ihre Beobachtungen genau schildern.

Behandlung zielt auf Selbstständigkeit

Ziel ist es, dass Betroffene so selbstständig wie möglich leben können. "Die Familien benötigen während der gesamten Entwicklung der Kinder und Jugendlichen Betreuungsangebote. Die Förderung muss auch regelmäßig an die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes und dessen Entwicklungsstand angepasst werden", fordert Landgraf.

Eine solche Maßnahme ist die Ergotherapie. Sie kann beispielsweise die Aufmerksamkeit und die Fähigkeit zur Organisation des eigenen Lebens verbessern. Therapieangebote, die den Fokus auf die Selbstständigkeit im Alltag haben, bringen den größten Effekt. In der Regel handelt es sich bei der Behandlung von FASD im Kindesalter um eine Kombination aus Physio-, Ergo- und Psychotherapie mit individuellen Maßnahmen. "Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Förderung das Kind und die Bezugspersonen nicht überfordert", sagt die Münchner FASD-Expertin.

Auch Erwachsene brauchen oft noch Betreuung

Eine bessere Diagnostik allein reicht nicht, um die Situation der Menschen mit FASD dauerhaft zu verbessern. Derzeit gibt es jedoch nach Experteneinschätzung zu wenige Einrichtungen, die optimal auf die Betreuung von Erwachsenen mit FASD ausgelegt sind. Auch das ist ein Faktor, der belastend sein kann und bei so manchem Betroffenen zum Absturz führt.

Nicht zuletzt gilt es, die medizinische Betreuung von Erwachsenen mit FASD besonders sorgfältig anzulegen. "Doch viele Ärzte kennen sich nicht mit FASD aus", bemängelt Michalowski. Das hat mitunter weitreichende Folgen: Ändert beispielsweise ein Arzt die Diagnose und daraufhin auch die Medikation, fallen bisweilen Arzneimittel weg, die bei dem Betroffenen Selbstorganisation und Aufmerksamkeit verbessern. "Jener kann dann, weil die medikamentöse Unterstützung wegfällt, überfordert sein und sogar in Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität abrutschen", warnt die Sozialpädagogin. Der eindringlichste Wunsch aller Experten lautet daher: Kein Schluck Alkohol während der Schwangerschaft.



Bildnachweis: istock/Eduard SV
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