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Polypen können Atmung und Gehör stören

Vergrößern sich die Rachenmandeln zu stark, können sie bei betroffenen Kindern zu gesundheitlichen Problemen führen. Doch nicht immer ist eine Operation der beste Weg


Die Rachenmandeln liegen nicht sichtbar im Nasen-Rachen-Raum. Die Ohr­­trompete verbindet Rachen und Mittelohr. Sie ist für die Belüftung des Mittelohrs ­ver­antwortlich. Versperren die Polypen den Durchgang, gelingt der Druckausgleich im Ohr nicht mehr

Auf ihrem Weg in den Körper eines Kindes müssen Krankheitserreger einige Hürden nehmen. Eine davon liegt gleich hinter der Mund­höhle, am Gaumen, Zungengrund und im Rachen. Eine Art Abwehr-Ring aus kleinen Gewebeinseln, auch als Mandeln bekannt, hat nur die Aufgabe, Viren und Bakterien ­abzufangen. Nah an Mund und­­ Nase hat die Abwehr viel zu tun. Deshalb wachsen Mandeln, ähnlich wie Muskeln, die bei Belas­tung größer werden. Geschieht das mit den Rachenmandeln, spricht man auch von Polypen, die ab einer bestimmten Größe krankhaft werden.



Dr. med. Michael Deeg ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Freiburg

„Viele Kinder zwischen zwei und drei Jahren haben Polypen“, sagt Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Michael Deeg aus Freiburg. „Das ist ­erst einmal nichts Schlimmes, denn bei den Kleinen ist das Immunsystem ständig gefordert.“ Daher bleiben Polypen bei vielen Kindern unerkannt. Erst wenn sie sich bemerkbar machen, ist es Zeit zu handeln. Dann versperren die Polypen den Rachengang. Dadurch sind die Kinder infektanfälliger, haben öfter Schnupfen, der häufig eitrig ist, Halsweh oder Hus­ten. Oft entzünden sich auch die Gaumenmandeln.



Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich ist Sprecher der Deutschen Akademie für Kinder- und Ju­gendmedizin in Berlin

Mögliche Ursache für Schnarchen

Einige Symptome weisen deutlich auf die Polypen hin. „Krankhaft vergrößerte Rachenmandeln behindern häufig die Nasenatmung, den Kindern steht dann ständig der Mund offen, und sie klingen nasal“, so Professor Hans-Jürgen Nentwich aus Zwickau, Sprecher der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Deutliches Symptom: Nachts schnarchen kleine Polypen-Patienten, manchmal begleitet von Atemaussetzern. Diese stören den Schlaf teilweise so sehr, dass die Kinder tagsüber auffällig müde und unkonzentriert sind. Auch den Ohren setzen die Polypen zu, wenn sie die Luftzufuhr von innen durch die Ohrtrompete stören. Dieser Verbindungsgang zwischen Rachenraum und Ohr füllt sich bei zu großen Mandeln mit Flüssigkeit, die nicht abfließen kann. Entzündungen des Mittelohrs und Hörstörungen sind dann die Folge. „Bei den Kleinen können Hörprobleme schlimme Folgen haben. Versteht das Kind nichts oder nur wenig, bleibt es in seiner Sprachentwicklung zurück“, warnt HNO-Arzt Deeg.

Bei Infekten zum Arzt

Symptomlose Polypen erfordern keine ständige Kontrolle. Bei Fieber, stark geröteten Mandeln oder Ohrenschmerzen sollte ein Kind jedoch zum Arzt. „Gefährlich sind vor allem Streptokokken-Infektionen. Die Bakterien werden mit einem Schnelltest nachgewiesen und erfordern auf jeden Fall Antibiotika“, warnt Kinderarzt Nentwich, der bis zu seiner Pensionierung ärztlicher Direktor am Heinrich-Braun-Krankenhaus in Zwickau war. Auch wenn die Kleinen länger an Schnupfen oder Halsweh leiden oder durch lautes Schnarchen auffallen, sollte ein Kinderarzt dem Nachwuchs in den Rachen schauen.

Bei einer Viren-Infektion der Polypen lassen sich nur die Symp­tome lindern. „Halswickel und Eis helfen gegen Schmerzen. Gurgeln würde ich nur begrenzt empfehlen“, so Nentwich. Sein Kollege Deeg rät Eltern: „Je nachdem, wie ausgeprägt die Infekte sind, können auch abschwellende Nasensprays vorübergehend helfen.“ Wenn Kinder jedoch regelmäßig vier- bis fünfmal im Jahr unter entzündeten Mandeln oder Mittelohr-Infekten leiden, raten viele Ärzte zur operativen Entfernung. Auch nächtliche Atemaussetzer und Schwerhörigkeit sind Gründe für die Operation.

Operation nicht immer nötig

Häufiger Schnupfen oder kleinere Infekte sind dagegen heute kein Grund mehr, Polypen zu entfernen. „In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Operationen deutlich zurückgegangen“, erklärt Hans-Jürgen Nentwich. Es werde nicht mehr so häufig operiert, weil sich zeigte, dass die Kinder auch ohne Polypen Infekte bekamen, so der Kinderarzt. Das bestätigte auch eine niederländische Studie: 111 Kinder mit ­wiederkehrenden Atemwegsinfekten und vergrößerten Polypen wurden entweder operiert oder mit Medikamenten behandelt. Zwei Jahre später ging es den Kindern in beiden Gruppen ähnlich: Sie hatten gleich viele Atemwegsinfekte, waren vergleichbar lange krank und klagten gleich oft über Mittelohrentzündungen. Offenbar fehlte bei den operierten Kindern nun die Abwehrleistung der Polypen.




Bildnachweis: W&B/Privat, Thinkstock/istock, W&B/Dr. Ulrike Möhle

Julia Jung / Baby und Familie; aktualisiert am 11.02.2014, erstellt am 16.02.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Thinkstock/istock, W&B/Dr. Ulrike Möhle

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