Was tun, wenn Kinder sich selbst verletzen?

Etwa 20 Prozent der Jugendlichen fügen sich selbst Verletzungen zu. Ein kleiner Teil beginnt damit bereits als Kind. Was steckt dahinter, wie können Eltern vorbeugen?

von Antje Kunstmann, aktualisiert am 11.03.2016

Angst, Ärger, Wut, psychische Probleme – Ritzen kann verschiedene Gründe haben

W&B/Claudia Meitert, Fotolia

Sie ritzen oder schneiden sich, schlagen den Kopf gegen die Wand, fügen sich Verbrennungen zu oder reißen sich die Haare aus: Etwa jeder fünfte Jugendliche verletzt sich irgendwann selbst, am häufigsten tritt das Verhalten bei Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren auf. "Zwar steigen die Zahlen aktuell nicht mehr", sagt Professor ­Michael Schulte-Markwort, ­Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitäts-Klinikum Hamburg-Eppendorf, "aber vor 20 Jahren waren Selbstverletzungen auf jeden Fall deutlich seltener." Die meis­ten Betroffenen tun es nur kurzzeitig. Lediglich vier bis sechs Prozent fügen sich wiederholt Wunden zu. Von den Jugendlichen, die sich über ­einen längeren Zeitraum selbst verletzen, geben aber 2,5 Prozent an, damit bereits vor dem zehnten Lebensjahr begonnen zu haben.


Prof. Dr. Tina In-Albon lehrt Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Koblenz-Landau

W&B/Privat

Selbstverletzungen: Verschiedene Ursachen

"Den einen Grund für diese Selbstverletzungen gibt es nicht", erklärt Tina In-Albon, Professorin für Psycho­thera­pie des Kindes- und Jugend­alters an der Universität Koblenz-Landau. Vermutlich leiden etwa 20 Prozent derjenigen, die sich öfter ritzen, gleichzeitig an einer Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Andere haben Depressionen oder – teilweise auch zusätzlich – eine posttraumatische Belastungsstörung. "Der Reflex, aus dem Verhalten auf einen Missbrauch zu schließen, ist aber eindeutig falsch", sagt Schulte-Markwort. "Und nicht alle Betroffenen sind psychisch krank oder auffällig. Oft ist der Grund von außen betrachtet sogar eine Bagatelle."


Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Nina Grützmacher

Liebeskummer, Druck in der Schule, die Trennung der ­Eltern kommen als mögliche Aus­löser infrage. "Bestimmte Faktoren erhöhen allerdings das Risiko", erklärt In-­Albon. "Etwa wenn Kinder nicht gelernt haben, mit negativen Emotio­nen umzu­gehen, wenn sie Schwierigkeiten haben, Probleme zu lösen, oder in der Familie ein feindseliges Klima herrscht."

Mit Gefühlen umgehen zu können beugt vor

Umgekehrt hat es ­eine positive Wirkung, wenn Eltern ­ihren Kindern von Anfang an vorleben und zeigen, dass man sich zum Beispiel Hilfe sucht, wenn man Angst hat, oder bei großer Aufregung ­eine Runde durch den Garten rennt, und sie dabei unterstützen, Emotionen zu benennen und einzuordnen. "Es ist gut, wenn Kinder zu Hause und in der ­Schule möglichst breit gefächert Strategien im Umgang mit Gefühlen lernen", sagt Tina In-Albon.

Jedoch bietet auch dies keinen 100-prozentigen Schutz, denn auch Gleichaltrige haben einen großen Einfluss. "Sobald ein Mädchen anfängt, kann man davon ausgehen, dass andere mitmachen, auch wenn die Mehrheit es wegen des Thrills nur mal ausprobieren wird", erklärt ­Michael Schulte-Markwort. In Wohnheimen, Klinik­abteilungen, Schulklassen oder Cliquen kommt es deswegen oft zu epidemieähnlichen Ausbrüchen.

Ritzen als Bewältigungsstrategie bei Problemen

Viele Erwachsene sehen in Selbstverletzungen vor allem ein ­Signal nach außen: einen Hilferuf oder den Wunsch, mit den Wunden Aufmerksamkeit zu erregen oder gar Druck auszuüben. "Das kann der Fall sein, vor allem bei einmali­gen Verletzungen. Die meisten Betroffenen bemühen sich allerdings, ihr Verhalten möglichst lange geheim zu halten", sagt In-Albon. "Denn die Hauptfunktion liegt in der Emotionsregulation." Als Reaktion auf die Verletzungen bildet der Körper Endorphine, die beruhigen. Die Betroffenen erfahren, dass negative Gefühle wie Ärger, Wut, Trauer und die innere Anspannung kurzfristig nachlassen. Sie erlernen das Ritzen sozusagen als für sie effektive Bewältigungsstrategie. "Die Endorphin-Ausschüttung führt außer­dem dazu, dass das Verhalten zur Sucht wird", so Schulte-Markwort.

Ein Suizidversuch ist das Ritzen dagegen meist nicht, und lebensbedrohlich sind die Schnitte nur selten. Trotzdem rät der Ex­perte, immer genau abzuklären, was hinter dem Impuls steckt, sich selbst zu verletzen. "Wenn ein Mädchen sagt, es wollte sich umbringen, muss das auf jeden Fall ernst genommen werden. Auch wenn insgesamt die Selbstmordzahlen bei Jugendlichen zurückgehen. Bei Mädchen sind sie insgesamt geringer als bei Jungen, dafür sind bei ihnen die Selbstmordversuche häufiger."

Individuelle Therapie nötig

Die unterschiedlichen ­Ur­sachen der Selbstverletzungen verlangen eine individuelle Therapie. Steckt etwa eine Depression ­dahinter, wird diese entsprechend behandelt, zum Beispiel mit Psycho­pharmaka. "Häufig hören die Selbstverletzungen dann innerhalb von vier Wochen auf. Ein ­sexuell traumatisiertes Mädchen mit einer Borderline-Störung wird dagegen sehr lange therapiert werden müssen", sagt Schulte-Markwort.

Zur Behandlung gehört auch das Erlernen sogenannter Skills: "Die Jugendlichen brauchen ­eine ,Ersatzdroge‘. Sie müssen lernen, was sie statt der Selbstverletzungen tun können, wenn sie unter Druck stehen." Dazu zählt etwa das Kauen von Chilischoten oder das Flitschen von Gummibändern ans Hand­gelenk – also Reize, die schmerzen, jedoch nicht verletzen. Aber auch Positives gehört dazu, wie Sport, spazieren gehen oder zur Ablenkung ein Bad zu nehmen. "Gleichzeitig gilt es herauszufinden, was die Selbstverletzungen auslöst, etwa Streitigkeiten in der Familie, und Strategien zu entwickeln, wie man mit diesen Triggern anders umgehen kann", erklärt In-Albon.

Wie Eltern richtig reagieren

Und wie verhalten sich Eltern am besten, wenn sie von der Selbstverletzung ihres Kindes erfahren? "Viele sind erst einmal schockiert und verwirrt", sagt die Psychotherapeutin. "Aber man sollte Ruhe bewahren und den Jugendlichen darauf ansprechen. Natürlich darf man zeigen, dass man sich Sorgen macht." Auch Schulte-Markwort rät, das Verhalten weder zu bagatellisieren noch zu dramatisieren: "Die Aufgabe der Eltern ist es zu verstehen." Vorwürfe sind nicht angebracht.

Genauso wenig sollten Eltern versuchen, das Verhalten zu unterbinden, indem sie Messer oder scharfe Gegenstände aus der Reichweite des Kindes entfernen. "Auf einen solchen Machtkampf sollte man sich nicht einlassen", so In-Albon. Sie rät Eltern dagegen, dem Kind anzubieten, gemeinsam Hilfe aufzusuchen. Schulte-Markwort ist der gleichen Meinung: "Immer wenn Eltern unsicher sind, sollten sie zu einem Fachmann gehen. Selbst wenn dann manchmal schon dieser eine Termin ausreicht, weil das Kind dadurch das Gefühl hat, ernst genommen zu werden."


"Es musste mehr bluten"

Marie, 17 Jahre, Schülerin aus Niedersachsen, beschreibt, wie ihr Drang, sich zu ritzen, immer größer wurde:

"Eigentlich habe ich ein perfektes Leben. Ich habe viele Freunde, bin gut in der Schule, spiele seit Jahren hier im Ort im Volleyballverein. Ich bin die, die immer Quatsch macht. Ein Sonnenschein. Nach außen zumindest.

Das erste Mal selbst verletzt habe ich mich vor etwa einem Jahr. Ich war gerade in die Oberstufe gekommen. Obwohl ich immer Klassenbeste gewesen war, hatte ich nie meinen Ansprüchen genügt und machte mir nun noch mehr Druck. Es war Sonntagabend, am nächsten Tag sollten wir eine Prüfung haben, und plötzlich bekam ich Panik. Ich machte mir Vor­würfe, dass ich am Wochenende etwas mit meinen Freundinnen gemacht hatte statt zu lernen. Ich hasste mich regelrecht dafür. Dass ich mir mit der Schere, die vor mir lag, in den Arm ritzte, war mir gar nicht richtig bewusst. Früher habe ich mir manchmal die Fingernägel in die Haut gedrückt oder mich gekratzt, wenn ich sehr aufgeregt war, aber über echte Selbstverletzungen hatte ich nie nach­­gedacht.

Als ich realisierte, was ich da eben getan hatte, war ich zwar schockiert, aber gleichzeitig breitete sich eine große Erleichterung in mir aus. Der Druck war weg. Seitdem habe ich es immer wieder getan, allerdings am Bauch, damit man die Narben nicht sieht. Zunächst nur dann, wenn etwas in der Schule anstand, aber ­irgendwann war ich bei mehrmals am Tag, und es musste tiefer sein und mehr bluten. Ich schlief kaum noch, hatte immer größere Angst, dass meine Noten schlechter werden. Irgendwann musste ich es einfach jemandem erzählen und bin zur Vertrauenslehrerin gegangen. Mit ihrer Unterstützung habe ich eine Therapeutin gefunden, zu der ich seit ein paar Monaten gehe, und auch meinen Eltern habe ich es inzwischen erzählt. Meine Mutter hat geweint, sich Vorwürfe gemacht, und sie war enttäuscht, dass ich zunächst mit Fremden darüber gesprochen ­habe. Wenn wir uns jetzt streiten, hat sie immer Angst, dass ich mich danach wieder ritze. Aber seit sie einmal mit in der Beratung war, ist sie weniger unsicher.

Ich setze jetzt öfter Skills ein, gehe joggen, reibe mir Eiswürfel über die Arme oder rieche an einem sehr intensiven Parfüm. Manchmal räume ich auch auf oder wasche ab, um mich abzulenken. Aber oft merke ich zu spät, dass der Druck in mir steigt, und ritze mich wieder. Ich muss halt noch lernen, achtsamer mit mir zu sein. Was ich schon geschafft habe: Ich traue mich öfter zu sagen, was ich wirklich denke – mir ist erst jetzt aufgefallen, dass ich das vorher nur selten gemacht habe. Und ich lerne nicht mehr jeden Abend. Noch vor drei Monaten hätte ich mir nie erlaubt, abends einfach nur fernzusehen."



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Bildnachweis: W&B/Claudia Meitert, Fotolia, Nina Grützmacher, W&B/Privat
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