Rätselhafte Krankheit lässt Zähne bröckeln

Zahnärzte entdecken bei Kindern manchmal bleibende Zähne, die brüchig und schmerzempfindlich sind. Was steckt dahinter? Zwei Experten klären auf

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 26.01.2016

Zahnärzte stoßen bei Kindern teilweise auf bröckelnde Zähne

Plainpicture

Es ist der Albtraum aller Eltern, die bei ihrem Nachwuchs von Anfang an Wert auf gute Zahnhygiene gelegt haben: Zu Beginn des Grundschulalters brechen die ersten bleibenden Zähne durch – und weisen von Anfang an gelblich-braune Stellen auf, sind schmerzempfindlich und brüchig. Karies? Trotz gründlicher Pflege?

"Nein, die genannten Symptome sind Anzeichen einer Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation. Dabei enthält der Zahnschmelz einzelner Zähne zu wenig Kalzium und Phosphat, ist damit zu weich und kann seine Schutzfunktion nicht erfüllen", erklärt Prof. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Vor allem die ersten bleibenden Backenzähne (Molaren) und die ersten bleibenden Frontzähne (Inzisiven) sind betroffen. Neben den sichtbaren Verfärbungen sind Schmerzen beim Zähneputzen oder Heiß-Kalt-Empfindlichkeit Hinweise. Im schlimmsten Fall halten die Zähne dem Kaudruck nicht stand und brechen ab.


Prof. Dr. med. dent. Dietmar Oesterreich ist Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer in Berlin

BZÄK/Lopata

Ein neues Krankheitsbild?

Seit rund 30 Jahren berichten Zahnärzte weltweit bei Kindern im Schulalter von einer mangelhaften Mineralisierung mit den beschriebenen Folgen, im Jahr 2001 führte die Europäische Akademie für Kinderzahnheilkunde den Begriff der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH, ein. Ob es sich tatsächlich um eine neue Erkrankung handelt, steht nicht fest. "Möglicherweise wurden MIH-Fälle früher von verbreiteten Karieserkrankungen verschleiert", mutmaßt Dietmar Oesterreich. "Denn erst in den letzten 20 Jahren gingen die Karieszahlen in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen durch verbesserte Vorsorge und Mundhygiene und durch den Einsatz von Fluoriden um rund 80 Prozent zurück." Es ist also denkbar, dass mindermineralisierte Zähne vorher schlicht für kariös gehalten und dementsprechend behandelt wurden.


Prof. Dr. Christian Splieth leitet die Abteilung Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde der Univer­sität Greifswald

P. Binder

Ursachen ungeklärt

Etwa 5 bis 15 Prozent aller Kinder in Deutschland zwischen sechs und neun Jahren erhalten laut Studien inzwischen die Diagnose MIH, doch über die Gründe rätseln Forscher noch. "Da die Zähne bereits geschädigt durchbrechen, muss das Problem schon Jahre vorher, nämlich in der Mineralisierungsphase aufgetreten sein. Also gegen Ende der Schwangerschaft, rund um Geburt und im ersten Lebensjahr", sagt Christian Splieth, Professor für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde an der Universität Greifswald. Diese Tatsache macht es so schwer, rückwirkend die störenden Einflüsse zu erkennen.

Momentan gehen Experten von einem Zusammenspiel mehrerer ungünstiger Faktoren aus. Beispielsweise könnten Probleme während der Schwangerschaft, hohes Fieber bei Infekten im Kleinkindalter und die Einnahme von Antibiotika sich negativ auf die Mineralisierung auswirken. Auch Weichmacher in Schnullern oder Kunststofftrinkflaschen könnten mit einer schadhaften Zahnschmelzentwicklung in Verbindung stehen. Ebenfalls wird der Einfluss von Umweltgiften diskutiert. "Letztendlich sind die konkreten Auslöser aber nicht bekannt und wir haben momentan keine Möglichkeit der Prävention", so Dietmar Oesterreich.

MIH hat nichts mit Zahnpflege zu tun

Ein schlechtes Gewissen müssen Eltern betroffener Kinder nicht haben, denn: "MIH entsteht völlig unabhängig von der Zahnpflege", versichert Experte Splieth. "Ich versuche, verzweifelte Mütter und Väter damit zu trösten, dass von 32 Zähnen grundsätzlich nur wenige betroffen sind und dass es gute Therapien gibt." Welche Maßnahmen ergriffen werden, entscheidet sich nach dem Schweregrad der Krankheit.

Da der minderwertige Zahnschmelz Karies nicht gut abwehren kann, sollten Eltern besonders auf sorgfältige Zahnpflege achten. In leichteren Fällen bietet sich das regelmäßige Versiegeln der Zahnfurchen (Fissuren) und das Auftragen von Fluoridlacken an, bei stärkeren Ausprägungen werden Spezialfüllungen aus mineralischem Zement oder Komposit eingesetzt. Manchmal kann schon im Kindesalter eine Überkronung anstehen. Und zum Teil ist es sogar die beste Lösung, den kranken Zahn zu entfernen. Dann können nachkommende gesunde Backenzähne durch kieferorthopädische Maßnahmen die entstehende Lücke schließen.



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Bildnachweis: BZÄK/Lopata, P. Binder , Plainpicture
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