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Tiergestützte Therapie: Hilft sie wirklich?

Manche Tiere machen glücklich. Und sollen auch beim Heilen helfen. Delfintherapie, Hund, Pferd oder Pony auf Rezept – was wirklich dran ist an der tiergestützten Therapie für Kinder


Eine Therapie mit Delfinen ist teuer – und ihre Wirksamkeit umstritten

Weiches Fell, große ­Augen, ruhiges Wesen – Ponys und Pferde sind für viele kranke Kinder die liebsten Therapiemittel. ­Gerade wenn es um die Behandlung von Bewegungs- oder Gleichgewichtsstörungen, Krampfleiden, Hirnschäden und anderen geistigen und körperlichen Behinderungen geht. Die Hippotherapie (siehe auch Abschnitt unten) ist eine Form der immer artenreicher werdenden sogenannten tiergestützten Therapie. Längst haben sich Hunde, Lamas, Ziegen und Delfine als potenzielle Arzt-Helfer zum Pony gesellt.


Tiere entspannen und beruhigen die Patienten

Dabei kommt es bei der Therapie nicht so sehr auf die Art des Tieres an, sagt Kinderärztin Dr. med. Anke Prothmann von der Kinderklinik München-Schwabing. Vielmehr geht es um die allgemeine Wirkung, die Tiere auf Menschen haben. „Tiere beruhigen uns, schon das Anschauen entspannt.“



Dr. Anke Prothmann ist Kinderärztin an der Kinderklinik München-Schwabing und setzt Tiere regelmäßig bei Therapien ein

Eine US-amerikanische Untersuchung gibt Prothmann recht: Röntgen-Ärzte aus dem kalifornischen Long Beach stellten fest, dass Hunde die Angst vor einer Computertomografie (CT) mindern können. Im Versuch reichte es, wenn der Vierbeiner, kurz bevor der Patient in die sogenannte Röhre musste, zum Streicheln und Ansprechen anwesend war. Die Patienten fühlten sich anschließend viel wohler als die Vergleichsgruppe, die ohne Hund auskommen musste. Mit dem Tier könne man in Zukunft öfter auf Beruhigungsmittel verzichten, so die Ärzte. Und die lebende Beruhigungspille muss nicht mal ein Vierbeiner mit Fell zum Anfassen sein: Aquarien in Zahnarzt-Wartezimmern stehen dort meist, um den Patienten vor der Behandlung die Aufregung zu nehmen.



Dr. Eva Stumpf ist Psychologin an der Universität Würzburg und führt Studien zur Delfin-Therapie bei Kindern durch

Die tiergestützte Therapie baut häufig auf den sogenannten Eisbrecher-Effekt. „Kinder tauen zusehends auf, wenn sie die Tiere sehen“, sagt Reittherapeutin Cornelia Kallwitz aus Bergkirchen bei München. Vieles läuft im Kontakt mit Tieren automatisch. „Kindern fällt es etwa nach einer Opera­­tion schwer, bestimmte krankengymnastische Übungen zu machen, weil sie wehtun. Werden ­diese Übungen aber in das Spiel mit einem Hund eingebaut, merken die Kleinen meist gar nicht, dass sie da gerade ihre Physiotherapie machen“, erklärt Prothmann.

Die Tiere sind gut für Psyche und Körper



Cornelia Kallwitz ist Reittherapeutin und Heilpädagogin in Bergkirchen bei München

Reittherapeutin Kallwitz setzt ­ihre Vierbeiner auch bei psychischen Problemen wie Autismus oder ADHS ein. Denn auch in solchen Fällen hilft den Kindern ein gutes Körpergefühl, um Entwicklungsprobleme zu meistern. Vorteil der Pferde gegenüber anderen Vierbeinern: Man kann auf ihnen reiten, und das wirkt nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf den Körper.  „Der Rhythmus der Schritte und die komplexe Bewegung beanspruchen den ganzen Körper, bis hin zum Gleichgewichtssinn“, erklärt Kinderärztin Prothmann. So lernt ein Kind, das etwa unter Bewegungsstörungen leidet, sich auf dem Pferderücken auszubalancieren. Und kann das später auch ­­ohne Pferd.

Die Hippotherapie, wie auch ­alle anderen tiergestützten Therapien, zahlen die Krankenkassen nicht. Sie wird jedoch ärztlich verordnet. „Eines ist wichtig: Wir können Krankheiten mit der Hippotherapie nicht heilen“, betont Kallwitz, die zurzeit mit Ärztin Prothmann an einer ­Studie über die Effekte des therapeuti­schen Reitens bei schwer und chronisch kranken Kindern arbeitet.

Bisher gibt es nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie die Tiertherapie wirkt. Man weiß aber: Sie hat psychologische Effekte, steigert also das Selbstbewusstsein, die Kommunikationsbereitschaft und die Konzentrationsfähigkeit. Das kann wiederum alle anderen Therapien, die ein krankes Kind zusätzlich benötigt, positiv beeinflussen. Das zeigt sich etwa, wenn kranke Kinder die Pflege von Lamas oder von Bauernhoftieren übernehmen, sie herumführen und generell Zeit mit ihnen verbringen.

Delfin-Therapie: Nutzen nicht nachgewiesen

Ähnliches soll die Delfintherapie bewirken. Für viele ist der keckernde Meeressäuger weitaus attraktiver als ein normales ­Pony. Euphorische Medienberichte tun ihr Übriges, sodass Eltern von schwerkranken Kindern in den Delfinen manchmal ihre ­letzte Rettung sehen. Doch auch hier gibt es keine Nachweise, dass ­diese Therapie hilft. Meist sollen die Kinder streichelnd oder spielend mit dem Delfin in Kontakt treten. Psychologin Dr. Eva Stumpf von der Universität Würzburg betreut Studien mit Delfinen und Kindern, die im Nürnberger Delfinarium stattfinden: „Wir haben beobachtet, dass nicht nur die Kinder positiv auf die Tiere reagieren, sondern auch die Eltern. Sie sind es auch, die später im Alltag Verbesserungen bemerken. Therapeuten konnten das bisher aber nicht bestätigen.“

Tierschützer kritisieren, dass Delfine als Wildtiere viel zu sehr unter Stress leiden, wenn sie in kleinen Becken gehalten werden und sich nicht wie in der Natur verhalten können – im schlimms­ten Fall reagieren sie aggressiv. Und: Delfintherapie ist teuer! Wenn Studien im Nürnberger Delfinarium laufen, zahlen Eltern 2500 Euro für einen neuntägigen Therapiezyklus. Angebote und entsprechende Reisen – etwa in die Türkei oder nach Florida – kosten ein Vielfaches. „Man sollte sich auf jeden Fall vorher gut über das Konzept und die Ausbildung der Therapeuten informieren, wenn man so etwas machen will“, rät Stumpf. Viele Anbieter arbeiten beispielsweise mit einer Art Belohnungs-Prinzip: Spricht das Kind ein Wort, darf es den Delfin streicheln. Wenn es die Aufgabe nicht schafft, gibt es keinen Delfin.

Fragwürdig findet Kinderärztin Anke Prothmann solche Methoden. „Wenn, dann würde das aber sicher auch mit einem Pony funktionieren.“ Kostenpunkt der Reittherapie bei Cornelia Kallwitz: knapp 40 Euro pro Stunde.


Therapeutisches Reiten: Helfer auf vier Hufen

Unter dem Begriff des Therapeutischen Reitens werden mehrere Konzepte zusammengefasst. Die Hippotherapie bezieht sich in ers­ter Linie auf die körperlichen Aspekte, sie ist eine Form der Physiotherapie. Daneben hilft das Pferd auch bei ergotherapeutischen Maßnahmen oder in der Heilpädagogik. Das Deutsche ­Kuratorium für Therapeutisches ­Reiten listet­ auf seiner Homepage zer­tifizierte Ställe auf, nach Bundesländern sortiert (www.dkthr.de*). Sowohl die Pferde als auch Pferde-Führer und Therapeuten haben hier die entsprechenden Ausbildungen, außerdem wird auf die ­Sicherheit speziell für behinderte und kranke Menschen geachtet.

 

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Bildnachweis: W&B/Privat, Ingram/RYF

Julia Jung / Baby und Familie; aktualisiert am 21.07.2014, erstellt am 26.07.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Ingram/RYF

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